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Deshalb braucht es den feministischen Streik immer noch

Jedes Jahr am 14. Juni findet in der Schweiz der feministische Streik statt.
Jedes Jahr am 14. Juni findet in der Schweiz der feministische Streik statt.
Feministischer Streik

Diese 13 Grafiken zeigen, weshalb es den feministischen Streik immer noch braucht

Heute findet in der Schweiz der feministische Streik statt. Wenn du dich nun fragst, weshalb es diesen im Jahr 2024 noch braucht – diese 13 Grafiken zeigen es dir.
14.06.2024, 10:57
Julia Neukomm
Julia Neukomm
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Am 14. Juni sind in den Schweizer Städten wieder ganz viele violette Fahnen, Plakate und Banner zu erwarten – denn der nationale feministische Streik findet statt. Der erste damals noch sogenannte Frauenstreik wurde 1991 – 20 Jahre nach der Einführung des Frauenstimmrechts – von einer gewerkschaftlichen Frauengruppe lanciert. Es nahmen eine halbe Million Frauen daran teil, die unter anderem wegen der ungenügenden Umsetzung des Gleichstellungsartikels protestierten.

Auch 2024 stellen die Gewerkschaften neue Forderungen für mehr Gleichstellung auf.

«Frauen bekommen immer noch weniger Lohn und tiefere Renten. Sie übernehmen mehr unbezahlte Arbeit. Und sie sind mit Diskriminierungen und Belästigungen konfrontiert. Es braucht endlich konkrete Verbesserungen!»
14juni.ch

Wir haben uns gefragt, ob Frauen in der Schweiz wirklich noch Opfer von Gewalt, Belästigungen, Diskriminierung und Benachteiligungen werden und wie die Zahlen und Fakten dazu aussehen. Nach diesen Grafiken wirst du verstehen, weshalb so viele Streikende am 14. Juni auf die Strasse gehen.

Femizide in der Schweiz

Alle zwei Wochen wird in der Schweiz eine Person infolge häuslicher Gewalt umgebracht. 75 Prozent davon sind Frauen und Mädchen, so das Eidgenössische Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann.

Im letzten Jahr sind laut Bundesamt für Statistik (BFS) 16 Frauen, 5 Männer und 4 Minderjährige aufgrund von häuslicher Gewalt getötet worden. Seit Beginn der statistischen Aufzeichnung gab es jedes Jahr deutlich mehr Frauen, die Opfer eines Tötungsdeliktes wurden, als Männer.

Oft wird in diesem Zusammenhang auch der Begriff Femizid verwendet, der ein Tötungsdelikt an Frauen und Mädchen aufgrund ihres Geschlechts beschreibt.

«Frauen haben ein hohes Risiko von geschlechtsspezifischer Gewalt betroffen zu sein. Die Ursachen dafür liegen unter anderem in der fehlenden Gleichstellung der Geschlechter und in hartnäckigen Geschlechterstereotypen.»
Eidgenössisches Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann

Die Zahlen vom BFS bestätigen, dass der Begriff Femizd seine Berechtigung hat – denn Frauen sind mehrheitlich Opfer von Tötungsdelikten häuslicher Gewalt und Männer mehrheitlich Täter. Im letzten Jahr wurden 19 Männer, drei Frauen und eine minderjährige Person als Täter eines Tötungsdeliktes beschuldigt.

stopfemizid.ch
Seit 2020 betreibt Nadia Brügger, Literaturwissenschaftlerin und Autorin, zusammen mit der Datenjournalistin Sylke Gruhnwald und der Grafikerin Pauline Martinet das Schweizer Rechercheprojekt «Stop Femizid».

Anders als das BFS zählt das Schweizer Rechercheprojekt stopfemizid.ch nicht nur die Tötungsdelikte in Folge häuslicher Gewalt, sondern auch die Femizide, in denen die Täter keine Beziehung zu den Opfern hatten. Laut dieser Recherche wurden in diesem Jahr bereits sieben Frauen Opfer eines Femizids. 2023 zählte die Plattform 21 Femizide, darunter drei Mädchen.

Der Femizid in Altstetten:

Anlaufstellen für Opfer von häuslicher Gewalt
Unter häuslicher Gewalt versteht man körperliche, psychische oder sexuelle Gewalt innerhalb einer Familie oder in einer aktuellen oder aufgelösten Paarbeziehung. Betroffene können sich bei den kantonalen Opferhilfestellen melden, die auf der Website der Opferhilfe Schweiz zu finden sind. Die Beratung ist kostenlos, vertraulich und anonym. Sollten sich Frauen zu Hause nicht mehr sicher fühlen, finden sie in Frauenhäusern eine sichere Unterkunft. Weitere Unterstützung bietet das Frauen-Nottelefon. Betroffene Männer können sich an die Anlaufstelle Zwüschehalt oder an das Männerbüro Zürich wenden. Bei Straftaten im Ausland können Schweizer Staatsangehörige die Helpline des EDA kontaktieren: +41 800 24 7 365.

Gewalt an Frauen

Ein Femizid ist die schlimmste Folge von Gewalt an Frauen. Doch Gewalt beginnt oft schon viel früher. Dabei gibt es verschiedene Formen von Gewalt: Körperliche, sexuelle, psychische oder wirtschaftliche.

«Die Zahl der von Gewalt betroffenen Frauen und Mädchen, die sich bei der Polizei oder bei Beratungsstellen melden, hat in den letzten Jahren in der Tendenz zugenommen. Es ist zudem von einer hohen Dunkelziffer auszugehen.»
Eidgenössisches Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann

In der Schweiz haben im letzten Jahr 1261 Frauen und 1166 Kinder Schutz in einem Frauenhaus gesucht. Die Dachorganisation für Frauenhäuser Schweiz und Lichtenstein gibt an, dass 2023 rund 93 Prozent der Gefährder männlich waren (2 Prozent weiblich, 4 Prozent divers und 1 Prozent unbekannt). In 78 Prozent der Fällen ging die Gewalt von einer Paarbeziehung aus.

Gewalt wird oft hinter verschlossenen Türen – dort wo es niemand sieht – ausgeübt. 2023 wurden 11'479 von häuslicher Gewalt geschädigte Personen polizeilich registriert, davon waren über 70 Prozent weiblich (8047 Personen). Bei den beschuldigten Personen handelt es sich zu 71 Prozent um Männer, 26 Prozent um Frauen und 3 Prozent sind Minderjährige.

Sexualisierte Gewalt an Frauen

In der Schweiz hat laut der Stiftung gegen Gewalt an Frauen und Kinder jede fünfte Frau ab 16 Jahren mindestens einen sexuellen Übergriff erlebt und mehr als jede zehnte Frau erlitt Geschlechtsverkehr gegen ihren Willen. Die polizeiliche Kriminalstatistik vom Bundesamt für Statistik hat im letzten Jahr 2384 Frauen und 1442 weibliche Minderjährige registriert, die sexualisierte Gewalt erfahren haben. Seit Beginn der statistischen Aufzeichnung gab es deutlich mehr weibliche Betroffene als männliche.

«Die in der Kriminalstatistik erfassten Fälle sind nur die Spitze des Eisbergs. Sexuelle Übergriffe bleiben in der Schweiz in den allermeisten Fällen unbestraft. Viele Vergewaltigungsopfer werden von Behörden und Justiz im Stich gelassen, während Täter ohne Strafe davonkommen.»
Manon Schick, Geschäftsleiterin von Amnesty

2023 waren 86 Prozent der gemeldeten Opfer weiblich, 14 Prozent waren männlich. Am häufigsten wurde sexuelle Belästigung gemeldet (1427 weiblich und 164 männlich). Danach folgten Straftaten im Bereich sexuelle Handlungen mit Kinder (779 weiblich und 286 männlich). Auch die gemeldeten Vergewaltigungen waren 2023 hoch (822 weiblich und 0 männlich).

Laut den Zahlen vom Bundesamt für Statistik waren 96 Prozent der beschuldigten Personen männlich. Bei allen Straftaten von sexualisierter Gewalt wurden deutlich mehr Männer beschuldigt als Frauen.

Menschenhandel in der Schweiz

Hierzulande sind laut Schätzungen vom Bundesamt für Polizei pro Jahr rund 1500 bis 3000 Personen von Menschenhandel betroffen, gesicherte Zahlen gibt es dazu jedoch nicht. Zirka 80 Prozent der Opfer sind weiblich, so die Fachstelle Frauenhandel und Frauenmigration. Rund zwei Drittel aller betroffenen Personen wurden in der Prostitution ausgebeutet.

Zu den Ursachen schreibt die Opferschutzorganisation:

«Frauenhandel entsteht im Kontext globaler Ungleichheits- und Machtverhältnisse und ist eng mit geschlechtsspezifischer Diskriminierung verknüpft. Frauen haben weltweit weniger Zugang zu Bildung und Erwerbsarbeit als Männer und tragen den Grossteil der Verantwortung für ihre Familien. Die wirtschaftliche Prekarität in ihren Herkunftsländern und die Nachfrage nach billigen und gefügigen Arbeitnehmerinnen in den Zielländern treiben Frauen in die Arme vermittelnder Drittpersonen.»
Fachstelle Frauenhandel und Frauenmigration

Da es sich bei den Opfern von Menschenhandel mehrheitlich um Migrant:innen handelt, werden diese von der Schweizerischen Ausländergesetzgebung oft nicht als Opfer angesehen, sondern werden wegen illegalem Aufenthalt ausgeschafft.

Psychische Gewalt an Frauen

Psychische Gewalt ist oft von aussen unsichtbar. Oftmals ist psychische Gewalt Teil einer Gewaltspirale von Häuslicher Gewalt und ist die häufigste Form der Gewalt in Paarbeziehungen. Unter psychischer Gewalt fallen Beleidigungen, Erniedrigungen, Drohungen, Stalking, Einschüchterungen, Morddrohungen, Erzeugen von Schuldgefühlen, Verbote und Kontrolle.

Die Zahlen der polizeilichen Kriminalstatistik zeigen, dass Drohungen und Beschimpfungen nach Tätlichkeiten die häufigsten Straftaten im Bereich häuslicher Gewalt waren.

Auch bei diesen Straftaten wurden deutlich mehr weibliche Personen als Geschädigte registriert als männliche.

Die Beschuldigten sind mehrheitlich männlich. Da psychische Gewalt oft subtil geschieht und schwer fassbar ist, gehen NGOs von einer grossen Dunkelziffer aus, die alle Geschlechter betrifft. Die meisten Fälle von psychischer Gewalt werden nicht angezeigt.

Wirtschaftliche Benachteiligung von Frauen in der Schweiz

Laut Bundesamt für Statistik liegt das Einkommen von Frauen im Durchschnitt 43,2 Prozent unter demjenigen der Männer (Gender Overall Earnings Gap, GOEG). Grund dafür ist die schlechte Entlöhnung von Berufen mit hohem Frauenanteil. Zudem leisten Frauen im Vergleich zu Männern deutlich mehr unbezahlte Arbeit als Männer.

Auch die höheren Positionen sind in Branchen mit tiefem Lohnniveau und hohem Frauenanteil oft deutlich schlechter bezahlt als ähnliche Postionen in Branchen mit hohem Männeranteil. So ist beispielsweise der durchschnittliche Lohn für Führungsfunktionen in Restaurants, Hotels und im Detailhandel bei 6100 Franken. Der durchschnittliche Lohn für Führungskräfte in männerdominierten Berufen (z.B in der Industrie, auf dem Bau, in der IT) liegt bei rund 9300 Franken.

Fehlende Hilfe in der Kinderbetreuung

Laut Unicef hinkt die Schweiz bezüglich familienergänzender Kinderbetreuung anderen europäischen Ländern weit hinterher. Skandinavische Länder investieren bis zu 2 Prozent des Bruttoinlandprodukts in Kinderbetreuungsangebote, in der Schweiz sind es 0,1 Prozent (die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) empfiehlt 1 Prozent). Damit liegt die Schweiz laut der Analyse von Unicef auf Platz 38 von 41 Ländern. Besonders Familien mit tiefem Einkommen verzichten aufgrund der fehlenden finanziellen Unterstützung auf familienergänzende Kinderbetreuung. Das ist ein weiterer Grund, weshalb Frauen oft viel unbezahlte Arbeit leisten.

Tiefe Frauenrenten

Das Bundesamt für Statistik schreibt von einem Gender Pensions Gap, wenn es um die Renten von Frauen und Männer geht. Dieser Gap entsteht aufgrund dessen, dass Frauen oft Berufe ausüben, die schlechter entlohnt werden und deutlich mehr unbezahlte Arbeit ausüben als Männer und deshalb eine tiefere Rente erhalten. Zwar versucht die AHV diesen Gap als einzige Sozialversicherung auszugleichen, jedoch sind die AHV-Renten so tief, dass niemand im Alter seinen Lebensbedarf alleine mit der AHV abdecken kann. Knapp ein Drittel der Frauen erhält noch immer keine Rente aus der 2. Säule (Pensionskasse). 11 Prozent aller Frauen müssen direkt mit dem Renteneintritt Ergänzungsleistungen beantragen, um über die Runden zu kommen.

Die im letzten Jahr veröffentlichten Zahlen vom BFS aus dem Jahr 2021 zeigten, dass die durchschnittliche Jahresrente von Frauen 35'442 Franken und diejenige der Männer 52'735 Franken betrug. Frauen bekamen somit 17'293 Franken weniger.

Laut den Zahlen von Eurostat hat die Schweiz im europäischen Vergleich einen relativ hohen Gender Pensions Gap, der 2022 über dem europäischen Durchschnitt von 26 Prozent lag.

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Frauenstreik 1991
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Frauenstreik 1991
Plakat zum landesweiten Frauenstreik vom 14. Juni 1991 mit dem Motto: «Wenn Frau will, steht alles still». Das Sujet stammt von Grafikerin Agnes Weber. (bild: schweizerisches nationalmuseum / asl)
quelle: schweizerisches nationalmuseum / asl
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184 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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fuzzy dice
14.06.2024 11:14registriert März 2019
Der Grossteil der aufgeführten Anliegen ist bereits per Gesetz geregelt. Es sind Straftaten, die auch geahndet werden.
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der/die Waldpropaganda
14.06.2024 11:22registriert September 2018
Eine Demo der Frauen ändert (leider) an diesen Statistiken genau nichts. Viel eher müsste man Fragen; woher kommen diese Unterschiede? Ich tippe mal dass ein grosser Teil der Delikte auf ausländische Bürger mit schlechter Integration fallen. Gerade auch das Thema Religion sollte man dabei nicht vergessen.
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der/die Waldpropaganda
14.06.2024 11:25registriert September 2018
Noch zum Thema Berufe, es ist vollkommen egal wie viele Frauen oder Männer in einer Branche arbeiten, wichtig ist, dass sie innerhalb der Branche gleich viel verdienen. Dass es Frauen- und Männerdominierte Branchen gibt, versuchte man (bsp. bei den Informatikern) mit Vorträgen in den Schulen zu ändern, ohne Erfolg. Und in Niedriglohnbranchen die Löhne einfach so zu erhöhen wird nicht funktionieren, ausser man ist bereit z.B. beim Coiffeur das doppelte zu zahlen.
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