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Grosse Umfrage zeigt: So steht die Bevölkerung zu einem Privatjet-Verbot

Ein Embraer-Jet am Flughafen in Genf: Von hier startete 2022 14'582 Mal ein Privatjet.
Ein Embraer-Jet am Flughafen in Genf: Von hier startete 2022 14'582 Mal ein Privatjet. Bild: Shutterstock

Grosse watson-Umfrage zeigt: So steht die Bevölkerung zu einem Verbot von Privatjets

Greenpeace fordert ein Verbot für Privatjets. Das Anliegen geniesst in der Schweiz grossen Rückhalt, wenn es sich um Inlandflüge handelt. Dies zeigt eine repräsentative watson-Umfrage.
23.06.2023, 06:0223.06.2023, 17:24
Corsin Manser
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Die Schweiz ist ein Hotspot für Privatjets. Relativ zur Bevölkerung gesehen gibt es nirgendwo in Europa so viele Starts von Business- und Privatjets wie hierzulande – mal abgesehen vom kleinen Inselstaat Malta. Zu diesem Schluss kommt eine Studie von Greenpeace.

Im Jahr 2022 hoben demnach über 35'000 Mal Privat- oder Geschäftsflieger aus der Schweiz ab – ein Plus von 63 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Insgesamt hätten die Privatjets 166'000 Tonnen CO₂ ausgestossen, schreibt Greenpeace. Das entspreche den durchschnittlichen CO₂-Emissionen von fast 38'000 Einwohnerinnen und Einwohnern.

Daran stören sich die Umweltschützer. Sie fordern ein Verbot von Privatjets. Doch was hält die Bevölkerung von dieser Forderung? Gemeinsam mit dem Sozialforschungsinstitut DemoSCOPE ging watson dieser Frage nach und führte eine Umfrage durch. Diese lief zwischen dem 1. und 7. Juni und hatte 8636 Teilnehmende. Sie ist für die deutschsprachige Schweiz repräsentativ (mehr zur Methodik am Ende des Artikels).

Mehrheit für Verbot von Inlandflügen

Zunächst wollten wir von den Teilnehmenden wissen, ob sie für ein Verbot von Privatjet-Inlandflügen sind. Das Resultat ist deutlich ausgefallen. 70 Prozent der deutschsprachigen Bevölkerung sind (eher) für ein Verbot von Inlandflügen. Nur gerade 28 Prozent sprechen sich dagegen aus.

Besonders gross ist die Zustimmung bei Frauen. Über drei Viertel (77 Prozent) befürworten ein Verbot. Aber auch bei Männern ist die Forderung populär. Zwei Drittel sind (eher) dafür.

Wenig überraschend findet die Forderung vor allem in linken Kreisen Anklang. Bei Wählerinnen und Wählern der SP und der Grünen sind 90 Prozent beziehungsweise 96 Prozent (eher) für ein Verbot. Aber auch bei der Mitte geniesst ein Verbot Sympathien.

2022 betrafen gut zehn Prozent der Privat- und Geschäftsflüge Inlandreisen. Sprich: etwas mehr als 3500 Flüge. Dies geht aus den Zahlen der European Business Aviation Asscoiation (EBAA) hervor.

Doch welche Strecken werden im Inland zurückgelegt? Die Sonntagszeitung machte kürzlich publik, dass die Familie Hayek mit ihrem Privatjet häufig den Flughafen Grenchen anfliegt, da er nur 15 Autominuten vom Swatch-Hauptsitz in Biel liegt. Dabei fliegen die Hayeks oft von Zürich oder Genf nach Grenchen. Auch die Firma Rolex soll mit ihren Businessjets häufig in der Schweiz unterwegs sein – vor allem zwischen Genf und Zürich.

Internationale Flüge sind eher akzeptiert

Die meisten Starts von Privat- und Businessjets in der Schweiz wurden am Flughafen Genf verzeichnet. Dies geht aus der Greenpeace-Studie hervor. Meistens ging es dabei ins Ausland. Etwa nach Paris (2745 Flüge), nach London (1996 Flüge) oder nach Nizza (1671 Flüge). Auch diese Flüge will Greenpeace verbieten.

Doch dieses Vorhaben geniesst bei der Bevölkerung deutlich weniger Popularität. 54 Prozent sind (eher) gegen ein Verbot von internationalen Privatjetflügen. 43 Prozent sind (eher) dafür. Bei den Geschlechtern gibt es Unterschiede: So ist eine Mehrheit der Frauen (eher) für ein Verbot von internationalen Flügen. Bei den Männern sind es hingegen nur 38 Prozent.

Auch hier sind die Wählerinnen und Wähler von linken Parteien (eher) für ein Verbot. Am deutlichsten ist die Ablehnung beim FDP-Anhang – 86 Prozent sind dagegen.

Die Reaktionen

watson hat Greenpeace Schweiz die Resultate der Umfrage vorgelegt. Mediensprecher Roland Gysin sagt: «Die Umfrage zeigt, dass viele Menschen genug davon haben, dass sich Superreiche Spielzeuge leisten, die das Klima schädigen.»

«Es gibt absolut keinen Grund, mit dem Privatjet unterwegs zu sein. Schon gar nicht im Inland.»
Roland Gysin, Greenpeace

Um die Klimakrise abzuwenden, müssten die Treibhausgas-Emissionen rasch gesenkt werden, so Gysin. Dabei seien Privatjets die «dreckigste» Form der Fortbewegung. «Es gibt absolut keinen Grund, mit dem Privatjet unterwegs zu sein. Schon gar nicht im Inland.»

Die Schweiz sei 2022 für fast fünf Prozent aller europäischen Privatjet-Emissionen verantwortlich gewesen, sagt Gysin. «Das ist ein beachtlicher Anteil im Vergleich zur Grösse des Landes. Diese Emissionen lassen sich ganz einfach vermeiden – mit einem Verbot von Privatjet-Reisen.»

Gysin weist darauf hin, dass der Flughafen Amsterdam Schipol Privatjets ab 2025 verbieten will und Österreich, Frankreich, Irland und die Niederlande von der EU «eine Verschärfung der Gesetze zur Eindämmung der Auswirkungen von Privatjetreisen auf das Klima» fordern.

Dass die Bevölkerung den Privatjets kritisch gegenübersteht, überrascht Isabelle Pasquier-Eichenberger wenig. Die Grüne-Nationalrätin aus Genf hat in der Sommersession eine Motion eingereicht, worin der Bundesrat beauftragt wird, einen Massnahmenplan vorzuschlagen, um die Anzahl der Flugbewegungen von Privatjets zu reduzieren.

Isabelle Pasquier-Eichenberger, GP-GE, stellt eine Frage, an der Sommersession der Eidgenoessischen Raete, am Dienstag, 30. Mai 2023 im Nationalrat in Bern. (KEYSTONE/Alessandro della Valle)
Isabelle Pasquier-Eichenberger reichte im Juni eine Motion mit dem Titel «Privatjets: Es reicht» ein.Bild: keystone

Gegenüber watson sagt sie: «Für ein paar hundert Kilometer zu fliegen, obwohl unser Land das dichteste Schienennetz in Europa hat – das ist einfach nicht mehr akzeptabel.» Für Pasquier-Eichenberger muss die Anzahl der Flüge drastisch reduziert werden. Sie glaubt nicht, dass die Flugbranche innert nützlicher Frist nachhaltig wird. «Die Internationale Energieagentur selbst prognostiziert, dass bis 2040 bestenfalls 20 Prozent der Kraftstoffe nachhaltig sein werden, was jedoch erhebliche Investitionen voraussetzt.»

Anders sieht man das beim Schweizer Branchenverband für Geschäftsfliegerei (SBAA). «Ein Verbot ist der falsche Weg», sagt Helene Niedhart, Vizepräsidentin der SBAA. «Die Geschäftsluftfahrt ist ein wichtiger Katalysator für Innovationen und dient als Testumgebung für nachhaltige Technologien. Die Fortschritte, die in der Geschäftsluftfahrt erzielt werden, können dazu beitragen, die gesamte Luftfahrtbranche in Zukunft nachhaltiger zu gestalten.» Indem die Geschäftsluftfahrt nachhaltige Lösungen vorantreibe, schaffe sie die Grundlage, «um zusammen mit der gesamten Luftfahrtindustrie das Netto-Null-Ziel 2050 zu erlangen».

«Die Geschäftsluftfahrt ist ein wichtiger Katalysator für Innovationen und dient als Testumgebung für nachhaltige Technologien.»
Helene Niedhart, Vizepräsidentin der SBAA

Niedhart weist darauf hin, dass Business-Jets oft auf Strecken eingesetzt würden, auf denen es sonst keine Verbindungen oder Direktverbindungen geben würde. «Für internationale Firmen, die in aufstrebenden Märkten, wie zum Beispiel in den Stan-Staaten, Südostasien, Afrika, Südamerika tätig sind, ist ein Business-Jet oftmals die einzige Möglichkeit, sicher und in einem zeitlich akzeptablen Rahmen in die Schweiz zu reisen.»

Geschäftsflüge innerhalb der Schweiz seien relativ selten, sagt Niedhardt. «Zudem leistet die Geschäftsluftfahrt schweizweit mit jährlich 15 Milliarden Franken und rund 35'000 direkten und indirekten Arbeitsplätzen einen beträchtlichen Beitrag zur Schweizer Wirtschaftsleistung.»

Zur Methodik
Die Umfrage wurde in Zusammenarbeit mit DemoSCOPE vom 1. bis am 7. Juni in deutscher Sprache durchgeführt. Nach erfolgter Datenbereinigung lagen 8636 auswertbare Interviews vor. Diese wurden mittels sogenannter Propensity-Score-Gewichtung an eine unverzerrte Grundgesamtheit angepasst, um dem Selbstselektionsbias entgegenzuwirken und aussagekräftigere Resultate zu erzielen. Unter der Annahme einer Zufallsstichprobe beträgt der maximale Fehlerbereich für Prozentangaben 1,4 Prozent. Die Umfrage wurde online auf watson.ch durchgeführt.
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200 Kommentare
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Blatherskiter
23.06.2023 06:21registriert September 2020
Niedhart weist darauf hin, dass Business-Jets oft auf Strecken eingesetzt würden, auf denen es sonst keine Verbindungen oder Direktverbindungen geben würde.

Die Top 3 Destinationen Paris, London und Nizza sind schon mal alle per Direktflug aus Zürich erreichbar… (und mit dem Zug wäre es auch nicht so kompliziert 🤫)
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Schneider Alex
23.06.2023 06:20registriert Februar 2014
Der Flugverkehr sollte den anderen Verkehrsträgern gleichgestellt werden.

Die derzeit niedrigen Preise sind möglich durch einseitige Steuerbefreiungen z. B. von der Mineralöl- und der Mehrwertsteuer. Die Preise spiegeln die Umweltkosten nicht wider, ganz im Gegenteil wird der Flugverkehrssektor staatlich subventioniert. Zurzeit werden die sozialen und ökologischen Folgekosten des Flugverkehrs von der Gesellschaft getragen. Diese Kosten sollten in die Flugpreise internalisiert werden, um das Verursacherprinzip durchzusetzen.
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der/die Waldpropaganda
23.06.2023 07:06registriert September 2018
Ich möchte gerne von der SBAA wissen, inwiefern die (Privat-)Geschäftsluftfahrt innovation etc. fördert. Gerade bei dieser Grösse von Jets findet schlichtwegs keine Innovation mehr statt, da es für Unternehmen wie Gulfstream/Pilatus etc. finanziell schlicht nicht stemmbar wäre. Man greift auf Innovation von dem grossen Zurück, fördert sie aber nicht. Auch das immergleiche Argument "Verbote nützen nichts" regt mich langsam immer mehr auf. Doch Verbote nützen, denn offenbar will man ja nicht freiwillig den Verbrauch senken in dem man weniger fliegt.
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