Darum war ich als «Gfrörli» bei minus 4 Grad halbnackt Wandern
Auf 24 Grad Celsius habe ich das Auto geheizt. Die Sitzheizung tut ihren Dienst auf dem Weg nach Davos ebenfalls. Ich liebe Wärme. Es ist bereits dunkel geworden und ich fahre durch die traumhafte Winterlandschaft. Klar, das ist wunderschön. Aber von mir aus kann es das ganze Jahr durch Sommer sein: 30 Grad, oder auch mehr. Im Winter lüften im Büro? Lieber sitze ich wohlig warm in der stickigen Luft.
Als ich aussteige, fröstelt es mich kurz. Da nützt auch die dicke Winterjacke nicht viel. Seit ich denken kann, sind Minusgrade mein Feind. Ich mag Kälte nicht. Nein, ich hasse sie sogar. Gerne gebe ich offen zu: Ich bin ein «Gfrörli».
«Mutproben» wie dem Baden in kalten Bergseen stelle ich mich zwar problemlos. Ich war auch schon beim Eisbaden. Weil ich weiss: Das ist kurz, das geht vorbei, bevor ich richtig kalt habe. Aber ich muss das nicht regelmässig haben. Und schon gar nicht für eine längere Zeit. Trotzdem: Eine Kältewanderung, das hat mich irgendwie schon immer gereizt. Ich zögere darum auch nicht, als mich Davos Klosters Tourismus zu so einem Erlebnis einlädt.
Der Abenteurer Markus Blum – er durchquerte unter anderem 2025 zusammen mit seiner Tochter Grönland – bietet eine Kältewanderung mit Atem-Workshop am Davoser See an. Ich spaziere vom Parkplatz also fünf Minuten durch die Winternacht zum Segelklub-Gebäude. Dort wärmt ein Cheminée-Feuer den Raum. So soll das sein.
Viele positive Auswirkungen
Wir bleiben rund eine Stunde im Innern. Atem- und Konzentrationsübungen sollen auf die Kältewanderung in leichter Bekleidung vorbereiten. Und auch der mentale Aspekt wird angesprochen. «Nicht gern kalt haben und nicht gern frieren: Das ist ein Unterschied. Frieren tut wohl niemand gern. Aber die Kälte nutzen, das ist etwas anderes», sagt Blum. Durch die Übungen versuchen wir auch, eine kurzfristige pH-Verschiebung zu erreichen. Denn dann soll sich die Kälte einfach kalt anfühlen, ansonsten ist sie auch schmerzhaft.
Tatsächlich werden dem Kältewandern positive Auswirkungen zugesprochen. Einige spürt man sofort, andere erst bei regelmässiger Exposition über Wochen: Es kann helfen bei Depressionen, Burnouts, Stressresistenz. Es stärkt das Immunsystem, regt die Blutzirkulation an oder hebt die Stimmung. Und durch die Produktion von braunem Fett soll auch die Fettverbrennung des Körpers angekurbelt werden. «Vieles sind Annahmen, wissenschaftliche Studien fehlen weitestgehend», sagt Blum.
40 Minuten bei minus 4 Grad
Der Eisbaden-Boom zeigt sicherlich auch, dass sich viele Menschen danach zumindest gut fühlen. Kältewandern ist eigentlich wie Eisbaden, einfach weniger krass. Also weniger abrupt. Während Eisbaden eine kurze und extreme Form des Kältetrainings darstellt (je nach Temperaturen, Vorerfahrungen, etc. maximal 2 Minuten), ist Kältewandern weniger heftig, aber länger. Wir werden rund 40 Minuten unterwegs sein.
- Du bist für deine Sicherheit verantwortlich. Höre auf deinen Körper, respektiere deine Grenzen. Es ist kein Wettkampf. Wenn du dich unwohl fühlst: Hör auf.
- Vorbereitung. Wie beim normalen Wandern (Planung, Sperrungen, Verbote, Wildruhezonen, etc.). Atemübungen vor dem Kältewandern helfen.
- Mitnehmen. Neben festen Schuhen, kurzen Hosen und einem Shirt/Top trage auf jeden Fall eine Mütze, allenfalls Handschuhe. Nimm in einem kleinen Rucksack warme Kleidung mit.
- Gesundheit. Wenn du eh schon angeschlagen bist, mache keine Kältewanderung. Dann bewirkt sie das Gegenteil. Beachte eventuelle gesundheitliche Risiken bei Vorerkrankungen.
Weitere Tipps gibt es unter anderem beim Kältenetzwerk.ch oder Adventurehealth.ch.
Nach den Atem- und Konzentrationsübungen ziehen wir uns um. Kurze Hose, Wanderschuhe, Mütze, Handschuhe. Ich repetiere nochmals die letzten Tipps:
- Die Atmung ist der Schlüssel.
- Das Mindset ist wesentlich.
- Hab Vertrauen in dich.
Und dann geht es los in die minus 4 Grad kalte Nacht. Ich erwarte einen Kälteschock.
Aber den gibt es nicht.
Die «Wärme-Boost»-Atmung
Im Gegenteil: Es fühlt sich zwar frisch an, aber von einem Frösteln – wie zuvor beim Verlassen des Autos – kann keine Rede sein. So wandern wir zu viert dem See entlang. Alle sind auf die Atmung konzentriert, zwischendurch machen wir eine spezielle «Wärme-Boost-Atmung».
Ich muss zugeben: Den Boost spüre ich nicht direkt. Aber vielleicht brauche ich den im Moment auch nicht. Denn während der gesamten 40 Minuten habe ich nie kalt. Zwischendurch mal kurz am grossen Zeh oder an den Fingerkuppen, wenn ich die Handschuhe zu lange nicht trage. Aber im Oberkörper: alles gut.
Und dann begegnet uns jemand
Bleibt nur noch eine Frage: Wie reagieren Menschen, die uns so begegnen? Klar, wir sind keine Nacktwanderer, aber halbnackt bei Minusgraden unterwegs. Das kann für mindestens schräge Blicke reichen.
Unten am See sehen wir eine Schullager-Gruppe, die um ein Feuer sitzt und singt. Sie realisieren aus der Distanz kaum, dass wir halbnackt unterwegs sind. Erst auf dem Rückweg kommt uns ein jüngerer Mann entgegen. Er ist in einem Telefonat vertieft und realisiert beim Vorbeigehen kaum, dass wir «nicht temperaturgerecht» gekleidet sind. Oder er überspielt es gut. Wenige Meter hinter uns hält er nämlich kurz inne und schaut uns nach.
Die beste kurzfristige Folge
Zurück beim Gebäude gehen wir ruhig wieder hinein, einer bleibt noch kurz draussen und macht Fotos. Niemand hat das dringende Bedürfnis nach sofortiger Wärme – auch wenn der Moment, in dem ich in den vom Cheminée gewärmten Raum trete, schon auch sehr gut tut.
Während ich die längerfristigen Folgen von (regelmässigem) Kältewandern nicht beurteilen kann, wird ein Benefit sofort klar: Alles konzentriert sich total auf das Jetzt. Die Zukunft ist egal, die Vergangenheit sowieso. Alles, was zählt, ist, dass ich jetzt nicht friere. Alle anderen Gedanken sind für die Zeit der Wanderung wie weggeblasen.
Ich hatte vor dem Termin wirklich drei Sch...-Tage. Aber für die Zeit da am Davoser See war alles weg. Ich konzentrierte mich nur auf die Atmung und genoss die Wanderung. Nur schon dafür, für dieses bewusste Leben im Moment, hat sich das Experiment gelohnt. Auch für mich als «Gfrörli».
Die Kältewanderung erfolgte auf Einladung von Davos Klosters Tourismus.
