Schweiz
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Der Orte-Verlag und die Schweizer Autorengruppe Olten stellt  am 3. Juli 1980 das Buch

Schweizer Anti-Spiesser im Jahre 1980: Der Orte-Verlag und die Schweizer Autorengruppe Olten stellten das Buch «Die Zürcher Unruhe» vor, das betroffene Jugendliche selbst zu Wort kommen liess. Bild: KEYSTONE

Kommentar

Ein dreifaches Hoch auf den neuen Schweizer Spiesser!



Lieber Kian. In deinem Artikel «Kiffen ist spiessig, deshalb müssten Kiffer gegen die Cannabis-Legalisierung sein», versenkst du die Kiffer zusammen mit den Tätowierten, den Motorradfahrern und den Heavy-Metal-Fans in der Spiesser-Ecke:

«Kiffen ist, was Tätowierungen, Motorradfahren und Heavy Metal schon länger sind: vergangene Symbole der Auflehnung, die ins Gegenteil verkehrt wurden und vielerorts dazu dienen, Spiessigkeit zu kaschieren.»

Kian Ramezani

Als ehemaliger Kiffer und tätowierter Motorradfahrer (ja, Büne, auch die Unterarme), der sich hin und wieder Heavy Metal gönnt, fühle ich mich natürlich ertappt.

Und ich muss gestehen: Die Liste meiner Spiesser-Sünden reicht schier ins Unendliche weiter: Ich schaue zum Beispiel, dass ich nicht zu viel Fleisch esse, nach Alkoholexzessen gibt's gerne Mal eine Woche alkfrei, ich fahre einen Volvo und – jetzt kommt's – ich hatte sogar mal einen Ohrring. Jesus Maria. Einen Ohrring!

Die einzige Spiesser-Sünde, die ich in meinem Leben ausgelassen habe, ist die Freitag-Tasche. Aber vielleicht kommt die ja noch. 

Wieso ich so freimütig zugebe, dass ich ein Spiesser bin? Der Grund ist der Wertewandel der Schweizer Gesellschaft.

Bei einer Pressekonferenz am 28. August 1980 im Restaurant Cooperativo in Zuerich mit, von links nach rechts, Clemens Mettler, Schriftsteller, Emilio Modena, Psychoanalytiker, Pierre Lascha, Journalist, Juerg Meyer, Journalist, wird der neu gegruendete

Und noch mehr Anti-Spiesser: Der 1980 gegründete «Verein pro AJZ» soll beitragen, das Autonome Jugendzentrum (AJZ) der Zürcher Jugendbewegung ideell und finanziell zu unterstützen.  Bild: KEYSTONE

Vor 30 Jahren präsentierte sich die Schweiz noch um Welten homogener, bös gesagt uniformer. Wer ein Sexheftli besass, war ein Grüsel, Dienstverweigerer wurden geächtet und für die Kinder unverheirateter Paare wurden vorsorglich schon mal Plätze in der Sonderklasse reserviert.

Das gesellschaftliche Credo in der Schweiz lautete:

Ja nichts tun, was irgendwie auffallen könnte. Begleitet wurde das Ganze von einem Normenkatalog, der dünner war als eine «Bravo».

Vor 30 Jahren herrschte in der Schweiz Konformität um der Konformität willen. Der meist genannte Unterlassungsgrund – man konnte noch so gute Gegenargumente liefern – lautete: Man tut das nicht, weil man es nicht tut. Basta! In einer solchen Gesellschaft würde ich mich schämen, Spiesser genannt zu werden.

Kian. In deinem Artikel wirfst du Kiffern, Motorradfahrern und Heavys vor, eigentlich Spiesser zu sein. Doch was bedeutet es im Jahre 2016, Spiesser zu sein? Und was muss man im Jahre 2016 in der Schweiz tun, um nicht spiessig zu sein?

Nacktdemo am 15. Juni im heissen Sommer 1980. Die 'Jugendunruhen' in Zuerich begannen am 30. Mai 1980 mit Protesten gegen die Subventionierung des Opernhauses, da Millionen fuer die 'etablierte', aber wenig fuer 'alternative' Kultur ausgegeben werden. Der 'Opernhauskrawall' war Auftakt fuer eine Welle von gewalttaetigen Auseinandersetzungen, wobei den Jugendlichen seitens der buergerlichen Gesellschaft voelliges Unverstaendnis entgegenschlug. Bis 1982 kam die Limmatstadt daraufhin nicht mehr zur Ruhe. (KEYSTONE/Str)

Anti-Spiesser in Zürich im Jahre 1980: Nacktdemo am 15. Juni im heissen Sommer 1980. Die Jugendunruhen in Zürich begannen am 30. Mai mit Protesten gegen die Subventionierung des Opernhauses, da Millionen für die «etablierte», aber wenig für «alternative» Kultur ausgegeben werden. Bild: KEYSTONE

Dank des Aufkommens des oft zu Unrecht gescholtenen Individualismus, der steten Mühlen der Aufklärung und unermüdlicher Pionierarbeit in den verschiedensten Bereichen (siehe Bilder) hat sich die gesellschaftliche Toleranz in den letzten Jahrzehnten vervielfacht. In der Schweiz im Jahre 2016 wird so ziemlich alles toleriert, was keinen Schaden anrichtet. Und – das ist nun die Krux – was von der Gesellschaft ohne Wimpernzucken toleriert wird, ist bieder. Es ist spiessig.   

Pornos gucken? Na und? Mit dem schwulen Kollegen essen gehen? Wen interessiert's. Du schaust aufs Kind, während deine Partnerin ihre Karriere pusht? Spiesser. Sich zum dschihadistischen Salafismus bekennen. Okay – das ist unspiessig. Ungeschützter Geschlechtsverkehr in einem prall gefüllten Darkroom – auch recht unspiessig. Beides zusammen – ultra-unspiessig. Aber die beschriebenen Akte – so unspiessig, wie sie sind – sind eben auch reichlich dumm.

Und wenn nur noch Dummheit unspiessig ist, dann bin ich gerne Spiesser.

Ich will damit nicht sagen, dass in der Schweiz alles in Butter ist und damit die Jugend aus ihrer Verantwortung zur Rebellion nehmen: Wir sind noch immer eine Angstgesellschaft mit einer verknorzten Niederlagenkultur. Unser Verhältnis zu Ausländern und zum Islam ist kompliziert. Ausserdem droht das Joch der Political Correctness und damit noch mehr Humorlosigkeit. 

Was ich aber sagen will, ist, dass sich die Schweizer Gesellschaft in den letzten 30 Jahren geöffnet hat, toleranter geworden ist, sich verbessert hat – und mit der Gesellschaft hat sich auch der Spiesser-Begriff gewandelt. Der Forscher und Soziologe Prof. Dr. Klaus Hurrelmann stellt auf Vice.com fest, der Begriff «Spiesser» habe an Sprengkraft verloren. Was früher mal eine Beleidigung war, ist heute ein Eingeständnis. Es ist okay, dass du bist, wie du bist!

Jugendliche der

Anti-Spiesser, die vierte: Jugendliche der «Bewegung der Unzufriedenen» demonstrieren am 17. August 1980 in der Innenstadt von Bern für mehr Freiräume. Beim Rathaus überreichen sie eine Petition mit über 4000 Unterschriften, welche ein freies Begegnungs- und Kulturzentrum fordert.
Bild: KEYSTONE

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