Jahresbericht zeigt: 228 Fälle von Menschenhandel in der Schweiz – Dunkelziffer wohl höher
Heute beginnt am Bezirksgericht Zürich der Prozess gegen eine 33-jährige Frau, die über sechs Jahre hinweg mindestens 14 Frauen zur Prostitution gezwungen haben soll. Gleichzeitig macht der Fall eines Rocker-Bosses Schlagzeilen, der in der Schweiz unter anderem wegen Menschenhandel und Zwangsprostitution knapp vier Jahre inhaftiert war. Gemäss Informationen von Blick wurde das Gründungsmitglied der «United Tribunes» Ende März überraschend nach Bosnien ausgeliefert und dort erst kürzlich von den lokalen Behörden aus der Haft entlassen.
Solche öffentlichkeitswirksamen Fälle bilden lediglich die Spitze des Eisbergs, wie der heute veröffentlichte Jahresbericht der Fachstelle Frauenhandel und Frauenmigration (FIZ) zeigt. So betreute die Fachstelle im letzten Jahr 228 Personen, die Opfer von Menschenhandel wurden. Mit ihrem Beratungsangebot unterstützte die FIZ ebenfalls 444 Migrantinnen und Migranten, darunter 140 Betroffene häuslicher Gewalt.
Hohe Dunkelziffer – Betroffene werden oft isoliert
Die meisten dieser Fälle im Bereich des Menschenhandels würden der FIZ zugewiesen werden, beispielsweise von der Polizei oder Rechtsvertretern aus dem Asylsystem, wie Fanie Wirth von der Fachstelle gegenüber dem Schweizer Fernsehen sagt. Gemäss Wirth dürfte die Dunkelziffer jedoch einiges höher sein: «Es ist ein Bruchteil der Personen, die wir tatsächlich identifizieren können.»
Während der Grossteil der Betroffenen im Bereich des Menschenhandels Opfer von sexueller Ausbeutung wurde, nimmt die Zahl derer, die im Haushalts- und Care-Bereich ausgebeutet werden, weiter zu. Besonders wenn die Betroffenen im Haushalt leben, in dem sie arbeiten, sei es schwierig, an sie heranzukommen, sagt Fanie Wirth gegenüber dem SRF: «Ihre einzigen sozialen Kontakte sind die Täterinnen und Täter. Sie kennen das System nicht. Sie kennen ihre Rechte nicht. Sie kennen keine Unterstützungsangebote.»
Erschwerend komme dazu, dass Privathaushalte kaum kontrolliert werden. Dadurch würden Lohnverstösse, Arbeitsausbeutung und Menschenhandel oft unbemerkt bleiben, wie die Fachstelle auf ihrer Website schreibt. In ihrem Jahresbericht nennt die FIZ das Erreichen potenzieller Betroffener als ein zentrales Projektelement des gemeinnützigen Vereins, der im Auftrag von Bund und Kantonen arbeitet.
So würde beispielsweise versucht, über Facebook-Gruppen, mehrsprachige Kampagnen in Flixbussen sowie der gezielten Information von Partnerorganisationen die Menschen zu erreichen. Die steigenden Fallzahlen seien auch ein Indiz dafür, dass die Massnahmen Wirkung zeigen, wie die Fachstelle schreibt.
Mehr Personen in Schutzunterkünften
Die Betroffenen kommen gemäss Wirth aus über 80 verschiedenen Ländern in die Schweiz. Auffällig dabei ist die hohe Anzahl Betroffener aus Rumänien. Während das Alter von «sehr jung» bis über 60 Jahre stark variiere, eine sie vor allem ihre strukturelle Benachteiligung, wie Wirth gegenüber dem SRF erklärt: «Sie haben zum Beispiel keinen Zugang zu Bildung oder zu Arbeitsanstellungen in ihren Herkunftsländern, befinden sich in finanziellen Abhängigkeiten oder müssen für ihre ganze Familie Geld verdienen.»
Deutlich zugenommen hat 2025 auch die Zahl derer, die in Schutzwohnungen der FIZ unterkommen mussten. Während es 2023 noch 34 Personen waren, stieg die Zahl im darauffolgenden Jahr auf 51 an. Im letzten Jahr waren es 65 Personen, die in Unterkünften der Fachstelle temporär untergebracht werden konnten. Im Jahresbericht verweist der Verein darauf, dass die grösste bestehende Schutzunterkunft im Herbst 2026 verkauft werde. Auf der Suche nach einem neuen Standort in der Stadt Zürich sei die FIZ um Hinweise zu geeigneten Immobilien dankbar. (jul)
