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Ohne Umsteigen in die Bündner Berge: Die SBB wollen am Wochenende ihren Paradezug umleiten

Die SBB wollen mehr Freizeitsportler transportieren, denn in diesem Segment ist der öffentliche Verkehr schwach. An Wochenenden sollen Züge anders fahren – bald auch der Paradezug IC1. Das hat Folgen.
27.12.2021, 14:46
Stefan Ehrbar / ch media

Sonntagabends macht sich in den Intercity-Zügen von Chur nach Zürich ein spezieller Geruch breit: Eine Mischung aus Schweiss, Schnee und Skiwachs umweht die Skisportlerinnen und Skisportler, die mit dem öffentlichen Verkehr ins Unterland zurückfahren. Geht es nach den SBB, sind sie die Zukunft der Bahn.

SBB-CEO Vincent Ducrot vor einem ICN-Neigezug.
SBB-CEO Vincent Ducrot vor einem ICN-Neigezug.Bild: keystone

In der Freizeit nutzen hierzulande viel weniger Menschen den öffentlichen Verkehr als zum Pendeln. Während zu Arbeitszwecken 30 Prozent der Wege mit Bahn, Bus und Tram zurückgelegt werden, sind es in der Freizeit nur bescheidene 13 Prozent. In diesem Bereich liegt viel Potenzial brach. Das wollen die SBB nutzen.

Wird der IC1 schon in einem Jahr umgeleitet?

Ein neues Angebot ist bereits im Anmarsch. Ab dem 15. Januar fährt der «Vosalpes Express» Skifahrerinnen und Skifahrer direkt von Freiburg nach Le Châble am Fuss der Pisten von Verbier VS. Seit Mitte Dezember und noch bis 18. März fährt der Entlastungs-Intercity von Bern nach Zürich, der die Bundesstadt um 16.10 Uhr verlässt, jeweils freitags weiter nach Chur und bietet damit eine Direktverbindung für Berner Skifahrer nach Graubünden.

Nun könnte auch der Paradezug der SBB zum Ausflugs-Express umfunktioniert werden, also der IC1, der den Genfer Flughafen via Lausanne, Fribourg, Bern, Zürich und Winterthur mit St.Gallen verbindet. Wie CH Media weiss, wälzt die Bahn Pläne, gewisse Verbindungen dieser Linie künftig an Wochenenden von Zürich nach Chur zu führen statt nach St.Gallen. Schon in einem Jahr könnte es so weit sein.

Die Konkurrenz zum Auto ist gross

Das bestätigt SBB-Sprecherin Sabrina Schellenberg:

«Die IC1-Züge mit vielen Sitzplätzen in die Freizeitregion Graubünden zu bringen und gleichzeitig eine attraktive Direktverbindung von der Westschweiz und Bern nach Graubünden und wieder zurück zu schaffen, ist eine Idee, die wir aktuell verfolgen und vertiefen.»

Alternative Direktverbindungen würden schweizweit geprüft, um nachfrageorientierte Angebote zu schaffen. «Der Freizeitverkehr ist dabei zentral, da wir hier noch stärker mit dem motorisierten Individualverkehr in Konkurrenz stehen.»

Intercity-Züge ins Skigebiet

Diesen neuen Fokus präsentierten die SBB Ende November im Rahmen der Vorstellung der «Strategie 2030»: Neben einem Angebotsausbau in den Agglomerationen sollen künftig die Freizeitreisenden umgarnt werden. Eine Idee, welche die SBB besonders häufig erwähnen, ist jene von verschiedenen Angeboten am Wochenende und an Wochentagen.

Intercity-Züge sollen samstags und sonntags auf anderen Strecken fahren und Ausflügler im Winter direkt ins Skigebiet und im Sommer an die Talstation der Bergbahn bringen. So müssten die Mittelland-Ausflügler auf ihrem Weg in die Berge weniger umsteigen. Das würde die Attraktivität des ÖV für sie deutlich erhöhen.

Neue Verbindung für Berner

In Skischuhen und mit Kind und Kegel durch den Zürcher Hauptbahnhof zu hetzen, weil der Zug Verspätung hat und der Anschlusszug nicht wartet – dieses Szenario schreckt viele ab. Ein zusätzlicher Umsteigevorgang bedeutet laut Beobachtungen der SBB einen Kundenverlust von bis zu 20 Prozent. So steht es in einem Papier des Verbands öffentlicher Verkehr (VöV). Wer sitzen bleiben kann, steigt eher vom Auto auf den ÖV um.

Im Gespräch mit CH Media brachte SBB-Chef Vincent Ducrot zuletzt auch die Idee von Zügen auf, die von Zürich ins Berner Oberland oder ins Wallis fahren könnten, ohne in Bern Halt zu machen und so deutlich schneller wären. In kleinerem Umfang wurden solche Pläne schon früher umgesetzt: So fährt die Zürcher S2 vom Flughafen dem linken Zürichseeufer entlang nach Ziegelbrücke SG seit über zehn Jahren an Wochenenden weiter nach Unterterzen SG, direkt neben die Talstation der Flumserberg-Bahnen.

Verliert Ostschweiz Direktverbindung?

Die neue Direktverbindung von Genf, Lausanne, Freiburg und Bern nach Chur dürfte viele Ausflügler freuen und die Graubündner Touristiker jubeln lassen. Doch die Idee zeigt auch die Problematik solcher Ausflugszüge auf.

Wenn der IC1 künftig von Zürich nach Chur statt St.Gallen fährt, müsste die SBB den wegfallenden Streckenteil zwischen Zürich und St.Gallen mit einem anderen Zug ersetzen. Das würden Pendlerinnen und Pendler auf der Strecke von Zürich nach Wil, Flawil oder St.Gallen zwar nicht spüren, aber die Ostschweiz verlöre damit möglicherweise eine Direktverbindung aus Bern und der Westschweiz.

Die SBB stehen vor einem Dilemma

Auch wenn es sich nur um einzelne Verbindungen an den Wochenenden handeln dürfte: Der Aufschrei ist vorprogrammiert. Schon der Abtausch einer Fahrlage zwischen Zürich und St.Gallen, der dazu geführt hat, dass der IC1 länger für die Strecke benötigt und die Verbindung von St.Gallen nach Bern nun schneller ist, wenn man in Zürich umsteigt, hat zu politischen Widerstand geführt (CH Media berichtete).

Eine Lösung für das Problem haben die SBB nicht. Im Rahmen der Prüfung der Idee werde «selbstverständlich auch die Verbindung nach St.Gallen berücksichtigt», sagt Sprecherin Schellenberg nur.

Die Freizeit-Offensive der SBB macht vordergründig Sinn: Marktanteile zu holen, wo der ÖV schwach ist, ist ein logischer Schritt. Doch das Beispiel des IC1 zeigt auch, dass die Bahn vor einem Dilemma steht. Denn solche Pläne stehen zu einem gewissen Grad auch im Widerspruch zu einem merkbaren, immer gleichen Fahrplan – ein ebenfalls wichtiger Erfolgsfaktor für den ÖV. Eine Lösung, die restlos alle zufrieden stellt, dürfte es kaum geben.

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