Schweiz
Was ich wirklich denke

Nach Kronenhalle-SRF-Dok: Ein Koch spricht über seinen (krassen) Alltag

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Während seiner Lehre hat sich Anton oft überlegt, diese abzubrechen.Bild: shutterstock
Was ich wirklich denke

Koch packt aus: «Keiner meiner Freunde aus der Berufsschule arbeitet noch auf dem Beruf»

18.04.2024, 09:15
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  • Anton ist Anfang 20 und hat eine Lehre als Koch gemacht.
  • Direkt nach dem Lehrabschluss hat Anton den Beruf verlassen – alle seine Freunde aus der Berufsschule taten es ihm gleich.
  • Schon während der Lehrzeit hat rund ein Drittel seiner Mitschüler die Lehre abgebrochen.
Was ist «Was ich wirklich denke»?
Wir gestehen: Bei der Idee für «Was ich wirklich denke» haben wir uns schamlos beim «Guardian»-Blog «What I'm really thinking» bedient. Wir mussten fast, denn die Idee dahinter passt wie die Faust aufs Auge auf unseren alten Claim «news unfucked». Es geht darum, Menschen, Experten, Betroffene anonym zu einem Thema zu Wort kommen zu lassen, ohne dass diese dabei Repressalien befürchten müssen. Roh und ungefiltert. Und wenn du dich selber als Betroffener zu einem bestimmten Thema äussern willst, dann melde dich bitte unter wasichdenke@watson.ch. Die Namen unserer Gesprächspartner sind frei erfunden.

Der Stress begann bereits in meiner ersten Arbeitswoche: Ich musste während sechs Tagen 60 Stunden arbeiten. Damals war ich 15 Jahre alt. Aber ich muss sagen, irgendwie fand ich es cool. Es war alles so aufregend – eine neue, absurde Welt. Obwohl ich so viel arbeiten musste, machte es mich glücklich. Zunächst.

«Am Ende meiner Lehre hatte ich über 300 nicht kompensierte Überstunden – ausgezahlt wurden sie auch nicht.»

Denn mit der Zeit wurde die Arbeitsbelastung zermürbend, die anfängliche Euphorie wich einer Daueranspannung. Es gab etliche Fälle, in denen das Gesetz umgangen wurde. Lehrlinge dürfen eigentlich nur 42 Stunden pro Woche arbeiten, bei mir waren es immer mindestens 50. Oft war es auch der Fall, dass wir uns um 22.00 Uhr ausstempelten und dann noch bis 01.00 Uhr oder 02.00 Uhr arbeiten mussten. Am Ende meiner Lehre hatte ich über 300 nicht kompensierte Überstunden – ausgezahlt wurden sie auch nicht.

Die Launen des Küchenchefs

In der Berufsschule gab es zwei Gruppen von Lehrlingen: zum einen jene, die im Alters- und Pflegeheim oder Spitälern arbeiteten, und jene, die wie ich in einem À-la-carte-Restaurant gearbeitet haben. In Heimen und Spitälern ist es besser geregelt. Die machen nicht so viele Überstunden, da es dort oft Kontrollen von auswärtigen Stellen gibt. Viele andere, die in den «normalen» Betrieben arbeiteten, kamen nicht in den Genuss dieser Regulierungen – wir arbeiteten alle zu viel.

Manchmal kam es mir so vor, als würde ich unter dem Stockholm-Syndrom leiden: Eigentlich bist du total k.o., weil du 13 Stunden gearbeitet hast, aber durch das ganze Adrenalin nimmst du das nicht so sehr wahr und findest trotzdem irgendwie inneren Frieden.

Bei uns in der Küche ging es zu und her wie im Film. An den schlimmsten Tagen schmiss der Küchenchef Pfannen durch den Raum. Natürlich nicht auf die Mitarbeitenden, aber es war trotzdem grenzwertig.

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In der Küche geht es heiss und hitzig zu und her.Bild: Shutterstock

Alles steht und fällt mit der Laune des Küchenchefs. Er kam am Morgen jeweils als Letzter und wir haben alle darauf gewartet, wie er wohl gelaunt sein wird. Als er dann jeweils die Küche betrat, wussten wir sofort, wie der Tag ablaufen würde. Wenn er gute Laune hatte, wurde der Tag gut. Wenn er schlechte Laune hatte, haben wir stundenlang geschwiegen, um ihn nicht zu verärgern.

«Er stand jeweils 10 Zentimeter von meinem Gesicht entfernt und schrie mich mit voller Kraft 5 Minuten an.»

Es war völlig normal, dass er uns zwei bis drei Mal pro Woche so richtig angeschrien hat. Er stand jeweils 10 Zentimeter von meinem Gesicht entfernt und schrie mich mit voller Kraft 5 Minuten an – danach konnte ich mir seinen Speichel aus dem Gesicht wischen.

Im Nachhinein muss ich sagen, dass mich das abgestumpft hat und ich viel mehr aushalten kann – Worte können mich nicht mehr verletzen. Deswegen bin ich meinem alten Chef auch dankbar. Ob das eine positive Eigenschaft ist, weiss ich nicht wirklich.

Ein Drittel Lehrabbrüche

Ganz ehrlich: Der Gedanke, die Lehre abzubrechen, schwirrte oft in meinem Kopf herum. Aber so bin ich nicht. Wenn ich etwas beginne, dann bringe ich es auch zu Ende. Viele meiner Mitschüler in der Berufsschule haben aber abgebrochen – rund ein Drittel würde ich schätzen. Heute arbeitet keiner meiner Freunde aus der Berufsschule mehr als Koch – obwohl unser Lehrabschluss noch keine drei Jahre her ist.

An alle, die sich überlegen, eine Kochlehre zu machen: Überlegt euch gut, ob ihr die nötige Leidenschaft für das Kochen und Essen habt. Denn ohne die funktioniert es nicht.

Dieser Job gibt einem wenig zurück, der Lohn ist ganz okay, dafür sind die Arbeitszeiten sehr anspruchsvoll. Spürt man aber eine Passion, kann dieser Beruf auch sehr erfüllend sein und ja, sogar Spass machen.

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Das passiert, wenn Nico und Reto in einem Tessiner Grotto die Küche «übernehmen»
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193 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Ribosom
18.04.2024 05:54registriert März 2019
Der Lehrmeister könnte dafür in den Knast kommen und sein Chef eine hohe Busse zahlen... Ich bin auch Berufsbildnerin. Ein Lernender braucht mehr Zeit. Ihn auszubilden ist aufwändig und es passiert on top zum normalen Job. Trotzdem dürfen solche Sachen nicht passieren.
"Aber so ist es in der Küche halt." Nein, so muss man nicht mit den Mitmenschen umgehen! Jeder hat Respekt und Anstand verdient, egal wie alt, egal welches Geschlecht oder Herkunft.
Diesem Küchenchef hätte ich sowas von Feuer unter seinem Füdli gemacht.
Warum greifen die Eltern nicht ein?
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Philboe
18.04.2024 05:56registriert Juli 2015
Die Gastro ist ein Loch. Dort arbeitet man nicht wegen dem Geld oder weil es ein Easyjob ist sondern weil man Leidenschaft hat dafür. Niemand ist bereit für ein Schnipo mehr zur zahlen damit auch mal die Löhne steigen aber für ein Billigraclette am Weihnachtsmarkt ohne Service und gegessen auf Stehtisch an der Kälte sind dann die Portemonnaies locker. Der Gastro fehlt die Wertschätzung daran ist sie aber auch teilweise selber Schuld
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Knety
18.04.2024 06:07registriert Mai 2016
Während dem Studium arbeitete ich als Aushilfe an einer Reception. Von meiner Insel der Glückselligkeit aus konnte ich dem Treiben in der Gastronomie zuschauen. Was er hier schildert ist völlig normal. Service Mitarbeiter arbeiten teilweise 20 Tage am Stück und verbringen ihre zwei freien Tage dann mit schlafen. Um 10 Uhr auf der Matte stehen und teilweise bis Mitternacht arbeiten. Manche Köche sind regelrechte Mobber und Choleriker. Die Löhne sind auch nicht sehr hoch.
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