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Besessen vom Klimawandel: Die 18-jährige Fanny Wissler hat sich zu einem Aushängeschild der Klimajugend gemausert. bild: watson

Die Klima-Besessenen

Eine Achterbahnfahrt der Gefühle, 100'000 Demonstrierende und ein Beinahe-Zusammenbruch: Unzählige Jugendliche der Klimastreik-Bewegung sind 2019 weit über ihre persönlichen Grenzen hinausgegangen. watson lässt gemeinsam mit zwei Protagonisten das Klima-Jahr Revue passieren.



300 WhatsApp-Nachrichten in 30 Minuten, Sitzungen bis tief in die Nacht: Die intensiven Monate haben den Klimastreikenden alles abverlangt. So auch der inzwischen 18-jährigen Zürcherin Fanny Wissler und dem 24-jährigen Ostschweizer Jann Kessler.

Seit ihrem Auftritt in der SRF-Talksendung «Schawinski» Ende Februar gehören sie zu den Aushängeschildern der Klimastreik-Bewegung. watson blickt mit den beiden zum Jahresende auf die wohl aufreibendsten Monate ihres Lebens zurück.

Die Geburtsstunde

Wie aus dem Nichts streiken am 21. Dezember 2018 4000 Schüler in verschiedenen Schweizer Städten. Alles organisiert in unzähligen WhatsApp-Chats. Dann nimmt die Bewegung Formen an: Am 30. Dezember 2018 findet das erste nationale Treffen der Klimastreikbewegung in der Berner Reitschule statt.

«Der Klimastreik hat mir die Hoffnung zurückgegeben. Ich dachte, die Menschheit sei bereits verloren.»

Jann Kessler

«Die Geburtsstunde der Klimastreik-Bewegung war für mich ein prägendes Erlebnis. Es hat mir viel Hoffnung zurückgegeben. Zuvor dachte ich, die Menschheit sei bereits verloren», erzählt der Filmemacher Jann Kessler.

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Jann Kessler beim nationalen Klimastreik-Treffen in Bern im Februar. bild: watson

100 Personen diskutieren in der Reitschule sieben Stunden lang. Einige fragen zuerst, wer denn jetzt der CEO der Klimastreik-Bewegung sei. Die Klimaaktivisten einigen sich schliesslich, einen basisdemokratischen Wandel mit Konsensprinzip anzustreben. Und zeigen fortan mit ihren unverkennbaren Handzeichen, ob sie Forderungen zustimmen oder ablehnen.

Ohne eine Gegenstimme beschliesst die Klimajugend die Forderung, die Schweizer CO2-Emissionen bis im Jahr 2030 auf null zu senken und den Klimanotstand auszurufen.

Die erste Rede

2000 Menschen haben sich im Januar 2019 auf der Polyterrasse in Zürich versammelt, als Fanny Wissler ans Mikrofon tritt. «Ein mega krasses Erlebnis. Nie zuvor war ich nervöser», so die zierliche junge Frau. Eine Woche lang hat sie ihre Rede eingeübt. Die Worte kommen bei den Leuten gut an. «Fanny, mach weiter so», sagen ihr Mitstreitenden.

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Fanny hält auf der Polyterrasse ihre erste Rede. bild. Zvg

Woher nimmt eine damals 17-Jährige Gymnasiastin die Verve, um ihre ganze Energie für den Kampf gegen den Klimawandel einzusetzen? Der Ursprung liegt schon Jahre zurück, denn die Klimaerwärmung betrübt Fanny schon lange. Als Kind habe sie im «Spick» einen Bericht über Eisbären gelesen, die wegen des schmelzenden Packeises kaum mehr Nahrung finden. «Das ist so unfair! Das hat mich so aufgewühlt, dass ich nicht mehr schlafen konnte.» Leider sind die Bären in der Arktis nur noch die berühmte Spitze des Eisbergs punkto Klimawandel.

Die Hassbriefe

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Fanny Wissler und Jann Kessler werden bei Schawinski ins Rampenlicht katapultiert. bild: screenshot srf

Am 25. Februar treten Jann Kessler und Fanny Wissler als Vertreter der Klimajugend bei «Schawinski» ins Rampenlicht. «Ich kam völlig übermüdet und direkt von der Schule ins Studio», erinnert sich Fanny. Der Talkmaster nimmt die beiden in die Mangel. «Ein, zwei Aussagen hätte ich im Nachhinein anders formuliert, aber ich fand den Auftritt okay», so die 18-Jährige weiter.

«Ich will, dass ihr alle in der Hölle landet.»

Aus einem Hassbrief gegen Fanny

Der «Blick» ernennt Fanny danach zur «Greta der Schweiz», obschon sie sich überhaupt nicht in dieser Rolle sieht. Die Publizität bleibt nicht ohne Folgen. Fanny erhält Hassbriefe. «Ich will, dass ihr alle in die Hölle kommt», schreibt ein Mann der damals 17-Jährigen. Es komme noch immer ab und zu vor, dass «so ein Scheiss» bei ihr im Briefkasten lande.

Nach und nach mausert sich Fanny Wissler zu einem Sprachrohr der Klimabewegung. Im persönlichen Gespräch hingegen ist die junge Frau eher zurückhaltend. Etwas verträumt wie viele andere Teenager auch, die sich mitten in der jugendlichen Selbstfindungsphase befinden.

Der Demo-Marathon

Menschen demonstrieren am schweizweiten Klimastreik gegen die Klimapolitik und fuer einen sicheren Klimaschutz am Samstag, 6. April 2019 in Zuerich. (KEYSTONE/Ennio Leanza)

«Wem sini Zuekunft? Eusi Zuekunft!»: Fanny Wissler gibt an der Klimademo in Zürich die Parolen durch. Bild: KEYSTONE

Ab Mitte Januar gehen die Klimastreiker Monat für Monat auf die Strasse. «Es war total überwältigend, als plötzlich 20'000 Leute jeglicher Couleur in Zürich durch die Strassen zogen. Was für ein Gefühl», so Fanny. Die junge Frau aus Wetzikon gibt später mit dem Megafon an der Klimademo die Parolen durch:

«Wem sini Zuekunft? Eusi Zuekunft!»

«Das isch euse Klimamarsch, Politiker nämed de Finger usem Arsch!»

«Alli us de Bette, mir müend die Welt go rette!»

Mit jedem Streik, mit jeder Demo wächst die Klimabewegung. Der Höhepunkt ist der 28. September 2019, als vor den Wahlen an der nationalen Klimakundgebung bis zu 100'000 Personen durch Bern ziehen. Für Jann Kessler ist dies das Highlight des Jahres. Er verfolgt und koordiniert die Demo im Hauptquartier der Klimastreikenden in der Innenstadt, von wo sie direkt Filme schneiden und Social-Media-Posts absetzen. «Als ich die ersten Drohnenbilder auf dem Bildschirm sah, konnte ich es kaum glauben. Wir haben es geschafft, innerhalb von neun Monaten so viele Menschen zu mobilisieren. Unglaublich.»

Bis 100'000 Klimastreikende ziehen durch Bern

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60'000 Klimastreiker an der Klimademo in Bern
quelle: keystone / anthony anex
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Fanny zeigt sich ob dem Grossaufmarsch weniger euphorisch. Manchmal habe sie das Gefühl, dass die Demonstrationen nicht viel bringen. «Etliche Menschen gehen nach den Kundgebungen nach Hause und führen ihr Leben weiter wie bisher. Ich würde mir wünschen, dass sich die Menschen in Gruppen organisieren und sich zusammen für die Bekämpfung der Klimakrise einsetzen.» Es brauche nicht nur eine Debatte, wie die Menschheit sich der fossilen Energieträger entledigen könne. «Wie schaffen wir es, den Überkonsum in der Gesellschaft wie am Black Friday zu stoppen? Das zerstört unsere Umwelt und muss aufhören», sagt die junge Frau energisch.

Die Wahlen

Gruene-Parteipraesidentin und Nationalraetin Regula Rytz, freut sich ueber ein Resultat am Wahltag der Eidgenoessischen Parlamentswahlen, am Sonntag, 20. Oktober 2019, in Bern. (KEYSTONE/Peter Schneider)

Regula Rytz bejubelt den Wahlsieg der Grünen. Bild: KEYSTONE

Trotz des historischen Triumphs der Öko-Parteien bricht Fanny bei den eidgenössischen Wahlen vom 20. Oktober nicht in Jubeln aus. Die wahre Gewinnerin sei sowieso die CVP, die jetzt das Zünglein an der Waage spiele. «Selbst die Grünen denken viel zu wenig radikal, um das Klima zu retten». Sie glaube nicht, dass die Lösung der Klima-Krise aus der institutionellen Politik kommen werde, sagt das Mitglied der Jungen Grünen. Ist Fanny eine Öko-Extremistin? «Vielleicht schon, wobei ich mich eher als radikal bezeichnen würde», sagt sie. Radikal bedeute, dass man die Probleme direkt an der Wurzel packe. Sie sehe sich aber nicht als Moralapostel. «Ich schimpfe nicht mit Freundinnen, die übers Weekend in eine Stadt fliegen.»

Die besten Bilder des Klimastreiks

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Die besten Bilder des Klimastreiks
quelle: epa/keystone / walter bieri
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Jann freute sich zwar über den Wahlsieg von grünen Kräften, ist der institutionellen Politik gegenüber aber kritisch eingestellt: «Viele Politiker*innen kümmern sich mehr um Wahlversprechen und Wiederwahl. Es fehlt an fähigen Menschen, die nicht irgendwelche kurzfristigen Interessen vertreten, sondern endlich bereit sind, konsequent unsere Lebensgrundlagen zu erhalten.»

Vom neuen Parlament ist er bereits enttäuscht: «Die GLP-Leute haben ihre Wählerinnen und Wähler bereits mehrmals verarscht, beispielsweise indem sie Regula Rytz als Bundesrätin nicht unterstützt haben» sagt er.

Der Tiefpunkt

Anfang August treffen sich in Lausanne 450 Klimastreikende zum europäischen Treffen von «Fridays for future». Die Diskussionen laufen, je länger die Konferenz dauert, desto mehr aus dem Ruder. «Wir drehten uns total im Kreis. Viele Leute haben angefangen zu heulen, einige verliessen gar die Konferenz», sagt Jann.

«Die Menschen können nicht zusammenarbeiten. Unsere Spezies wird daran wohl zu Grunde gehen.»

Jann Kessler

Sowieso sei das ganze Jahr eine Achterbahnfahrt der Gefühle gewesen. Mehr als ernüchternd sei Weltklimagipfel COP25 in Madrid verlaufen, den der Ostschweizer vor Ort verfolgte. «Es ist total erschreckend, wie verlogen einige Delegationen sind und nur die finanziellen Interessen der eigenen Staaten sehen.» Dafür sei laut Jann aber hauptsächlich das Format der Konferenz schuld: «Leider ist die COP noch weit davon entfernt, dass sich Menschen aus aller Welt auf Augenhöhe begegnen und gemeinsam gute, langfristige Lösungen gefunden werden könnten. Wir Menschen können halt immer noch nicht wirklich zusammenarbeiten, und daran wird unsere Spezies wohl zu Grunde gehen.»

Der Stressmoment

Kurz vor den Wahlen läuft Jann Kessler total auf dem Zahnfleisch. Während Wochen arbeitet er fast Tag und Nacht am Klimablatt, der Wahlzeitung der Klimastreiker mit einer Auflage von über einer Million Exemplaren und weiteren Projekten.

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Sitzungen reihten sich für Jann Kessler (3. von links) an Sitzung. bild: zvg

«Es ist schon absurd, wie wir uns zu Tode arbeiten, um unseren Beitrag zur Lösung der Klimakrise zu leisten. Denn eigentlich wissen wir: Wenn du dich geborgen und geliebt fühlst, geht es dir mit weniger Besitz besser – und weniger unnötiger Konsum führt zu weniger Umweltzerstörung», sagt Kessler.

Manchmal wird es aber auch Jann zu viel. «Wenn wieder einmal eine Horde SUVs in die Zentren von Zürich oder Bern fahren will und nur ein Mensch darin sitzt, tut mir das unterdessen echt weh und ich muss reagieren.»

Manchmal bleibe er dann einfach auf der Strasse stehen oder klappe die Rückspiegel der fahrenden Autos ein. «Du musst den Fahrerinnen und Fahrern in die Augen schauen, damit sie dich nicht überfahren. Janns Hände zittern, wenn er davon erzählt. «Ich bin mir nicht sicher, ob das ein sinnvoller Weg ist, aber es reisst viele Autolenker zumindest aus ihrer gewohnten Routine.»

Das Treffen mit Greta

Beim europäischen Klimastreik-Treffen in Lausanne ist Fanny Wissler mit Greta in derselben Arbeitsgruppe. Greta habe sich benommen wie jede andere Teilnehmerin auch. «Sie hat keine Allüren und sie mag den Fokus auf ihre Person nicht», sagt die Zürcherin.

Aber was bedeutet die Ikone der Klima-Aktivisten den Schweizer Klimastreikenden?

«Ich bewundere Greta gar nicht.»

«Ich bewundere Greta gar nicht», sagt Fanny. «Das Mädchen, welches voller Motivation alle ihre Freunde für den nächsten Klimastreik mobilisiert, hat eine genau gleich wichtige Rolle wie Greta», so Fanny weiter. Der Einfluss Gretas werde durch die Medien generell überschätzt.

Die persönliche Veränderung

Fanny

Ausser der Klima-Krise hat in der Gedankenwelt von Fanny praktisch nichts mehr Platz. «Ich bin wohl tatsächlich besessen vom Klimawandel. Früher habe ich nicht Tag und Nacht über Umweltschutz nachgedacht», sagt die Frau aus Wetzikon, die trotz ihrer sehr jungen Erscheinung wie eine Erwachsene spricht. Durch den Klimastreik sei sie ein noch viel politischerer Mensch geworden. Das Vergnügen bleibt dann und wann auf der Strecke.

Der Klimawandel ist ein sehr ernstes und trauriges Thema. Wo holt sich Fanny die Freude im Leben zurück? «Es gibt mir mega viel Kraft, wenn ich mit anderen Leuten am Tisch sitze und über konkrete Handlungen zur Klimakrise diskutiere», so die 18-Jährige vielsagend. Immerhin eine Freizeitbeschäftigung bleibt Fanny, die nichts mit Klimastreik zu tun hat. Alle zwei Wochen organisiert sie einen Cevi-Tag für zwölf Mädchen.

Bei ihrer Ausbildung geht die 18-Jährige im neuen Jahr neue Wege: Auch wegen der grossen Belastung durch den Klimastreik hat sie das Gymi abgebrochen und will nun eine Lehre machen. Was genau, will sie noch nicht sagen.

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Fanny im Gespräch mit watson-Reporter Adrian Müller. bild: watson

Jann

Auch bei Jann ist der Klimastreik omnipräsent. Wie hat er sich persönlich verändert? «Es fällt mir viel schwerer, wie früher auch mal einfach über belanglosen Quatsch zu reden», sagt er. Selbst bei Konzerten kann er kaum mehr abschalten. «Einmal bin in ich während eines Gigs an den Rand des Publikums gegangen, habe den Laptop hervorgenommen und weitergearbeitet», schildert Kessler vielsagend.

Der Ausblick auf 2020

Für beide ist das nächste grosse Ereignis der 15. Mai 2020: Dann plant die Klimajugend zusammen mit Gewerkschaften und Kirchen einen landesweiten Streik.

Fanny hat daher das Jahr 2020 einen grossen Wunsch. Sie hofft, dass sich in Dörfern, am Arbeitsplatz oder in Vereinen ganz viele Kollektive bilden. «Die Klimastreik-Bewegung braucht einen neuen Ansatz. Wir können nicht mehr gleich weiterfahren wie bisher».

Im Kanton Waadt seien in einigen Dörfern bereits Klima-Versammlungen durchgeführt worden. «Kleine Kollektive können die Welt verbessern. Wir können nicht warten, bis die Politikerinnen und Politiker handeln», ist Fanny überzeugt.

Jann hat einen klaren Wunsch für 2020. Die Schweiz muss ihren Treibhausgasausstoss um 13 Prozent senken. «Trifft das nicht ein, müssen wir radikaler werden», sagt er kämpferisch.

«Dann holen wir uns die Strassen gemeinsam mit so vielen Menschen wie möglich selbst zurück, legen Gärten an und bilden Gemeinschaften und Räte, bis wir uns selbstbestimmt jene Welt erschaffen, die auch für die nächsten Generationen noch gut ist.» Das klingt zumindest ein bisschen nach Revolution.

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Die besten Schilder des Klimastreiks

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Die besten Schilder des Klimastreiks
quelle: epa/epa / neil hall
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