Migros darf Mega-Schlachthof bauen: Anwohner laufen Sturm dagegen
Aline Crettol und Alaric Kohler blicken auf die 19 Meter hohen Bauprofile auf der Brache vor ihnen. «Man wird die Berge von hier aus nicht mehr sehen», sagen sie. Ihr Blick wandert nach links zu einem schmalen Waldstück mit einem Teich. «Für Tiere wäre dieses kleine Naturschutzgebiet direkt neben einem rund um die Uhr aktiven Industriebetrieb nicht mehr lebenswert.» Dann zeigen sie auf den Bach hinter sich: «Und hier entlang würde wegen Lärm und Gestank niemand mehr spazieren.» Rechts der Brache sind bereits heute Firmen angesiedelt.
Die Sorgen der beiden Einwohner von Saint-Aubin im Kanton Freiburg könnten als Lokalposse abgetan werden – ginge es nicht um einen geplanten Schlachthof, der künftig Supermärkte im ganzen Land versorgen soll. Die Migros-Tochter Micarna will hier in einer Industriezone auf 9,5 Hektaren jährlich rund 30 Millionen Hühner schlachten, um den steigenden Konsum zu decken.
2025 stieg der Pro-Kopf-Verbrauch von Geflügelfleisch um 4 Prozent auf 16,54 Kilogramm. Umweltorganisationen ist die Entwicklung ein Dorn im Auge. Entsprechend emotional führen sie und die Fleischindustrie auch den Streit um das Migros-Bauvorhaben: Wie viel Poulets soll die Schweiz konsumieren – und wo soll es produziert werden?
Hier liegt Saint-Aubin:
Papierkram füllte 40 Postkisten
Insgesamt gingen 1817 Einsprachen gegen den Schlachthof und damit verbundene Projekte in Saint-Aubin ein. Sie stammten aus der ganzen Schweiz, weil Projektgegner im Sommer 2024 auch Unterschriften von zufällig anwesenden Touristen sammelten. Nun hat das Oberamt des Bezirks Broye die Einsprachen beantwortet. Die Antworten auf 40'000 gedruckten Seiten wurden vor Ostern in vierzig Kisten zur Post gebracht. Der Entscheid: Micarna erhält grünes Licht.
Während Organisationen wie Greenpeace noch nicht entschieden haben und Deutschschweizer kaum Beschwerden einreichen dürften, war für Aline Crettol (67) und Alaric Kohler (47) sofort klar: Sie fechten die Baubewilligung an und ziehen notfalls bis vor Bundesgericht. Er ist Präsident des Vereins EcoTransition – La Broye mit über 20 Mitgliedern, sie Kassierin. Mit einem Anwalt bereiten sie eine kollektive Beschwerde vor.
Zwar wissen die beiden Freiburger, dass im Dorf eine Mehrheit hinter dem Bauvorhaben steht. Aber einen Schlachthof in dieser Grösse finden sie schlicht überdimensioniert. «Wir wollen niemandem das Pouletfleisch verbieten, aber wir müssen unseren Konsum reduzieren und dürfen nicht noch mehr Futtermittel importieren.»
Im Rechtsverfahren spielen solche ökologischen Argumente allerdings keine Rolle. Ein Bauprojekt lässt sich nicht mit Klimaschutzbedenken bekämpfen. Stattdessen rücken Nebenschauplätze und formale Haarspaltereien in den Mittelpunkt – ein Fall, der zeigt, wie weit sich juristische Verfahren von Grundsatzdebatten entfernen können.
Erstens geht es um direkte Betroffenheit – etwa um die Frage, ob üble Gerüche zum eigenen Garten durchdringen. Kohler und Crettol sagen, dass dies in ihren einen Kilometer entfernten Häusern im Dorfzentrum der Fall wäre. Sie riechen laut eigenen Angaben selbst den Kaffee der Nespresso-Fabrik aus dem weiter entfernt gelegenen Avenches.
Zweitens geht es um juristisches Kleinklein. Alaric Kohler hat die erhaltenen Unterlagen mit gelben Post-its und Notizen versehen. Besonders die Stelle, laut welcher das Amt für Mobilität des Kantons Freiburg den Schlachthof im Vorfeld ablehnend beurteilte – anders als der Rest der Verwaltung. Die Begründung: Die Verkehrsanbindung sei nicht gesichert. So ist das Verfahren für ein Parkhaus hängig, weil das Dossier im Gleichschritt zum Geflügelschlachthof läuft.
Beweisführung «fast schon lächerlich»
Der negative Vorbescheid war bislang nicht bekannt. Warum gab das Oberamt des Bezirks Broye trotzdem grünes Licht? Die Behörde argumentiert sinngemäss, dass die Verkehrsinfrastruktur parallel zum Bau des Geflügelschlachthofs erstellt werden könne. Allerdings hält auch sie fest: Rechtlich gesehen könne «keine Baugenehmigung» erteilt werden, solange «eine vollständige Erschliessung nicht sichergestellt ist».
Alaric Kohler sieht darin den Beweis, dass das Projekt «viel zu schnell» vorangetrieben werde. Zugleich räumt er ein: «Es ist fast schon lächerlich, dass wir in der Beschwerde mit solchen juristischen Spitzfindigkeiten kämpfen müssen.» Um Aussicht auf Erfolg zu haben, geht es nicht anders.
Lieber würde Kohler über Fragen diskutieren wie: Kann sich die landwirtschaftliche Region um Saint-Aubin einen zusätzlichen Wasserverbraucher leisten, wenn Dürreperioden mit dem Klimawandel häufiger werden?
Für den Betrieb des Schlachthofs in der 2000-Seelen-Gemeinde ist der Bau einer neuen Leitung aus dem sechs Kilometer entfernten Corcelles-près-Payerne nötig. 17 Prozent des Wassers würden zudem aus dem nahen Neuenburgersee oder Murtensee bezogen. Greenpeace hat sich vor Gericht den Kaufvertrag erstritten. Darin sichert der Kanton Freiburg der Micarna mindestens 400 Millionen Liter Wasser pro Jahr zu. So viel, wie über 7500 Personen verbrauchen.
Schweiz-Anteil beim Poulet sinkt
Der Wert im Kaufvertrag entspreche der maximalen technischen Auslegung der Anlage, betont ein Migros-Sprecher. Der effektive Verbrauch liege tiefer und hänge unter anderem von der Auslastung, von Produktionsprozessen und den Hygienevorgaben ab. Ziel ist es, den Verbrauch im Vergleich zur heutigen Produktion im Schlachthof im freiburgischen Courtepin von rund 16 auf unter 10 Liter pro Poulet zu senken. Auch wirbt Micarna mit höherer Energieeffizienz, Solarpanels auf dem Dach und verbessertem Tierwohl für den Neubau.
Die bestehende Anlage in Courtepin erreicht das Ende ihrer Lebensdauer. «Ohne diese lokale Produktion müsste bei gleichbleibender Nachfrage vermehrt Poulet aus dem Ausland importiert werden», sagt ein Sprecher. Dieses erfülle nicht die gleichen strengen Anforderungen wie die Schweizer Produktion. Sofort denkt man an Chlorhühner.
Schon heute liegt der Inlandanteil beim Geflügel tiefer als bei anderem Fleisch. 2025 stammten 61,9 Prozent der Poulets aus der Schweiz, zwei Prozentpunkte weniger als im Vorjahr. Ohne Schlachthof in Saint-Aubin wird der Wert weiter sinken – es sei denn, der Konsum nimmt ab. (aargauerzeitung.ch)

