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Michèle Binswanger erhebt Vorwürfe gegen den Journalisten Werner de Schepper.
Michèle Binswanger erhebt Vorwürfe gegen den Journalisten Werner de Schepper.
bild: tagesanzeiger.ch
Interview

Nach Grapsch-Vorwürfen gegen Ex-«Blick»-Chef: «Es gab schon lange Gerüchte in der Branche»

Einer der bekanntesten Journalisten der Schweiz soll jahrelang Frauen bedrängt haben. Die Enthüllung sorgt für Aufregung. «Tages-Anzeiger»-Journalistin Michèle Binswanger im Gespräch darüber, warum Frauen bei sexueller Belästigung keine Anzeige machen, wie schwer es ist, gegen den eigenen Chef vorzugehen und über Grenzen, die auch Frauen setzen müssen.
21.12.2017, 09:1804.02.2019, 10:08

Der «Tages-Anzeiger» erhebt schwere Vorwürfe gegen Werner de Schepper, Co-Chefredakteur der Zeitschrift «Schweizer Illustrierte». De Schepper habe über Jahre hinweg Frauen bedrängt, belästigt und ungefragt berührt. Zu seinen Zeiten als Kadermann bei «SonntagsBlick», «Blick», «TeleBärn» und «AargauerZeitung» habe er als Chef der Zudringlichkeiten gegolten, schreiben die Autoren des Artikels Michèle Binswanger und Mario Stäuble.

Der Artikel löste eine Welle der Empörung aus. Nebst viel Zuspruch müssen sich die Autoren aber auch Kritik gefallen lassen. Ist es gerechtfertigt, jemanden aufgrund einer anonymen Klägerschaft derart anzugreifen? «Ja», sagt Michèle Binswanger und erklärt im Interview wieso. 

Frau Binswanger, Sie attackieren in ihrem Artikel einen der bekanntesten Schweizer Journalisten mit anonymen Vorwürfen, stellen ihn als zweiten Harvey Weinstein hin und riskieren damit, seinen Ruf und Karriere zu zerstören. Wie kommt es dazu?
Michèle Binswanger:
 Zunächst: Werner De Schepper ist nach jetzigem Kenntnisstand kein Harvey Weinstein. Es ist wichtig, nicht alles über einen Kamm zu scheren und jeden Fall individuell zu beurteilen. Die vorliegende Recherche ist im Zuge der MeToo-Debatte entstanden. Zu De Schepper gab es schon lange viele Gerüchte in der Branche. Also haben mein Kollege Mario Stäuble und ich beschlossen, uns das mal genauer anzuschauen.

Im Fokus: Werner De Schepper
Im Fokus: Werner De Schepper
Bild: KEYSTONE

Was ist die Schwierigkeit bei der Aufarbeitung solcher Fälle?
Es stellen sich zunächst grundsätzliche Fragen: Wo liegt das öffentliche Interesse? Wie kann ich einen Fall verifizieren? Wie viele Leute sind betroffen? Was, wenn die Frauen nicht bereit sind, mit ihrem Namen hinzustehen? Man muss den journalistische Zugang finden. Dann gibt es auch rechtliche und medienethische Fragen zu klären, wenn wir über das Thema schreiben.

Wann wussten Sie, dass Sie die Rechercheergebnisse in einem Artikel verarbeiten können?
Wir haben Frauen gesucht, die uns aus erster Hand von Ihren Erlebnissen berichten konnten, denn es gibt viele Gerüchte, nicht alle treffen zu. Die Frauen zu finden war relativ einfach. Etwas schwieriger war dann die Frage, wie wir mit der Anonymität umgehen. Frauen, die reden, gehen ein beträchtliches Risiko ein. Also haben wir Zeugen gesucht, Dritte, die den Fall in seiner Komplexität kennen. Für uns war klar: Wenn wir darüber schreiben, dann nur, wenn wir extrem breite und verifizierte Informationen haben.

«Wir sind dann zum Schluss gekommen, dass wir es verantworten können, weil die Vorwürfe zahlreich und glaubwürdig waren.»

Und die fanden Sie.
Ja.

Die Frauen, die im Text Anklage erheben, bleiben anonym. Inwiefern finden Sie es trotzdem gerechtfertigt, so auf die Person von de Schepper zu spielen?
Dieses Problem taucht bei solchen Fällen immer wieder auf. Die Opfer haben gute Gründe, anonym bleiben zu wollen, aber für eine saubere Recherche muss man irgendwann mit Namen arbeiten können, etwa bei der Konfrontation des Täters. Wir haben uns im englischsprachigen Raum umgesehen, wie man dort mit solchen Fällen und der Frage anonymer Anklägerschaft umgeht. Wir sind dann zum Schluss gekommen, dass wir es verantworten können, weil die Vorwürfe zahlreich und glaubwürdig waren.

Was war ausschlaggebend für eine Publikation?
Dass die Vorfälle systematisch und über eine lange Zeit hinweg erfolgt sind. Dass sehr viele Frauen davon betroffen sind und dass es darunter auch Fälle gibt, die bei den Frauen bis heute nachwirken. Dass das Machtgefälle zwischen Akteur und Betroffenen gross war. Auch ausschlaggebend war, dass de Schepper als Co-Chefredakteur der «Schweizer Illustrierten» noch immer in einer wichtigen Führungsposition sitzt.

Wie haben Sie sich rechtlich abgesichert?
Zusammen mit unserer Rechtsabteilung.

Ähnlich wie bei Harvey Weinstein haben die Frauen jahrelang geschwiegen. Viele fragen sich, warum. Wie erklären Sie das?
Im Rückblick ist das Bild immer klarer, als wenn man mittendrin steckt. Aber es gibt ganz unterschiedliche Gründe: Man findet es im Moment vielleicht gar nicht so schlimm und merkt erst später, dass man sich hätte wehren sollen. Man will sich nicht exponieren, schliesslich muss man gegen den Chef vorgehen. Und viele mochten und mögen De Schepper ja, auch wenn sie sein Verhalten abstossend fanden. Man geht davon aus, dass einem eh niemand glaubt, oder dass eine Meldung wirkungslos verpufft. Und manche fanden, dass sie sich selber wehren können. Es gab auch Frauen, die Ohrfeigen verteilten.

«Es braucht viel, um formal Beschwerde einzureichen und wer das tut, exponiert sich doch sehr.»

Warum haben sich die Frauen, mit denen Sie geredet haben, nicht gewehrt?
Teilweise haben sie sich gewehrt. Aber es braucht schon viel, um formal Beschwerde einzureichen und wer das tut, exponiert sich doch sehr. Und es gibt ja auch wirklich Risiken. Es gibt ein typisches Muster, dem ich auch bei anderen Recherchen begegnet bin: Frauen werden sexuell belästigt und melden das bei der zuständigen Stelle. Dann hören die Belästigungen auf, dafür heisst es dann plötzlich, die Mitarbeiterin performe schlecht. Die sexuelle Belästigung geht in Mobbing über.

Sie sehen sich mit dem Vorwurf der Hexenjagd konfrontiert. Was sagen Sie dazu?
Momentan gibt es viele Diskussionen rund um MeToo, auf allen möglichen Kanälen und zu allen möglichen Formen des «Sexual Misconduct». Das sind schwierige und manchmal auch schmerzhafte Diskussionen. Aber ich finde es extrem wichtig, dass sie geführt werden, das war für uns auch einer der Gründe, das zu veröffentlichen. Nicht nur, wenn es um klare Übergriffe geht, auch dort, wo das Fehlverhalten im Graubereich liegt. Wir müssen darüber diskutieren, was akzeptabel ist und was nicht. Wie wir Grenzen markieren können. Und Frauen sollen sehen, dass sie sich eine solche Behandlung nicht gefallen lassen müssen.

Welche Konsequenzen wird der Artikel haben?
Das ist schwierig abzuschätzen. Bei solchen Geschichten ist die Dynamik nicht kontrollierbar. Es liegt auch nicht an uns, das zu entscheiden.

«Ein Mann, der eine Frau anzüngelt, ihr an die Brust grapscht, an den Po fasst, weiss, dass das falsch ist. Jetzt weiss er auch, dass es Konsequenzen hat.»

Welche Folgen erhoffen Sie sich?
Dass wir endlich an den Punkt gelangen, wo Männer Frauen nicht mehr so behandeln. Warum wurde ein solches Verhalten so lange toleriert? Weil es keine Konsequenzen hatte. Das ändert sich hoffentlich. Ich hoffe aber auch, dass der Umgang zwischen Männern und Frauen nicht paranoid wird. Dass Frauen, die sich belästigt fühlen, ihre Grenzen erkennen und zeigen. Dass Männer sie akzeptieren. Dass wir auch künftig immer noch spielerisch und flirtend miteinander umgehen können. Denn so schwierig ist die Unterscheidung zwischen richtig und falsch ja eigentlich nicht: Ein Mann, der eine Frau anzüngelt, ihr an die Brust grapscht, an den Po fasst, weiss, dass das falsch ist. Jetzt weiss er auch, dass es Konsequenzen hat.

Vier Beweise, dass Weinsteins Verhalten kein Geheimnis war

Video: Angelina Graf

#MeToo: Diese Frauen belasten Harvey Weinstein

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#MeToo: Diese Frauen belasten Harvey Weinstein
quelle: invision/invision / joel ryan
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