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«Alles, was wir jetzt nicht tun, kommt uns später teurer zu stehen»: KOF-Leiter Jan-Egbert Sturm.
«Alles, was wir jetzt nicht tun, kommt uns später teurer zu stehen»: KOF-Leiter Jan-Egbert Sturm.Bild: KEYSTONE
Interview

Ökonom der ETH warnt: «Kurzarbeit und Kredite reichen nicht»

Jan-Egbert Sturm, Leiter der KOF Konjunkturforschungsstelle, rät zu A-fonds-perdu-Beiträgen – die Schweiz habe das Geld dafür.
06.04.2020, 06:4306.04.2020, 07:09
Niklaus Vontobel / ch media

Total 100 Milliarden Franken – so viel Geld solle die Schweiz ausgeben, um in der Coronakrise zu bestehen. Vor zwei Wochen stellte Jan-Egbert diese gewaltig wirkende Summe in den öffentlichen Raum. Doch am Freitag stockte der Bundesrat die Hilfsgelder bereits auf 60 Milliarden auf. Vom Leiter der KOF Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich wollte CH Media wissen, ob die Wirtschaft nun gut geschützt ist.

Herr Sturm, werden die 100 Milliarden reichen?
Jan-Egbert Sturm: Die 100 Milliarden sind als Obergrenze zu verstehen, die wir hoffentlich nie erreichen. Mein Co-Autor, ETH-Professor Hans Gersbach, und ich wollten damit sagen: Wir können so viel ausgeben – der Bund hätte noch immer solide Finanzen.

Woher kommt die Zahl?
Heute liegt die Staatsverschuldung bei etwa 40 Prozent des Bruttoinlandprodukts, das 2019 erwirtschaftet wurde. Wenn wir diese Wirtschaftsleistung nach der Krise wieder erreichen, könnten wir 100 Milliarden Franken ausgeben – und die Staatsverschuldung betrüge erst 55 Prozent. Wir wären 5 Prozentpunkte unter den Maastrichter-Kriterien. Diese geben vor, dass die Verschuldung 60 Prozent des BIP eines Landes nicht übersteigen soll.

Wie Bundesrat Ueli Maurer sagte, will die Schweiz aber nicht in die EU – warum sollen die 60 Prozent dennoch wichtig sein?
Viele Leute denken, eine Staatsverschuldung unter diesem Niveau sei verkraftbar. Welchen Wert diese 60 Prozent genau haben, ist tatsächlich durchaus umstritten.

Der Konjunkturprognostiker
Jan-Egbert Sturm leitet die Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich seit 2005. Als KOF-Chef verantwortet der 50-jährige Sturm die Prognosen zur wirtschaftlichen Entwicklung. Über Studien und Analysen beteiligt sich die KOF regelmässig an den wirtschaftspolitischen Debatten der Schweiz. Sturm hat die Finanzkrise von 2008 miterlebt und den Frankenschock von 2015 (er hätte den Mindestkurs nicht aufgehoben, sagte er einmal.) Doch die Coronakrise ist für ihn eine Ausnahmesituation. Niemand könne sich entziehen, sämtliche Akademiker müssten sich gezwungenermassen mit der Krise auseinandersetzen. Sturm ist verheiratet und hat mit seiner Frau zwei Kinder. (nav)

Stellen wir die Grundsatzfrage: Warum soll der Staat eingreifen?
Wir sind von den direkten und indirekten Folgen der Pandemie alle betroffen, die ganze Gesellschaft. Daher muss der Staat als Versicherer in Leistung treten und dafür seine Bilanz nutzen.

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Das heisst: Nach der Krise steigen die Steuern?
Nicht für die gesamte Bevölkerung, das wird nicht nötig sein. Wir schlagen jedoch vor, die Steuern auf hohe Unternehmensgewinne befristet zu erhöhen. Es wäre ein Corona-Zuschlag. Unternehmen, die in der Krise gut wirtschaften konnten, würden etwas mehr Steuern zahlen.

Warum sollen solche Unternehmen mehr zahlen?
In dieser Krise sind hohe Gewinne dem Zufall geschuldet. Krisen sind zwar immer ungerecht: Es hängt oft nicht von der eigenen Leistung ab, wer sie gut übersteht. Aber für die aktuelle Krise gilt dies ganz besonders. Niemand hat sie vorhersehen können. Einige Unternehmen werden nun lange keine Gewinne mehr schreiben. Andere werden aus der Krise einen Profit schlagen oder sind zufällig in Branchen tätig, die besser davon kommen. Diese würden einen Teil ihrer zusätzlichen Gewinne abliefern.

Diese Unternehmen wären dennoch wenig begeistert.
Die Wirtschaft könnte sich solidarisch zeigen, was wichtig für ihren gesellschaftlichen Rückhalt ist. Es wäre ein Beitrag, damit alle die Kosten dieser Krise gemeinsam tragen.

Warum lassen sich allgemeine Steuererhöhungen vermeiden?
Wir werden die Verschuldung auch ohne dieses Instrument wieder senken können. Die Schweiz hat in der Vergangenheit bewiesen, dass sie haushalten kann. Die Schuldenbremse hat dabei geholfen. Wichtig wird auch sein, dass die Schweizer Wirtschaft wieder wächst. So können wir die Verschuldung, gemessen am Bruttoinlandprodukt, leichter senken.

«Der Staat soll nicht alles übernehmen, aber eine gewisse Leistung ist angebracht.»
Jan-Egbert Sturm

Steuersenkungen wird es aber auch nicht geben?
Nein, davon brauchen wir nicht zu reden. Die sind erst einmal vom Tisch.

Tut der Staat aktuell genug – oder braucht es mehr?
Professor Gersbach und ich glauben, dass es weitere Instrumente braucht. Der Staat sollte die Unternehmen zusätzlich entlasten. Zum Beispiel sollte er teilweise die Mietkosten übernehmen oder auch Zinszahlungen. Und zwar nicht via Kredit, sondern à fonds perdu. Es wäre eine Art von Kurzarbeit-Regime für Kapital. Der Staat soll nicht alles übernehmen, aber eine gewisse Leistung ist angebracht.

Trotz aller der Hilfen, die es schon gibt? Kurzarbeit für die Arbeitnehmer. 20 Milliarden Franken an Krediten, meist zu einem Nullzins.
Kurzarbeit und Kredite allein reichen nicht. Sind nach der Krise viele Betriebe überschuldet, werden sie auf Jahre hinaus nicht investieren. Für Innovationen fehlt das Geld. Die Wirtschaft würde weniger stark wachsen, und die Unternehmen sind weniger wettbewerbsfähig im Vergleich zum Ausland.

Das wäre nach der Krise – man könnte später reagieren.
Alles, was wir jetzt nicht tun, kommt uns später teurer zu stehen. Und es könnten schon heute Unternehmen keine Perspektive mehr für sich sehen – und schliessen. Dadurch könnte die Arbeitslosenquote in der Schweiz stark steigen. Sie hat sich bereits von 2.5 auf 3.1 Prozent erhöht.

Bundesrat Guy Parmelin sagt, der Bund könne sich A-fonds-perdu-Beiträge nicht leisten.
Wir sehen das anders. Solche Beiträge wären ohne grössere Probleme zu stemmen, ohne die Obergrenze von 100 Milliarden Franken zu überschreiten. Deshalb kann ich die Aussage von Bundesrat Parmelin nicht ganz nachvollziehen.

Sturm teilt betreffend A-fonds-perdu-Beiträge nicht die Meinung von Guy Parmelin.
Sturm teilt betreffend A-fonds-perdu-Beiträge nicht die Meinung von Guy Parmelin.Bild: KEYSTONE

Nicht alles, was man sich leisten kann, sollte man sich leisten.
Es ist gut investiertes Geld. Wir müssen die Wirtschaft nun einfrieren, die Strukturen müssen erhalten bleiben, damit wir nach dem Winterschlaf wirklich durchstarten können. So behalten wir auch die staatliche Verschuldung am besten im Griff.

Wir haben eine Gesundheitskrise und stecken erst am Anfang einer Krise der Realwirtschaft. Wird es auch eine Finanzkrise geben?
Ausschliessen lässt es sich nicht. Wenn Unternehmen reihenweise insolvent werden, womöglich ganze Branchen, dann wird dies den Finanzsektor vor grosse Probleme stellen. Wir hätten zur Gesundheits- und Wirtschaftskrise auch noch eine Finanzkrise. Das gilt es zu verhindern. Darum müssen wir Strukturen erhalten.

Normalerweise sind Ökonomen für einen Wandel der Strukturen.
Richtig. Aber es ist nicht der Moment dafür. Die Zahl der Konkurse darf keine extremen Ausmasse annehmen. Sonst haben wir eine Krise des gesamten Systems. Daher ist es wichtig, dass möglichst viele Unternehmen eine Perspektive haben. Dafür braucht es mehr staatliche Unterstützung, auch Beiträge à fonds perdu.

Aber eine Rund-um-sorglos-Versicherung wollen Sie auch nicht?
Nein, der Staat kann die Krise nicht im Alleingang meistern. Nach unserem Vorschlag soll er zum Beispiel nur einen Teil der Mieten übernehmen. Die Betriebe, ihre Vermieter und deren Geldgeber stehen auch in der Pflicht.

Für über 1 Millionen Menschen wurde Antrag auf Kurzarbeit gestellt, über 20 Prozent aller Erwerbstätigen. Wären sie ohne Kurzarbeit alle arbeitslos?
Wohl nur ein Bruchteil von ihnen. Wie viel genau, lässt sich nicht abschätzen. Den Staat kommt die Kurzarbeit dennoch billiger zu stehen, wie die Finanzkrise von 2008 gezeigt hat. Die Kosten von Arbeitslosigkeit sind sehr viel langwieriger.

Mit der Kurzarbeit werden jene geschützt, die eine Stelle haben. Was ist mit jenen, die neu auf den Arbeitsmarkt kommen?
Für sie ist es besonders wichtig, dass uns das Einfrieren und wieder Auftauen der Wirtschaft schnell gelingt. Inmitten der Krise werden kaum neue Stellen geschaffen. Auch danach sind die Betriebe zunächst zurückhaltend. In einer Krise auf den Arbeitsmarkt zu kommen, kann Personen ein Erwerbsleben lang verfolgen. Sie sind im Durchschnitt öfter arbeitslos. Sie landen in tieferen Lohnkategorien und haben es schwerer, aufzusteigen. (aargauerzeitung.ch)

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37 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Ökonometriker
06.04.2020 07:06registriert Januar 2017
Statt die Kapitalkosten a fonds perdu zu übernehmen, sollten die Risiken breiter aufgeteilt werden - also auch auf die Kapitaleigner (die Reichen). Bei Kurzarbeit wird dem Arbeitnehmer auch der Lohn und die PK-Beiträge gekürzt. Ebenso sollte es eine Kürzung der Mieten geben. Die Zinsen senkt die SNB bereits per Negativzins und Offenmarkteingriffe (ev. könnte man die Zinskurve noch glätten).

Es kann nicht sein, dass die Arbeitnehmer via ALV für sich selber aufkommen müssen, die Kapitaleigner aber vom Bund und damit vom Steuerzahler voll finanziert werden. Hier müssen alle mithelfen.
19925
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Scaros_2
06.04.2020 06:59registriert Juni 2015
Also ich bin ja absolut kein Experte. Aber wenn ich Berichte lese, dass der Tourismus im Jahr 2020 global praktisch gelaufen ist etc. will ich noch sehen wie Fluggesellschaften etc. überleben. Auch frage ich mich inwiefern die kurzfristige Hilfe Wirkung zeigt wenn auf globaler Eben viele Grenzen mittelfristig geschlossen bleiben. Auch haben viele Firmen/Bezüger von Waren aus der Schweiz selbst probleme und ehe die nicht anlaufen verdient auch ein Schweizer Unternehmen nicht. Das ganze ist global ein solch komplexes Ding. Und selbst ein kleines CHKMU ist oft nur Lieferant zu einer grossen Firma
8014
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Zeit_Genosse
06.04.2020 07:49registriert Februar 2014
Im Moment haben wir nur die Alternative, die bestehenden Strukturen zu erhalten und zu reparieren. Ein Systemumbau braucht eine machbare Idee, der viele folgen möchten. Doch das ist eine Gesundheitskrise, die ein funktionierendes Wirtschaftssystem lahmgelegt hat. Der Wurm ist nicht im Wirtschaftssystem, sondern im Menschen. Dort muss er raus. Und die Wirtschaft muss schnell belebt werden. Liquidität ist Atmung, Rentabilität ist Nahrung.
3723
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37
Und plötzlich beschäftigt auch die SVP die Frauenfrage
Wen nominiert die SVP für die Ersatzwahlen vom 7. Dezember? Geht es nach Urgestein Christoph Blocher, wäre die Kandidatur einer Frau «begrüssenswert». Auch Toni Brunner wünscht sich «eine Auswahl». Ob er damit seine Partnerin Esther Friedli meint, lässt der alt Nationalrat allerdings offen.

«Es gibt eine Zeit zum Schweigen und eine Zeit zum Reden. Jetzt ist die Zeit zum Schweigen.» Schliesslich seien zurzeit noch viele Namen im Rennen, darunter auch «viele gute Frauen». Das ist alles, was SVP-Nationalrätin Esther Friedli an diesem Donnerstagabend im Toggenburg zu einer möglichen Bundesratskandidatur sagen will.

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