Schweiz
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Prostituierte warten am Freitag, 27. Mai 2011, am Sihlquai in Zuerich auf Kundschaft. (KEYSTONE/Steffen Schmidt)

Frauen am Sihlquai, im Februar 2011. Bild: KEYSTONE

Brutalo-Zuhälter in Zürich vor Gericht: Auf Strich geschickt, geschlagen und abkassiert

Zwei Frauen soll M.V.* in die Schweiz gelockt und in Zürich in die Strassenprostitution eingeführt haben. Der damals 37-Jährige soll sie nicht nur streng kontrolliert, sondern ihnen auch alles Geld abgenommen haben – rund 900'000 Franken während eineinhalb Jahren. Eine der Frauen soll V. zudem derart in den Bauch getreten haben, dass sie eine Fehlgeburt erlitt.



Aus ärmlichen Verhältnissen, arbeitslos und gerade mal 18 Jahre alt ist die Ungarin N.J.*, als sie aus Not in die Schweiz reist. Hier sollte sie Geld verdienen und damit die Schulden ihres damaligen Freundes abzahlen. Zwei Geldverleiher vermitteln die junge Frau an ihren Landsmann M.V.*, der sich in der Schweiz aufhält und von dem es heisst, er könne ihr die Reise bezahlen und Jobs beschaffen. Putzen, oder Babysitting. 

Doch als J. im Sommer 2009 aus einem Bus in Zürich aussteigt, bietet ihr V. weder einen Putzjob noch Babysitting an. Der 37-Jährige bringt die junge Frau nach Embrach, nötigt sie noch am selben Abend zu Geschlechtsverkehr mit einem anderen Mann und nimmt ihr die 200 Franken ab, die sie dafür erhält. Fortan ist J. seine Prostituierte – bevor er ihr den Strassenstrich zeigt, zwingt er sie am Tag nach ihrer Ankunft noch zu Sex mit ihm selber. Schliesslich müsse er jede seiner Prostituierten selber ausprobieren.

So jedenfalls wird die Geschichte in der Anklageschrift geschildert, die watson vorliegt. Morgen Donnerstag muss sich V. vor dem Zürcher Bezirksgericht verantworten, die Staatsanwaltschaft klagt wegen «Menschenhandels etc.».

Keine freien Tage, kein Geld

Das «etc.» der Anklageschrift hat es in sich: Weder bleibt es nach der Ankunft der 18-jährigen Ungarin bei der Nötigung, noch ist J. das einzige Opfer des Mannes. M.P.* reist im Mai 2009 in die Schweiz – auch sie ist auf V. aufmerksam geworden, allerdings durch ein Inserat in einer Budapester Zeitung. P. arbeitet bereits in Ungarn als Prostituierte. Das Muster, nach dem V. vorgeht, ist in beiden Fällen praktisch identisch: Beiden Frauen zeigt V., in welchem Wohnwagen sie Freier zu empfangen haben, welche Dienstleistungen sie anzubieten hätten und wie viel Geld sie dafür verlangen sollten.

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Video-Reportage vom August 2015 über den neuen Zürcher Strichplatz am Depotweg. Video: YouTube/KEYSTONE Video

Beiden Frauen droht er mit Prügel, falls sie bei einer Polizeikontrolle sagen würden, sie seien nicht freiwillig auf dem Strich. Beide Frauen schickt er durch die halbe Schweiz: Sie arbeiten auf dem Strassenstrich in Chur, Zürich, Luzern und Olten, sitzen in einer Kontaktbar in Embrach und arbeiten in einem Studio in Neftenbach. Er schreibt ihnen Arbeitszeiten vor – in der Regel sieben Tage die Woche, jeweils vom Abend bis in die frühen Morgenstunden –, kontrolliert sie unentwegt, verbietet ihnen, während der Arbeit zu essen und zwingt sie, auch anzuschaffen wenn sie krank sind oder die Menstruation haben. Freie Tage gibt es nur selten. 

Geld erhalten die Frauen nicht. Während er der 18-jährigen J. zu Beginn 40 Prozent der Einnahmen verspricht, sackt er nach zwei Wochen bereits den gesamten Verdienst ein. Und während er der zweiten Geschädigten, P., vorgaukelt, er würde das Geld auf die Seite legen, um mit ihr ein ungarisches Restaurant zu eröffnen, sah sie keinen Franken. 100 Franken an schlechten Tagen am Sihlquai, 1000 Franken an einem Discotag.

Die Staatsanwaltschaft errechnet in der Anklage, dass V. damit in eineinhalb Jahren zu Schaden von J. und zu Schaden von P. je 450'000 Franken verdient hat.

Tritt bis zur Fehlgeburt

Beide Frauen erleben Gewalt, P. packt er ein Mal am Hals, als sie sich weigert, ihre Einnahmen abzugeben, J. schlägt er in den Rücken und in die Rippen, sodass sie fast einen Monat unter Rückenschmerzen leidet. Am gewalttätigsten aber ist V. im Februar 2011: Rund eineinhalb Jahre nach ihrer Ankunft ist die junge Ungarin J. schwanger von ihrem Zuhälter, wegen Blutungen fährt sie ins Spital, wo die Ärzte ihr attestieren, es sei alles in bester Ordnung, sie sei in der sechsten Woche schwanger.

Laut Anklageschrift verärgert das V. – er hat Angst, J. könne bald nicht mehr als Prostituierte arbeiten und sorgt sich um die Einnahmen. Drei Tage nach dem Spitalbesuch streiten die beiden, V. schubst sie gegen einen Sessel, gibt ihr eine Ohrfeige, sodass sie zu Boden fällt und setzt seinen Fuss mit Gewicht auf den Bauch der jungen Frau. V. ist 95 Kilo schwer. J. erleidet Krämpfe, starke Blutungen und schliesslich, eine Stunde später, einen Abort.

Nun muss sich V. wegen einer Reihe von mutmasslichen Delikten verantworten. Die Staatsanwaltschaft beschuldigt ihn des strafbaren Schwangerschaftsabbruchs, der mehrfachen Förderung von Prostitution, des Menschenhandels, der versuchten schweren Körperverletzung, der Nötigung und der Freiheitsberaubung. Die Anklage fordert 6 Jahre Freiheitsstrafe. Es gilt die Unschuldsvermutung.

*Namen der Redaktion bekannt

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41Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • welefant 15.03.2017 17:43
    Highlight Highlight 900'000.- in 1 1/2 jahren? Uff...
    • Fly Baby 16.03.2017 08:23
      Highlight Highlight Etwa neidisch, oder was?
  • Tschüse Üse 15.03.2017 17:06
    Highlight Highlight Dreckskerl
  • dorfne 15.03.2017 16:37
    Highlight Highlight Die hochallergene, invasive Ambrosia-Pflanze versteht unsere Sprache nicht, deshalb wird sie mit Stumpf und Stil ausgerissen. 6 Jahre Wachstumsverbot würden da nichts bringen.
    • ElendesPack 16.03.2017 09:11
      Highlight Highlight Das ist eine sehr schöne Ausformulierung der Gedanken, die ich beim Lesen dieses Artikels auch hatte.
    • CASSIO 17.03.2017 06:46
      Highlight Highlight Lionelle, das hört sich ja schön und gut an, aber wie genau willst Du diese Pflanze mitsamt der Wurzel ausrotten? Das ist eine Illusion. Je geregelter die Situation der Prostituierten ist, je mehr sie auch von der Gesellschaft geachtet werden, desto besser geht es ihnen und desto besser sind ihre Lebensumstände. Prostitution ist Realität, die man akzeptieren soll, Gewalt gegen Prostituierte ist ebenfalls Realität, die konsequent geahndet und bestraft werden muss.
  • mrgoku 15.03.2017 16:19
    Highlight Highlight 6 Jahre.... wieso nicht 60? sogar das wäre noch zu weniger...
  • fabsli 15.03.2017 16:02
    Highlight Highlight "Die Staatsanwaltschaft beschuldigt ihn des strafbaren Schwangerschaftsabbruchs, der mehrfachen Förderung von Prostitution, des Menschenhandels, der versuchten schweren Körperverletzung, der Nötigung und der Freiheitsberaubung. Die Anklage fordert 6 Jahre Freiheitsstrafe."

    Und das womöglich noch bedingt. Unsere Strafmasse sind einfach lächerlich.
    • Makatitom 15.03.2017 16:30
      Highlight Highlight Bedingt ist auch bei uns für 6 Jahre Strafe nicht möglich
    • Mietzekatze 15.03.2017 17:16
      Highlight Highlight Dann lies doch mal im Gesetz was bedingt bedeutet und wann es bedingte Strafen sein können... Ich finde auch 6 Jahre sind zu wenig (wobei es auch 20 Jahre wären), aber bedingt geht maximal bis 2 Jahre! Danach wird abgesessen.. In der CH meist leider nur 2/3, da danach die Bewährung (bei guter Führung) eben doch möglich ist.
    • fabsli 15.03.2017 21:52
      Highlight Highlight Man lernt nie aus. Wusste ich nicht.
  • Burdleferin 15.03.2017 15:50
    Highlight Highlight Prostitution zu verbieten würde bedeuten, dass sich viel Frauen, welche zu dem Job gezwungen werden, sich strafbar machen würden. NEIN: Die Freier gehören bestraft. Sie nehmen in Kauf, dass ein physisch und psychisch gefolterte Frau mit ihnen Sex gegen Bezahlung haben muss. Ausserdem bin ich sowieso der Meinung, dass es so etwas wie "freiwillige Prostitution" praktisch gar nicht existiert. In einer Ausgabe der emma stand, dass 85% aller Prostituierten an einem Borderline-Syndrom leiden würden, also gerne sich selbst schädigen oder quälen.
    • Aliyah 15.03.2017 23:33
      Highlight Highlight Nachdem die Damen den ganzen Prozess vor Gericht durch haben, sind sie bestimmt reif für die Psychiatrie. Zur Aufarbeitung der PTBS die dann ganz sicher da ist....
  • pachnota 15.03.2017 15:28
    Highlight Highlight Kuscheljustitz eben...
    • Pinkes Einhorn 15.03.2017 20:56
      Highlight Highlight Du liest in der Zeitschrift von Alice Schwarzer negatives über Prostitution? No shit Sherlock, aber was hast du erwartet von der Dame? Lobgesänge zur Prostitution? Diese Frau hält bereits einvernehmlicher Sex in einer Beziehung für eine Unterwerfung der Frau :)
  • Tartaruga 15.03.2017 14:05
    Highlight Highlight 6 Jahre? .............
    • SVARTGARD 15.03.2017 15:04
      Highlight Highlight 7,5?
    • Pegi9999 15.03.2017 16:25
      Highlight Highlight Lebenslänglich!
    • Aliyah 15.03.2017 23:34
      Highlight Highlight Klingt jetzt ein bisschen pöse aber schade, dass Foltermethoden verboten sind 😠
  • OkeyKeny 15.03.2017 13:58
    Highlight Highlight Ja und die machen das alle sowas von freiwillig, weil ihnen der Kontakt zu Menschen so viel Spass macht gell. Aber als ältester Job der Welt, kann ja nicht so viel falsch daran sein, oder?
    • äti 15.03.2017 15:22
      Highlight Highlight Deinen Text kapier ich nicht, bitte genauer.
    • pachnota 15.03.2017 15:27
      Highlight Highlight ???
    • Tartaruga 15.03.2017 15:28
      Highlight Highlight Verstehe nicht warum es hier Blitze regnet?
    Weitere Antworten anzeigen
  • FCZBVB180 15.03.2017 13:53
    Highlight Highlight 6 Jahre??? Wenn das stimmt, was im Artikel steht, verdient er minimum das doppelte!
  • Tschedai 15.03.2017 13:44
    Highlight Highlight 6 Jahre Gefängnis. Sorry, da könnt ihr euch den ganzen Prozess sparen. Das ist nichts im Vergleich zu den Schandtaten, die diese Person getan hat. Stell dir vor du brauchst Geld und reist in ein anderes Land mit dem versprechen, dass du Putzen und Babysitten kannst. Dann kommst du an und musst dich am gleichen Tag prostituieren.
    • Triumvir 15.03.2017 17:39
      Highlight Highlight Wenn man die Verbrechen in Relation zu Strafen für Tötungsdelikte in der Schweiz stellt, dann ist der Strafantrag der Staatsanwaltschaft meines Erachtens nicht mehr ganz so abwegig, sondern vielmehr im Rahmen der gängigen Praxis. Aber um das beurteilen zu können, muss man diese halt ein bisschen kennen...
    • Tschedai 15.03.2017 18:07
      Highlight Highlight @Triumvir Wer sagt, dass die Anträge für Tötungsdelikte massgebend und angemessen sind?
    • bebby 16.03.2017 06:43
      Highlight Highlight Es gibt offenbar unterschiedliche gesellschaftliche Interessen gegenüber anderen Verbrechen, bei denen die Leute als krank und deshalb als zu verwahren gewünscht werden. Hier hat man weniger Angst vor dem Verbrecher, weil man glaubt, dass er für hiesige Personen nicht so gefährlich ist. Sexworker waren schon immer ungeschützt, leider. Es kann für so einen Profi gut sein, dass er seine Geschäfte weiterführt.
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