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Billig-Krankenkassen schlagen massiv auf – schuld ist der neue Risikoausgleich

Der neue Risikoausgleich richtet sich gegen Billigkassen, die ihre Prämien deutlich erhöhen müssen. Es profitieren Kunden von Concordia, CSS, Helsana, KPT, Sanitas und Visana.
09.09.2016, 05:3909.09.2016, 07:51
Roman Seiler / Aargauer Zeitung

Zahlen, Zahlen, Zahlen: Auf 78 Seiten listet die Stiftung für die gemeinsame Einrichtung über die Krankenversicherung (KVG) auf, wie viel Krankenversicherer gesunde und kranke Kunden kosten. Aufgrund dieser Kosten wird berechnet, wie viel Geld ein Grundversicherer in den Risikoausgleich zahlen muss. Oder wie viel Geld er dafür erhält. Die in Solothurn domizilierte Stiftung wickelt diesen Ausgleich (siehe Box) unter den Krankenversicherern ab.

Assura zahlt am meisten

Im vergangenen Jahr überwiesen Kassen mit tendenziell jüngeren, gesünderen Kunden 1,64 Milliarden Franken an Konkurrenten mit älteren und daher oft kränkeren Versicherten. Der grösste Betrag floss an die Helsana (siehe Tabelle). Am meisten bezahlt hat die Assura. Ihr Geschäftsmodell zielt darauf, Versicherte anzuziehen, die bereit sind, Rechnungen für Behandlungen von Ärzten oder für Medikamente erst dann einzuschicken, wenn sie die Höhe der gewählten Franchise überstiegen. Dafür verlangt die Discount-Kasse günstige Prämien und zieht damit vor allem Gesunde an.

Ob dies auch in Zukunft funktioniert, ist offen. Denn der Risikoausgleich wird nun auf 2017 zum zweiten Mal angepasst. Gemäss eines Probelaufs der Gemeinsamen Einrichtung KVG auf der Basis der Daten der Grundversicherung von 2015 erhöht sich das Umverteilungsvolumen um 240 Millionen auf 1,88 Milliarden Franken. Das bedeutet: Die Ausgaben der Risikoausgleichs-Zahler erhöhen sich um rund 15 Prozent. Wegen dieser zusätzlichen Kosten müssen diese Versicherer ihre Prämien für das nächste Jahr entsprechend stärker anheben. Dafür fällt der Anstieg bei den Bezügern tiefer aus.

Risikoausgleich: So funktioniert es
In der Grundversicherung zahlen Erwachsene in derselben Region die gleiche Prämie. Weil junge Versicherte meist tiefere Kosten haben als ältere, gibt es einen Risikoausgleich zwischen den Kassen. Wer mehr ältere, kränkere Kunden hat, erhält Geld von Kassen mit jüngeren, gesünderen Versicherten. Lange berücksichtigte der Risikoausgleich nur Alter und Geschlecht. Seit 2012 wird auch berücksichtigt, ob ein Versicherter während mindestens dreier Tage in einem Pflegeheim oder Spital behandelt worden ist. Ab 2017 werden neu die Medikamentenkosten in die Ausgleichsformel aufgenommen. Damit soll die Jagd auf gute Risiken, sprich meist jüngere, gesündere Versicherte, erschwert werden. Das lohnte sich bisher für Krankenversicherer mehr, als darauf zu achten, dass Kunden möglichst tiefe Gesundheitskosten generieren. (sei)

Aufschläge von bis zu 10 Prozent

Auf der Basis der für 2015 geleisteten Zahlungen in den Risikoausgleich schätzt die «Aargauer Zeitung», wie hoch der Prämienaufschlag der Risikoausgleich-Zahler im kommenden Jahr ausfallen dürfte. Im Schnitt beläuft sich die Erhöhung der Grundversicherungsprämie mit Minimalfranchise inklusive Unfall wohl auf 4,5 Prozent. Bei den Zahlern in den Risikoausgleich ist der Anstieg höher:

  • Die Assura kostet der Risikoausgleich im kommenden Jahr 109 Millionen Franken mehr. Das entspricht 4,5 Prozent des Prämienvolumens. Daher dürften die Waadtländer ihre Prämien erneut um neun Prozent anheben.
  • Bei den Groupe-Mutuel-Kassen ist die EasySana am stärksten betroffen. Sie dürfte ihre Prämien um mehr als 6,5 Prozent erhöhen. Bei der Avenir und der AMB dürfte sich der Aufschlag auf 5,5 Prozent belaufen, bei der Mutuel und der Philos auf rund fünf Prozent.
  • Bei der Sanagate, der Billigkasse der CSS-Gruppe, beträgt der Aufschlag rund 10 Prozent. Die Zunahme der Risikoausgleichszahlungen übersteigt sechs Prozent des Prämienvolumens. Die Prämien der Arcosana dürften um mehr als 6 Prozent steigen.
  • Von der Compact, der Billigkasse der Sanitas Gruppe, fliessen rund 5 Millionen Franken mehr in den Risikoausgleich. Daher zahlen Versicherte ab Januar im Schnitt gegen 10 Prozent mehr.
  • Sana24, die eine der zwei Visana-Billigkassen, wird die Prämien um mehr als 6,5 Prozent anheben. Bei der anderen – Vivacare – schlägt die Risikoausgleichserhöhung kaum durch. Der Anstieg dürfte in etwa dem Branchenschnitt von 4,5 Prozent entsprechen.
  • Die Agrisano und die ÖKK müssen daher um rund 5,5 Prozent aufschlagen. Das gilt auch für die ÖKK-Tochter Flaachtal.

Die Aufschläge können je nach Region, gewählter Franchise und Versicherungsmodell höher oder tiefer ausfallen. Die Grundversicherer kommentieren die Schätzungen nicht. «Das verbietet das Gesetz», sagt CSS-Sprecherin Christina Wettstein. Das Bundesamt für Gesundheit achtet eisern darauf, dass die Prämien bis zur Genehmigung unter dem Deckel gehalten werden.

Unbedingt Prämien vergleichen
Wegen der Anpassung des Risikoausgleichs lohnt sich ein Vergleich der Grundversicherungsprämien für 2017. Das Bundesamt für Gesundheit wird die Prämien frühestens in der letzten Septemberwoche veröffentlichen. Erst danach kann auf Vergleichsportalen wie bonus.ch, comparis.ch, priminfo.ch oder vzonline.ch nachgesehen werden, welche Krankenversicherer an ihrem Wohnort am günstigsten sind. (sei)

Visana-Sprecher David Müller sagt: «Unsere Grundversicherer werden für 2017 konkurrenzfähige Prämien anbieten.» Für Groupe-Mutuel-Sprecher Christian Feldhausen sind diese Schätzungen «reine Spekulationen». Gemäss der Analysen der Gruppe habe das neue Kriterium beim Risikoausgleich je nach Versicherer und Prämienregion stark unterschiedliche Auswirkungen.

Billigkassen verschwinden

Die Groupe Mutuel hat vor der ersten Verfeinerung des Risikoausgleichs die Zahl ihrer Grundversicherer von 15 auf 4 reduziert. Dies kopieren nun auch andere. Die Sanitas fusioniert gemäss Branchenkennern mit der Wincare. Die Helsana übernimmt die Billigkasse Avanex. Deren Prämien müssen daher wegen der Anpassung des Risikoausgleichs weniger stark erhöht werden. Zudem werden die Helsana-Töchter Progrès und Sansan zusammengelegt. Deren Aufschlag dürfte mit 4,5 Prozent durchschnittlich ausfallen.

Jetzt auf

Bis 2019 dürften weitere Billigkassen verschwinden. Dann erfolgt eine weitere Verfeinerung des Risikoausgleichs. Für Krankenversicherer ist es nachher endgültig interessanter, auf Managed-Care-Angebote zu setzen. Wer sie bucht, muss im Krankheitsfall stets zuerst eine telefonische Beratung in Anspruch nehmen respektive seinen Hausarzt oder seine Gruppenpraxis aufsuchen. Damit lassen sich unnötige Behandlungen vermeiden, was Kosten spart und daher die Prämienaufschläge dämpft.

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98 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Matthias Studer
09.09.2016 08:23registriert Februar 2014
Nein, wählt nicht die Einheitskasse haben sie gesagt. Es muss ein Wettbewerb herrschen haben sie gesagt. Eine Einheitskasse wird viel teurer haben sie gesagt.
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Humbolt
09.09.2016 06:37registriert Dezember 2015
Mal schauen ob dieser Artikel mehr als 20 comments bekommt.
Hauptsache die Glocken, die Burka, der Halbmond und noch andere, für unser alltägliches Leben, so relevante Themen werden heiss diskutiert, während hier langsam die Mittelschicht zerstört wird.
Ohne breite Mittelschicht keine CH wie wir sie kennen!
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Kaiserin
09.09.2016 07:30registriert Dezember 2014
Tja, hätten wir doch bloss eine Einheitskasse...
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