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Flughafen Zürich: Neue Musik verärgert Autisten

IATA will Rechte der Flugpassagiere einschränken. (Archivbild)
Nicht immer ist es am Flughafen Zürich so leer. Und ruhig.Bild: KEYSTONE

Flughafen Zürich setzt auf neues Sound-Konzept – und verärgert Autisten

Der Swiss-Hub lanciert ein neues, sogenanntes Sound-Konzept, das Passagiere zu hören bekommen. Dies sorgt allerdings für Kritik.
11.04.2024, 13:01
Benjamin Weinmann / ch media
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Studien würden belegen, dass der gezielte Einsatz von Musik das Wohlbefinden steigern kann. So begründet der Flughafen Zürich in einem eigenen Beitrag die Lancierung eines neuen «Sound-Designs». Denn genauso wie die Möblierung oder das Licht einen Ort erlebbar machen würden, hätten auch Klänge Einfluss auf die Wahrnehmung. Tatsächlich kommt Hintergrundmusik auch in anderen öffentlichen Bereichen wie am Hauptbahnhof zum Einsatz.

Bisher habe man eine herkömmliche Playlist eingesetzt, die nur in gewissen Bereichen wie beispielsweise im Shoppingbereich abgespielt wurde, heisst es im Artikel des Flughafens. «Im Rahmen des neuen Sound-Konzepts wurden neun spezifische Zonen entlang der Passagierwege identifiziert», heisst es im Artikel. Während die Musik im Airport Shopping lebendiger sei, würden beispielsweise in den Bereichen Check-in und an den Gates ruhigere Klavier-Klänge oder im Airside Center internationale Musik erklingen. Der Flughafen bleibe aber ein «Silent Airport», Durchsagen würden auf ein Minimum reduziert, um eine ruhige Atmosphäre zu schaffen.

Beim neuen Konzept setzte der Flughafen auf professionelle Hilfe: Ein Projektteam entwickelte es zusammen mit zwei Sound-Agenturen. Sie definierten in Workshops Adjektive, wie der Flughafen Zürich zukünftig klingen soll. «Diese übersetzten die Agenturen dann in Sound. Die musikalische Bandbreite reicht von klassischen Pianoklängen, internationalem Pop und Soul bis zu multilingualem Indie- und Electro-Pop.»

Selbst ruhige Musik kann Schmerzen auslösen

Nur: Vor lauter Adjektiv-Suche ging offensichtlich ein Aspekt vergessen. «An neurodivergente Menschen wurde bei diesem Projekt leider nicht gedacht», sagt Regula Buehler, Geschäftsleiterin der Organisation Autismus Schweiz. Das sei schade. Und dass sich der Flughafen trotz Hintergrundmusik als «Silent Airport» bezeichnet, sei widersprüchlich.

Regula Buehler, Geschäftsführerin von Autismus Schweiz: «An neurodivergente Menschen wurde bei diesem Projekt leider nicht gedacht.»
Regula Buehler, Geschäftsführerin von Autismus Schweiz: «An neurodivergente Menschen wurde bei diesem Projekt leider nicht gedacht.»Bild: www.autismus.ch

Als «neurodivergent» werden Menschen bezeichnet, deren Gehirnfunktionen anders funktionieren als jene des gesellschaftlichen Durchschnitts. Unter den Begriff fallen unter anderem Autismus, ADHS oder Dyslexie.

Buehler betont, dass Menschen mit Autismus Klänge ganz anders wahrnehmen könnten als neurotypische Personen. Selbst an sich ruhige Klassik-Melodien könnten für sie belastend sein und sogar körperliche Schmerzen auslösen. Die Herausforderungen seien aufgrund der vielen Reize gross. So würden zum Beispiel Geräusche nicht gefiltert und alle gleich laut wahrgenommen.

Mehr ruhige Zonen gewünscht

Sie hätte sich gewünscht, dass der Flughafen bei der Neukonzeptionierung der Hintergrundmusik neurodivergente Menschen involviert und die Hilfe von Expertinnen und Experten beigezogen hätte. Sie sagt:

«Am besten wäre aus unserer Sicht gar keine Musik.»

Laut Buehler ist der gesamte Ablauf an Flughäfen für neurodivergente Menschen in der Regel mit grossem Stress verbunden. Ideal wären für sie ruhigere Zonen, in denen sie sich zurückziehen können.

Buehler verweist zudem auf den Flughafen Berlin. Dieser hat als erster Flughafen Deutschlands vor einem Jahr das so genannte Sunflower-Umhängeband eingeführt, so wie der Flughafen London Gatwick bereits 2016. Die Sonnenblume ist ein international anerkanntes Symbol für nicht sichtbare Beeinträchtigungen.

Mit dem Umhängeband, das vom Flughafen gratis abgegeben wird, können Menschen diskret signalisieren, dass sie eine Beeinträchtigung haben, die man mit dem blossen Auge nicht erkennen kann. Dies soll helfen, dass sich das Flughafen- und Airline-Personal - genauso wie andere Passagiere - bewusst sind, dass diese Personen eventuell mehr Unterstützung oder mehr Geduld benötigen.

Der Berliner Flughafen BER bietet das Sunflower-Umhängeband an.
Der Berliner Flughafen BER bietet das Sunflower-Umhängeband an.Bild: Screenshot berlin-airport.com

«Es wäre schön, wenn auch der Flughafen Zürich dieses Konzept übernehmen würde, und wir haben ihn auch schon darauf hingewiesen», sagt Buehler. «Bisher allerdings ohne Erfolg.» Immerhin sei es in Zusammenarbeit mit der Kantonspolizei Zürich, welche die Sicherheitskontrollen am Flughafen durchführt, gelungen, eine eigene Autismus-Karte mit ähnlicher Funktion zu lancieren.

Bisher habe der Flughafen gemeinsam mit Autismus Schweiz zumindest zwei autismusgerechte Tage organisiert, an denen betroffene Personen den Flughafen möglichst in Ruhe und mit Begleitung erleben konnten, um sich auf eine bevorstehende Reise besser vorbereiten zu können. Zudem wünscht sich Buehler, dass auf der Flughafen-Website klar erwähnt wird, dass der Begleitservice für Passagiere mit Behinderung auch von neurodivergenten Menschen genutzt werden kann.

Und wie reagiert der Flughafen auf die Kritik? Sprecherin Elena Stern sagt, die Musik werde lediglich dezent abgespielt, sodass man diese teilweise gar nicht aktiv wahrnehme. «Wir sind uns bewusst, dass Flughäfen und andere hektische Orte insbesondere für neurodivergente Personen eine herausfordernde Erfahrung sein können, weshalb wir stets offen für den Dialog mit verschiedenen Anspruchsgruppen sind.»

Zurzeit prüfe man zudem den von Buehler gewünschten Hinweis auf der Website für die Unterstützung von Betroffenen, auch wenn er ihnen schon heute kostenlos zur Verfügung stehe. Eine Einführung des Sunflower-Symbols sei aktuell aber nicht geplant. Und in Sachen Ruheräume verweist Stern auf Räumlichkeiten der Flughafenkirche, die allen Personen jederzeit offen stünden. Die Fragen, weshalb beim Projekt keine Autismus-Experten angefragt wurden, welche Verbesserungsmöglichkeiten man generell sehe und ob der Flughafen eine für Inklusionsfragen zuständige Person angestellt hat, bleiben unbeantwortet.

Emirates zeigt: Es geht auch anders

Die Fluggesellschaft Emirates gibt sich bei diesem Thema deutlich aktiver. Die Airline erhielt kürzlich eine offizielle Zertifizierung für seine Bemühungen bei der Unterstützung von Passagieren mit Autismus. Diese stellt sicher, dass alle Emirates-Einrichtungen in Dubai die Kriterien für ein komfortables und inklusives Reiseerlebnis für neurodiverse Kunden erfüllen.

So wurden diverse Prüfungen durchgeführt, bei denen alle sensorischen Einflüsse in öffentlichen Bereichen wie Geräuschpegel, Beleuchtung sowie mögliche Zeichen und Gerüche gemessen wurden. Anhand der ermittelten Informationen hat Emirates sensorische Leitfäden entwickelt, die es den Reisenden ermöglichen, die Umgebung zu wählen, die ihren Bedürfnissen am besten entspricht.

Flughafen-Zürich-Sprecherin Elena Stern.
Flughafen-Zürich-Sprecherin Elena Stern.Bild: zvg

Angestellte werden sensibilisiert

Zudem wurde bei rund 29'000 Angestellten des Kabinen- und Bodenpersonals eine Schulung absolviert, die beim Erkennen von Autismus helfen soll und Tipps liefert, wie man betroffene Passagiere unterstützen kann und mit Empathie reagiert.

Ausserdem unterstützt Emirates Reisende, die eine nicht-sichtbare Behinderung angeben, bei der kostenlosen Auswahl geeigneter Sitze. Auch spezielle Mahlzeiten können bis zu 24 Stunden im Voraus bestellt werden. Mit der Emirates-App können Passagiere zudem vor dem Flug ihre Lieblingsfilme oder Musik-Playlists auswählen. Und der «Autism Friendly Guide to Dubai International Airport» erklärt und bebildert Schritt für Schritt jeden Teil der Reise durch den Flughafen bis zum Boarding und gibt Auskunft über die verfügbaren Dienstleistungen. Das Sunflower-Symbol kommt ebenfalls zur Anwendung.

Buehler begrüsst denn auch all diese Massnahmen: «Es wäre Personen im Autismus-Spektrum und anderen neurodivergenten Menschen zu gönnen, dass diese oder ähnliche Massnahmen auch an Flughäfen und bei Airlines in der Schweiz eingeführt werden.»

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143 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Färberfrosch
11.04.2024 10:30registriert Juni 2021
Ich gehöre auch zu der angesprochenen Personengruppe der Neurodivergenten. Aber ganz ehrlich, da find ich die Geräuschkulisse die die ganze Menschenmasse am Flughafen von sich gibt, weitaus störender als Hintergrundmusik. Klar jedes Geräusch weniger ist besser, aber schlussendlich kann mans sowieso nie jedem Recht machen. Ich hab meine geräuschunterdrückenden Kopfhörer immer dabei und wenns mir zuviel wird ist die störende zu laute Umgebung schnell auf Stumm geschaltet.
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NiickName
11.04.2024 10:48registriert Mai 2016
Ich bin selber leicht im Spektrum und generell nervt mich Musik überhaupt nicht. Was mich viel mehr stört ist wild durchgewürfeltes lautes Gequatsche, Gelächter und Geschmatze von allen Seiten. Zusammen mit Musik, die mir nicht gefällt, geht der Puls schon mal in den Panikbereich. Da stellt sich mein Gehirn vor lauter Reizüberflutung schon mal gerne aus. Tipp an alle Mitautisten: Noise-Cancelling Kopfhörer können wahre Wunder wirken.
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Kommissar Rizzo
11.04.2024 11:14registriert Mai 2021
«Am besten wäre aus unserer Sicht gar keine Musik.»

Bin zwar nicht betroffen, aber auch ich als regelmässiger Passagier möchte keine zusätzliche Musik. Es ist ohnehin schon überall laut. Passagiere, Rollkoffer, Durchsagen, Turbinen etc.
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