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Nemo am ESC 2024: Das sind alle Schweizer Siege und Niederlagen

Nemo am ESC: Hier sind alle Schweizer Siege und Niederlagen bis jetzt

Die ESC-Geschichte der Schweiz ist durchzogen. Aber lange nicht so schlecht, wie man meinen möchte!
28.04.2024, 05:2828.04.2024, 08:57
Simone Meier
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Im Jahr 2014 wurde watson geboren. Die räudige und doch liebenswerte Katze unter den Schweizer Medien. Ein bisschen strange, eine Spur zu auffällig, aber von einer kreativen Verschwendungssucht, die bald viele von euch einzufangen wusste. 2014 sang eine wunderschöne österreichische Dragqueen namens Conchita Wurst am ESC, sang von ihrer Wiedergeburt, davon, dass sie wie ein Phoenix aus der Asche ihres alten Selbst aufgestiegen sei, sie war ein bisschen strange, viel zu auffällig ... und die ESC-Welt legte sich ihr zu Füssen. Conchita (25) gewann. Wir waren Conchita.

Im Jahr 2024 singt Nemo (24) aus der Schweiz darüber, wie es war, «The Code» zu brechen, sich aus der Binarität der «Nullen und Einsen» zu befreien und zu sich selbst zu finden. Nemo ist unser non-binäres Elfenwesen, das seit Wochen gut 25 Prozent aller, die ESC-Wetten abschliessen, auf den ersten Platz setzen. Conchita galt 2014 erst kurz vor dem Finale als Favoritin.

Weil's so schön war: Conchita 2014

Conchita und Nemo erzählen eine ähnliche Geschichte, die des Bruchs mit den Geschlechterzuschreibungen und ihrer persönlichen Befreiung. Conchitas Performance war im Vergleich majestätischer, ihre Stimme voller als die von Nemo, dafür ist Nemos Nummer weit interessanter, ist grosse Rock-Rap-Oper, die «Bohemian Rhapsody» dieses Frühlings auf jeden Fall. Und Nemos Gewinnchancen am 11. Mai in Malmö scheinen nicht nur intakt, sondern sogar überragend.

Und da wir hier im Universum der Jahreszahlen und Vergleiche gelandet sind, wenden wir uns doch einmal der ebenso glorreichen wie miserablen Schweizer ESC-Vergangenheit zu. Die heuer dank Nemo möglicherweise zu einem glücklichen neuen Höhepunkt findet.

Weil's so schön wird: Nemo 2024

1. Plätze

Das Beste kommt zuerst!

  • 1956: Lys Assia mit «Refrain».
  • 1988: Céline Dion mit «Ne partez pas sans moi».

Es war der unfassbarste, perfekte Krimi, der sich 1988 in Dublin vollzog. Oder wie der Moderator sagte: «Nun, ich muss euch mitteilen, dass wir Agatha Christie angestellt haben, um das Drehbuch für heute Nacht zu schreiben.» In der allerletzten Sekunde erst entschied sich nämlich, dass die Schweiz gewonnen hatte. Mit einem einzigen Punkt vor Grossbritannien.

Die finale Entscheidung fällte Jugoslawien mit 6 Punkten für uns, 0 für den Gegner und 12 für das sowieso abgeschlagene Frankreich. Und dann stand es 137:136. Für die knapp 20-jährige Kanadierin, die als Nummer 9 in den Wettbewerb ging und mit einer grandiosen Stimme und einer ebensolchen Selbstsicherheit allen die Show stahl. Sie hatte «Geht nicht ohne mich» in unsere Wohnzimmer hineingesungen, und das TV-Publikum begleitete sie begeistert zum Triumph.

Der Krimi von Dublin

Getextet hatte den Hit übrigens die Tessinerin Nella Martinetti, die Musik hatte der türkisch-schweizerische Komponist Atilla Şereftuğ geschrieben. Doch wie waren sie überhaupt zu der Kanadierin, die in ihrer Heimat schon ein ziemlicher Star war, gekommen? Şereftuğ, der den Auftrag hatte, den Schweizer ESC-Beitrag zu schreiben, hatte ein Demotape von Dion gehört und beschlossen, dass sie die eine war. Er komponierte eine Melodie, schickte sie an Martinetti, die den Text beisteuerte, und die beiden flogen nach Montreal, um den Song mit ihrer Wunschsängerin aufzunehmen.

Atilla Sereftug, Céline Dion, Nella Martinetti, Montreal 1988, (Photo by Sobli/RDB/ullstein bild via Getty Images)
Damals stand man noch schamlos auf Pelzmäntel: Şereftuğ, Dion und Martinetti in Montreal.Bild: ullstein bild

2. Plätze

  • 1958: Lys Assia mit «Giorgio».
  • 1963: Esther Ofarim mit «T'en vas pas».
  • 1986: Daniela Simons mit «Pas pour moi».

1963: Esther Ofarim

Exakt 25 Jahre vor Céline Dion hatte die Israelin Esther Ofarim schon einmal fast das gleiche Lied gesungen: Hatte Dion andere Menschen angefleht, nur mit ihr zusammen zu verreisen (Gönd nid wäg ohni mi), so versuchte Ofarim in «T'en vas pas» (Gang nid wäg), jemanden zum Zusammenbleiben zu bewegen. Mit ganz gutem Erfolg, es reichte ihr immerhin zu einem zweiten Platz. Ofarim, die auch Schauspielerin war und etwa im Hollywood-Monumentalfilm «Exodus» von Otto Preminger mitgespielt hatte, lebte in den 60ern mit ihrem ebenfalls singenden Mann Abi Ofarim in Genf.

Der deutsche Musiker Gil Ofarim stammt aus einer späteren Ehe von Abi, er sorgte 2021 für einen Skandal, als er behauptete, Hotelangestellte in Leipzig hätten ihn aufgrund seiner Davidstern-Kette nicht einchecken lassen. Seine Antisemitismus-Vorwürfe erwiesen sich später als haltlos.

3. Plätze

  • 1961: Franca di Rienzo mit «Nous aurons demain».
  • 1982: Arlette Zola mit «Amour on t'aime».
  • 1993: Annie Cotton mit «Moi, tout simplement».
  • 2021: Gjon's Tears mit «Tout l'univers».

2021 Gjon's Tears

Ganze 18 Jahre mussten vergehen, bis Gjon und sein Tränenmeer die Schweiz wieder aufs Treppchen katapultierten. Seine Frisur war ähnlich lockig und eigenwillig wie die von Céline Dion, Kostüm und Performance etwas gewöhnungsbedürftig, aber Song und Stimme waren einfach sehr, sehr schön. Und gross wie das dunkle Universum an einem Tag, der vor lauter Trauer endlos scheint. Toll, toll, toll. Und die Schweizer Sad-Boy-Ballade war erfunden. Eine Rezeptur, die weder 2022 von Marius Bear mit «Boys Do Cry» (er wurde 17.) noch 2023 von Remo Forrer mit «Watergun» (20.) erfolgreich umgesetzt werden konnte.

4. Plätze

  • 1959: Christa Williams mit «Irgendwoher»
  • 1970: Henri Dès mit «Retour».
  • 1976: Peter, Sue & Marc mit «Djambo Djambo».
  • 1980 Paola mit «Cinéma».
  • 1981: Peter, Sue & Marc mit «Io senza te».
  • 2019: Luca Hänni mit «She Got Me».

Gerade unter unseren Viertplätzlern gibt's besonders viele Gewinner der Herzen. Hier sind drei.

1959: Christa Williams

«Iiiiiiiirgendwoheeeer kommt übers Meer eine Liebesmelodiiiie!» Ein steiler Einstieg. Und wie sich Christa Williams aus einem Schweizer Bilderbuch blättert, ist bemerkenswert. Die Sehnsucht gehört allerdings nicht der Heimat, sondern ganz der «Fremde». Wo sich irgendwo einmal das «Märchen vom Glück» vollzogen hatte. Liebestourismus halt. Ein ungemein schwülstiger Schmachtfetzen, dem man sich einfach nicht entziehen kann.

1981: Peter, Sue & Marc

Ahhh, the beauty of it all! Wie anrührend ist die Stimme von Sue! Und erst zwanzig Jahre später wurde die verpönte Panflöte in Shakiras Welthit «Whenever, Wherever» ähnlich überzeugend eingesetzt wie hier von Peter Reber. Der schönste Schweizer ESC-Beitrag, der je geschrieben wurde. «Ich ohne dich, was täte ich. Ich könnt nicht atmen, gäb's dich nicht». Peter, Sue & Marc haben mit diesem Song quasi den Schmetterling des Schweizer Musikschaffens schlüpfen lassen! Und übrigens der vierte von vier Auftritten der Band am ESC. Und der erste von vier ESC-Songtexten von Nella Martinetti.

2019: Luca Hänni

Ach, der Lüggu! Er befreite uns aus dem Loch der absoluten Erfolglosigkeit, das sich die Schweiz in den Nuller- und Zehner-Jahren gegraben hatte. Er machte das ganz unwiderstehlich, locker, unbekümmert, tanzbar. «Despacito» made in Switzerland. Und die Welt tanzte mit.

Sie haben das Finale nicht erreicht

  • 2004: Piero and the MusicStars mit «Celebrate».
  • 2007: DJ BoBo mit «Vampires Are Alive».
  • 2008: Paolo Meneguzzi mit «Era stupendo».
  • 2009: Lovebugs mit «The Highest Heights».
  • 2010: Michael von der Heide mit «Il pleut de l'or».
  • 2012: Sinplus mit «Unbreakable».
  • 2013: Takasa mit «You and Me».
  • 2015: Mélanie René mit «Time to Shine».
  • 2016: Rykka mit «The Last of Our Kind».
  • 2017: Timebelle mit «Apollo».
  • 2018: Zibbz mit «Stones».

Was soll man dazu sagen, ohne sich die Zunge vor Bösartigkeit zu verbrennen? Also am besten nichts. Aber von DJ BoBo hatten nicht nur wir wesentlich mehr erwartet. Und von den Lovebugs und Michael von der Heide möglicherweise auch, sorry Boys. Alle anderen haben sich wahrlich nicht in unsere Erinnerung gefressen.

Letzte Plätze

  • 1964: Anita Traversi mit «I miei pensieri» (0 Punkte).
  • 1967: Géraldine mit «Quel coeur vas-tu briser?» (0 Punkte).
  • 1974: Piera Martell mit «Mein Ruf nach dir».
  • 1998: Gunvor mit «Lass ihn» (0 Punkte).
  • 2011: Anna Rossinelli mit «In Love for a While».
  • Zudem die Ausgeschiedenen von 2004 (0 Punkte), 2010, 2015 und 2016.

Unsere Nullnummer von 2004

Tja, 9 Mal waren wir das letzte Land der ESC-Welt. Und damit es gleich noch schlimmer wird, hier noch die Top Five der Loser der ESC-Geschichte:

  • 1. Finnland: 11 Mal Letzte.
  • 2. Norwegen: 11 Mal Letzte.
  • 3. Schweiz: 9 Mal Letzte.
  • 4. Deutschland: 9 Mal Letzte.
  • 5. Österreich: 8 Mal Letzte.

Die 10 erfolgreichsten ESC-Länder

  • 1. Irland mit 7 Siegen.
  • 2. Schweden mit 7 Siegen.
  • 3. Grossbritannien mit 5 Siegen.
  • 4. Frankreich mit 5 Siegen.
  • 5. Niederlande mit 5 Siegen.
  • 6. Luxemburg mit 5 Siegen.
  • 7. Israel mit 4 Siegen.
  • 8. Italien mit 3 Siegen.
  • 9. Ukraine mit 3 Siegen.
  • 10. Dänemark mit 3 Siegen.
  • Die Schweiz liegt hinter Norwegen, Deutschland und Spanien auf Platz 14 von insgesamt 52. Das ist doch gar nicht so schlecht!

Unsere erfolgreichste ESC-Sprache

Das war bisher nicht Englisch, sondern mit weitem Abstand Französisch. 9 Mal findet sich unsere zweite Landessprache unter den Rängen 1 bis 4, die 3 Bestplatzierten (Lys Assia, Céline Dion, Gjon's Tears) sangen französisch. Trotzdem wird Nemo heuer mit «The Code» den ESC gewinnen. Jedenfalls, wenn es nach uns geht.

Wir von watson werden den ESC 2024 selbstverständlich wieder begleiten. Am 7. (1. Halbfinale), 9. (2. Halbfinale mit Nemo) und 11. Mai (Finale). Wie immer im Liveticker. Mit eurer Beteiligung. Und erst noch mit einer Mitarbeiterin in Malmö!

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42 Kommentare
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Angelo Rizzi
28.04.2024 08:48registriert März 2024
Die Vorschusslorbeeren für Nemo sind enorm. Ich hoffe, er schafft es unter die ersten 10.
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ESC Hopp Schwiz
28.04.2024 08:46registriert Februar 2024
Anna Rosinelli als letzten Platz abzustempeln ist etwas hart, war es damals doch bereits ein Erfolg überhaupt seit längerem mal wieder im Finale vertreten zu sein. Da waren die letzten Plätze in den Halbfinals deutlich bedenklicher. Der Aufschwung seit 2017 ist beachtlich und hätte ich uns nicht mehr zugetraut.
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