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Singende Mexikaner, asiatische Schnäuze: Coop und Migros verkaufen fragwürdige Kostüme

Trotz der Sexismus- und Rassismus-Debatten in den vergangenen Jahren werben Schweizer Detailhändler nach wie vor mit fragwürdigen Verkleidungen, die vor Stereotypen und Klischees nur so strotzen. Nun kündigen sie Massnahmen an – doch reichen diese?
07.02.2022, 07:1607.02.2022, 12:31
Benjamin Weinmann / ch media
Von rassistisch bis sexistisch: Das Fasnachtsortiment der Schweizer Detailhändler wirft Fragen auf.
Von rassistisch bis sexistisch: Das Fasnachtsortiment der Schweizer Detailhändler wirft Fragen auf.BilScreenshots: Microspot, Galaxus, Manor

Es ist nicht lang her, da sprach die Welt nicht nur von Covid. Sondern von #MeToo. Und von Black Lives Matter. Die Debatten rund um Sexismus und Rassismus wurden vorangetrieben, heftig geführt. Von strukturellen Problemen in der Gesellschaft, bis hin zum konkreten Einzelfall, wie dem rassistischen Mohrenkopf.

Was hat es gebracht? Wenn man sich die Kostümauswahl der Schweizer Detailhändler für die bevorstehende Fasnachtssaison ansieht: Wenig. Die Warenhauskette Manor, der Coop-Onlineshop Microspot und die Migros-Tochter Galaxus haben nach wie vor mehrere fragwürdige Kostüme im Sortiment, wie Recherchen zeigen.

Viel Haut bei Kostümen für Frauen

Eines dieser Kostüme entspricht nicht der realistischen Cockpit-Uniform. Welches bloss?
Eines dieser Kostüme entspricht nicht der realistischen Cockpit-Uniform. Welches bloss?

Was sich generell sagen lässt: Jene für Frauen kommen mehrheitlich im sexy Look daher – mit Strapsen und kurzen Röcken. Von der freizügigen Piratenfrau bis hin zur lasziven Hexe. Jene für die Männer variieren zwischen Blödel-Outfit und Coolness, also von Super Mario bis hin zum «Top Gun»-Aviatiker. Letztere gibt es auch für Frauen - allerdings wie es sich für seriöse Kampfjetpilotinnen gehört mit extra kurzem Overall, Fischnetzstrumpfhosen und Dekolleté.

Valérie Vuille, Direktorin der Genfer Gleichberechtigungsorganisation Décadrée, ist nicht überrascht. Die gesellschaftlichen Geschlechterverhältnisse seien tief verankert und zeigten sich auch in der Wahl der Themen, Farben und des Schnitts. Die Kostüme für Frauen seien immer freizügiger als jene für Männer. «Somit werden Frauen objektiviert und der Aspekt der Verführung wird in den Vordergrund gestellt», sagt Vuille.

Valérie Vuille von der Gleichberechtigungsorganisation Décadrée in Genf.
Valérie Vuille von der Gleichberechtigungsorganisation Décadrée in Genf.zvg

Auch beim Kindersortiment zeige sich der Sexismus: «Die Kostüme für Mädchen sind auf Sanftheit, Zärtlichkeit und Fürsorge ausgerichtet, jene für Buben viel mehr auf Action.» So verkauft Coop-City zum Beispiel aktuell eine Feuerwehr-Ausrüstung. Für wen sie gedacht ist, wird dank dem Namen «Fireman» statt «Firefighter» schnell klar.

Der böse «Indianer» mit Beil

Und dann wären da die Kostüme, die mit veralteten bis hin zu rassistischen Stereotypen zu verschiedenen Bevölkerungsgruppen auftrumpfen: Der singende Mexikaner mit Sombrero und Poncho, die «Indianerin» mit Feder im Stirnband und kurzem Kleid, und ihr männliches Pendant, illustriert mit grimmiger Mimik, angriffiger Haltung und Tomahawk.

Piraten zeigen gerne Haut - zumindest weibliche, wie es die Kostüme der Händler suggerieren.
Piraten zeigen gerne Haut - zumindest weibliche, wie es die Kostüme der Händler suggerieren.

Manche Händler haben zudem die entsprechenden Accessoires im Sortiment: Einen «Indianer»-Kopfschmuck mit bunten Plastikfedern. Einen schwarzen, langen Schnurrbart für den asiatischen Look – auf der Verpackung präsentiert von einem weissen, die Augen zukneifendem Mann. Und einen dickeren Schnauz für die Mexikaner-Verkleidung.

Bilder aus der Kolonialzeit

Für Kulturwissenschafterin Patricia Purtschert von der Universität Bern ist klar: «Derartige Kostüme verbreiten rassistische und sexistische Vorstellungen. Eine Sortimentsbereinigung von Händlern wie Migros, Coop und Manor ist überfällig.» Viele Stereotypen von anderen Menschen hätten sich nicht zuletzt über Fasnachtskostüme im Alltag verfestigt. «So manches herablassendes Bild stammt aus der Kolonialzeit. Und trotzdem müssen sich zahlreiche Menschen in unserer interkulturellen Gesellschaft an der Fasnacht solche rassistischen Darstellungen ihrer Herkunftskultur vor Augen führen lassen.»

Purtschert verweist auf eine Debatte vor einigen Jahren in Basel. Dort kam die Guggenmusik Negro-Rhygass unter Beschuss. Kritisiert wurde sowohl der Name als auch das rassistische Logo mit einem schwarzen Männlein mit Knochen in den Haaren. In der Folge änderte die Gruppierung das Logo - nicht aber den Namen. «Das zeigt, wie schleppend die Diskussion hierzulande vorankommt», sagt Purtschert. Immer wieder gebe es Auseinandersetzungen, in denen heftig über einzelne Begriffe und Bilder diskutiert werde. Aber noch heute verkauften bekannte Händler Mohrenköpfe und sähen darin kein Problem. «Die Argumente, weshalb etwas rassistisch ist und was es mit der Kolonialgeschichte zu tun hat, gehen immer aufs Neue vergessen. Und beim nächsten Mal beginnt die Diskussion von vorne.»

Das alte und das neue Logo der Guggenmusik Negro-Rhygass aus Basel. Der Name wurde nicht geändert.
Das alte und das neue Logo der Guggenmusik Negro-Rhygass aus Basel. Der Name wurde nicht geändert.zvg

Gerade in Bezug auf sogenannte «Indianer», also die US-amerikanischen Ureinwohner, herrsche hierzulande eine grosse Bildungslücke, sagt Purtschert. «Das Bild ist geprägt von den Karl-May-Erzählungen und Winnetou. Das sind europäische Fantasien, die den Genozid, die Vertreibung und Enteignung indigener Menschen in den Amerikas romantisieren.»

Die Winnetou-Bücher und -Filme mit Pierre Brice (links) als Häuptling und Lex Barker als «Old Shatterhand» vermitteln ein falsches Bild des Wilden Westens.
Die Winnetou-Bücher und -Filme mit Pierre Brice (links) als Häuptling und Lex Barker als «Old Shatterhand» vermitteln ein falsches Bild des Wilden Westens.Bayerischer rundfunk

In Expertenkreisen ist die Rede von Cultural Appropriation, auf Deutsch kulturelle Aneignung. Dabei werden Kulturbestandteile von Mitgliedern einer anderen Kultur oder Identität übernommen und kommerziell ausgeschlachtet. Kritisiert wird dies insbesondere, wenn die Kultur einer Minderheit angehört, die in der Gesellschaft benachteiligt ist, sei es wirtschaftlich, sozial oder politisch.

Händler verweisen auf Kundennachfrage

Doch was sagen die Verantwortlichen? Manor, Coop und Microspot halten sich kurz. «Bei den erwähnten Produkten erhalten wir die Produktbeschriebe und Bilder direkt von einem Distributor», sagt Microspot-Sprecherin Monika Fasnacht. Man prüfe nun eine Anpassung und man werde die Kritikpunkte berücksichtigen. Ob und welche fragwürdigen Kostüme entfernt werden, sagt sie nicht. Das Mutterhaus Coop begründet die Auswahl mit den Wünschen der Konsumenten: «Unser Sortiment umfasst Fasnachtskostüme, die bei unseren Kundinnen und Kunden besonders gefragt sind», sagt Sprecherin Melanie Grüter. Das Sortiment werde überprüft. Wie, verrät sie nicht.

Manor-Sprecherin Sandra Känzig sagt, die Sortimentsgestaltung sei einlaufender Prozess und entwickle sich mit den Bedürfnissen der Kundschaft weiter. Es sei nicht die Absicht, Stereotype über Geschlecht, Hautfarbe oder Kulturen zu thematisieren. Sie gibt zu bedenken: «Pauschalisierungen sind oft schwierig und der Fall muss wohl auch einzeln betrachtet werden – gewisse Gegenstände werden zum Beispiel auch mit Ländern in Verbindung gebracht, ohne Intention der Herabwürdigung einer Kultur.» Die Frage, ob gewisse Kostüme und Accessoires entfernt werden, bleibt unbeantwortet.

Galaxus sieht beim «Herrenkostüm Asiate» kein Problem

Die Migros-Tochter Galaxus sieht beim «Herrenkostüm Asiate» kein Problem.
Die Migros-Tochter Galaxus sieht beim «Herrenkostüm Asiate» kein Problem.galaxus

Am ausführlichsten nimmt das grösste Onlinewarenhaus der Schweiz, die Migros-Tochter Digitec Galaxus Stellung. Sprecher Stephan Kurmann, der Mitglied eines internen Teams ist, das sich für Diversität und Inklusion einsetzt, sagt, Galaxus verfolge eine Null-Toleranz-Politik gegenüber dem sogenannten Blackfacing, Redfacing oder Yellowfacing, also dem Bemalen von weissen Gesichten, um eine andere Hautfarbe vorzugaukeln.

Diese Haltung gelte auch für «jegliche andere Art und Weise, nicht-weisse Menschen diffamierend darzustellen», sagt Kurmann – und liefert zum Beweis zwei Beispiele, die Galaxus als «nicht diskriminierend» erachtet. Das eine: Ein weisser Mann mit Kimono und Make-up, dass seine Augen schmäler aussehen lässt. Das Outfit trägt die Bezeichnung «Herrenkostüm Asiate». Das andere: Ein Sombrero-Hut – illustriert mit einem weissen Mann, dickem Schnauz und mit Zigarre im Mund.

Wie schmal ist der Grat?

Das Problem laut Kurmann: Galaxus bezieht einen Grossteil seiner 3 Millionen Artikel von Dritten, welche ihre Waren selber bebildern und beschriften. Galaxus fungiert für sie als reiner Marktplatz. «Natürlich gibt es Richtlinien unsererseits – auch zum Thema Diskriminierung und Rassismus», sagt Kurmann. Der Bereich Kostüme und Verkleidungen sei allerdings besonders diffizil: «Es ist ein schmaler Grat zwischen blosser Verkleidung und Diskriminierung von ethnischen Minderheiten.»

Der Galaxus-Sprecher betont, dass die Gesellschaft patriarchalisch geprägt sei. «Dazu gehören auch bestimmte Rollenbilder, die sich in der Gesellschaft manifestiert haben.» Es sei noch ein weiter Weg bis zu völliger Gleichberechtigung der Geschlechter. «Ich denke jedoch nicht, dass Fasnachtskostüme hier der Knackpunkt sind, sondern vielmehr politische Rahmenbedingungen, die für eine Chancengleichheit bei allen Geschlechtern sorgen.»

Sexy Männer-Kostüme als Fortschritt?

Galaxus betont lieber die Fasnachts-Fortschritte - wie dieses Stripper-Outfit für Männer - als über «Indianer»-Kostüme zu sprechen.
Galaxus betont lieber die Fasnachts-Fortschritte - wie dieses Stripper-Outfit für Männer - als über «Indianer»-Kostüme zu sprechen.galaxus

Mit anderen Worten: Die Händler schieben mit dem Verweis auf die grosse gesellschaftliche Ungleichheit die eigene Verantwortung von sich. Galaxus sieht aber dennoch positive Entwicklungen in Bezug auf Fasnachtskostüme: «Die Rollenbilder weichen sich nach und nach auf, es gibt heutzutage auch sexy Kostüme für Männer.» Der Beweis: Der «Sado-Stripper» im Galaxus-Shop.

Die interne «Diversity and Inclusion-Crew» gibt es laut Kurmann seit drei Jahren. Seither habe man sich darauf konzentriert, die Vielfalt im Unternehmen aktiv zu fördern - insbesondere die Geschlechterverteilung im Unternehmen. So gebe es nun auch Teilzeitmodelle für Kader und eine verlängerte Elternzeit. Bezüglich Sortimentsgestaltung seien die Angestellten auf Diversitätsthemen sensibilisiert. «Dabei handelt es sich jedoch um einen Prozess, der seine Zeit in Anspruch nimmt.»

«Der Weg ist noch weit»

«Die Antworten von Galaxus sind konsternierend», sagt Gesellschaftswissenschafterin Purtschert. Es sei zwar gut, dass die Firma sich mit dem Thema beschäftige. «Gleichzeitig zeigt der Verweis auf angeblich nicht diskriminierende Verkleidungen als lateinamerikanischer und asiatischer Mann, die sehr wohl diskriminierend sind, wie weit der Weg noch ist.» Nötig ist laut Purtschert auch mehr Forschung zur kolonialen und patriarchalen Geschichte der Fasnacht hierzulande.

Noch immer verkaufen viele Firmen die rassistischen «Mohrenköpfe» der Firma Dubler.
Noch immer verkaufen viele Firmen die rassistischen «Mohrenköpfe» der Firma Dubler.Gaetan Bally / KEYSTONE

Und was ist mit dem Hauptargument vieler Leute, die Diskussionen über Mohrenköpfe oder «Indianer»-Kostüme als unwichtig oder klein abtun im Vergleich zu den Gleichberechtigungsthemen auf politischer Ebene? «Wenn es wirklich nur kleine Probleme sind, weshalb sind sie dann nicht schon längst behoben?», sagt Purtschert. Diese angeblich kleinen Probleme seien untrennbar verbunden mit sozialen und materiellen Ungleichheiten.

Um Rassismus und Sexismus anzugehen, brauche es eine Reflexion auch bei Themen, die auf den ersten Blick nicht weltbewegend seien. «Denn Rassismus und Sexismus beginnen im Alltag.» Und überhaupt, so Purtschert, sollte nur schon dieses eine Argument ausreichen: «Solche Verkleidungen sind für viele Menschen verletzend, weil sie ihre Kultur lächerlich machen. Das ist Grund genug, sich andere Kostüme auszudenken.» (saw/aargauerzeitung.ch)

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So still war die Basler Fasnacht 2021

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quelle: keystone / urs flueeler
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556 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Easy Lover
07.02.2022 07:31registriert Februar 2022
Jesses Gott habt ihr Probleme…

Moralismus-Keule from Hell..!
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Laborant
07.02.2022 07:33registriert November 2019
Ich frage mich an dieser Stelle, ob es die Aufgabe der Detailhändler ist, das Volk zu erziehen. Es wird doch eher das angeboten, was wahrscheinlich gekauft wird. Das Sortiment ist daher wohl eher ein Spiegel der Gesellschaft.
Mohrenköpfe zu canceln und daraus eine grossangelegte Diskussion entfachen wird keinen Rassisten zum umdenken bringen - eher sieht er sich in seinem Weltbild, dass "die Linken" ihm wieder etwas verbieten wollen, bestätigt.
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azoui
07.02.2022 08:03registriert Oktober 2015
Mein Gott, über was sich die Leute alles aufregen können.
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