Care-Team-Leiterin: «Viele haben Angst vor dem Moment, in dem die Gefühle sie überkommen»
Was hilft Überlebenden, Angehörigen oder Rettungskräften in grösster Not? Irmela Moser, Leiterin des Care Team Kanton Bern, weiss das. Ihr Team war nach der Katastrophe von Crans-Montana mit neun Personen vor Ort und versuchte, seelische Schmerzen zu lindern.
Angesichts des unermesslichen Leids fehlen den meisten Menschen die Worte. Wie gingen Ihre Teammitglieder auf die traumatisierten Menschen zu?
Irmela Moser: Unsere Mitarbeitenden haben an einem zentralen Ort ihre Betreuung angeboten. Dort suchten Angehörige, Überlebende und Ersthelfende uns auf. Gleich beim Empfang schaute unser Team, was die einzelnen Menschen benötigen. Es gab solche, die aufgrund einer ganz spezifischen Information zu uns kamen, andere für ausführliche Gespräche. Einige Personen suchten uns auch mehrfach auf. Wir trafen die Menschen äusserst erschreckt und verstört an. Unser Ziel war es, einen Ort zu schaffen, an dem sie ihre gewaltigen Emotionen und Gedanken erstmals zulassen konnten.
Geht es bei der Notfallhilfe mehr ums Zuhören oder darum, aktive Ratschläge zu geben?
In erster Linie hören wir zu. Wir fragen aber auch nach und versuchen mit den Menschen herauszufinden, was sie genau erlebt haben, damit sie es formulieren können.
Weshalb ist es so wichtig, Worte zu finden?
Im ersten Moment verschlägt einem ein solches Erlebnis die Sprache. Wir versuchen mit den Betroffenen deshalb erstmals eine Übersicht über die Geschehnisse zu erstellen. Es ist ein Annähern, ähnlich wie bei einer Zeichnung vorerst nur Konturen entstehen. Die psychosoziale Notfallhilfe zielt unter anderem darauf ab, dass die Betroffenen das Erlebte in einer groben Geschichte erzählen und somit überhaupt erst erfassen können. Je früher das gelingt, umso eher kann das schreckliche Ereignis in die eigene Biografie integriert werden.
Worauf achten Sie in der Notfallhilfe weiter?
In einem zweiten Schritt nähern wir uns der Frage, wie es für die Betroffenen weitergehen kann. In diesem Zusammenhang versuchen wir immer, ihre Netzwerke abzurufen: Wer kann eine Ansprechperson sein? Ist jemand aus der Familie, dem Freundeskreis da oder gibt es eventuell ein Vertrauensverhältnis im medizinischen oder psychologischen Bereich, wo die Betroffenen anknüpfen können? Ebenfalls schauen wir ihre eigenen Ressourcen an: Als Fachpersonen können wir zwar empathisch zuhören und einen Prozess begleiten. Aber nur die Betroffenen wissen, was sie brauchen und was ihnen guttut.
Können Sie konkrete Beispiele nennen?
Einigen hilft es, allein in der Natur unterwegs zu sein, für sich zu malen oder zu schreiben. Anderen ist der Austausch mit einer Vertrauensperson wichtig. In diesem Fall ist es immer wichtig, auch die Seite der anderen zu bedenken. Diese müssen die nötige Kraft haben, um zuzuhören. In Crans-Montana haben zahlreiche Eltern ihre jugendlichen oder erwachsenen Kinder zu uns begleitet, die den Brand überlebt haben. Den Eltern rieten wir: Eure Kinder müssen nicht sprechen. Aber wenn sie es wollen, signalisiert ihnen, wie weit ihr sie begleiten könnt und wo eure Grenzen liegen. Damit versuchten wir, allfällige Überforderungen oder Enttäuschungen vorwegzunehmen, und ein Verständnis füreinander zu schaffen.
Andere Eltern lebten tagelang in Ungewissheit, was mit ihren Kindern geschehen war. Inwiefern konnten die Care-Teams ihnen helfen?
Mit diesen Eltern besprachen wir, was aktuell bei den Einsatzkräften passierte und was die nächsten Schritte sein werden. Und dies sehr konkret. So erklärten wir ihnen etwa, wie die Disaster-Victim-Identification-Teams arbeiten. Wir versuchten aufzuzeigen, wie diese Spezialisten die toten Menschen identifizieren und weshalb ihre Arbeit Zeit braucht. Es galt also, Verständnis zu schaffen. Gleichzeitig versuchten wir, mit den betroffenen Eltern herauszufinden, was sie brauchen, damit sie diese extrem belastende Ungewissheit überstehen. Einige Familien sagten, es helfe ihnen, einfach nur zusammen zu sein. Bei anderen gab es unterschiedliche Bedürfnisse. In diesen Fällen versuchten wir, ein gegenseitiges Verständnis zu schaffen. In einer solchen Extremsituation ist die Familie in der Regel eine sehr grosse Ressource.
Wurden Angehörige oder Überlebende auch medikamentös behandelt?
Für die Verarbeitung eines solch einschneidenden Erlebnisses ist es nicht sinnvoll, Psychopharmaka oder Beruhigungsmittel zu nehmen. Dann kehren die Gefühle zu einem späteren Zeitpunkt zurück, wenn in der Regel nicht mehr gleich viele notfallpsychologische Ressourcen bereitstehen. Es wäre bloss ein Aufschieben.
Menschen, die eine grosse Tragödie erleben, sagen oft, dass sie sich anfänglich nur taub gefühlt haben. Wie geht die Notfallhilfe mit diesem Zustand um?
Das ist eine normale Reaktion des Körpers, um die Psyche zu schützen. Dieses Wissen vermitteln wir auch den Betroffenen. Viele von ihnen haben Angst vor dem Moment, in dem die Gefühle über sie hereinbrechen werden. Deshalb versuchen wir, diese Situation mit ihnen zu antizipieren und herauszufinden: Wer oder was ist dann ihr Anker? Wo liegt ihr sicherer Hafen? Denn das Taubheitsgefühl wird weichen. Unklar ist nur, ob als Tsunami oder als eine langsam anschwellende Flut. Am besten ist es, wenn Betroffene dann mehrere Strategien zur Hand haben.
Ihr Team kommt immer in Momenten der grössten Verzweiflung zum Zug. War dieser Einsatz dennoch anders als frühere?
Ja, sehr anders sogar. Wir haben das äusserst selten, dass neun Mitarbeitende gemeinsam vor Ort sind. In der Regel sind es ein bis allenfalls drei Personen. Zudem finden sonst pro Einsatz Gespräche mit zwei oder drei Menschen statt. In Crans-Montana trafen die Care-Teams hingegen auf Hunderte von Betroffenen. Das verlangte von unseren Mitarbeitenden eine grosse Flexibilität und Kraft. Die Care-Teams mussten sich auf ganz unterschiedliche Schicksale einstellen, je nachdem ob Überlebende, Angehörige oder Rettungskräfte sie aufsuchten.
Gab es genügend psychosoziale Nothelfende vor Ort?
In Crans-Montana waren alle Care-Teams der französischsprachigen Schweiz im Einsatz. Kein Kanton kann eine solche Katastrophe allein bewältigen. Deshalb sind die einzelnen Care-Teams untereinander vernetzt. So viel ich weiss, konnte durch das grosse Aufgebot die psychosoziale Erstversorgung gemeinsam gemeistert werden. Das ist zumindest der aktuelle Stand, wir sind noch nicht am Ende unserer Arbeit. (aargauerzeitung.ch)
