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Die Inszenierung von Loredana, die eigentlich Loridana Aliu Zefi heisst. bild: watson/shutterstock/keystone

Was in Loredanas Betrugsgeschichte wirklich passiert ist

Loredana, die erfolgreichste Rapperin der Schweiz, hat in der Öffentlichkeit stets abgestritten, eine Betrügerin zu sein. Jetzt zeigen Recherchen, wie sie im Strafverfahren alles gestanden hat, wie viel sie ihrem Opfer bezahlt hat und weshalb sich die Staatsanwaltschaft auf den Deal eingelassen hat.

Andreas Maurer / CH Media



Loredana ist die erfolgreichste Musikerin der Schweiz, wenn man den Erfolg in der aktuellen Währung misst: in Klicks. Auf YouTube sind ihre sechzehn Videos 600 Millionen Mal angeschaut worden. Auf Spotify sind ihre zehn beliebtesten Songs 300 Millionen Mal angehört worden.

Das Erfolgsrezept der Kosovarin aus Emmenbrücke bei Luzern, die mit bürgerlichem Namen Loridana Aliu Zefi heisst, ist simpel: Die 25-Jährige inszeniert sich auf Instagram als Gangsterbraut und produziert als eine der ersten Frauen des deutschsprachigen Raums melodiösen Strassenrap für Teenager. Die Texte erzählen die moderne Version der Legende von der Tellerwäscherin, die Millionärin wird.

Loredana feiert die Dekadenz eines Luxuslebens, in dem sie mit Geldbündeln um sich wirft und vor fetten Autos posiert. Mit dieser Mischung trifft sie einen Zeitgeist, vor allem in Deutschland, wo sie noch viel erfolgreicher ist als in der Schweiz.

Ausserhalb der Social-Media-Welt wurde ihr kometenhafter Aufstieg erst 2019 zur Kenntnis genommen, als ihre Vorgeschichte in einem langen Onlineartikel von «20 Minuten» publik wurde. Unter dem Pseudonym Petra Z. erzählte eine 52-jährige Walliserin, wie sie von Loredana und ihren Brüdern in den Jahren 2017 und 2018 abgezockt worden sei. Die Betrugsmasche war so simpel gestrickt wie Loredanas Songs – und ebenso erfolgreich.

Bruder 1 eroberte das Vertrauen der Walliserin über eine Chat-Plattform und gaukelte ihr vor, für eine angebliche Operation dringend 200'000 Franken zu benötigen. Petra Z. fiel darauf herein und lieh ihm das Geld.

Bruder 2, der sich als Erich vorstellte, vermittelte der Walliserin dann den Kontakt zu einer Anna Landmann, der angeblich unehelichen Tochter des Strafverteidigers Valentin Landmann. Diese Frau behauptete, ihr zu helfen, das Geld zurückzuholen. Doch dafür benötige sie zuerst Vorleistungen. Auch darauf fiel Petra Z. herein.

Das Startkapital für eine Karriere in der Glitzerwelt

Erst als die Walliserin auf einer Zugfahrt in einer «20 Minuten»-Zeitung blätterte und dort Instagram-Sternchen Loredana entdeckte, schöpfte sie Verdacht. Sie sah die gleiche Frau, die sie als Anna Landmann kannte. Dennoch schaffte es Loredana, ihr Opfer um weitere Zehntausende von Franken zu erleichtern.

Sie konnte ihr weismachen, sie würde hauptsächlich als Anwältin arbeiten und nur nebenbei Songs schreiben. Mit ihrem sympathischen und dominanten Auftreten eroberte sie das Vertrauen von Petra Z. zurück. Insgesamt knöpfte sie ihr 432'000 Franken ab. Es war das Startkapital für Loredanas Karriere und ihren Lebensstil.

Im Juni 2018 schaffte sie den Durchbruch als Rapperin mit ihrer ersten Single «Sonnenbrille». Im Juli 2018 reichte Petra Z. Strafanzeige ein.

Ein Jahr verstrich, bis die Polizei Loredana festnahm und ihr Haus durchsuchte. Am Tag nach der Verhaftung publizierte «20 Minuten» den von langer Hand vorbereiteten Artikel. Loredana geriet in einen Shitstorm, der sie noch berühmter machte und die Streamingzahlen in die Höhe schnellen liess.

Loredana galt nun als echte Gangster-Rapperin. Gleichzeitig inszenierte sie sich als Opfer. In einem Porträt im «Magazin» sagte sie im September 2019 über die Vorwürfe von Petra Z.: «Ich bin unschuldig, es gilt die Unschuldsvermutung.» In einem Interview mit der «Weltwoche» behauptete sie noch diesen April: «Vieles ist unwahr. Sehr, sehr vieles. Man merkt relativ schnell, ob mich ein ehrlicher oder unehrlicher Mensch beschuldigt.»

Diese Woche verkündete die Luzerner Staatsanwaltschaft, dass sie das Verfahren gegen Loredana eingestellt hat. Die Rapperin habe den Schaden mit einer Zahlung wieder gut gemacht, die grösser als die 432'000 Franken sei. Die meisten Zeitungen druckten nur noch kurze Meldungen dazu ab.

Die ganze Geschichte ist damit allerdings noch nicht erzählt. Sie steht in der zwölfseitigen Einstellungsverfügung, die dieser Zeitung vorliegt. Das Dokument zeigt, wie viel Geld Loredana gezahlt hat, wie das Strafverfahren verlief und weshalb sich die Staatsanwaltschaft auf den Deal einliess.

Loredanas Spiel mit der Unschuldsvermutung

Schon in der ersten Einvernahme hat Loredana die Darstellung von Petra Z. in den Grundzügen bestätigt. Zuerst versuchte sie zwar noch, ihren Bruder als Haupttäter darzustellen. Als sie aber merkte, dass dies nicht glaubwürdig ist, anerkannte sie die Tat vorbehaltlos.

Sie fuhr also eine Doppelstrategie: In der Öffentlichkeit betonte sie ihre Unschuld und stellte Petra Z. als Lügnerin dar, während sie sich im Strafverfahren bei ihr entschuldigte. Sie sei sich des Unrechts ihres Handelns bewusst und übernehme dafür die Verantwortung, heisst es in der Einstellungsverfügung.

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Und nun zum Geld: 609'000 Franken zahlt Loredana ihrem Opfer als Wiedergutmachung und Entschädigung für ihren Anwalt. Sie macht damit mehr als den Schaden gut, der ihr nachgewiesen werden kann. Sie kommt also auch für einen grossen Teil der Abzockerei von Bruder 1 auf, obwohl diesem strafrechtlich nichts vorgeworfen werden kann.

Die Walliser Staatsanwaltschaft hatte das Verfahren gegen ihn nicht an die Hand genommen, weil sich das Opfer zu leichtgläubig von ihm verführen liess. Loredana hingegen ging härter vor. Sie habe «grossen psychischen Druck» ausgeübt.

Der leitende Staatsanwalt Adrian Berlinger schreibt in der Verfügung, dass ihm eine hypothetische Strafe «von nicht mehr als zwei Jahren» angemessen erscheine. Er geht von gewerbsmässigem Betrug aus. Der Deliktsbetrag erscheine auf den ersten Blick zwar als hoch, doch im Vergleich zu anderer gewerbsmässigen Betrügen stufe er die Tat nur als mittelschwer ein.

Entlastend sei zudem das «unbedarfte» Verhalten des Opfers. Petra Z. überwies gemäss der Verfügung sogar noch weitere Zahlungen an Loredana, nachdem sie von der Walliser Kantonspolizei davor gewarnt worden war.

Positiv würdigt der Staatsanwalt ausserdem, dass Loredana gegenüber den Strafverfolgungsbehörden gleich von Beginn an Reue und Einsicht gezeigt habe. Die Voraussetzungen für eine bedingte Strafe seien damit gegeben. Loredana hätte also ohnehin nicht ins Gefängnis müssen, solange sie nicht rückfällig geworden wäre.

Das Strafverfahren dürfte Loredana nun von weiteren Delikten abhalten, meint der Staatsanwalt. Ihre finanzielle Situation habe sich inzwischen zudem «deutlich stabilisiert». Dennoch zahle Loredana die Wiedergutmachung «keineswegs gewissermassen aus der Portokasse». Die 609'000 Franken würden für sie einen «massiven finanziellen Einschnitt» darstellen.

Die Wiedergutmachung entspricht 150 Millionen Streams

Für eine Million Streams zahlt Spotify ungefähr 4000 Franken. Die Wiedergutmachung entspricht also etwa den Einnahmen von 150 Millionen Streams. Diese erzielt Loredana alleine mit ihren drei Hits «Eiskalt», «Genick» und «Nicht verdient».

Was nicht in der Einstellungsverfügung steht: Gewerbsmässiger Betrug ist ein Katalogdelikt der Ausschaffungsinitiative. Bei einer Verurteilung hätte die Kosovarin also zurück in den Kosovo geschickt werden müssen, ausser es liegt ein persönlicher Härtefall vor. Weil Loredana ein Kind und Familie in Luzern hat und zudem auf Deutsch rappt, hätte sie gute Chancen gehabt, als Härtefall durchzukommen. Doch diese Frage stellt sich nun nicht mehr.

Wann besteht ein öffentliches Interesse an einer Strafverfolgung?

Loredana hat eine Straftat begangen, bleibt aber straffrei. Die Wiedergutmachung des Schadens rechtfertige die Strafbefreiung, heisst es in der Einstellungsverfügung. Ein öffentliches Interesse an einer Strafverfolgung bestehe nicht, obwohl der Fall Aufsehen in der Öffentlichkeit erregt habe. Dass Loredana eine prominente Person sei, genüge dafür nicht. Erst wenn eine beschuldigte Person eine staatliche Funktion ausübe und eines Delikts in diesem Zusammenhang verdächtigt werde, sei von einem öffentlichen Interesse auszugehen. Dieses könnte grundsätzlich auch mit Prävention begründet werden. So soll verhindert werden, dass sich Ungesetzlichkeiten im Sozialleben einbürgern. In Fällen von Massendelinquenz wie Ladendiebstahl, Versicherungsbetrug oder Strassenverkehrsvergehen müsste eine Straftat deshalb immer verfolgt werden. Dasselbe gilt für Delikte mit grossem Gefährdungspotenzial wie in der Drogen- oder Umweltkriminalität. Der gewerbsmässige Betrug, den Loredana und ihre Brüder begangen haben, zählt nicht dazu.

Die Pointe des Verfahrensausgangs ist: Loredana hat zwar anders als öffentlich behauptet längst ihre Schuld eingestanden. Und dennoch gilt sie nun offiziell als unschuldig. Obwohl sie auch die Kosten von 13'000 Franken für das Verfahren bezahlen muss, weil sie es verschuldet hat, ist die Einstellung juristisch ein freisprechender Entscheid.

Die Imagestrategie geht perfekt auf. Loredana bleibt eine Rapperin mit Gangster-Attitüde, die sich aber dennoch wieder von grossen Firmen vermarkten lassen kann, weil sie keinen Strafregistereintrag hat.

Im Dezember erscheint Loredanas zweites Album «Medusa». Im Intro rappt sie: «Ich habe es geschafft, die Leute reden wieder von mir. Halbe Milliarde Streams, was gibt es da zu diskutieren? Das ganze Land gegen mich, doch ich gewinn’ den Schweizer Award. Die grösste Künstlerin des Landes, doch noch immer kein Pass, ey.»

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