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Interview

Tanja Stadler: «Warten wir, bis jemand Massnahmen einführt – oder was tun wir selber?»

17'634 neue Corona-Fälle meldete das BAG gestern. Was nun? Tanja Stadler, Vorsitzende der Schweizer Science-Taskforce, über Omikron, Silvesterpartys, warum sie ein Kind impfen lassen würde – und ihre wichtigste Corona-Botschaft.
30.12.2021, 05:3931.12.2021, 09:21
Yasmin Müller
Yasmin Müller
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Sie sind Vorsitzende der Swiss National COVID-19 Science Task Force. Wie definieren Sie Ihre Aufgaben als Wissenschaftlerin in der Corona-Pandemie?
Tanja Stadler:
Während der Pandemie entwickeln sich die Erkenntnisse über das Virus Sars-CoV-2 mit einer unglaublichen Geschwindigkeit. Als Wissenschafterin ist es meine Aufgabe den Überblick über den aktuellen Forschungsstand zu haben und mit meiner eigenen Forschung einen Beitrag zum Gesamtbild zu leisten. Als Vorsitzende der Taskforce möchte ich die Behörden und die Öffentlichkeit möglichst gut und verständlich über die wissenschaftlichen Erkenntnisse informieren und so dazu beitragen, dass alle eine gute Entscheidungsgrundlage haben.

Tanja Stadler ist ETH-Professorin und Vorsitzende der <em>Swiss National COVID-19 Science Task Force.</em>
Tanja Stadler ist ETH-Professorin und Vorsitzende der Swiss National COVID-19 Science Task Force. Bild: keystone

Wie entscheidet die Taskforce, welche Forschungsergebnisse für die Eindämmung des Virus in der Schweiz relevant sind?
In der Wissenschaft haben wir Methoden, wie wir Forschungsergebnisse und Studien beurteilen. Wie gut ist die Datenlage? Wie gross die Unsicherheit? Wenn wir sehen, dass neue Erkenntnisse diesen wissenschaftlichen Ansprüchen genügen, dann prüfen wir, ob und welche Relevanz das auch für die Schweiz haben könne.

«In der Wissenschaft zählen nicht die Meinungen, sondern nur die Fakten und Daten.»

Gerade bei Omikron verunsichern die verschiedenen Zahlen und Meinungen sehr, die von verschiedenen Expertinnen und Experten auf den unterschiedlichsten Kanälen geteilt werden. Wie generiert die Wissenschaft Daten zu Omikron?
In der Wissenschaft zählen nicht die Meinungen, sondern nur die Fakten und Daten. Der Prozess ist bei Omikron der gleiche wie sonst auch – wir versuchen weltweit einen wissenschaftlichen Konsens basierend auf den verfügbaren Daten zu finden: Was lässt sich über Omikron sagen? Was nicht?

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Wie aussagekräftig sind diese Daten zum jetzigen Zeitpunkt?
Klar ist: Omikron breitet sich extrem schnell aus. Weitere Daten stammen zum grossen Teil aus anderen Ländern und sind deshalb nicht immer ganz auf die Schweiz übertragbar. Was wir aber mit grosser Sicherheit wissen: Die vollständige Impfung schützt relativ gut vor Spitaleintritten, die dritte Impfung auch gegen eine Infektion. Die grossen Unbekannten sind momentan, wie viele Menschen wegen Omikron auf die IPS verlegt werden müssen und was Omikron in Bezug auf LongCovid bedeutet – weil die Variante einfach noch nicht so lange zirkuliert. Auch ist noch unklar, ob Kinder stärker betroffen sind.

«Alle können mithelfen, den Anstieg der Fälle etwas zu bremsen, indem nur im ganz kleinen Kreis mit negativen Testergebnissen gefeiert wird.»

Welche Massnahmen würden Sie aus wissenschaftlicher Sicht heute einführen, um die Pandemie einzudämmen?
Es ist nicht meine Rolle über Massnahmen zu bestimmen, geschweige denn diese einzuführen. Wir alle wissen, was wirkt: Weniger Kontakte und wenn Kontakte erforderlich sind, diese sicher zu machen – durch Masken, Tests und Impfung. Es stellt sich deshalb auch die Frage: Was tun wir selber sofort und freiwillig, oder warten wir, bis jemand Massnahmen einführt? Hier scheinen mir die kommenden Silvesterpartys wichtig. Viele Kontakte ohne Maske führen bei den momentan hohen Inzidenzen zu vielen Ansteckungen. Alle können mithelfen den Anstieg der Fälle im Januar etwas zu bremsen, indem nur im ganz kleinen Kreis mit negativen Testergebnissen gefeiert wird.

Sie haben Mitte Dezember gesagt, dass Omikron bald die dominante Virus-Variante sein wird in der Schweiz. Nun ist es so weit. Sie haben damals ausgeführt, dass die Fallzahlen darum steigen werden und die Spitalbelastung höher sein wird als bei der Delta-Variante. Ist das nach heutigem wissenschaftlichem Stand noch aktuell?
Ja, Omikron ist mittlerweile dominant. Wir rechnen damit, dass die Fallzahlen in den kommenden Tagen sehr rasch steigen und damit zeitverzögert auch die Spitalbelastung. Für Ungeimpfte ist Omikron nach momentanem Wissensstand ähnlich gefährlich wie die SARS-CoV-2 Viren, welche seit Februar 2020 in der Schweiz zirkulierten.

Am selben Point de Presse haben Sie gesagt, dass die Impfung nur noch reduziert vor einer Omikron-Infektion schütze. Können Sie erklären, warum dieser Impfschutz bei der Omikron-Variante abnimmt?
Omikron hat viele Mutationen auf den Stachelproteinen, was dazu führt, dass Omikron schlechter von den Antikörpern, welche nach der Impfung oder einer Genesung entstehen, erkannt wird. Eine dritte Impfung führt zu mehr Antikörpern, die dann in der Summe besser mit Omikron zurechtkommen. Der Impfschutz nimmt zudem generell im Laufe der Zeit ab, auch bei anderen Varianten – auch deshalb ist die dritte Impfung so wichtig.

«Ich finde es schade, dass viele Menschen nicht erkennen, wie sinnvoll eine Impfung für ihre eigene Gesundheit ist.»

Wenn Sie einen Blick in die Kristallkugel wagen: Müssen wir uns zukünftig alle paar Monate gegen eine neue Virus-Variante impfen lassen?
Nur damit keine Missverständnisse entstehen: Wir impfen uns momentan nicht gegen bestimmte Varianten. Bisher ist nur der Impfstoff, welcher basierend auf dem Virus vom Januar 2020 entwickelt wurde, im Einsatz. Bis zum Auftreten von Omikron hat dieser Impfstoff extrem gut gewirkt und hat auch bei Omikron nach drei Dosen noch eine gute Wirkung. Ob wir uns – wie bei der Grippe jeden Herbst – mit einem angepassten Impfstoff impfen lassen werden, kann man noch nicht sagen. Es wird sich zeigen, wie dauerhaft unsere Immunantwort gegen schwere Verläufe bleibt und in welchem Ausmass SARS-CoV-2 sich verändert und bei Infektion in Geimpften LongCovid auslöst.

Frustriert es Sie, dass ein Teil der Bevölkerung in der Schweiz scheinbar immun ist gegen wissenschaftliche Evidenz und sich nicht impfen lässt? Was müssen Sie als Taskforce-Chefin anders machen, um diese Leute zu erreichen?
Ich finde es schade, dass viele Menschen nicht erkennen, wie sinnvoll eine Impfung für ihre eigene Gesundheit ist und sie gleichzeitig damit solidarisch und aktiv einen Beitrag gegen die Pandemie leisten. Doch ich glaube auch, dass unterdessen die Meinungen gemacht sind. Leider kann die Wissenschaft nicht alle Menschen gleich erreichen, was es erschwert, die Pandemie zu bekämpfen.

«Wir wissen auch, dass Corona-Viren sich weiterentwickeln und uns vor neue Herausforderungen stellen können.»

Wird die Omikron-Variante die Pandemie beenden, weil über kurz oder lang alle einen Immunschutz haben werden gegen Corona?
Die hohe Verbreitung von Omikron trägt dazu bei, dass sehr viele Menschen sehr schnell mit dem Virus in Kontakt kommen. Das wird zu einer Grundimmunisierung von weiten Teilen der Bevölkerung führen. Aber wir wissen auch, dass Corona-Viren sich weiterentwickeln und uns vor neue Herausforderungen stellen können.

Swissmedic hat den Impfstoff von Pfizer/BioNTech für Kinder ab fünf Jahren zugelassen. Wie genau unterscheidet sich die Covid-Impfung für Kinder von der Impfung für Erwachsenen?
Der Wirkstoff ist der gleiche, aber die Dosierung ist angepasst.

«Tatsächlich gibt es nur wenige schwere Verläufe bei Kindern, aber es gibt sie.»

Es gibt kaum schwere Covid-Krankheitsverläufe bei Kindern. Was sagen Sie als Wissenschaftlerin: Kinder gegen Covid impfen lassen?
Ja, ich bin dafür und zwar aus mehreren Gründen. Erstens: Tatsächlich gibt es nur wenige schwere Verläufe bei Kindern, aber es gibt sie. Das gleiche gilt für LongCovid bei Kindern. Eine Impfung schützt sie vor diesen möglichen Folgen einer Infektion. Zweitens: Kinder sind Teil von Familien, Klassen und Spielgruppen. Aus Studien wissen wir, dass Kinder darunter leiden, wenn sie Kontaktpersonen anstecken könnten und diese Infektionen bei den Erwachsenen möglicherweise gravierende Folgen haben könnten. Wenn mehr Kinder geimpft sind, können sie ihrem geregelten Tagesablauf nachgehen, es müssen weniger Stunden und Spiele abgesagt werden und weniger Eltern müssen in Quarantäne.

Aus Sicht der Covid-Task-Force-Chefin: Was ist Ihre wichtigste Botschaft in einem Satz?
Das Virus wird nicht verschwinden, aber irgendwann wird es Bestandteil unseres Lebens sein, wie viele andere Viren auch – versuchen wir bis dahin, möglichst unbeschadet durch diese Krise zu kommen.

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