Eine Träne für «20 Minuten»: Es war ein Zeitgeistphänomen aus der Vorinternet-Ära
Am nächsten Dienstag erscheint die letzte Printausgabe von «20 Minuten». Obwohl sich die Zeiten änderten, bleibt ein Moment der Melancholie: «20 Minuten» war mehr als nur eine Zeitung. Es war ein Zeitgeistphänomen aus der Vorinternet-Ära, das am Ende vom Zeitgeist überholt wurde: Pendler lesen längst keine Pendlerzeitungen mehr.
1999 vom norwegischen Verlagshaus Schibsted gegründet, wurde es schon bald zu einem Publikumserfolg und für die grossen Verlagshäuser mit ihren Bezahltiteln zur Konkurrenz. 2003 setzte der damalige Tamedia-CEO Martin Kall den Schibsted-Verlag mit «Kriegsrhetorik» («Bilanz») unter Druck und drohte mit der Lancierung einer eigenen Pendlerzeitung «Express». Schibsted verkaufte. Anschliessend wurde aus «20 Minuten» dank einer schweizweiten Expansion und dem heute noch bestehenden Internetauftritt eine absolute Cashcow, vom «Express» hörte man nie mehr etwas.
Kurz vor dem Start besuchte ich als einer der wenigen Journalisten mit Projektleiter Sacha Wigdorovits die damalige «20 Minuten»-Druckerei in Vorarlberg. Meine Berufskollegen, meist Bedenkenträger, sahen im Gratisblatt bereits das Ende des Journalismus. Zu Unrecht, war doch das Pendlerblatt ein erfolgreiches Unterfangen, mögliche News-Deprivierte an ein seriöses Medium zu binden. Allein schon deswegen gebührt ihr eine Träne.
Das Absurde: mit «20 Minuten» verschwindet die berühmteste Pendlerzeitung, «Metro», «Cash daily», «.ch», «News», «heute» und «Blick am Abend» taten dies vorher. Die angegriffenen Bezahlzeitungen hingegen existieren immer noch. Was den «20-Minuten»-Claim bestätigt: «Lesen macht sexy!» Selbst, wenn es kostet. (bzbasel.ch)
