Odidos statt Adidas: Bekannter Schweizer Influencer wirbt für billige Markenkopien
Fabian Egger alias «Der Praktikant» ist einer der erfolgreichsten Schweizer Influencer. Der Zürcher mit blonder Haarpracht hat sich eine Social-Media-Gefolgschaft von 360'000 Followern aufgebaut. Sein Geschäft: Egger präsentiert gegen eine Gage in Kurzvideos Ausflugsziele in der Schweiz und einzelne Firmen – von Autosimulatoren über Rodelbahnen, Bahnunternehmen, Turnhallen, Skigebiete bis hin zu Cordon-Bleu-Restaurants oder Hochzeitsfotografen.
Seine PR-Show ist lukrativ. Wie er im Herbst laut «Blick» verriet, verdient Egger in einem besonders guten Monat sogar sechsstellige Beträge. Zum Schluss fast aller Videos verabschiedet sich der Praktikant mit bemühten Wortspielen, etwa als Allyoucaneatikant, Paintikant oder Zugikant. In einem seiner aktuellsten Videos müsste er sich konsequenterweise als Fälschungskäuferikant bezeichnen.
Denn vor einigen Tagen postete der 27-Jährige einen Clip, der ihn und seine Frau – ebenfalls eine Influencerin – beim Privateinkauf während ihrer Ferien in Vietnam zeigt. Dabei erklärt er seinen Fans voller Euphorie, wie man im asiatischen Land zu ultrabilligen Markenkopien kommt.
10 Franken pro Stück
«Es sind sehr gute Materialien und sie sehen sehr gut aus», frohlockt Egger in breitem «Züritüütsch», während er Schuhe, Shirts und Jacken anprobiert. Für fünf Stück habe er 50 Franken bezahlt, also nur 10 Franken pro Stück. Hier gebe es alle westlichen Marken, die man kenne. «Sie haben bewusst eine kleine Abänderung zu der originalen Marke, aber sie stammen immer aus der gleichen Fabrik.» Egger hält als Beispiel einen Odidos- statt Adidas-Schuh in die Kamera.
Begeistert zeigt er sich insbesondere über billige Arcteryx-, North-Face- oder Moncler-Jacken-Kopien. «Alle aus der Fabrik, wo sie auch wirklich hergestellt werden», betont Egger ein weiteres Mal ohne Quellenangabe. Die Arcteryx-Jacke habe nur 15 Franken gekostet. «Würdet ihr auch hier shoppen gehen?»
Für viele lautet die Antwort Ja. Von seiner Gefolgschaft hat es für den Beitrag über 300 Herzchen gegeben. Ein User schreibt in den Kommentaren: «Genial.» Er scheint aber auch Bedenken zu haben: «Darf dies eingeführt werden in die Schweiz?» Ein anderer User hat offensichtlich aus Erfahrung eine Antwort parat: Man müsse bloss das Preisetikett wegreissen und die Ware im Koffer verstauen – «niemand interessiert's.»
Doch das sorgenfreie Schnäppchen-Shopping hat einen Haken: Es ist illegal.
Schweizer Firmen als Kopie-Opfer
«Das Gesetz sagt, dass der Kauf von Fälschungen für den Privatgebrauch verboten ist», sagt Eveline Capol, Geschäftsleiterin des gemeinnützigen Vereins Stop Piracy. Dieser leistet Aufklärungsarbeit bei den Konsumenten und macht sich stark in der Zusammenarbeit zwischen den Behörden und der Wirtschaft im Kampf gegen die Marken-Piraterie.
Von den Schäden, die der Handel mit Fälschungen verursacht, seien auch Unternehmen hierzulande betroffen: «In der Schweiz kommt es zu Umsatzeinbussen für Schweizer Unternehmen, zu Arbeitsplatzverlusten und Steuerausfällen.» Bekannt ist, dass bekannte Schweizer Markenhersteller wie Victorinox regelmässig Opfer von Kopien sind.
«Es ist deshalb nie gut, wenn der Kauf von Fälschungen verharmlost wird», sagt Capol in Bezug auf Eggers Video. Kritik übt sie auch an seiner Beteuerung, dass die Artikel stets in der gleichen Fabrik wie das Original hergestellt würden. «Das mag früher so gewesen sein, ist jedoch nach heutigem Wissen nicht mehr oder nur noch in Ausnahmefällen so.» Fakt sei, dass man mit dem Kauf von Fälschungen die organisierte Kriminalität unterstütze. Dies sei vielen Konsumentinnen und Konsumenten nicht bewusst.
Regelmässige Kontrollen
Eine Behörden-Busse droht Egger und seiner Frau nicht. Denn der Kauf ist laut Capol zwar verboten, aber nicht strafbar. Dennoch: Das Bundesamt für Zoll und Grenzsicherheit (BAZG) führt regelmässig Kontrollen durch und beschlagnahmt die gefälschten Produkte. Dies könne «erhebliche Kostenfolgen» für den Käufer haben, sagt Capol. «Da spielt es keine Rolle, ob das gefälschte Produkt noch ein Etikett dran hat oder nicht.»
2024 musste das BAZG 1880 Mal bei Reisenden wegen illegaler Fälschungen eingreifen. In einem Drittel der Fälle ging es um Hand- und Reisetaschen sowie Portemonnaies, in einem weiteren Drittel um Kleider und Accessoires wie Schals, Mützen, Gürtel oder Krawatten. In 27 Prozent der Kontrollen ging es um Uhren, Schmuck und Brillen, und bei knapp 5 Prozent der Fälle um Schuhe. Die Rangliste der führenden Kopie-Einfuhrländer: EU (28 Prozent), Türkei (7), Thailand (4), Kosovo (3), Serbien (3), China (3).
Laut Capol ist die Rechtsdurchsetzung Aufgabe der Rechte- oder Markeninhaber. «Denn nur diese können bestätigen, ob ein Produkt wirklich gefälscht ist oder nicht.» Deshalb kann das BAZG laut Sprecher Oliver Varga mutmassliche Fälschungen bei der Ein-, Aus- oder Durchfuhr des Zollgebiets zurückbehalten und dem entsprechenden Rechteinhaber melden. In der Folge kann dieser, also zum Beispiel Adidas oder Moncler, entscheiden, ob die Waren vernichtet werden sollen. Wehrt sich der Käufer dagegen, können die Markenhersteller vor Gericht vorsorgliche Massnahmen erwirken.
Doch auch wenn der Käufer der Vernichtung zustimmt, droht ihm Ungemach. Denn laut Varga kann ihm der geschädigte Rechteinhaber eine Rechnung über dessen Aufwände schicken.
Was sagt Egger zu seinem Fauxpas? Wie viele Jacken und Schuhe hat er in Vietnam gekauft? Wurden seine Markenkopien bei der Einreise in Zürich beschlagnahmt und vernichtet? Hat er bereits Post von den Markenherstellern erhalten? Nachdem er von CH Media mit diesen Fragen konfrontiert wurde, löschte Egger das Video. Antworten lieferte er nicht, der Nocommentikant. (aargauerzeitung.ch)
