Schweiz
Interview

WEF-Experte: «Selenskyj bezeichnete Putin als Raubtier»

Ukrainian President Volodymyr Zelenskyy addresses attendees after his speech at the Annual Meeting of World Economic Forum in Davos, Switzerland, Tuesday, Jan. 16, 2024. The annual meeting of the Worl ...
Der Saal in Davos war beim Auftritt von Selenskyj rappelvoll.Bild: keystone
Interview

WEF-Experte: «Selenskyjs Auftritt war derart emotional, das hat es zuvor kaum je gegeben»

Zum 21. Mal besucht Patrik Müller, Chefredaktor von CH Media, das Weltwirtschaftsforum in Davos. Im Interview erzählt er uns, wie er die Rede von Wolodymyr Selenskyj erlebt hat und inwiefern das WEF und die Schweiz vom Auftritt des ukrainischen Präsidenten profitieren.
16.01.2024, 20:0617.01.2024, 12:02
Ralph Steiner
Folge mir
Mehr «Schweiz»

Man hörte, dass der Besuch von Wolodymyr Selenskyj am WEF alles dominiere. Wie war dein Eindruck?
Ich bin seit 21 Jahren am WEF und habe noch nie einen so überfüllten Kongresssaal gesehen. Die Besucher sind ganz hinten im Saal sogar gestanden, weil keine Plätze mehr frei waren.

Gab es das schon mal?
Nein. Das Interesse war enorm, am Schluss gab es sogar eine Standing Ovation. Selenskyjs Auftritt war derart emotional, das hat es zuvor kaum je gegeben. WEF-Präsident Børge Brende bezeichnete Selenskyj als historische Figur, das beeindruckt auch CEOs und Regierungsvertreter. Ganz viele Gäste haben Fotos gemacht oder Selfies mit der Hoffnung, dass Selenskyj im Hintergrund zu sehen ist. Sein Auftritt hatte definitiv etwas Popstar-artiges.

Wie unterschied sich Selenskyjs Auftritt von vergangenen Auftritten hochrangiger Gäste?
Bei vergangenen Auftritten war es viel kühler. Dass man am Schluss aufsteht, das gab es bislang auch nicht – ältere Gäste sagte mir, einzig 1992 bei Nelson Mandela sei der Saal auch gestanden. 2018 bei Donald Trump war der Saal auch voll, applaudiert hat am Schluss aber nur etwa die Hälfte der Besuchenden. Bei Selenskyj waren es alle. Die rund 100 am WEF anwesenden Vertreter Chinas wären wohl eher nicht aufgestanden, die habe ich im Saal aber nicht gesehen.

«Bei Donald Trump war der Saal auch voll, applaudiert hat am Schluss aber nur etwa die Hälfte der Besuchenden.»

Was lässt sich inhaltlich zu Selenskyjs Auftritt sagen?
Er war natürlich das Gegenteil von diplomatisch.

Kannst du das ausführen?
Man muss sich das einmal vorstellen: Selenskyj besucht regelmässig die Front, er sieht täglich Leichen, auch tote Kinder. Das macht einen Politiker zu einem anderen Menschen und das hat Selenskyj rübergebracht.

Wie zeigte sich das?
In einer äusserst deutlichen Anklage gegenüber Russland. Selenskyj sprach extrem deutlich, er bezeichnete Putin als Raubtier. Er sagte auch, dass Putin und seine Kinder auf dieser Welt nie sicher sein werden. Sie würden zur Verantwortung gezogen werden, es sei nur eine Frage der Zeit. Solche Töne hört man auf der WEF-Bühne sonst eigentlich nie.

Bild
Zur Person
Patrik Müller ist Chefredaktor von CH Media und der «Schweiz am Wochenende». Dieses Jahr nimmt er zum 21. Mal am Weltwirtschaftsforum in Davos teil.

Was ist an seiner Rede sonst noch aufgefallen?
Er machte dem Westen Vorwürfe. Bei vergangenen Auftritten hat sich Selenskyj immer bedankt, hier am WEF hat er dies nur in einem Nebensatz getan. Er warf dem Saal vor, viel zu spät Sanktionen ergriffen zu haben, rief aber sogleich erneut zur Unterstützung der Ukraine auf, um dem Wahnsinn ein Ende zu setzen.

Ist dieses Vorgehen auch auf die Situation im Nahen Osten zurückzuführen?
Dass er persönlich am WEF aufgetreten ist, hat sicher auch damit zu tun, dass der Krieg in der Ukraine aufgrund der Lage im Nahen Osten etwas in Vergessenheit geraten ist. Selenskyj möchte, dass die Ukraine bei den Teilnehmenden des Weltwirtschaftsforums ganz oben auf der Prioritätenliste erscheint.

«Dass er persönlich am WEF aufgetreten ist, hat sicher auch damit zu tun, dass der Krieg in der Ukraine aufgrund der Lage im Nahen Osten etwas in Vergessenheit geraten ist.»

Ist sich Selenskyj bewusst, dass am WEF selten konkrete Massnahmen getroffen werden?
Er ist sicher nicht naiv und weiss, dass es jetzt nicht sofort zu Beschlüssen kommt. Zumal Russland am WEF ja nicht anwesend ist.

Aber?
Selenskyj hat jedoch die Konferenz gelobt, die unter der Federführung der Schweiz am vergangenen Sonntag abgehalten wurde, mit über 80 teilnehmenden Staaten. Er hat auch explizit Bundespräsidentin Viola Amherd erwähnt. Und er hat grosse Hoffnungen geschürt in die gemeinsam mit der Schweiz angekündigten Friedensgespräche. Er betonte, dass Teams beider Seiten bereits an der Arbeit seien. Man kann nur hoffen, dass die Bundesräte Amherd und Cassis ihre Versprechungen einhalten können, die sie Selenskyj offenbar gemacht haben.

Welche Rolle spielt es in Bezug auf Selenskyjs Auftritt, dass Russland nicht am WEF teilnimmt?
Es heisst ja Weltwirtschaftsforum, das WEF ist aber ein westliches Forum geworden. Chinas Premierminister Li Qiang hatte am Dienstagmorgen einen Auftritt und die Ukraine und Russland mit keinem Wort erwähnt, er ist diesbezüglich der Aussenseiter. Fast alle Teilnehmenden sind aufseiten der Ukraine. Aber klar: Spricht man über ein Ende des Krieges, muss Russland als Aggressor ins Spiel kommen. Die Russen sind jedoch nicht anwesend, China spricht nicht über den Krieg, da kann auch das WEF nichts ausrichten.

«Spricht man über ein Ende des Krieges, muss Russland als Aggressor ins Spiel kommen.»

Du hast Selenskyjs Auftritt als Popstar-artig bezeichnet. Führt dies nicht dazu, dass man als Teilnehmer Selenskyj gegenüber unkritisch wird? Oder ist Kritik gar nicht angebracht?
An seinem Auftritt gibt es tatsächlich nichts zu kritisieren. Das war – etwas salopp gesagt – Lobbying auf hohem Niveau, rhetorisch brillant. Es besteht vielmehr die Gefahr, dass man nun das Gefühl entwickelt, dass es gut kommt.

Wie meinst du das?
Es ist die Rede davon, dass die Ukraine eine der grössten Armeen der Welt hat, aufgrund der Unterstützung von Europa und den USA. Fakt ist aber, dass es im Moment nicht gut aussieht. Man hört am WEF, dass Putin den längeren Atem hat, die schon länger angekündigte Gegenoffensive der Ukraine ist bis jetzt nicht vollzogen worden. Ein Sieg der Ukraine ist zwar möglich, ich und die allermeisten im Saal hoffen das auch sehr. Es wird aber durch Selenskyjs Auftritt am WEF möglicherweise ein nicht objektives Bild der Realität gezeichnet.

Das WEF steht immer wieder in der Kritik. Hilft es dem Ruf, dass eine Person vom Format Selenskyj während eines laufenden Krieges vor Ort aufgetreten ist?
Das WEF hat ein doppeltes Interesse. Es hat seine Neutralität aufgegeben, steht aufseiten der Ukraine und boykottiert Russland, dies wird durch Selenskyjs Besuch unterstrichen. Selenskyjs Auftritt ist für das WEF und Gründer Klaus Schwab aber generell ein PR-Coup. Der ukrainische Präsident ist im Moment der vielleicht interessanteste Politiker weltweit. Dass er hier physisch auftritt, stärkt den Anlass und unterstreicht seine Relevanz.

«Der ukrainische Präsident ist im Moment der vielleicht interessanteste Politiker weltweit. Dass er hier physisch auftritt, stärkt den Anlass und unterstreicht seine Relevanz.»

Was bringt Selenskyjs Auftritt der Schweiz?
Es wertet den etwas ramponierten Ruf der Schweiz als Land der guten Dienste sicher auf. Es ist jedoch auch so, dass der Ruf als neutrales Land leiden kann, weil sich die Schweiz so klar aufseiten der Ukraine positioniert. Daher ist es fraglich, ob z.B. China an den angekündigten Friedensgesprächen dann wirklich teilnimmt. Gleiches gilt für die Türkei, die das WEF kurzfristig abgesagt hat. Aus der Optik dieser Staaten ist die Schweiz nicht mehr neutral, sondern gehört eindeutig ins Lager der Ukraine.

Eine Abschlussfrage: War Selenskyjs Auftritt in deinen 21 Jahren am WEF der eindrücklichste?
Von der Emotionalität her schon. Auch bezogen auf die Sicherheitsmassnahmen, Pomp und den Boulevard-Aspekt. Das war bei Donald Trump zwar alles noch grösser. Aber letztendlich handelt es sich beim Krieg in der Ukraine um den ersten Angriffskrieg in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg, der Präsident des angegriffenen Landes ist am WEF physisch anwesend, das ist schon eine Superlative.

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
twint icon
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Klimawandel: WEF-Kritiker marschieren nach Davos
1 / 9
Klimawandel: WEF-Kritiker marschieren nach Davos
Das WEF soll sich der Klimaverantwortung stellen: Mit dieser Forderung ist in Landquart der Klimamarsch nach Davos gestartet.
quelle: keystone / walter bieri
Auf Facebook teilenAuf X teilen
Jüngste weibliche Abgeordnete Neuseelands geht mit traditionellem Haka-Tanz viral
Video: watson
Das könnte dich auch noch interessieren:
162 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
frereau
16.01.2024 20:24registriert Januar 2019
Mir macht die Situation mit Russland langsam wirklich Angst. Als Ü50er ist dies das erste Mal.
14923
Melden
Zum Kommentar
avatar
Waldorf
16.01.2024 20:35registriert Juli 2021
Dass ihm hier so eine Bühne geboten wird, kompensiert zumindest ein klein wenig die Schande dieser 29%, der "Neutralität" und dieser Veranstaltung an sich.
14034
Melden
Zum Kommentar
avatar
B. V. Harkonnen
16.01.2024 20:44registriert Oktober 2019
"Daher ist es fraglich, ob z.B. China an den angekündigten Friedensgesprächen dann wirklich teilnimmt. Gleiches gilt für die Türkei, die das WEF kurzfristig abgesagt hat. Aus der Optik dieser Staaten ist die Schweiz nicht mehr neutral, sondern gehört eindeutig ins Lager der Ukraine."

Für die Chinesen und Türken zum mitschreiben: Die Schweiz war schon immer dabei bei eurer sogenannten "Westlichen Welt". Wir waren, sind und werden immer nur auf dem Papier neutral sein. Ausser es sind Zahlen auf dem Papier gedruckt. Oder dem Gold, wobei beim Gold.......
10930
Melden
Zum Kommentar
162
Diese zwei Amateurklubs wollten den Schweizer Fussball erobern – hier stehen sie heute
Wenn es nach Business-Plänen und wagemutigen Marketing-Zielen gegangen wäre, würden der FC United Zürich und FC Rot Weiss Winikon heute die Super League rocken. Es kam aber anders, komplett anders.

Es war eine sehr vollmundige Ansage, welche die neuen Macher des FC United Zürich im März 2010 in der Pendlerzeitung «20 Minuten» schalteten. Auf einer doppelseitigen Werbung wurde für die Umbenennungsparty geworben. Das Ziel war nichts weniger als der Schweizer Fussball-Meistertitel 2018.

Zur Story