171 Lawinenunfälle – warum dieser Winter so gefährlich war
Die aktuelle Lawinensaison war für lange Zeit von einer ungünstigen Altschneeschicht geprägt, wie das SLF in ihrem Rückblick auf den Winter 2025/2026 festhält. Nach einem frühen Winterstart Ende November dominierte bis in den Januar trockenes Wetter mit viel Sonne. Was von Anfang Januar bis in den März zu einer sehr gefährlichen Lawinensituation führte.
Überdurchschnittlich viele Lawinenunfälle
Durch die kritische Lawinensituation und die schwer einschätzbare Altschneeschicht ist es zu überdurchschnittlich vielen Lawinenunfällen gekommen. Bis zum Stichtag am 30. März wurden bei 171 Unfällen 244 Personen erfasst. Davon wurden 37 Personen komplett verschüttet. Der Schnitt der letzten 10 Jahre liegt bei 124 Unfällen mit 182 erfassten und 31 verschütteten Personen klar unter den Zahlen der aktuellen Saison.
Eine solche Lawinensituation mit ausgeprägten schwachen Schichten in der Schneedecke, die sich nur langsam verfestigen, wird als ein Lawinenproblem «Altschnee» bezeichnet.
Insgesamt kamen in diesem Winter 15 Menschen in Lawinen ums Leben, was trotz der vielen Unfälle glücklicherweise nicht weit über dem 10-Jahres-Schnitt (14 Tote) liegt, wie Benjamin Zweifel vom SLF in einem vom Institut veröffentlichten Video festhält.
Lawinenstufe
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5
Anzahl Tote
Gemeldete Lawinenunfälle 2025/26
In der zweiten Januarwoche gab es einige, meist kleinere Schneefälle, welche die schwache Altschneeschicht überlagerten. So kam es auch dazu, dass zwischen dem 10. Januar und dem 22. Februar jeden Tag Personenlawinen, also Lawinen, die von Menschen ausgelöst wurden, registriert wurden.
«Es ist typisch, dass Winter mit so einem schwachen Schneedeckenaufbau zu vielen Lawinenunfällen führen», ordnet Benjamin Zweifel ein und erklärt auch warum: «Diese Altschneeprobleme sind für Skifahrende extrem schwer einzuschätzen, denn selbst Expertinnen und Experten können nicht Einschätzen, wo der Schnee sich lösen könnte, da die schwache Schicht nicht an der Schneeoberfläche erkennbar ist.»
Eine ausserordentliche Lawinensituation
Während der Niederschlag im Dezember und Januar relativ gering ausfiel, folgten im Februar dann teilweise Starkschneefälle. Innerhalb von kurzer Zeit fällt dabei sehr viel Schnee. Zwischen dem 10. und dem 13. Februar wurden 100 bis 150 cm Neuschnee im westlichen und nördlichen Unterwallis vom SLF gemessen. Bis am 18. Februar kamen dann nochmals 90 bis 140 cm dazu, was zu einer ausserordentlich angespannten Lawinensituation führte.
1 = geringe Lawinengefahr
2 = mässige Lawinengefahr
3 = erhebliche Lawinengefahr
4 = grosse Lawinengefahr
5 = sehr grosse Lawinengefahr
Am 17. Februar wurde die höchste Lawinengefahrstufe (Stufe 5) erreicht – das erste Mal seit dem 28. Januar 2021. Ein dritter Starkschneefall vom 18. bis zum 22. Februar brachte im Norden einen weiteren Meter Neuschnee, beendete aber auch die Periode der grossen Schneefälle.
Solche kritischen Lawinensituationen seien immer auch eine Bewährungsprobe für die Lawinenschutzmassnahmen, wie das Lawinenforschungsinstitut schreibt. Lawinendienste leisten mit Sperrungen, Evakuationen und künstlicher Lawinenauslösung einen wesentlichen Beitrag zur Lawinensicherheit.
Bauliche Schutzmassnahmen wie Verbauungen in Lawinenanrisszonen oder Lawinengalerien im Bereich von Verkehrswegen schützen die Infrastruktur zu einem grossen Teil, so das Institut. Denn die ausserordentliche Lawinensituation führte auch zu Lawinenniedergängen auf Bahnlinien. Am 16. Februar fuhr ein Zug bei Goppenstein im Kanton Wallis auf eine niedergegangene Lawine auf. Beim Unfall wurden fünf Personen verletzt.
Ungewöhnlich wenig Niederschlag
Alles in allem war der Winter 2025/2026 von stark unterdurchschnittlichen Schneehöhen in allen Höhenstufen geprägt. Dazu kamen überdurchschnittliche Temperaturen, doch das hauptverursachende Element für die Schneearmut waren laut dem SLF die geringen Niederschläge in den Schweizer Alpen.
Die seit November gemessenen Neuschneesummen betrugen schweizweit nur 50 bis 75 Prozent des langjährigen Mittelwertes. Am grössten war das Schneedefizit im Osten der Schweiz, am kleinsten im Wallis.
Dieser niederschlagsarme Winter ist eine Ausnahme, denn die Forscherinnen und Forscher des SLF erwarten mit dem Klimawandel eher nässere als trockenere Winter. Die geringen Schneehöhen seien hauptsächlich durch die natürliche Klimavariabilität zu erklären. Ähnlich trockene Winter gab es beispielsweise 1957 und 1964.
«Das entspricht nicht dem erwarteten Szenario des Klimawandels, wo tendenziell eher mehr Niederschlag erwartet wird», erklärt Benjamin Zweifel auf Nachfrage. «Was aber mit hoher Wahrscheinlichkeit zu erwarten ist, unabhängig von den Niederschlagsmengen, ist eine steigende Schneefallgrenze und damit auch eine steigende Schneegrenze durch die Erwärmung», so Zweifel weiter.
Entsprechend sei auch das ausgeprägte Altschneeproblem in diesem Winter keine Folge der Erderwärmung. Experte Zweifel hält abschliessend fest: «In hohen Lagen, oberhalb von 2500 m wird Schneearmut, so wie in diesem Winter, vor allem durch wenig Niederschlag verursacht. Und das sind auch die Höhenlagen, wo sich das Altschneeproblem hauptsächlich abspielt.»
