Schweiz
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Offen gesagt

«Liebe Frau Badran, jetzt braucht es eine alte, weisse Frau ...»

Die SP steht nach der Rücktrittsankündigung von Christian Levrat vor einer Weichenstellung. Wird die Partei den Weg der deutschen SPD gehen? Oder den nordischen Weg?



Liebe Frau Badran

Sie waren ja einmal bei watson für eine Blattkritik. Da habe ich Ihnen ein bisschen widersprochen. Ihre Antwort: «Solange du so ein Baseldeutsch redest hier, diskutier' ich gar nicht mit dir.» Ich habe mich sehr daheim gefühlt in dieser Abkanzelung. In Basel lässt man Zürcher nicht mal «Bap» sagen, ohne sie zu verhöhnen. So bin ich aufgewachsen.

Nun dreht das Kandidatinnen-Karussell für die Nachfolge von Christian Levrat, und die Agenda heisst jetzt ganz imperativ: Eine junge Frau muss an die Spitze der Partei!

Falscher geht's gar nicht.

Die Schweizer SP ist zwar jetzt von den Grünen ein wenig gerupft worden, aber wie nachhaltig, wird sich erst in den kommenden Jahren zeigen. Denn sie steht an einer entscheidenden Weggabelung, die entweder zu Niedergang nach deutschem oder zu Popularität nach dänischem Vorbild führen wird.

Der schnellste Weg in den Niedergang wäre die weitere Bewirtschaftung der identitätspolitisch aufgesplitterten Klientel des sich fortlaufend individualisierenden Mittelstandes. Der wird es sicher schätzen, wenn im Jahr 2043 alle eine eigene Toilette haben im Restaurant und aus 59 Geschlechtern im Pass auswählen können. Aber der Groll wird überwiegen.

Der Groll nämlich über lächerliche Renten und stagnierende Löhne. Der Groll über gleichzeitig unbezahlbare Krankenkassenprämien und absurde Mieten. Gegen die ob all des Minderheitenschutzes und innermittelständischen Grabenkampfes niemand mehr mehrheitsfähige Lösungen erarbeitet.

Die Digitalisierung wird Wirtschaft und Gesellschaft in den nächsten Jahrzehnten umkrempeln, wie wir es zuletzt in den Hochzeiten der Industrialisierung gesehen haben. Eine Sozialdemokratie, die sich angesichts dieser Umwälzungen in der öffentlichen Wahrnehmung vornehmlich mit gefühlt sexistischen Ausfällen von Satirikern beschäftigt oder Meldetage erbsenzählt, wird zwangsläufig von der politischen Landkarte verschwinden.

Um weiterhin eine Rolle zu spielen, muss die Sozialdemokratie dem gesellschaftlichen «alle gegen alle» ein umfassendes Integrationsprojekt entgegenstellen. Sie muss klarmachen, dass es kein Naturgesetz ist, dass die einen nur auf Kosten der anderen gewinnen können. Sie muss auf massentaugliche Art und Weise eine ganzheitliche Flexicurity-Doktrin propagieren und konsequent verfolgen. Eine eher migrationskritische Umverteilungspolitik also, die dem Dienstleistungsmittelstand die Angst vor dem sozialen Abstieg nimmt, ohne die Eliten aus Industrie und Wirtschaft a priori zu dämonisieren.

Dazu braucht es – schon nur um die innerparteiliche Unité de Doctrine sicherzustellen – eine Integrationsfigur an der Spitze. Es braucht eine von den Sozialpartnern ernstzunehmende Unternehmerin, die weiss, dass Geld erst verdient werden muss, bevor es umverteilt werden kann, und die die Sprache der einfachen Leute spricht. Es braucht eine Herzblut-Sozialdemokratin, die nie im Verdacht steht, Political Correctness oder Klientelei über den gesunden Menschenverstand oder das Gemeinwohl stellen zu wollen. Und es braucht eine Frau von Format, die über die Parteigrenzen hinweg mobilisieren und mitreissen kann.

Oder kurz: Es braucht eine Zürcherin, die einem Basler sogar noch dann das Herz erwärmt, wenn sie ihn wegen seines Dialektes beleidigt. Das alles sind Sie: eine alte, weisse Frau.

Treten Sie an!

Liebe Grüsse

Maurice Thiriet

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