Diese quälenden Fragen stellen sich nach der Katastrophe in Crans-Montana
Das Jahr 2026 war erst eineinhalb Stunden alt, als sich im Walliser Ferienort Crans-Montana eine der schlimmsten Katastrophen in der jüngeren Geschichte der Schweiz ereignete. Bei einem Feuerinferno in der bei Einheimischen und Touristen beliebten Bar Le Constellation starben 40 Menschen, die Hälfte von ihnen Minderjährige. 116 wurden verletzt.
Selbst für das «katastrophenerprobte» Wallis ist dies traumatisch. Nach dem Bergsturz von Blatten im letzten Jahr etwa kam bald neue Zuversicht auf, sagte der aus dem Oberwallis stammende Mitte-Präsident Philipp Matthias Bregy der «NZZ am Sonntag»: «Die Tragödie von Crans-Montana ist anders. Keine Zuversicht erweckt die vielen Todesopfer zum Leben.»
Der Schock werde lange nachhallen, ist Bregy überzeugt. Am Freitag findet ein nationaler Trauertag statt. Gleichzeitig hat die Aufarbeitung begonnen, auch strafrechtlich. Bei einem Ereignis von derartiger Tragweite stellen sich zahlreiche, teilweise quälende Fragen. Antworten sind unerlässlich, nicht zuletzt im Interesse der Opfer und ihrer Angehörigen.
Betreiber
Im Zentrum der Ermittlungen stehen die Betreiber der Bar, ein Ehepaar aus Korsika. Die Frau erlitt Verbrennungen am Arm, konnte das Spital aber verlassen. Ihr Mann kündigte gegenüber diversen Medien die volle Zusammenarbeit mit den Behörden an. Die Staatsanwaltschaft hat bereits eine Strafuntersuchung gegen die Betreiber eröffnet.
Zu klären gibt es einiges. Da wäre etwa der Umbau des Kellers, den das Paar angeblich eigenhändig vorgenommen hat. Fotos deuten an, dass die Treppe verengt wurde, was sich fatal ausgewirkt haben könnte. Fragen stellen sich auch zu Schallschutzmaterial, Feuerlöschern und den Notausgängen: Waren sie vorhanden, ausreichend signalisiert und zugänglich?
Indizien deuten darauf hin, dass der Brand durch Wunderkerzen an Champagnerflaschen ausgelöst wurde, die die Schaumstoffmatten an der Decke entzündeten. Sie sind in einem Video zu sehen, mit dem Le Constellation Werbung in eigener Sache betrieb. Und angesichts der vielen minderjährigen Opfer stellen sich Fragen zu den Zugangskontrollen.
Gemeinde
Der Zorn konzentriert sich derzeit auf das Betreiber-Ehepaar. Die Gemeinde Crans-Montana hat parallel zur Strafuntersuchung eine Zivilklage eingereicht. Dies erinnert an die Strategie «Angriff ist die beste Verteidigung», denn auch die Gemeinde ist mit Fragen konfrontiert. Das betrifft vor allem die Brandschutzkontrollen, für die im Wallis die Gemeinden zuständig sind.
Der Barbetreiber behauptete, nur dreimal in zehn Jahren kontrolliert worden zu sein. Gemeindepräsident Nicolas Féraud wehrte sich auf Radio RTS. Es habe «kein lasches Verhalten seitens der Gemeinde Crans-Montana» gegeben. Andere Lokalinhaber hingegen erhoben in CH Media schwere Vorwürfe. Sogar von «mafiösen Zuständen» ist die Rede.
Dieser Aspekt muss minutiös abgeklärt werden. Gleiches gilt für weitere drängende Fragen: Gab es eine Bewilligung für den Umbau des Kellers? Wie handhabt die Gemeinde die Zugangskontrollen? Es sind heikle Themen, gerade für einen Ferienort mit internationaler Ausstrahlung wie Crans-Montana, wo 2027 die Ski-Weltmeisterschaft stattfinden wird.
Tourismus
Dies führt auf eine übergeordnete Ebene, denn auch für den Fremdenverkehr stellen sich mit der Brandkatastrophe Fragen. Zwar boomt der Wintertourismus, doch langfristig stellt der Klimawandel eine immer grössere Herausforderung dar. Und die Hochsaison im Winter ist relativ kurz, sie dauert in der Regel von den Weihnachts- bis zu den Sportferien.
Damit aber wird es immer aufwendiger, die notwendigen Einnahmen zu generieren. «Statt auf noch mehr Volumen, noch höhere Umsätze und noch mehr Halligalli zu setzen, sollte die Schweizer Tourismusindustrie überlegen, wie sie in den Wintermonaten das Tempo wieder drosseln kann», fordert die NZZ. Doch ein Umdenken ist leichter gesagt als getan.
Brandschutz
Wunderkerzen sind nicht allzu gefährlich. In Le Constellation aber haben sie offenbar die Schaumstoffmatten an der Decke entzündet und den «Flashover» ausgelöst. Wurde die Verkleidung illegal installiert? Ein Selbstversuch der «NZZ am Sonntag» zeigte, dass in Schweizer Baumärkten viele leicht entflammbare Schallschutzmatten verkauft werden.
Ein vom ZDF befragter Experte meinte nach Ansicht der Bilder und Videos, so etwas wäre in Deutschland nicht möglich. Es ist eine «Ferndiagnose», dennoch stellen sich Fragen zum Brandschutz in der Schweiz. Doch ausgerechnet jetzt will die Vereinigung Kantonaler Feuerversicherungen (VKF) die Vorschriften laut Blick und SRF lockern.
Demnach sind in bestimmten Fällen längere Fluchtwege oder vereinfachte Anforderungen an brennbare Bauteile erlaubt, was vor dem Hintergrund des vermuteten Flashovers in Crans-Montana haarsträubend wirkt. Gleiches gilt für den verstärkten Fokus auf Eigenverantwortung. Die Frage stellt sich, ob dies nach dem offenkundigen Versagen im Wallis vertretbar ist.
Opfer
Ganz eigene Fragen stellen sich für die überlebenden Opfer, die teilweise schwerste Verbrennungen erlitten haben. Es gibt kaum grausamere Verletzungen, denn die Rehabilitation ist langwierig und schmerzhaft, und meist bleiben hässliche Narben zurück. Besonders schlimm ist das für die Minderjährigen im Kinderspital in Zürich, die ihr Leben noch vor sich haben.
Die Unterstützung anderer Brandopfer dürfte für sie ein schwacher Trost sein. Letztlich werden sie sich die eine Frage stellen, die sämtlichen anderen übergeordnet ist: Wie konnte eine solche Tragödie nur passieren, die nach allen vorliegenden Erkenntnissen ohne weiteres hätte vermieden werden können?
Update: Die Lockerungen der Schweizer Brandschutzvorschriften werden vorerst gestoppt. Man lege einen Marschhalt bei den Liberalisierungsbestrebungen im Brandschutz ein, teilte die Vereinigung kantonaler Gebäudeversicherungen (VKG) am Montagabend mit.
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