DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Jährlich gehen in der Schweiz 2000 Tonnen Pestizide über den Ladentisch.
Jährlich gehen in der Schweiz 2000 Tonnen Pestizide über den Ladentisch.
Bild: KEYSTONE

Die 7 wichtigsten Punkte zu den Trinkwasser- und Pestizid-Initiativen

Wie weiter in der Landwirtschaft? Gleich zwei Volksinitiativen nehmen sich dieser Frage an. Im Juni stimmen wir über die Trinkwasser- und Pestizidinitiative ab. Wir beantworten die sieben drängendsten Fragen.
25.03.2021, 11:4806.04.2021, 11:01

Am 13. Juni 2021 stimmen wir über gleich zwei Initiativen ab, die sich mit der Landwirtschaft und Pestiziden beschäftigen. Unser Trinkwasser und dessen Verunreinigung spielen dabei eine eminente Rolle. Aber der Reihe nach:

Wie sauber ist unser Trinkwasser wirklich?

Im Januar 2020 sorgte eine Meldung aus Solothurn für Schlagzeilen: Der Kanton meldete, dass das Trinkwasser zu viel Chlorothalonil enthielt.

80 Prozent des Schweizer Trinkwassers stammt aus Grundwasserreserven. Der Rest wird gedeckt von Seewasser, das aufbereitet wird.
80 Prozent des Schweizer Trinkwassers stammt aus Grundwasserreserven. Der Rest wird gedeckt von Seewasser, das aufbereitet wird.
Bild: DPA

Das Pflanzenschutzmittel wird von Bauern seit den 1970er-Jahren zum Schutz von Gemüse und Früchten eingesetzt. Das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) hat diese Chlorothalonil-Rückstände aufgrund neuer Erkenntnisse als relevant für die Trinkwasserqualität eingestuft. «Wegen der neuen Grenzwerte gelten neuerdings diverse Grundwasservorkommen als verunreinigt», sagt Michael Schärer, Leiter der Sektion Gewässerschutz beim Bundesamt für Umwelt, in einer Mitteilung.

Grundwasser-Qualität im Detail
Gemäss dem Bundesamt für Umwelt (BAFU) wird die Qualität des Grundwassers durch Nitrat und Rückstände von Pflanzenschutzmitteln beeinträchtigt.

Nitrat: Die Salze der Salpetersäure werden häufig zum Düngen eingesetzt und überschreiten landesweit an fast 15 Prozent aller Messstellen den Grenzwert von 25mg/l im Grundwasser.

Pflanzenschutzmittel: Rückstände von Pflanzenschutzmitteln werden landesweit an mehr als der Hälfte der Messstellen gemessen.

Flüchtige organische Verbindungen: Flüchtige halogenierte Kohlenwasserstoffe (FHKW) werden am häufigsten im Grundwasser nachgewiesen und überschreiten an drei Prozent der Messstellen den Grenzwert.

Arzneimittel: Arzneimittel gelangen über die Kanalisation in Flüsse und Bäche und von dort ins Grundwasser. An rund zehn Prozent der Messstellen im Grundwasser wurden Arzneimittel nachgewiesen.

Grundsätzlich hat das Schweizer Trinkwasser aber eine gute Qualität, so das BLV. Und es wird auch regelmässig auf mikrobiologische, chemische und mikro-Verunreinigungen überprüft.

Was will die Trinkwasser-Initiative?

Wie bereits in Punkt eins geschildert, wird das Trinkwasser vielerorts durch Pestizide verunreinigt. Diese Schadstoffe gelangen unter anderen durch die Landwirtschaftsproduktion in Böden und Gewässer.

Bild: KEYSTONE

Genau das will die Volksinitiative «Für sauberes Trinkwasser und gesunde Nahrung – keine Subventionen für den Pestizid- und den prophylaktischen Antibiotikaeinsatz» verhindern. Die Initiantinnen verlangen, dass Bäuerinnen und Bauern künftig nur noch Direktzahlungen erhalten, wenn sie ohne Pestizide und Antibiotika produzieren und das Trinkwasser nicht verschmutzen. Zudem will die Initiative, dass Betriebe nur so viele Tiere halten, wie sie mit auf dem Betrieb produzierten Futter ernähren können.

Konkret soll dafür Artikel 104 in der Bundesverfassung ergänzt werden, dass nur noch Subventionen erhält, wer keine Antibiotika prophylaktisch in der Tierhaltung einsetzt. Wird die Initiative angenommen, müsste der Bund den Vollzug der Vorschriften überwachen. Für die Umsetzung hätte die Politik acht Jahre Zeit.

Wer steckt hinter der Initiative?

Hinter der Initiative steht der Verein «Sauberes Wasser für alle». Deren Präsidentin, Franziska Herren, vom «Blick »auch schon als «Bauernschreck» bezeichnet, ist die treibende Kraft hinter dem Anliegen. Herren findet, dass das heutige System Fehlanreize schafft. «Wir subventionieren unsere eigene Wasserverschmutzung, mit Steuergeld, mit 3,5 Milliarden im Jahr», sagte Herren gegenüber der NZZ.

Herren und ihr Verein erhalten Unterstützung von verschiedenen parteiunabhängige Wissenschaftlerinnen, Biobauern sowie Umwelt- und Naturorganisationen wie der schweizerische Fischerei-Verband, Greenpeace oder Pro Natura. Im Parlament stimmten SP, Grüne und GLP mehrheitlich für die Initiative.

So soll die Bundesverfassung angepasst werden

bild: screenshot/bk.admin.ch

Laut dem Pro-Lager sei es an der Zeit, dass die seit über zwanzig Jahren geltenden Umweltziele der Landwirtschaft endlich erreicht werden. Die Umlenkung der Subventionen wird es den Landwirtinnen laut Initianten ermöglichen, im Einklang mit den natürlichen Lebensgrundlagen wirtschaftlich erfolgreich zu produzieren. Zudem würde die Initiative die Auslandsabhängigkeit der Schweizer Lebensmittelproduktion wesentlich reduzieren und die Entwicklung von antibiotikaresistenten Bakterien stoppen.

Wer ist dagegen?

Der stärkste Gegenspieler der Initiantinnen ist der Schweizer Bauernverband (SBV). Für den SBV geht die vorgesehene Verfassungsänderung viel zu weit. Würde die Initiative angenommen, gäbe es aus Sicht des Nein-Komitees künftig weniger einheimische Produktion, mehr Importe, höhere Lebensmittelpreise, mehr Food Waste sowie einen Verlust von Arbeitsplätzen und der Wertschöpfung.

Auch der Bundesrat und eine bürgerliche Mehrheit im Parlament lehnen die Initiative ab. Das Grundanliegen der Initiantinnen sei zwar berechtigt, halten die meisten Gegner fest. Doch mit der eben vom Parlament verabschiedeten Vorlage zur Reduktion des Pestizideinsatzes werde das Grundziel der Initianten bereits erreicht. Darin wird etwa vorgeschrieben, dass die mit dem Einsatz von Pflanzenschutzmitteln verbundenen Risiken für Flüsse und Seen, naturnahe Lebensräume und als Trinkwasser genutztes Grundwasser bis 2027 um die Hälfte reduziert werden sollen.

Was will die Pestizid-Initiative?

Ein Helikopter der Air Glacier besprüht im Wallis Reben gegen Ungeziefer.
Ein Helikopter der Air Glacier besprüht im Wallis Reben gegen Ungeziefer.
Bild: KEYSTONE

Wie es der Name schon sagt, beschäftigt sich auch die Initiative «Für eine Schweiz ohne synthetische Pestizide (Pestizidinitiative)» mit Pestiziden. Die Initiantinnen und Initianten wollen synthetische Pestizide verbieten. Die Mittel sollen in der Schweiz nicht mehr eingesetzt werden dürfen. Zudem beinhaltet die Vorlage ein Importverbot für Lebensmittel, die mit Hilfe synthetischer Pestiziden hergestellt wurden. Die Verbote sollen spätestens zehn Jahre nach einer Annahme der Volksinitiative in Kraft treten.

Pestizide im Detail
Gemäss dem Bundesamt für Umwelt (BAFU) gehen in der Schweiz rund 2000 Tonnen Pestizide* über den Ladentisch. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) definiert Pestizide als chemische Verbindungen, mit denen Schädlinge, Krankheiten und Unkraut bekämpft werden. Pestizide können giftig sein und für Menschen und Tiere eine Gefahr darstellen. Viele Produkte stehen im Verdacht, krebserregend zu sein oder Organe und Nerven zu schädigen. Wenn Pestizide ins Gewässer geraten, werden sie auch ein Problem für das Trinkwasser, weil die Schweiz 80 Prozent ihres Trinkwassers aus dem Grundwasser bezieht.

Wer steckt hinter der Pestizid-Initiative?

Die Initiative lanciert hat der Verein «Future3». Die Initianten argumentieren, dass mit der Initiative die Gesundheit gefördert werde.

Es sei wissenschaftlich belegt, dass synthetische Pestizide der menschlichen Gesundheit bereits in geringsten Konzentrationen schadeten. Die Initiative stärke zudem die Biodiversität. Umwelt, Tiere und Pflanzen würden unter der Verwendung von Pestiziden leiden.

So soll die Bundesverfassung angepasst werden

bild: screenshot/bk.admin.ch

Mit der Initiative werde auch die Landwirtschaft gestärkt, weil das Importverbot die Schweizer Bauernbetriebe schütze. Und schliesslich sei die Initiative wirtschaftsfreundlich, weil Innovationsprozesse die Forschung förderten und eine Chance für KMU und Start-ups seien.

Die Ja-Parole beschlossen haben die Grünen, die SP und die EVP. Die Grünliberalen haben Stimmfreigabe beschlossen. Unterstützt wird die Pestizidinitiative auch von den Verbänden Bio Suisse und Demeter Schweiz.

Wer ist im Contra-Lager?

Der Bundesrat und das Parlament lehnen die Initiative ab. Der Einsatz von Pestiziden sei seit Jahren rückläufig, argumentieren die Gegner. Die Initiative senke den Selbstversorgungsgrad der Schweiz und sei gefährlich für die Ernährungssicherheit, erklärte der Bundesrat.

Ein Importverbot verletzte auch internationale Verträge – insbesondere mit der EU. Gegen die Initiative stellt sich auch der Schweizer Bauernverband (SBV). Er hat eine Studie in Auftrag gegeben, die zum Ergebnis kam, dass mit einem Verzicht auf den Einsatz von Pestiziden die Erträge in der Landwirtschaft um 20 bis 40 Prozent schrumpfen würden. Schliesslich würde auch die Exportwirtschaft unter dem Verbot leiden, sagen die Gegner. Da Pestizide auch zur Einhaltung der Hygienemassnahmen verwendet werden, würde sich die Produktion verteuern.

Die Nein-Parole beschlossen haben die SVP, die FDP und Die Mitte. Der Schweizer Bauernverband (SBV) und zahlreiche weitere landwirtschaftliche Verbände und Lebensmittelproduzenten lehnen die Initiative ebenfalls ab.

Mit Material der sda

*In einer ersten Version dieses Artikels hiess es, dass jährlich 20'000 Tonnen Pestizide über den Ladentisch gehen. Das ist falsch. Es sind nur 2000 Tonnen.

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Hitze: 12 lustige Dinge, die du tun kannst ;-)

1 / 14
Hitze: 12 lustige Dinge, die du tun kannst ;-)
Auf Facebook teilenAuf Twitter teilenWhatsapp sharer

Fische leiden in den Schweizer Gewässer

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Warum dieser Bio-Bauer keine Angst vor der Trinkwasser-Initiative hat

Es brodelt in der Bio-Branche. Die Trinkwasser-Initiative spaltet die Gemüter. Der Berner Bio-Bauer ist enttäuscht über die Nein-Parole von Bio Suisse. Bei einem Rundgang über seinen Hof erzählt er von seiner Vision – und erklärt, warum er kein Nutella isst.

Durch die malerische Landschaft des Berner Seelands, vorbei an den typisch rund geschwungenen Dächern der Berner Bauernhäuser, durch die Gemeinde Grossaffoltern führt ein einsamer Weg auf den Hof von Markus Bucher. Er trägt den lieblichen Namen «Farnigasse». Und die Farnigasse gibt Buchers Reich seinen Namen. Das «Farngut» des Bio-Bauern ist umgeben von blühenden Apfelbäumen und frisch bepflanzten Knoblauch-Feldern. Es ist ruhig auf dem Hof. In der Ferne sind einige Feldarbeitende zu …

Artikel lesen
Link zum Artikel