Warum die Autopsien «das gleiche Problem wie in Crans-Montana» aufwerfen werden
Eine Tragödie mit déjà-vu hat die Schweiz an diesem Dienstag erschüttert. Die Autopsie der sechs Menschen, die in Kerzers (FR) ums Leben kamen, wird ähnliche Herausforderungen mit sich bringen wie jene der Opfer von Crans-Montana vor drei Monaten.
Um uns den weiteren Verlauf zu erklären, gibt es kaum jemanden, der besser geeignet wäre als der französische Gerichtsmediziner Bernard Marc. In seinen 50 Berufsjahren war er immer wieder mit Notfällen und dramatischen Situationen konfrontiert – von Schulbränden bis zu Flugzeugabstürzen.
Übersetzung
Dieser Text wurde von unseren Kolleginnen und Kollegen aus der Romandie geschrieben, wir haben ihn für euch übersetzt.
Wir hatten uns bereits im Januar, kurz nach dem Brand in Crans-Montana, darüber unterhalten, welche Schwierigkeiten die Identifizierung von Brandopfern mit sich bringt. Inwiefern ist die Tragödie, die sich gestern Abend in Kerzers ereignet hat, ähnlich?
Dr. Bernard Marc: Dasselbe Identifizierungsproblem stellt sich in diesem Bus wie damals in der Bar von Crans-Montana: ein geschlossener Ort ohne eine festgelegte Liste der anwesenden Personen. Man weiss nicht, wer diesen Bus genommen hat.
Als ich im Juli 2000 an der Bergung der Opfer des Concorde-Absturzes beteiligt war, gab es eine Passagierliste, Menschen, die vermutlich auf den ihnen zugewiesenen Sitzplätzen sassen. Wir hatten bereits viele Anhaltspunkte, die auf eine vermutete Identität hinwiesen, die anschliessend bestätigt werden musste. Hier ist es genau umgekehrt: Man weiss nicht, wer dieses Verkehrsmittel genommen haben könnte.
Ohne Passagierliste – wie geht man bei der Identifizierung der Opfer vor?
Bei Brandopfern greifen wir immer auf dieselben Mittel zurück: zunächst auf bildgebende Verfahren, mit denen sich etwa das Alter der Opfer einschätzen lässt, insbesondere anhand des Wachstums der Schlüsselbeine – sofern diese erhalten geblieben sind. Alles hängt vom Zerstörungsgrad des Körpers ab, doch einige Elemente können helfen, das Geschlecht zu bestimmen. Ausserdem sucht man nach möglichen medizinischen Fremdkörpern, etwa einer Prothese. Und natürlich werden auch DNA-Analysen eingesetzt.
Verändert die Tatsache, dass das Feuer in einem Bus ausgebrochen ist, etwas an der Autopsie?
Da es sich nicht um einen Verkehrsunfall handelt, wird es keine zusätzlichen Verletzungen geben, etwa Frakturen oder ähnliche Traumata. Dagegen wird der toxikologische Aspekt eine entscheidende Rolle spielen. In einem Fahrzeug befindet sich sehr viel Kunststoff in unterschiedlichsten Formen. Es wird daher zu klären sein, ob eine Vergiftung durch Kohlenmonoxid oder Blausäure vorliegt, die beim Verbrennen solcher Materialien freigesetzt wird.
Blausäure?
Eine Säure, die traurigerweise durch den Holocaust berühmt wurde, da sie in den Gaskammern verwendet wurde. Je nach gemessenen Werten lässt sich feststellen, ob die Opfer an den Folgen der Gasentwicklung in einer geschlossenen und schlecht belüfteten Umgebung – wie einem Bus – gestorben sind oder an der Schwere ihrer Verbrennungen.
Die Behörden haben angedeutet, dass die Autopsie viel Zeit in Anspruch nehmen wird. Worin liegt die grösste Schwierigkeit?
In der Organisation. Es handelt sich um eine Handlungskette: Erste Hinweise zur Identifizierung können dank der Bildgebung relativ schnell geliefert werden – diese kann in etwa fünfzehn Minuten durchgeführt werden. Wenn jedoch eine Reihe von Autopsien folgen muss, bei denen alle Verletzungen untersucht und anschliessend analysiert werden …
Erst recht, wenn man die Untersuchungen durch histologische Analysen ergänzen möchte (Anm. d. Red.: der Bereich der Biologie und Medizin, der die mikroskopische Struktur von Geweben, Zellen und Organen untersucht) oder durch die Auswertung von Proben. Diese müssen zunächst in Formalin fixiert werden und können erst nach 48 Stunden analysiert werden. All diese Schritte benötigen Zeit, wenn man wirklich sehr präzise Ergebnisse liefern möchte.
Die Identität der sechs Opfer kann auch mithilfe ihrer Familien und Angehörigen festgestellt werden. Warum ist die Autopsie der Körper dennoch so wichtig?
Die Autopsie ermöglicht es, DNA-Proben zu entnehmen, zu prüfen, ob es weitere Verletzungen oder andere verdächtige Elemente gibt, genau festzustellen, welche Schäden an einem Organ entstanden sind, und die exakte Todesursache zu bestimmen.
Wenn ich Sie richtig verstehe, ist das also sowohl für die Familien als auch für die Ermittlungen wichtig?
Ja. Die erste Notwendigkeit ist zunächst die Identifizierung. Man muss den Familien Antworten geben. Viele Menschen bleiben ohne Nachrichten und beginnen zu vermuten, dass sich ihr Angehöriger oder ihre Angehörige in diesem Bus befand, weil er ihn gewöhnlich nahm – obwohl er an diesem Tag vielleicht gar nicht eingestiegen ist. All das muss geklärt werden.
Man hörte heute Morgen tatsächlich bereits Aussagen von Menschen, die grosse Angst haben, weil ihre Angehörigen dieses Verkehrsmittel regelmässig benutzen …
Ich denke, die Polizei wird sehr viele Anrufe erhalten. Deshalb braucht es schnelle Verfahren wie die Bildgebung, mit der man innerhalb eines halben Tages bereits alle sechs Körper scannen und feststellen kann, ob es sich etwa um zwei ältere Männer, eine junge Frau oder zwei Minderjährige handelt … Das sind schnelle Anhaltspunkte für die Ermittlerinnen und Ermittler. Je schneller wir Antworten liefern können, desto besser.
