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Ignaz Walker gibt den Medien Antworten nach der Urteilsverkuendung vor dem Rathaus in Altdorf am Montag, 18. April 2016, wo das Urteil fuer den angeklagten Erstfelder Barbetreiber bekanntgegeben wurde. Das Urner Obergericht hat am Montag den Erstfelder Barbetreiber vom Vorwurf freigesprochen, 2010 einen Killer auf seine Frau angesetzt zu haben. Einen abgeschwaechten Schuldspruch gab es bei den ihm auch vorgeworfenen Schusses auf einen Gast. Das Gericht reduzierte die Strafe von 15 Jahren auf 2 Jahre und 4 Monate. (KEYSTONE/Urs Flueeler)

Wollte sich nicht gratulieren lassen: Ignaz Walker nach der Urteilsverkündung. Bild: KEYSTONE

«Fall Walker»: Das Obergericht übt sich in Schadensbegrenzung

Das Urner Obergericht hat Ignaz Walker teilweise freigesprochen – und versucht damit, sein Gesicht zumindest teilweise zu wahren.

Carmen Epp, Altdorf



Darum gehts im «Fall Walker»:

Was heute geschah:

Betont gelassen betrat Ignaz Walker den Landratssaal in Altdorf, wo heute das Urteil in seinem Fall verkündet wurde. Nachdem an der Berufungsverhandlung im Oktober und Februar zahlreiche Ungereimtheiten im Verfahren zutage gebracht worden waren, schien sich Walker eines Freispruchs sicher.

Damit sollte er jedoch nur teilweise Recht behalten: Das Urner Obergericht sprach den ehemaligen Cabaret-Betreiber zwar vom Vorwurf frei, im November 2010 einen Auftragskiller auf seine damalige Ehefrau angesetzt zu haben. Dass er acht Monate zuvor auf den Holländer Peeters geschossen haben soll, erachtet das Obergericht jedoch nach wie vor als erwiesen. Für das leichtere der beiden Delikte – klassifiziert als Gefährdung des Lebens – sowie Vergehen gegen das Waffengesetz verurteilte das Obergericht Walker zu 28 Monaten Haft.

Ignaz Walker, rechts, und sein Anwalt Linus Jaeggi, links, verlassen nach der Urteilsverkuendung das Rathaus in Altdorf am Montag, 18. April 2016, wo das Urteil fuer den angeklagten Erstfelder Barbetreiber bekanntgegeben wurde. Das Obergericht Uri verurteilte Walker im September 2013 wegen versuchter vorsaetzlicher Toetung und versuchten Mordes in Mittaeterschaft zu einer Freiheitsstrafe von 15 Jahren und erhoehte damit die vom Landgericht verhaengte Strafe um 5 Jahre. Im Dezember 2014 hiess das Bundesgericht eine Beschwerde Walkers teilweise gut, hob das Urteil auf und schickte den Fall zur Neubeurteilung ans Obergericht Uri zurueck. (KEYSTONE/Urs Flueeler)

Ignaz Walker, rechts, und sein Anwalt Linus Jaeggi nach der Urteilsverkündung.
Bild: KEYSTONE

Damit bleibt Walker zwar weiterhin ein freier Mann; schliesslich hatte er bereits über 55 Monate in Haft gesessen. Gratulieren lassen wollte sich Walker nach der Urteilsverkündigung aber trotzdem nicht. «Wozu auch? Zu 28 Monaten Haft für etwas, das ich nicht begangen habe?», sagte er zu Journalisten, sein nervöses Lächeln war längst der Enttäuschung gewichen.

Von einem Achtungserfolg wollte auch Linus Jaeggi, Walkers Verteidiger, nichts wissen. «Es hätte einen vollständigen Freispruch geben müssen», sagte er vor laufenden Kameras und Mikrofonen. Ob er das Urteil anfechten werde, sei auch abhängig davon, was Walker wolle. Zuerst aber gelte es, die schriftliche Urteilsbegründung des Obergerichts abzuwarten. Die soll bis im Sommer vorliegen.

Ebenfalls enttäuscht zeigte sich Oberstaatsanwalt Thomas Imholz. Er hatte 15 Jahre Haft für Walker gefordert und prüft nun, ob er das Urteil vor Bundesgericht anfechten soll.

Überrascht zeigten sich auch die Journalisten und Prozessbeobachter. 28 Monate statt 15 Jahre – mit einem solchen Urteil hätten die wenigsten gerechnet. Wahrscheinlich, so wurde im Vorfeld gemutmasst, geben sie ihm fünf Jahre, also exakt die Zeit, die Walker bereits gesessen hatte. Der geschickteste Weg, einer Entschädigung für Walker zu entgehen und damit das Gesicht zu wahren. Mit den nun 28 Monaten gesteht das Obergericht Walker immerhin eine Überhaft von 27 Monaten ein. Über die Entschädigung, die im sechsstelligen Bereich liegen dürfte, wird zu einem späteren Zeitpunkt verhandelt.

Das Dorf Erstfeld mit dem Nachtclub Taverne, Mitte, in der Abenddaemmerung, aufgenommen am Montag, 28. September 2015. Experten des Forensischen Instituts Zuerich untersuchen im Auftrag des Obergerichts Uri mit einem gerichtlichen Augenschein den Tatort mit Schussrekonstruktion im Fall des Erstfelder Barbetreibers Ignaz Walker, am Montag 28. September 2015 in Erstfeld. Walker ist des versuchten Mordes und der versuchten vorsaetzlichen Toetung angeklagt. (KEYSTONE/Urs Flueeler)

Der einstige Nachtclub Taverne von Walker in Erstfeld. Bild: KEYSTONE

Mit dem Urteil übt sich das Obergericht somit gleich in mehrerer Hinsicht in Schadensbegrenzung: Zum Einen, weil es so gut die Hälfte der Entschädigung zugunsten von Walker umgeht. Zum Anderen können durch den Schuldspruch im Fall Peeters nun alle Verfahrensbeteiligten ihr Gesicht wahren. Dies nachdem die Staatsanwaltschaft und auch die Kantonspolizei durch Recherchen der «Rundschau» unter Verdacht geraten waren, Peeters erneute Vorladung vor Gericht verhindert zu haben.

Eine Pflicht der Staatsanwaltschaft, ihr Wissen um das Rechtshilfeverfahren aus Frankreich dem Obergericht mitzuteilen, habe nicht bestanden, heisst es in der Begründung. Auch darauf, dass die Kantonspolizei Kenntnisse vom Aufenthaltsort von Peeters gehabt habe, fänden sich in den Akten «keine Hinweise». Für das Gericht seien demnach «keine Verletzungen von Verfahrensgarantien erkennbar», die eine Unverwertbarkeit der belastenden Aussagen von Peeters zur Folge haben müssten.

Ob diese Begründung die Zweifel am korrekten Vorgehen von Staatsanwaltschaft und Polizei auszuräumen vermag, dürfte jedoch bezweifelt werden. Bereits als die Vorwürfe publik geworden waren, zeigten sich politische Akteure gewillt, der Sache nachzugehen. Inwiefern beispielsweise die staatspolitische Kommission oder die Aufsichtskommission des Urner Obergerichts auf diese Worte Taten sprechen lassen, wird sich weisen.

Die grosse Verliererin des Tages ist Nataliya K. Ihre von Anfang an kolportierte Version des Auftragsmordes an ihr vermochte das Gericht nicht zu überzeugen. So habe sich mit der Schussrekonstruktion ergeben, «dass sich das Geschehene nicht genau in der von Nataliya K. ursprünglich beschriebenen Weise abgespielt haben konnte», heisst es in der Kurzbegründung des Urteils. Für Claudia Zumtaugwald, die Verteidigerin von Nataliya K., ist das Urteil unverständlich und überraschend, wie sie sagt. Die Schadensersatz- und Genugtuungsforderung von Nataliya K. werden auf den Zivilweg verwiesen. Ob sie das Urteil als Zivilklägerin weiterziehe, werde sie nun klären, so Zumtaugwald.

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    Alle Leser-Kommentare
  • Spooky 20.04.2016 00:38
  • User01 18.04.2016 23:11
    Highlight Highlight Wie werden Entschädigungen bei Freiheitsberaubung berechnet? Gibt es da einen "Stundenansatz"? Geht man von einem tiefen Ansatz von sagen wir 100.- pro Stunde Haft aus, würden sich die 27 Monate zu knapp 2 Mio. Franken zusammenzählen. Und meine Freiheit wäre mir deutlich wichtiger als 100.- ... Wie wird das also berechnet? Im Artikel steht 6-stellig, aber ich denke 7-stellig müsste auch drin liegen.
    • amzi3103 19.04.2016 19:58
      Highlight Highlight Die Höhe der Genugtuung beruht auf richt. Ermessen. Das Bundesrecht setzt keinen bestimmten mind. betrag fest.Nach der Rechtsprechung ist zunächst die Grössenordnung der in Frage kommenden Genugtuung zu ermitteln,wobei Art und Schwere der Verletzung massgebend sind.In einem 2.Schritt sind die Besonderheiten des Einzelfalles zu würdigen,die eine Verminderung oder Erhöhung der zuzusprechenden Summe nahelegen.Das BGer erachtet bei kürz. Freiheitsentzügen Fr.200 pro Tag als angemessen,sofern nicht aussergewöhnliche Umstände vorliegen,die eine höhere oder eine geringere Entschädigung rechtfertigen.
  • angelchaps 18.04.2016 22:53
    Highlight Highlight Hoi Ignaz.

    Ich Gratuliere Dir zu Deinem heutigen grossartigen Sieg
    vor der Urner Justiz

    Die Urner Justiz macht einen Fehler nach dem Anderen. Mit aktuellstem Fall betriff es einmal mehr die KaPo Uri. Diese merken dabei nicht, dass sie die Urner/innen und Urschner/innen und somit die gesammte Zentralschweiz zum Narren halten.
  • Spooky 18.04.2016 20:43
    Highlight Highlight "Der Urner Justizskandal muss auch politisch aufgearbeitet werden – durch eine Untersuchungskommission und durch externe Experten. Denn es geht um nichts weniger als um das Vertrauen in die Strafverfolgung."
    [http://www.tagesanzeiger.ch/schweiz/standard/pAufklaerung-schonungslosp/story/18456414]
  • kiawase 18.04.2016 19:19
    Highlight Highlight man kann das öfters beobachten; die Justizvertreter bzw. Richter , ähnlich wie die mediziner, mögen es nicht wenn ihre Fehler ans Tageslicht kommen
  • Blaumeise 18.04.2016 18:27
    Highlight Highlight Weiterziehen vor's Bundesgericht! Dieses Urteil ist Unrecht und soll bloss das totale Versagen der Behörden in diesem Fall kaschieren. Die Haftentschädigung für bloss die Hälfte der unschuldig abgesessenen Zeit ist ein billiger Trostpreis.
  • äti 18.04.2016 18:20
    Highlight Highlight Üble Sache, das!! (Maloney)

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