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Ukrainische Gefangene sprechen über ihre Zeit im russischen Lager

«Ich bin dein Tod»: Ukrainische Gefangene sprechen über ihre Zeit im russischen Lager

Ein Brite, ein Ukrainer und zwei Frauen mit getötetem Bruder und getötetem Ehemann klagen Russland an. Sie schildern das Leiden als Kriegsgefangene aus ihrer Sicht. Nicht alles lässt sich überprüfen. Vieles entspricht aber den Erkenntnissen der UNO.
27.11.2023, 15:02
Othmar von Matt / ch media
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Die ukrainische Delegation in der Schweiz (von links): Oleksandr Markov (Anwalt des Hauptquartiers für die Behandlung von ukrainischen Kriegsgefangenen), Oleksandra Mazur, Aiden Aslin, Kseniia Prokope ...
Die ukrainische Delegation in der Schweiz (von links): Oleksandr Markov (Anwalt des Hauptquartiers für die Behandlung von ukrainischen Kriegsgefangenen), Oleksandra Mazur, Aiden Aslin, Kseniia Prokopenko, Taras Bobrovskyi (Hauptquartier für die Behandlung von ukrainischen Kriegsgefangenen) und Dmytro Andriuschschenko.Bild: Claudio Thoma

Der Brite, den die Russen zu Propagandazwecken nutzten

Als die Gefangennahme am 12. April 2022 unmittelbar bevorstand, schaltete der Kommandant Starlink nochmals ein. Aiden Aslin nutzte die Gelegenheit. Er drehte ein Video von sich, um zu beweisen, dass er am Leben war. Der Clip zeigt ihn zwar höchst besorgt, aber unverletzt. Er schickte ihn seiner Mutter, die in Grossbritannien lebt. Eine Vorsichtsmassnahme, die sich als weise herausstellen sollte.

Bereits drei Tage später, am 14. April, veröffentlichte der russische Staatssender ein Propagandavideo, das Aslin in schlimmem Zustand zeigte. Zu sehen ist eine fünf Zentimeter lange Wunde die Stirn herunter und ein grosser schwarzer Bluterguss. Eine Haarsträhne verdeckt die Wunden mehr schlecht als recht. Aslin wirkt völlig erschöpft und farblos, spricht undeutlich und in schlechtem Englisch.

Gut eineinhalb Jahre später, am 27. September 2023, sitzt der Brite Aiden Aslin mit einer Delegation im Salon der ukrainischen Botschaft in Bern. Er war am 21. September 2022 in einem Austausch via Saudi-Arabien freigekommen. Danach schrieb er den Bestseller «Putin's Prisoner». Aslin hatte in Grossbritannien im Sicherheitsbereich gearbeitet, bevor er 2014 in Syrien mit den Kurden gegen die Terrorgruppe Islamischer Staat (IS) kämpfte. Als der IS 2017 weitgehend besiegt war, kehrte er nach Grossbritannien zurück, reiste aber schon bald in die Ukraine, schrieb sich bei der 36. Brigade der ukrainischen Marineinfanterie ein und leistete den Eid.

Die Russen machten den britischen Kriegsgefangenen Aiden Aslin zu Wladimir Putins Propagandaobjekt.
Die Russen machten den britischen Kriegsgefangenen Aiden Aslin zu Wladimir Putins Propagandaobjekt.Bild: Claudio Thoma

Nachdem Aslin zum Kriegsgefangenen geworden war, landete er zunächst in einem Lagerhaus für Landwirtschaft in Sartana nahe Mariupol. Die Gefangenen mussten sich an die Wand stellen. Aslin steht in der ukrainischen Botschaft plötzlich auf, als er davon erzählt, tritt an eine Wand, drückt sich mit dem Kopf dagegen, rückt die Füsse weit nach hinten, spreizt sie, legt die Hände auf den Rücken. Er wirkt nun hilflos, man muss befürchten, dass er vornüber fällt.

«So mussten wir elf Stunden ausharren», sagt er, noch immer an die Wand gepresst. «Wenn sich jemand bewegte, wurde er geschlagen.» Er bezeichnet diese Stressposition als «Headbanging Torture» – als Kopfnuss-Folter. Auf den Einwand, es sei unmöglich, elf Stunden lang in dieser Position zu stehen, kontert er lakonisch: «Wir taten es.»

Die Wärter nahmen einen Soldaten nach dem anderen aus dieser Position heraus und liessen sich die Dokumente zeigen. Als Aslin an der Reihe war, fragte ihn der Wärter, woher er komme. «Grossbritannien», antwortete er. Das trug ihm mehrere Schläge ein. Dann verschwand der Wärter mit den Dokumenten.

Am nächsten Tag nahm ihn der FSB in Empfang, der russische Inlandgeheimdienst. Das sei ihm aufgrund der teuren Ausrüstung klar gewesen, sagt er. Der FSB behandelte ihn zwar vernünftig, zog aber seine Militärdokumente ein. Diese bewiesen, dass er seit 2018 ein regulärer Soldat der ukrainischen Armee war – und somit kein Kriegssöldner. Ein Schritt des FSB, der für Aslin weitreichende Folgen haben sollte.

Später setzten ihn die Wärter in einen Geländewagen. Man sagte ihm, er werde erschossen. Doch das war eine Scheinexekution. Nach einer längeren Fahrt kam er in Donezk an und wurde von einem Mann in blauer Uniform in Empfang genommen. Dieser stellte ihm eine Frage auf Russisch, die Aslin nicht verstand. Als er ihn bat, die Frage zu wiederholen, schlug dieser sofort mit einem Knüppel auf ihn ein – auf Kopf, Stirne, Rücken.

Aslin wurde dann ins Gebäude gezerrt. Ein Wärter schlug ihn zwei Stunden lang. Als er stoppte und eine Zigarette rauchte, fragte er: «Weisst du, wer ich bin?» Aslin: «Nein.» Der Wärter: «Ich bin dein Tod. Willst du einen wunderbaren Tod? Oder einen schnellen?» Aslin: «Einen schnellen Tod.» Plötzlich zeigte der Wärter auf Aslins Schulter: «Sieh, was ich getan habe.» Aslin stand unter Schock: Der Wärter hatte mit dem Messer zugestochen. Ihm war klar: Er kämpfte nun um sein nacktes Überleben.

Er kam in eine Zelle, in der sich dreissig Gefangene vier mal fünf Meter Raum und zwei Flaschen Wasser pro Tag teilen mussten. Jeder erhielt ein kleines Stück Brot pro Tag. Nach dreieinhalb Wochen kam er mit vier Mitgefangenen in eine Zweierzelle. Die Regeln: Tagwacht um 6 Uhr, Schlafenszeit um 22 Uhr. Wer ausserhalb der Schlafenszeit sitzt oder schläft, wird geschlagen. Die russische Nationalhymne muss auswendig gelernt und auf dem Boden liegend vorgesprochen werden. Singen ist verboten. Wer Fehler macht, wird geschlagen. Manchmal steht der Wärter dabei mit vollem Körpergewicht auf dem Gefangenen.

Aslin war für die Russen ein Glücksfall. Sie nutzten ihn für Propagandazwecke. Die Spuren führen indirekt bis in den Kreml nach Moskau und zu Präsident Wladimir Putin. Am 14. April wurde Aslin vom russischen Kriegsreporter und Propagandisten Andrey Rudenko «befragt». Im Hintergrund lauerte der Messermann. Rudenko gilt als Bestandteil von «Putins Journalistenpool», er steht auf der Sanktionsliste der Ukraine - als russischer Propagandist.

Auf einem Video vom 18. April, das im russischen Staatsfernsehen ausgestrahlt wurde, ist Rudenko persönlich zu sehen. Aslin bat darin den damaligen Premierminister Boris Johnson, gemeinsam mit dem britischen Kriegsgefangenen Shaun Pinner gegen den kremlnahen ukrainischen Politiker und Oligarchen Viktor Medwedtschuk ausgetauscht zu werden.

Ein weiterer Kremlpropagandist, der freie britische Journalist Graham Philipps, erhielt Zugang zu Aslin und verhörte ihn vor laufender Kamera. Er hatte auch für den russischen Auslandpropagandasender RT (bis 2009 Russia Today) gearbeitet, der heute in Deutschland verboten ist, nicht aber in der Schweiz.

Chefredaktorin des Senders ist Margarita Simonjan. Sie gilt als zentrale Figur russischer Propaganda und wird von der EU seit Februar 2022 auf der Sanktionsliste geführt. Simonjan soll persönlich nach Donezk geflogen sein, um Aiden Aslin und Shaun Pinner zu interviewen. Hinter der Kamera versteckt, unsichtbar für die Fernsehzuschauer.

«Die Frau, die mich interviewte, sah aus wie Margarita Simonjan», sagt Aslin. Auch Shaun Pinner erzählt Ähnliches: «Ich wurde von einer Dame interviewt, die wie Margarita Simonjan aussah.» Bis zum Austausch habe er Simonjan nicht wirklich gekannt. «Als ich sie aber auf einem Twitter-Feed sah, schien sie mir unheimlich ähnlich zu sein mit der Interviewerin.» Simonjan sagt zu CH Media: «Ich habe diese Personen nie befragt.»

Der russische Präsident Wladimir Putin (links) verleiht Margarita Simonjan am 22. Dezember 2022 einen Ehrenorden. Sie ist Chefredakteurin des Fernsehsenders RT und der internationalen Mediengruppe Ros ...
Der russische Präsident Wladimir Putin (links) verleiht Margarita Simonjan am 22. Dezember 2022 einen Ehrenorden. Sie ist Chefredakteurin des Fernsehsenders RT und der internationalen Mediengruppe Rossiya Segodnya.Bild: epa

Am 9. Juni wurde Aiden Aslin zusammen mit Shaun Pinner vom Obersten Gericht der Volksrepublik Donezk zum Tode verurteilt - weil sie Söldner seien, terroristisches Waffentraining durchgeführt hätten und in Donezk die Macht hätten übernehmen wollen. Drei Monate später, am 21. September, kamen Aslin und Pinner aber frei. Der saudi-arabische Premierminister Mohammed bin Salman hatte einen Austausch von zehn ausländischen Kriegsgefangenen vermittelt.

Heute vergleicht Aiden Aslin seine Erlebnisse in russischen Gefängnissen mit jenen mit dem IS. Er habe in Syrien «wirklich schlimme Dinge» des IS gesehen, sagt er. Was er in Russland erlebt habe, sei aber «ziemlich vergleichbar».

Der ukrainische Bataillonskommandant mit einem Schutzengel

Dmytro Andriuschschenko ist Rechtsanwalt, und er hellt die düstere Stimmung in der ukrainischen Botschaft immer wieder auf. Mal singt er plötzlich «Oh Tannenbaum» («Das lernten wir im Deutschunterricht»), mal klopft er einen Spruch: «Die ukrainischen Frauen sind alle sehr schön – und die ukrainischen Männer haben viel Humor.» Oder er stellt sich mit viel Selbstironie auf Deutsch vor: «Ich bin 34 Jahre alt, liebe Fussballspielen, Spazieren, Zähneputzen – und stehe um 7 Uhr auf.»

Dmytro Andriuschschenko, ukrainischer Kriegsgefangener, entkam dem Tod nur durch Zufall.
Dmytro Andriuschschenko, ukrainischer Kriegsgefangener, entkam dem Tod nur durch Zufall.Bild: claudio thoma

Humor ist für ihn wichtig, um das Erlebte zu verarbeiten. Andriuschschenko hatte sich 2014 freiwillig bei der 12. Brigade der ukrainischen Nationalgarde gemeldet, bei der sogenannten Asow-Brigade. Um sich und seine Familie gegen Russland zu verteidigen.

Am 20. Mai 2022 ergab er sich dann als Kommandeur eines Bataillons in der letzten Gruppe von 531 Kämpfern im Stahlwerk Asowstal. Insgesamt gerieten da 2439 ukrainische Soldaten in russische Kriegsgefangenschaft.

Andriuschschenko kam wie die meisten Asowstal-Kämpfer ins Gefängnis Olenivka südwestlich von Donezk. Dort gab man ihm den Tarif durch: «Hier gelten die Regeln des Internationalen Roten Kreuzes (IKRK) und die internationalen Verpflichtungen nichts.»

Die ukrainischen Gefangenen seien jeden einzelnen Tag geschlagen und gefoltert worden, erzählt er: «Mit Stromschlägen, Plastiksäcken über dem Kopf, simuliertem Ertrinken.»

Andriuschschenko selbst musste als Erstes zum Verhör. «Wo steht das biochemische Labor in Mariupol, in dem die Franzosen biochemische Waffen gegen die Russen produzieren?», fragten die Russen. Und: «Wo ist der versteckte Tunnel von Mariupol bis Saporischschja?» Andriuschschenko erklärte, kein Gefangener wäre in Olenivka, wenn es diesen Tunnel gäbe.

Dann wollten sie wissen: «Wie viele Polen kämpfen in Mariupol auf der ukrainischen Seite?» Er konterte: «Wir sind hier über 2000 Gefangene. Haben Sie einen Polen gefunden?» Die Russen liessen sich nicht beirren. Polen hätten in gewissen Gegenden der Ukraine bereits das Sagen, behaupteten sie – und zeigten Screenshots russischer Medien. Andriuschschenkos Konter: «Das ist nicht möglich. Wir sind ein demokratisches Land.»

Antworten, die den Russen nicht gefielen. «Du bist ein sehr kluger Mann», meinten sie sarkastisch. «Und nun kommst du in die Isolationszelle.» Dass ihm das sein Leben retten sollte, wusste er zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Andriuschschenko befürchtete im Gegenteil, er verpasse möglicherweise einen Gefangenenaustausch. Eigentlich stand sein Name auf der Liste jener wichtigen Asowstal-Kämpfer, die in einer Baracke einquartiert wurden, die ein wenig abseits lag. Ein Gerücht besagte, diese Gefangenen sollten bald ausgetauscht werden.

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Nach zwei Tagen Isolationshaft wurde Andriuschschenko in eine andere Baracke verlegt, wo er sich um 21 Uhr Schlafen legte. Eine Stunde später weckte ihn eine Explosion. Am Fenster sah er, wie zwei mobile Raketensysteme das Feuer Richtung Front eröffneten. Zwanzig Sekunden später folgte erneut eine Explosion, diesmal von der Baracke mit den wichtigen Asowstal-Kämpfern. Menschen schrien.

Später stellte sich heraus: Die Explosion hatte 53 bis 62 ukrainischen Kriegsgefangenen das Leben gekostet hatte, 75 bis 130 waren verwundet worden. Russland machte eine Himars-Rakete der Ukraine dafür verantwortlich. Die UNO wies diese Behauptung am 25. Juli 2023 aber offiziell zurück.

Andriuschschenko selbst befragte im Gefängnis Überlebende aus der Todesbaracke. «Ich sprach mit 15 Leuten aus meinem Bataillon», sagt er. «Sie erzählten mir, die Wächter hätten Helme und Schusswesten getragen, als sich die Explosion ereignete, was sie sonst nie taten. Zudem hatten sie vor dem Gebäude einen Schützengraben ausgehoben. Sie mussten also gewusst haben, was passiert.» Zudem hatte der Beschuss in Richtung Front offensichtlich das Ziel, die Explosion in der Baracke zu übertönen.

Tage später wurde er erneut zum Verhör vorgeladen. Während er wartete, hörte er im Raum gegenüber ein Gespräch von Russen mit. «Schade, dass nicht alle getötet wurden», sagte der eine Russe. Und der andere: «Ich hoffe, dass die Verletzten auf dem Weg nach Donezk sterben.» Für Andriuschschenko gibt es keinen Zweifel, dass die Russen die Baracke sprengten. Es seien russische Spezialtruppen – Wagner inklusive – dafür verantwortlich gewesen, sagt er.

Zu einem ähnlichen Schluss kam das Büro des Hohen Kommissars der Vereinten Nationen für Menschenrechte im Bericht zu Kriegsgefangenen vom Februar 2023.

Die ukrainische Übersetzerin, die um ihren Bruder trauert

Die Familie von Kseniia Prokopenko, 25, stammt aus Melitopol, einer Stadt in der Nähe des Asowschen Meeres an der russischen Grenze. Ihr Bruder Ihor, 21, trat 2020 der ukrainischen Armee bei – «um die Familie vor diesem aggressiven Nachbarn zu schützen», wie seine Schwester sagt.

Kseniia Prokopenkos Bruder Ihor kam in russische Gefangenschaft und verstarb bei einer Explosion in Olenivka.
Kseniia Prokopenkos Bruder Ihor kam in russische Gefangenschaft und verstarb bei einer Explosion in Olenivka.Bild: claudio thoma

Als am 24. Februar der Krieg im ganzen Land ausbrach, befand sich Ihor zuerst in Mariupol und später im Stahlwerk Asowstal. Zum letzten Mal sprach Kseniia Prokopenko im April 2022 mit Ihor. «Danach hörte ich nie wieder von ihm», sagt sie. Später fand sie heraus, dass er im Lager Olenivka in der Todesbaracke einquartiert und bei der Explosion ums Leben gekommen war.

Ihor Prokopenko
Ihor Prokopenko.Bild: Kseniia Prokopenko

«Schon am Tag nach der Explosion publizierten die Russen Fotos der ausgebrannten Baracke», sagt Prokopenko. «Körper lagen auf den Betten und am Boden. Und wir haben Videomaterial entdeckt zu Olenivka. Es ist aber sehr schwer, sich das alles anzusehen, wenn man weiss, dass der eigene Bruder dort war.» Am 31. Juli fand Prokopenko eine Liste des russischen Verteidigungsministeriums mit den Namen der Toten und Verletzten von Olenivka. Ihr Bruder war unter den Toten.

Die Russen hätten Videos von ukrainischen Gefangenen publiziert, die sagten, die Ukraine sei für die Explosion verantwortlich, erzählt Prokopenko. «Wir wussten aber, dass das russische Propaganda ist. Die Gefangenen wurden geschlagen, damit sie sagten, was verlangt wurde.»

Die Linguistin, die sich monatelang grausame Videos ansah

Der Vertrag mit dem Militär, den Yaroslav Otrok, 21, im Mai 2019 einging, hätte eigentlich im Mai 2022 geendet. Danach habe Yaroslav Politologe werden wollen, sagt Ehefrau Oleksandra Mazur, 28. Doch es kam anders.

Oleksandra Mazur, 28, kämpft für ihren Mann Yaroslav Otrok, 21, der als Kriegsgefangener von Olenivka verstarb.
Oleksandra Mazur, 28, kämpft für ihren Mann Yaroslav Otrok, 21, der als Kriegsgefangener von Olenivka verstarb.Bild: claudio thoma

Otrok befand sich auf der Liste der ukrainischen Verwundeten von Olenivka. Mazur sichtete deshalb im August und September 2022 alle Videos und Fotos, die sie in russischen Medien und prorussischen Telegram-Gruppen zu Olenivka fand. Sie hoffte, Spuren ihres Mannes zu finden.

Das Sichten der Videos stoppte Mazur Ende September, weil ihr ein entlassener Kriegsgefangener erzählte, Otrok sei so schwer verletzt worden, dass er nicht überlebt haben könne.

Mitte Oktober 2022 kam es zu einem Austausch von Kriegsgefangenen und von Leichen. Mazur fragte nach, ob eine der Leichen ein Tattoo aufweise, wie es sich Otrok hatte stechen lassen. Die Antwort kam schnell: Ja, es gab einen Toten mit diesem Tattoo.

Yaroslav Otrok, der verstorbene Ehemann von Oleksandra Mazur.
Yaroslav Otrok, der verstorbene Ehemann von Oleksandra Mazur.Bild: Oleksandra Mazur

Ein DNA-Test im Sommer 2023 brachte letzte Gewissheit: Ihr Mann war tot. Die Umstände nagen bis heute an ihr. «Wir wissen nicht, wann er starb», sagt sie – und fragt: «Starb er, weil die Verwundeten in Olenivka medizinisch nicht versorgt wurden? Starb er während des Transports?» Unklar ist, ob Otrok überhaupt ins Spital Donezk eingeliefert wurde. Klar ist nur eines, wie Mazur sagt: «Letztlich ist die Explosion in der Baracke die Todesursache.»

Inzwischen hat Oleksandra Mazur mit Kseniia Prokopenko die Olenivka-Familien-Gemeinschaft begründet. Mazur als Linguistin publiziert Texte zu Olenivka in den Medien und in den sozialen Medien. Prokopenko übersetzt diese Texte ins Englische. 140 betroffene Familien sind Mitglied der Gemeinschaft.

«Wir haben nicht den Eindruck, dass die internationalen Organisationen alles getan haben, um das Massaker von Olenivka zu untersuchen», sagt Prokopenko. Für Mazur ist aber eines klar: «Die Geschichte von Olenivka ist nicht vergessen.» (aargauerzeitung.ch)

Über 6000 Gefangene in 51 Lagern
Offiziell bestätigt gibt es 6000 ukrainische Kriegsgefangene in Russland. Vermisst werden insgesamt 20’000 ukrainische Soldaten. Russland und die Volksrepublik Donezk betreiben51 Gefangenenlager.

Zwei ehemalige Kriegsgefangene – der Brite Aiden Aslin, 29, und der Ukrainer Dmytro Andriuschschenko, 34, – waren Ende September in der Schweiz. Gemeinsam mit Kseniia Prokopenko, 25, und Oleksandra Mazur, 28. Begleitet wurden sie von zwei Vertretern des ukrainischen Hauptquartiers für die Behandlung von Kriegsgefangenen. Die Delegation machte in der Schweiz IKRK, UNO und Parlament aufmerksam auf das Los ukrainischer Kriegsgefangener.

Was die vier über russische Kriegsgefangenschaften erzählen, entspricht weitgehend den Erkenntnissen der UNO. Das Büro des Hohen Kommissars der Vereinten Nationen für Menschenrechte (OHCHR) hält im Bericht zur Behandlung von ukrainischen Kriegsgefangenen zwischen Ende Februar 2022 und Ende Februar 2023 fest: «Die an 32 dieser Orte dokumentierten Verstösse gegen das humanitäre Völkerrecht und die internationalen Menschenrechtsnormen betrafen die katastrophalen Haftbedingungen (Unterbringung, Verpflegung, Hygiene und medizinische Versorgung), die Verweigerung der Kommunikation mit der Aussenwelt, Folter oder andere Misshandlungen, Zwangsarbeit (…) und den fehlenden Zugang unabhängiger Beobachter.»

Was sagt das russische Verteidigungsministerium in Moskau zu den Vorwürfen? CH Media fragte schriftlich: Weshalb beachtet Russland die Wiener Konvention nicht? Weshalb gibt Russland IKRK und UNO nicht vollen Zugang zu ukrainischen Kriegsgefangenen? Was sagt das Verteidigungsministerium zum Vorwurf eines Augenzeugen, Russland selbst habe die Explosion in Olenivka ausgelöst? Das Verteidigungsministerium reagierte nicht auf die Fragen. (att/AZ)
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27 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Kenshiro
27.11.2023 15:42registriert Dezember 2017
Die russische Armee und deren Gedankengut muss vernichtet werden!

Für uns alle ist dies das Beste.
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lumpensammlerin
27.11.2023 15:20registriert Mai 2019
Absolut tragische Geschichte. Ich hoffe für die 4, dass sie etwas erreichen können.

Und dass die UNO, IKRK etc. ebenfalls irgendwas mit Hand und Fuss erreichen.

Keine Antwort aus Russland ist ja auch eine Antwort.
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Dominik Egloff
27.11.2023 15:59registriert November 2015
Von der einen Seite attackiert Putin die Demokratien, von der anderen Seite her mordet sich die Hamas als iranischer Vertreter durch die Demokratie in Israel. Die engen Freunde zeichnen sich durch brutalste Kriegsverbrechen und den gemeinsamen Wille aus, den Westen, seine Demokratien, seine Werte und seine Rechtsstaatlichkeit ein für alle male auszulöschen. Die stärkste Waffe dieser Angreifer ist aber nicht das Militär, es sind die Wegbereiter hier bei uns, die ganzen Propagandisten, welche zum Teil nicht einmal selbst merken, dass sie gerade dabei sind eine Welt von Gewalt zu realisieren.
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