Auf den ersten Blick ist es ein Tiktok-Profil wie jedes andere. Die 24-jährige Luzernerin Jennifer Meyer filmt sich, wie sie ihren Keller aufräumt, wie sie sich morgens schminkt, sie zeigt, welche neue Lederjacke sie gekauft hat oder auf welcher Insel sie in den Ferien war. Es sind banale und harmlose Videos. Dinge, die junge Menschen eben posten.
Zwischen Haarölen, Partyoutfits und Tipps für die beste Acai Bowl postet Meyer aber auch Videos, die von einem anderen Leben erzählen. Sie tragen Titel wie «Essstörung», «stationäre Aufenthalte», «Borderline», «Posttraumatische Belastungsstörung» und «die Realität von Antidepressiva». Angeheftet oben im Profil prangt eine Schlagzeile von 20 Minuten: «Mann (59) vergewaltigte 10-Jährige mehrmals».
Jennifer Meyer hat vor rund einem halben Jahr begonnen, ihre Geschichte auf Tiktok zu erzählen. Das erste Video datiert auf den 28. Februar 2024. Sie nennt es «Story of my life», die Geschichte meines Lebens.
Der 28. Februar 2024 ist in dieser Geschichte ein Meilenstein. Er spielt sich im Luzerner Kriminalgericht ab. Es ist der Tag, an dem Jennifer Meyer den Mann wieder sieht, von dem sie sagt, dass er sie über drei Jahre hinweg sexuell misshandelt habe.
In der Anklageschrift wird dem Mann vorgeworfen, sie mindestens dreimal vergewaltigt zu haben. Im selben Zeitraum habe er sich mehrmals selbst befriedigt, während er sie im Intimbereich anfasste. Sie war damals zehn, er Mitte vierzig. Die Staatsanwaltschaft fordert vier Jahre Haft.
In ihrem Tiktok-Video zeigt Jennifer Meyer Bilder von sich als Kind, als Jugendliche, und heute als 24-Jährige. Die Bilder sind mit ihrer Stimme hinterlegt. Sie klingt abgeklärt, als sie beginnt: «Ich bin in meiner Kindheit mehrere Jahre sehr schwer gemobbt worden, auch mit Gewalt. Parallel dazu habe ich sexuellen Missbrauch erlebt, der ebenfalls mehrere Jahre dauerte.»
Es waren verschiedene Faktoren, welche sie in die Arme ihres Peinigers trieben, erzählt Jennifer Meyer nun im «TalkTäglich», im Fernsehstudio von CH Media, wozu auch diese Zeitung gehört. Das Mobbing in der Schule eskalierte, sie wurde geschlagen und bespuckt. Gleichzeitig schieden sich ihre Eltern nach einem langen und emotionalen Trennungsprozess, was die Familie aus dem Gleichgewicht brachte.
«Ich entwickelte Verlustängste», sagt Meyer. Ihre Mutter habe viel gearbeitet, der Vater war nicht mehr da. «Und dann kam der Mann XY in mein Leben.» Sie nennt ihren Peiniger «XY», «diese Person» oder «diesen Herrn». Ihre Eltern hätten ihn gekannt und ihm vertraut. «Ich habe eine Vaterfigur gesucht. Und er hat das schamlos ausgenutzt.»
Wenn sie ihre Geschichte erzählt, egal, ob im Internet oder im Fernsehen, nennt Jennifer Meyer keine Details. Sie weiss, dass sie aus juristischen Gründen keine nennen darf. Es gilt die Unschuldsvermutung.
Die Übergriffe begannen 2010 und dauerten bis 2013, wie der Anklageschrift zu entnehmen ist. Dann verflüchtigte sich der Kontakt. Lange habe sie nicht begriffen, was damals geschehen war, sagt Meyer im «TalkTäglich». Sie habe den Missbrauch als Kind auch nicht unbedingt negativ erlebt. Es war eher ein positives Geheimnis, das sie mit dem Mann teilte. Sie wusste nicht, dass diese Art von «Zuneigung» missbräuchlich war.
Erst als sie mit 17 ihren ersten Freund hatte, bemerkte sie, wie das Geschehene sie immer noch beeinflusste. Sie vertraute sich ihm an, und er ermutigte sie, mit ihrer Mutter zu reden. «Sie ist aus allen Wolken gefallen», sagt Meyer. «Aber sie hat mir sofort geglaubt.»
Sie wendete sich an die Opferberatungsstelle in Luzern. Schliesslich, im Jahr 2020, zehn Jahre nach dem Missbrauch, erstattete sie Anzeige. Nun, weitere vier Jahre später, stand der Mann vor Gericht.
Diese vier Jahre hätten ihr alles abverlangt, erzählt Meyer auf Tiktok. Das Verfahren sei fünfmal beinahe eingestellt worden. Bei einem Vieraugendelikt, erklärt sie ihren Followerinnen, sei es schwierig, Beweise zu erbringen, erst recht ein Jahrzehnt später.
Sie erzählt, wie sie fast fünfzehn Kilogramm abgenommen hat, und sich schliesslich stark untergewichtig nach einem Zusammenbruch im Sommer des letzten Jahres in eine stationäre Klinik einliefern liess. Dort diagnostizierten ihr die Fachleute eine Posttraumatische Belastungsstörung und eine Borderline-Persönlichkeitsstörung.
«Als der Prozess endlich begann, habe ich mich sehr gefreut», sagt Meyer im «TalkTäglich». Sie war zwar nervös und verliess während der Anhörung des Mannes mehrere Male den Raum. Am Ende des Tags klappte sie zusammen, zu viel Stress. Trotzdem hat sie den Tag als bestärkend in Erinnerung. «Mein Gefühl sagte mir: Jenni, es kommt gut für dich. Die Gerechtigkeit wird siegen.»
Doch dann: Freispruch. Im Zweifel für den Angeklagten. «Da ist eine Welt für mich zusammengebrochen.»
Die Urteilsbegründung steht noch aus, aber für Jennifer Meyer ist klar: Sie wird das Urteil weiterziehen. Und sie wird in den sozialen Netzwerken weiter davon erzählen. Auch in schwachen Momenten. «Ich will Frauen Mut machen», sagt sie auf Tiktok. «Der Kampf lohnt sich schon nur, weil ich aus der Opferrolle ausgebrochen und für mich eingestanden bin.»