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Die Ausbildung der Landwirte wird zurzeit revidiert: Bio soll wichtiger werden. Bild: Shutterstock

Umweltökonom: «Die Ausbildung der Landwirte ist pestizidlastig»

Junge Landwirtinnen und Landwirte lernen in der Berufsausbildung zu wenig über nachhaltige Landwirtschaft, so die Kritik. Der Bauernverband will sie revidieren – aber schliesst einen namhaften Player aus.



Das Ziel steht fest, doch der Weg ist umstritten: Die Landwirtschaft soll ökologischer werden. So steht es in der Botschaft zur Weiterentwicklung der Agrarpolitik (AP22+). Die Trinkwasser- und Pestizidinitiative wollen das erreichen. In der Debatte vor der Abstimmung wird nun die Kritik an der Berufsausbildung der Landwirtinnen und Landwirte erneut laut: Sie sei veraltet, konventionell und pestizidlastig.

Wer Landwirt werden will, absolviert meistens eine dreijährige Berufslehre. Denn der Fähigkeitsausweis «Landwirt/in EFZ» ist für diesen Beruf relativ wichtig. Hier einige Punkte, was die Grundbildung bietet:

Lehre nach alter Schule

Roman Eicher hat seine Lehre zum Landwirten vor vier Jahren abgeschlossen. Er beitreibt heute einen Bio-Bauernhof und hätte sich gewünscht, dass seine Ausbildung weniger konventionell gewesen wäre. «Wir lernten sehr wenig über biologische, nachhaltige Landwirtschaft.»

Er nennt als Beispiel das Lehrmittel im Pflanzenbau-Unterricht. «Dort stand, welches Herbizid von welchem Hersteller für welches Unkraut eingesetzt wird. Alternative Anbaumethoden wurden kaum erwähnt.»

Eicher heisst eigentlich anders. Er will seinen Namen hier nicht lesen, denn er fürchtet Anfeindung von Berufskollegen. Und vom Bauernverband. «Wer nicht ins System der Bauernlobby passt, der wird ausgeschlossen», sagt er. Es sei nicht das erste Mal, dass sich der Jungbauer kritisch in der Öffentlichkeit äussere. «Ich erhielt böse Briefe und der Bauernverband wies mich an, ich solle mich zurückhalten. Aber so läuft das.»

«Die Ausbildung der Landwirte ist einseitig auf den chemischen Pflanzenschutz ausgerichtet.»

Ueli Bernhard, Umweltökonom

Einer, der den Bauernverband unverblümt kritisiert, ist der Umweltökonom Ueli Bernhard. Er befasst sich seit mehreren Jahren mit der Berufsausbildung von Bäuerinnen und Bauern und findet: «Die Ausbildung der Landwirte ist pestizidlastig. Sie ist einseitig auf den chemischen Pflanzenschutz ausgerichtet.» An den überbetrieblichen Kursen, in denen man die berufliche Praxis übt, würde der mechanische oder thermische Pflanzenschutz nicht geschult.

Es sei Zeit für ein Umdenken, sagt Bernhard. Seiner Meinung nach sollte jede Bäuerin und jeder Bauer selber entscheiden können, was sie lernen möchten. «Heute prasseln starre Bildungsstrukturen auf die Lernenden ein. Alle, die einen neuen Weg gehen möchten, weg von der konventionellen Landwirtschaft, sollen das können», so der Umweltökonom.

Schwerpunkt Biolandbau

Der aktuelle Bildungsplan sieht bereits eine gewisse Flexibilität vor, etwa mit dem Schwerpunkt Biolandbau. Lernende, die ihn wählen, besuchen im dritten Lehrjahr eine separate Bioklasse in den Fächern Pflanzenbau und Tierhaltung. Allerdings verlangt die Bildungsverordnung, dass der Lehrling während mindestens einem von den drei Lehrjahren in einem anerkannten Bio-Lehrbetrieb arbeiten muss.

Das war die Hürde, die den Bio-Bauer Eicher in seiner Lehre davon abhielt, den Schwerpunkt Biolandbau zu wählen. «Für den Schwerpunkt hätte ich in einen Bio-Betrieb wechseln müssen. Aber ich hatte ja bereits einen Lehrvertrag und mir gefiel es sehr in diesem Betrieb. Deshalb verzichtete ich.»

In der Schweiz nehmen die Bio-Betriebe kontinuierlich zu. Von insgesamt 44'000 Bauernhöfen zählte «Bio Suisse» im Jahr 2019 rund 7400 Bio-Betriebe. Fünf Jahre zuvor waren es noch 1000 weniger. Das schreibt der Branchenverband in seinem Bericht. Trotzdem entschied sich nur ein kleiner Teil der Lernenden für den Schwerpunkt Biolandbau.

Ausbildung komplett revidieren

Der Schweizer Bauernverband hat die Probleme in der Bildung erkannt und will sie ändern. Ende April begannen unterschiedliche Arbeitsgruppen damit, das Qualifikationsprofil, den Bildungsplan und die Bildungsverordnung zu überarbeiten. Ein erklärtes Ziel der Revision: mehr Bio.

«In den ersten zwei Lehrjahren wird künftig ‹nachhaltige Landwirtschaft› für alle unterrichtet. Alle Lernenden brauchen die notwendigen Grundkenntnisse dazu», sagt Petra Sieghart. Sie ist Geschäftsleiterin der «Organisation der Arbeitswelt» (OdA) AgriAliForm, die für die Revision zuständig ist. Ausserdem soll es im dritten, beziehungsweise im vierten Lehrjahr eine Fachrichtung Bio geben. Es sei geplant, dass die Dauer der Lehre je nach Vertiefung und Lehrbetrieb um ein Jahr ausgedehnt wird, so Sieghart.

Die Pläne liegen also auf dem Tisch. Doch was umgesetzt wird, bestimmen schlussendlich die Berufsverbände, die in der OdA AgriAliForm vertreten sind. Wie der Schweizer Bauernverband (SBV) ist auch «Bio Suisse» in der Bildungskommission und soll die Revision mitgestalten.

Umstrittene Besetzung

Der Umweltökonom Ueli Bernhard verspricht sich wenig vom Revisions-Projekt. Einer seiner Hauptkritikpunkte ist: «Progressive Bauernorganisationen sind nicht in der Bildungskommissionen vertreten. Imker, Demeter oder die regenerative Landwirtschaft haben keine Mitspracherechte», so Bernhard.

Demeter Schweiz hat seinerseits beantragt, bei der Revision mitzuarbeiten. Doch der Bauernverband SBV lehnte ab. SBV-Vorstandsmitglied Jakob Lütolf begründet den Entscheid damit: «Demeter ist Mitglied bei ‹Bio Suisse› und damit sind sie ja eingebunden.»

Der Beruf soll nachhaltiger werden, das sei unbestritten, sagt Lütolf. Er findet aber trotzdem: «Die Grundausbildung muss weiterhin in die Breite gehen und in einem zweiten Schritt Spezialisierungen ermöglichen. Wir möchten keine ‹Fachidioten› ausbilden.»

«Die Abstimmung sollte keine grosse Rolle spielen, wir können sowieso nicht so weitermachen wie bisher.»

Petra Sieghart, Leiterin Bildungsverein OdA AgriAliForm

Die Revision der Grundbildung der Landwirtinnen und Landwirte soll bis im August 2024 abgeschlossen sein. Nur: Was passiert, wenn das Stimmvolk in der Zwischenzeit die Trinkwasser- oder Pestizidinitiative annimmt? Sieghart sagt dazu: «Das sollte eigentlich keine grosse Rolle spielen, wir können sowieso nicht so weitermachen wie bisher. Das Ziel ist, mit immer weniger und schliesslich ohne synthetische Pflanzenschutzmittel auszukommen.»

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