Thun-Boss Andres Gerber will Meister werden – aber nicht als «💩-Klub»
Der Samstags-Match gegen den FC Basel musste wegen eines Brands im St. Jakob-Park verschoben werden, doch an der Ausgangslage ändert das wenig. Der FC Thun hat beste Aussichten, den Titel zu gewinnen. Thun, Schweizer Meister: Das tönt so unwirklich wie Ferien auf dem Mars. Auch, weil dem Klub vor nicht allzu langer Zeit das Messer im Rücken gesteckt hat, wie Andres Gerber ausführt. Der 52-jährige Präsident erklärt im Interview, was Robin Hood mit dem FC Thun und das Alte Rom mit VIPs in den Fussball-Arenen zu tun haben.
Ist Fussball ein einfaches Spiel?
Andres Gerber: Ich war mir lange nicht richtig bewusst, worum es im Fussball eigentlich geht. Viele machen eine unglaubliche Wissenschaft daraus. Aber eigentlich ist es wie Tipp-Kick. Es gibt zwei Tore. Und das Ziel ist, den Ball ins Tor zu kriegen. 80 Prozent Ballbesitz sehen vielleicht schön aus, aber man riskiert jedes Mal beim Spielaufbau auch, dass der Ball in der gefährlichen Zone verloren geht. Ist es immer wert, dieses Risiko einzugehen, nur weil es gut aussieht oder als taktisch brillant bezeichnet wird?
Tut man dem FC Thun unrecht, wenn man sagt: Der Fussball sieht einfach, fast rudimentär aus?
Es gibt Leute, die unsere Spielweise als unattraktiv abtun. Ihnen entgegne ich: Kein Team hat in der Liga mehr Tore geschossen als wir. Und am Ende geht es im Fussball immer darum, mehr Tore als der Gegner zu erzielen. Dass es einfach aussieht, das ist eigentlich …
… die Schwierigkeit?
Genau. Warum kompliziert, wenn es einfach geht? Es ist auch eine Form von Kunst, dass es einfach aussieht. Irgendwann hiess es nach unserem starken Saisonstart, dass unser Spiel dekodiert sei. Trotzdem haben die Gegner oft kein Mittel gegen uns gefunden. Sie versuchen zwar, sich unserer Spielphilosophie anzunähern. Aber es ist offenbar doch nicht so einfach, uns zu kopieren.
Lässt sich das Thuner Spiel auf zwei Punkte reduzieren? Jeder stellt sein Ego in den Schatten und keine Aktion pour la Galerie.
Das ist ein Teil der Wahrheit. Wichtig für uns ist immer der Teamgedanke. Man könnte denken, das sollte in einem Teamsport normal sein. Ist es aber nicht. Es ist eine Kunst, wenn man es hinkriegt, dass sich 35 Leute einem Ziel unterordnen.
Das allein reicht schon, um die Machtverhältnisse ausser Kraft zu setzen? Thuns Kaderwert betrug zu Saisonbeginn zehnmal weniger als jener der Young Boys.
Es ist ein Faktor. Und das macht doch den Fussball auch aus. Andernfalls würde allein das Budget über Sieger und Verlierer entscheiden.
Was aber häufig der Fall ist.
Deshalb ist unser Erfolg auch eine aussergewöhnliche Geschichte. Natürlich braucht es Geld. Aber wenn du weniger hast als die Konkurrenz, musst du umso mehr darauf achten, dass andere Faktoren wie Mentalität, Kollektiv und Leistungsbereitschaft stimmen. Wenn wir da nicht besser sind als die Konkurrenz, sind wir chancenlos. Seit Monaten werden wir immer wieder gefragt, was die Erklärungen für unseren Erfolg sind.
Und zu welchem Schluss kommen Sie?
Als Aufsteiger hast du kaum Druck. Unsere Gegner hingegen standen in der Pflicht, gegen uns nicht nur zu gewinnen, sondern uns zu dominieren. Aber wir waren besser, als die Gegner dachten. Und wir wurden immer besser und selbstbewusster. Dann setzte eine Dynamik ein. Präsidenten, Investoren, Sponsoren, Fans und Medien fragten in anderen Fussballstädten: «Was ist nur los bei uns? Thun ist Erster, schaut mal deren Leidenschaft.» Das erzeugt zusätzlichen Druck und ist sehr undankbar für diese Klubs.
Drückt das auch bei Spielern durch?
Ich hoffe es, dass alle Spieler immer in die Selbstreflexion gehen. Trotzdem: Es ist eben nicht das Geld, nicht der Name, nicht der Status und auch nicht das Materielle – nein, es geht tiefer. Weil heute vieles genormt ist, wissenschaftlich erklärbar sein soll, verlieren wir bisweilen das Augenmerk auf das, was darüber hinaus geht, nämlich die Energie. Bei uns ist es authentisch, andere Klubs sind im Moment auf der Suche nach Identifikation und Kontinuität. Und wir spüren auch: Fast die ganze Fussballschweiz hat Freude am FC Thun. Zumindest jene, die eine Affinität für Robin Hood haben. Leidenschaft, miteinander, füreinander, nicht arrogant oder grosskotzig. Dafür sind wir derzeit ein gutes Beispiel. Das freut Menschen, die eher auf ihr Herz hören und nicht auf Ängste, Portemonnaie, Sicherheit. Man muss doch nicht was weiss ich verdienen wollen, ein weiteres Auto anschaffen und noch ein Ferienhaus kaufen. Am Schluss hast du tausend Versicherungen und nur noch Stress im Leben.
Wie häufig gab es in den 23 Jahren, die Sie nun für den FC Thun arbeiten, Momente, in denen Sie vor dem Existenzkampf fliehen wollten?
So einen Moment gab's nie. Nicht, weil es für mich nie in Frage kommen könnte, vielleicht auch einmal in einem grösseren Klub zu arbeiten. Aber es war beim FC Thun immer dynamisch und interessant. Als wir vor sechs Jahren aus der Super League abgestiegen sind, waren wir im Seich, wenn ich das so salopp sagen darf. Das war eine fast aussichtslose Situation, die mir sehr naheging.
Wie hoch war der Schuldenberg?
Das eigentliche Problem war die Ausweglosigkeit. Abstieg, Corona, Schulden, das Selbstbewusstsein war weg, die Spieler wollten weg. Und dann trat auch noch Präsident Markus Lüthi zurück. Das war brutal. Auch, weil mir klar wurde: Jetzt muss ich hinstehen, jetzt braucht es mich extrem. Im Grundsatz bin ich eher ein leiser Typ. Ich war mir in dieser schwierigen Phase aber für nichts zu schade, kämpfte für den FC Thun, führte viele Gespräche. Weil ich den Existenzkampf erlebt habe, kann ich heute auch so offen darüber reden. Und darum tut’s mir auch leid für die anderen Klubs, die gerade Sorgen haben.
Wie meinen Sie das?
Die VIPs beispielsweise können teilweise recht anspruchsvoll sein. Bei grösseren Klubs ist manchen alles ausser dem Meistertitel zu wenig, die Siege müssen auch noch mit einer attraktiven Spielweise erreicht werden. Diese Anspruchshaltung ist herausfordernd.
Also: Ich schiesse 100'000 Franken pro Jahr ein und erwarte, dass die Mannschaft für mich gewinnt.
Wenn ich mich in anderen Stadien in VIP-Kreisen bewege, kommt es mir bisweilen fast vor, als wären wir im alten Rom. Die Spieler werden beinahe als Gladiatoren betrachtet, die eine Show bieten müssen. Diese Menschen wissen nicht, wie man sich als Fussballer auf dem Rasen fühlt. Profi wirst du nicht von einem Tag auf den nächsten. Das ist ein langer, komplizierter Prozess. Begleitet von Zweifeln, von Euphorie, von Hochs und Tiefs. Und etliche zerbrechen daran.
Nochmals: Wie haben Sie finanziell aus dem «Seich» gefunden?
Das Messer steckte uns im Grunde genommen bereits im Rücken. Ich erinnere mich an einen Anlass vor etwa drei Jahren. Ich sollte in unserem Businessclub einen Vortrag halten und um Unterstützung bitten. Doch kurz davor erreichte mich die Nachricht eines Verwaltungsrats: «Wir sind finanziell fast am Ende.» Ich überlegte mir: Soll ich jetzt einfach nach Hause gehen? Ich wusste für kurze Zeit nicht mehr, was ich machen soll. Ich ging dann auf die Bühne, nahm das Mikrofon und teilte den Leuten die ganze Wahrheit mit.
Matchentscheidend war wohl, dass der vermögende Unternehmer Beat Fahrni Anfang 2024 als Investor eingestiegen ist und eine Finanzspritze von zwei Millionen geleistet hat. Wie haben Sie ihn für Thun gewonnen?
Ich habe ihm offen dargelegt, wie ich funktioniere, was ich denke. Er hat sich angesprochen gefühlt und ist eingestiegen. Später auch operativ. Das rechne ich ihm extrem hoch an. Teilweise haben wir intensive Diskussionen geführt. Aber immer im Sinne des FC Thun. Ohne Beat Fahrni gäbe es den FC Thun vielleicht gar nicht mehr.
Hat Fahrni, der vor einigen Tagen plötzlich ausgestiegen ist, mit seiner Art und seinem Background geholfen, das Selbstwertgefühl des FC Thun zu steigern?
Der wesentliche Faktor war, dass er uns eine finanzielle Perspektive geben konnte und gemeinsam mit dem FC Thun einen neuen, mutigeren Weg eingeschlagen hat. Den Punkt mit dem Selbstwertgefühl würde ich etwas umschreiben …
Und wie?
Wir sind nicht verwöhnt. Wer wie wir ständig ums Überleben kämpfen muss, weiss wirklich, was Kämpfen bedeutet. Es macht stolz und stärkt die Resilienz. Als Challenge-League-Klub war es aber schwierig, im Dunstkreis der Young Boys und des SC Bern zu bestehen, das sind grosse Klubs mit einer riesigen Fanbasis. Das war für uns teilweise hartes Brot. Aber unserem Stolz tat dies keinen Abbruch.
Jetzt ist eh alles anders.
Jetzt befinden wir uns in einer Art Komfortzone, können das aber schon einschätzen. Gerade, weil wir harte Zeiten erlebt haben. In der Erziehung der Kinder gilt doch auch, dass die Eltern nicht jede Hürde aus dem Weg räumen sollen.
Womit Sie nicht ganz Unrecht haben.
Ich bekam in den letzten Jahren häufig zu hören: Was interessiert mich Thun gegen Bellinzona, wenn ich ein paar Kilometer entfernt YB gegen Basel gucken kann?
Was dachten Sie in solchen Momenten?
Als Fussballfan hatte ich auch ein wenig Verständnis dafür. Aber eben: Es geht im Leben nicht nur um Status, Glitzer und Gloria. Unser Anspruch war es stets, ehrliche Arbeit zu liefern.
Was machen Sie, wenn ein Thuner Spieler von einem Tag auf den anderen mit einem neuen Auto für 200'000 Franken vorfährt und damit in den sozialen Medien protzt?
Eigentlich ist das ein Widerspruch zu unseren Werten. Und ich persönlich finde es nicht notwendig. Aber man muss auch mit der Zeit gehen. Vor 20 Jahren habe ich noch gesagt: beim FC Basel und bei den Young Boys stehen teilweise Luxuskarossen in der Garage, bei uns in Thun Kleinwagen. Solche Vergleiche ziehe ich heute nicht mehr, das ist auch nicht nötig.
Also kein vom FC Thun initiierter Klassenkampf?
Vergessen Sie es. Jeder soll das Auto fahren, das er fahren will. Daran will ich mich nicht abarbeiten. Die materiellen Bedürfnisse soll jeder Mensch für sich selbst definieren. Ich finde es aber cool, wenn es mir gelingt, die Menschen dafür zu sensibilisieren, dass das Materielle nicht entscheidend ist im Leben.
Wie steht der FC Thun heute finanziell da?
Wir sind breiter abgestützt. Und zwar so, dass wir uns nicht ständig Sorgen machen müssen, ob wir die Lizenz kriegen. Kommt dazu, dass unser Kader viel wertvoller geworden ist. Strukturell macht wohl jeder Klub in der Super League minus.
Warum braucht der FC Thun trotzdem einen Überbrückungskredit von vier Millionen Franken?
Der Überbrückungskredit wurde vorsorglich beantragt und dient auch dazu, dem Klub finanziellen Spielraum für die kommende Transferperiode einzuräumen und das Nettoumlaufvermögen zu stärken. Ausserdem wurden bis dato bewusst nur zwei Millionen des Überbrückungskredits bei der Genossenschaft Arena Thun abgerufen.
Spassfussballer wurde das Team des FC Thun genannt, als es 2005 mit Ihnen als Captain in die Champions League stürmte. Doch nur ein halbes Jahr später war Schluss mit Spass. Das Geld versiegte irgendwo und die Mannschaft war ein Trümmerhaufen. Was gibt Ihnen die Gewissheit, dass sich die Geschichte nicht wiederholt?
Diese Frage ist bei mir ein Dauerbrenner. Schliesslich bin ich ein Stück weit auch traumatisiert und ganz sicher geprägt von den Ereignissen damals. Aber diese Erfahrung hilft mir auch. Was unbestritten ist: Wir generieren Fallhöhe. Doch wir wollen nun nicht ein paar Spiele extra verlieren, damit die Landung weniger hart sein wird.
Sie sagen, der FC Thun sei ein Klub, der über den Platz studiert. Was meinen Sie damit?
Mir ist es zu einfach, wenn es heisst, im Fussball zähle nur das Resultat. Wenn es so wäre, müsste ich den Schlüssel abgeben. Natürlich macht es mehr Spass, wenn du gewinnst. Aber ich möchte nicht Meister werden und alle denken: Scheissklub, unsympathisch. Der Inhalt und die Art und Weise, wie man wirkt, was man darstellt, sind für mich mindestens so wichtige Bestandteile wie das Resultat.
Was ist mit Blick auf den Sommer stärker? Die Freude darüber, dass fette Transfererlöse winken, oder die Befürchtung, ein neues Team zusammenstellen zu müssen?
Sportchef Dominik Albrecht und ich haben uns darauf verständigt: Wir freuen uns jetzt einfach auch einmal und gehen das alles weiter motiviert an. Andernfalls könnten wir ja gleich aufhören. Wir machen diesen Job, um zu gewinnen, um Freude zu haben. Und wenn es dann so richtig «fägt», darfst du keine Freude mehr haben? Das wäre doch schade. Wir möchten Spieler holen, die auch wieder Freude bereiten können. Ausserdem haben wir die Aussicht auf europäische Begegnungen. Allein deswegen wird nicht gleich jeder Spieler abspringen. Und viele unserer Spieler überlegen sich vielleicht auch zweimal, ob sie für ein paar Tausend Franken mehr im Monat den FC Thun wirklich verlassen wollen.
Wie gross ist der Drang, das Märchen von 2005 mit der Champions-League-Teilnahme zu wiederholen?
2015, damals noch als Sportchef, sagte ich in einem Interview: Meine Vision ist es, mit dem FC Thun Meister zu werden. Das war natürlich sehr forsch und vielleicht auch unrealistisch. Aber wer hätte uns jetzt diese Saison zugetraut? Das Gleiche gilt auch für die Champions League. Ich möchte mit dem FC Thun nochmals dorthin. Denn es ist die schönste Erinnerung in meinem Fussballer-Leben. Auch wenn es heute schwieriger ist als damals, würde ich es für den Schweizer Meister nicht als unmöglich einstufen, in die Champions League zu kommen. Aber wir sind keine Träumer und konzentrieren uns auf die aktuellen Herausforderungen in der Liga.
