Sie hat drei Attentate überlebt, ist Irans Staatsfeind Nr. 1 – und prangert die Schweiz an
Die Massenproteste auf Irans Strassen sind verstummt. Wieder einmal ist es dem Regime gelungen, den Aufstand mit Gewalt niederzuschlagen. Die Rede ist von Zehntausenden Toten und noch mehr Verhaftungen. Der Unmut gegenüber den Mullahs hat jedoch kein bisschen nachgelassen. Eine der lautesten Kritikerinnen ist Masih Alinejad.
Ali Khamenei, der religiöse Führer des islamischen Regimes, hat schon persönlich gegen die 49-jährige Iranerin gehetzt. Drei Mordversuche hat sie seit ihrer Flucht in die USA im Jahr 2009 überlebt. Ihr Markenzeichen ist eine Blume im Haar – als Symbol des Protests gegen den Kopftuchzwang für Frauen.
Für ihre leichte Verspätung zum Videointerview macht Alinejad lachend ihre voluminösen Haare verantwortlich. Zur gleichen Zeit verschärft Washington den Ton gegenüber Teheran. Am Dienstag hatte US-Präsident Donald Trump die Möglichkeit erwogen, einen zweiten Flugzeugträger in den Nahen Osten zu entsenden.
Trump spricht offen von der Wahl zwischen einem neuen Abkommen mit dem Iran oder «sehr harten Massnahmen». Braucht es einen US-Militärschlag gegen das iranische Regime?
Masih Alinejad: Es ist die einzige Lösung. Seit 40 Jahren kämpfen die Menschen friedlich gegen das Regime. Sie haben alles versucht. Kürzlich sind die Iranerinnen und Iraner erneut mit leeren Händen auf die Strasse gegangen – und standen Maschinengewehren gegenüber. Es hat sich ein Massaker abgespielt. Ich spreche jeden Tag mit Menschen im Iran. Sie alle sind überzeugt: Nur gezielte militärische Aktionen gegen den geistlichen Anführer Ali Khamenei sowie weitere hochrangige Mitglieder der iranischen Revolutionsgarden und der politischen Führung können das Regime entscheidend schwächen.
Westliche Militärinterventionen hinterlassen oft Chaos. Warum sollte das im Iran anders sein?
Die Menschen im Westen denken sofort an den Irak, Afghanistan und Libyen. Die Geschichte zeigt uns aber auch Fälle, in denen gezielte Militäraktionen Massaker beendet und humanitäre Katastrophen verhindert haben. So zum Beispiel in Gambia, im Jahr 2017. Der Diktator Yahya Jammeh weigerte sich nach seiner Wahlniederlage, seinen Posten abzugeben. Doch diplomatischer Druck der Regionalmächte in Kombination mit dem gezielten Einsatz senegalesischer Truppen führte zu einem friedlichen Machtwechsel.
Sind die USA der richtige Akteur, um im Iran militärisch einzugreifen?
Die USA könnten die Führung übernehmen. Aber auch die Europäer tragen Verantwortung, an der Seite der Menschen im Iran zu stehen. Der Iran ist der grösste Sponsor von Terrorismus weltweit. Sei es mit Waffen, die Russland im Krieg in der Ukraine einsetzt oder die Unterstützung von Hamas, Hisbollah und Huthis. Die Iranerinnen und Iraner kämpfen nicht nur für sich selbst – sie verteidigen die Demokratie und die Sicherheit weltweit.
Die iranischen Behörden haben die jüngsten Proteste brutal niedergeschlagen und das Land weitgehend abgeschottet. Die Regierung anerkennt 3000 Todesopfer, andere berichten von mehr als zehnmal so vielen. Wie gelangen Sie an verlässliche Informationen?
Es ist traurig, dass wir die genauen Zahlen nicht haben. Das zeigt, wie ein Regime auch im 21. Jahrhundert noch Informationen kontrollieren und damit verhindern kann, dass die Welt das wahre Ausmass eines Massakers erkennt. Gerade deshalb stehen die demokratischen Staaten in der Pflicht, unabhängige Untersuchungen einzuleiten. Meine Quellen im Iran – Ärztinnen und Ärzte, Pflegepersonal, Menschenrechtsaktivistinnen und politische Dissidenten, mit denen ich täglich in Verbindung stehe – berichten bereits von Hinrichtungen. Sie schicken mir Videos aus Teheran, die zeigen sollen, wie Sicherheitskräfte Krankenhäuser stürmen und Verwundete töten. Ärztinnen und Pfleger, die Verletzten helfen wollen, werden systematisch verhaftet. Diese Menschen brauchen dringend Hilfe.
Wie schwierig ist es heute, mit Menschen im Iran in Kontakt zu bleiben?
Dank Starlink können gerade junge Iranerinnen und Iraner die Zensur einigermassen umgehen. Das ist aber nicht einfach – und vor allem lebensgefährlich. Wer Informationen an mich oder andere unabhängige Journalistinnen und Journalisten ausserhalb Irans weitergibt, weiss, dass er sein Leben riskiert. Und trotzdem tun sie es. Weil sie wissen, dass Freiheit nicht gratis ist.
Vor einem Monat haben Sie den Iran im UNO-Sicherheitsrat scharf kritisiert und den iranischen Vertreter mit drei Attentatsversuchen gegen Sie konfrontiert. Das Video ging viral. Wie haben Sie sich in diesem Moment gefühlt?
Wenn ich ehrlich bin: Ich wollte erst gar nicht hingehen. Ich habe mit eigenen Augen mitangesehen, wie die UNO zu einem Ort geworden ist, an dem sich Diktatoren gegenseitig legitimieren. Erst vor Kurzem hat Generalsekretär António Guterres dem Regime zum Jahrestag der islamischen Revolution gratuliert. Das ist die Realität der Vereinten Nationen. Der einzige Grund, warum ich hingegangen bin, war die Gelegenheit, diesem Terrorregime direkt gegenüberzutreten. Die Kraft dafür gaben mir die Opfer, deren Namen ich dort vorlas. Als ich gegen das iranische Regime aussagte, als ich sie mit dem Islamischen Staat verglich, begannen die Beine des iranischen Vertreters sichtbar zu zittern. Das hat mir gezeigt: Sie fürchten das Volk mehr als manche demokratische Staatsoberhäupter oder die UNO. Denn sie sehen, dass sie ihre Bevölkerung töten können, ohne ernsthafte Konsequenzen der internationalen Gemeinschaft zu befürchten.
I am a woman from a small village in northern Iran.
— Masih Alinejad 🏳️ (@AlinejadMasih) January 16, 2026
Jailed for protesting.
Beaten for showing my hair.
Expelled from parliament for exposing their corruption.
Forced into exile.
My sister was paraded on state TV to publicly disown me.
My brother was imprisoned as punishment.
My… pic.twitter.com/jJHuunjLOh
Woran machen Sie die fehlenden Konsequenzen fest?
2019 schaltete der Iran das Internet ab und tötete innerhalb von drei Tagen 1500 Unschuldige. Die Folge? Die UNO gab ihnen einen Sitz zur weltweiten Überwachung der Menschenrechte – eine Beleidigung für ein ganzes Volk. Die Straflosigkeit ermutigt sie.
Sie äussern sich seit Jahren offen gegen das Regime. Auftragsmörder versuchten, Sie zu töten. Zwei wurden letztes Jahr in den USA verurteilt. Ali Khamenei hat schon persönlich gegen Sie gehetzt. Macht Sie die ständige Gefahr vorsichtiger?
Ganz und gar nicht. Im Gegenteil: Es hat mich nur in meiner Entschlossenheit bestärkt, dieses verdammte Regime endlich zu stürzen. Wenn die jungen Menschen im Iran bereit sind, für einen freien Iran zu sterben, dann bin ich es auch. Ich fühle mich aber auch schuldig. In den USA hat das FBI drei Attentatsversuche gegen mich verhindert. Unbewaffnete Menschen in meinem Land haben keinen solchen Schutz. Ich lebe, weil mich die Strafverfolgungsbehörden in den USA geschützt haben.
Am 18. Februar kommen Sie in die Schweiz, um am Genfer Gipfel für Menschenrechte und Demokratie – von Nichtregierungsorganisationen organisiert – aufzutreten. Was ist Ihr Ziel?
Ich werde den Gipfel nutzen, um die Doppelmoral des Westens anzusprechen. Manche Menschen im Westen, insbesondere aus dem linken und liberalen Spektrum, rufen lautstark «Free Palestine». Doch wenn es darum geht, «Free Iran» zu fordern, bleiben sie still. Auch will ich die Zögerlichkeit Europas anprangern. Diese Möglichkeit habe ich, weil ich keine Politikerin, sondern Aktivistin bin. Ich werde diejenigen beim Namen nennen, die sieben Jahre gewartet haben, um die iranischen Revolutionsgarden als Terrororganisation einzustufen: die Europäische Union.
Die Schweiz hat dies bis heute nicht getan. Ein Fehler?
Ja, ich werde auch die Schweiz anprangern. Ich werde die Namen der Länder nennen, die noch immer zögern, eine Organisation als terroristische Organisation zu bezeichnen, obwohl sie militärische Waffen gegen unbewaffnete Zivilisten, Kinder und Frauen einsetzten. Zudem fordere ich konkrete Aktionen: Die Vertreter des iranischen Regimes müssen isoliert und aus Europa ausgewiesen werden. Zudem braucht es Untersuchungen zu den Firmen, die mit den Revolutionsgarden verbunden sind und trotz Sanktionen weiterhin mit Europa Handel treiben.
Die Schweiz ist neutral. Sie ist in Teheran mit ihrer Botschaft präsent und dient im Rahmen des Schutzmachtmandats als Kommunikationskanal zwischen dem Iran und den USA. Was erwarten Sie sich von der Schweiz in dieser Rolle?
Nach allem, was ich derzeit höre, könnten die Massenverhaftungen im Nachgang der letzten Proteste bald zu Massenhinrichtungen werden. Der Iran nutzt seine diplomatischen Kanäle, um Zeit zu gewinnen und die US-Regierung zu täuschen. Als der Iran Präsident Trump kürzlich mitteilte, die Hinrichtungen seien gestoppt worden, war das eine Lüge. Tatsächlich ist die Zahl der Hinrichtungen gestiegen. Die Schweiz verfügt dank ihres Schutzmachtmandats am ehesten über verlässliche Informationen und könnte die Welt warnen. Sie könnte und sollte den Vereinigten Staaten und den Europäern auf diplomatischen Kanälen klarmachen, dass es sich um eine grosse Täuschung handelt. Vielleicht würde die Welt dann endlich handeln. (aargauerzeitung.ch)
