Ich habe einen E-Hiker getestet – das ist (leider) mein Fazit
Es war im Sommer 2020, als ich der Öffentlichkeit gestand: «Das E-Bike ist vermutlich die allerbeste Erfindung der Welt.» In der Folge musste ich von allen Seiten Häme und dumme Sprüche einstecken. Ausgerechnet der Mann, der in jede Gemeinde der Schweiz mit dem Velo fuhr, gönnt sich ein E-Bike.
watson-Chef Maurice Thiriet zitierte mich gar auf sein damals berüchtigtes Chefsache-Sofa und las mir die Leviten: «Das sind keine Velos. Das ist der Untergang der westlichen, aufgeklärten Zivilisation», warf er mir an den Kopf.
Ich blieb uneinsichtig.
Aber viele werden mit fortschreitendem Alter ja klüger. Darum freue ich mich, dir mitzuteilen:
Ich möchte meine Aussage von damals revidieren. Das E-Bike ist nicht die vermutlich allerbeste Erfindung der Welt.
Die E-Bike-Erfindung ist maximal die Zweitbeste.
Denn kürzlich durfte ich mit den höchsten Wanderern der Schweiz (Simon Stadler, Präsident der Schweizer Wanderwege und Michael Roschi, Geschäftsführer der Schweizer Wanderwege) das sogenannte Hypershell-Exoskelett testen. Ein E-Hiker, also quasi das E-Bike für Wanderer.
Ich war skeptisch. Oft sah ich die Dinger schon bei anderen Tests. Wirkte meist unbequem, sehr auffällig und sowieso fühle ich mich viel zu fit für so ein Gerüst.
Wie das erste Mal im Turbogang
Ich weiss nicht, ob du schon mal E-Bike gefahren bist. Das erste Mal, wenn der Turbogang beim Lostreten so richtig kickt – das vergisst du nie mehr.
Und leider, leider, leider hatte ich bei den ersten Schritten mit dem Exoskelett ein ähnliches Gefühl. Das erste Mal «Hyper Stufe 4» – da fühlst du dich wie neu geboren. Es geht zwar den Berg hoch, aber es läuft einfach. Du machst den Anfang der Bewegung und – zack – zieht es dir das Knie hoch. Mir liefen fast die Beine davon.
Natürlich ist das auf den ersten Metern ungewohnt, aber das Exoskelett wiegt wenig und fühlt sich überraschend bequem an. Die Manschetten über den Knien sind – zumindest für die Testphase von insgesamt rund einer Stunde – bequem. Es hat nichts mit Forrest Gumps Orthesen zu tun, die ihn «gstabig» gehen lassen. Auch an einen Cyborg musst du nicht denken. Ich bleibe beweglich, kann die Beine auch nach aussen bewegen und würde ich schwarze Hosen tragen, man würde das Exoskelett erst aus der Nähe erkennen.
Und dann gibt's noch den 30-Sekunden-Boost
Das Skelett bietet vier Intensitäten: Hyper, Eco, Transparent (ausgeschaltet) und Fitness – dann hast du gar noch Widerstand. Zugegeben: Die Fitness-Funktion finde ich unnötig, die anderen machen alle Sinn. Was mir fehlt: Ein Modus, der beim bergab wandern die Knie schont. Das wäre ein wirklicher Fortschritt.
Wechseln kannst du die Stufen bequem mit wenigen Tastentippern am Hüftgurt und mit der zugehörigen App kannst du dir per Smartphone auch noch 30 Sekunden Boost geben für extra steile Passagen. Da rennst du dann mühelos den Berg hoch.
Hier renne ich federleicht den Berg hoch:
Mit einer Akkuladung – du kannst den Akku mit einem USB-C-Anschluss laden – kommst du gemäss dem Anbieter knapp 20 Kilometer weit. In der Ultra-Ausführung bis zu 30 (natürlich immer auch eine Frage, in welchem Gang du unterwegs bist). Preislich zahlst du aktuell je nach Modell rund 1500 Franken. Ich gehe davon aus, dass die Preise noch sinken und vielleicht wird auch das ganze Gerät noch minimalistischer oder unauffälliger. Dann wird es vielleicht auch wirklich massentauglich.
Warum sollte sich das durchsetzen?
Ob sich solche E-Hiker durchsetzen? Ich weiss es nicht. Sie bringen gemäss dem Hersteller eine Kraftersparnis von bis zu 30 Prozent. Gefühlt sind sie weniger alltagstauglich als E-Bikes. Aber ich sehe durchaus Optionen:
- Ältere Menschen können länger Wandern
- Du kannst die Wanderdauer verlängern und die Anstrengung reduzieren
- Wenn zwei unterschiedlich fitte Personen zusammen Wandern gehen, gleicht es die Niveaus gut aus.
Aber kommen wir auf mein Problem: Ich bin nach dem Test begeistert vom Gerät. Nur finde ich, dass ich noch keines der Dinger tragen kann. Dabei weiss ich jetzt immer: Mit einem Exoskelett wäre alles einfacher. Und ich bin mir sicher, ich werde mich auf meinen nächsten Wanderungen hin und wieder danach sehnen.
Ich kann euch also alle beruhigen: Ich habe mir noch kein eigenes Exoskelett gekauft. Ich sehe den Nutzen bei mir noch zu wenig. Aber wer weiss, was die Zukunft bringt (und wie lange ich noch zu eitel für das Exoskelett bin).
Der E-Bike-Sturm hat sich gelegt. In den nur sechs Jahren seit meinem Motörli-Velo-Geständnis werden die motorisierten Drahtesel mehrheitlich akzeptiert und sind aus dem Verkehrsbild nicht mehr wegzudenken. Maurice Thiriet würde mich für das Exoskelett wohl wieder auf sein Chefsache-Sofa bestellen. Aber er genoss auch noch nie den 30-sekündigen Boost im Hyper-Modus.
