Unter dem Superlativ machen sie es nicht. Als «die weltweit beste natürliche Alternative zu schmerzhaften Abnehmspritzen» preist ein slowenischer Onlineshop sein Wundermittel an. Beim Produkt, das auch in die Schweiz geliefert wird, soll es sich um ein pflanzliches Nahrungsergänzungsmittel aus Berberitze und Maulbeere handeln, das ähnlich wirkt wie die Fett-weg-Spritzen von Novo Nordisk oder Eli Lilly.
Die Kundschaft könne so «die Ausschüttung des GLP-1-Hormons in ihrem Körper erhöhen und dadurch den Appetit hemmen, den Blutzucker stabilisieren und den Stoffwechsel anregen», verspricht der Anbieter. Eine Packung mit 120 Pillen kostet ohne Rabatt rund 70 Franken.
Seit dem durchschlagenden Erfolg der Fett-weg-Spritzen tummeln sich im Netz allerlei solche zweifelhafte Anbieter von pflanzlichen Alternativ-Produkten. Im Windschatten der Pharmaindustrie versuchen sie, sich ein Stück vom Milliardenmarkt abzuschneiden. Gerade der Slogan der slowenischen Firma – besser als «schmerzhafte Spritzen!» – zeigt: Diese Anbieter wollen Kunden abholen, die sich vor Nadeln fürchten oder Big Pharma ohnehin nicht vertrauen.
In den USA, wo Übergewicht allgegenwärtig ist, sind die Präparate bereits überall. Es gibt GLP-1-Pulver im Supermarkt, und Superstar Kourtney Kardashian hat sogar eine eigene Firma gegründet, die eine «GLP-1-Pille» vertreibt. Diese besteht aus «natürlichen» Inhaltsstoffen wie Zitronen- und Safranextrakt. Kostenpunkt: 70 Dollar pro Monat. Experten warnen vor den Produkten, die in den sozialen Medien hochgejubelt werden. Denn die Studien, die deren Wirkung rechtfertigten, seien nicht vertrauenswürdig.
Das kümmert die Hersteller wenig. Sie vertrauen darauf, dass die Kundschaft zugreift, solange ein Produkt unter dem Label «GLP-1» durchgeht. Das US-Magazin «Atlantic» hielt treffend fest: «Für die Wellness-Industrie scheint die tatsächliche Bedeutung von GLP-1 nicht so wichtig zu sein wie seine Assoziation mit Schlankheit. Von jeglicher Bedeutung losgelöst kann GLP-1 dazu verwendet werden, so ziemlich alles zu verkaufen.»
Wie also wirkt GLP-1 in den klinisch geprüften und zugelassenen Abnehm-Spritzen? Entscheidend ist ein Hormon, das der menschliche Körper auch selbst produzieren kann: Glucagon-like Peptide 1, kurz GLP-1. Es wird kurz nach dem Essen ausgeschüttet und reguliert das Hungergefühl. Hier setzen die Fett-weg-Spritzen an und imitieren dieses Hormon. Das Resultat: Die Patienten verspüren deutlich weniger Appetit.
Nur: Während die Wirkung bei den zugelassenen Fett-weg-Spritzen durch langwierige klinische Studien bewiesen wurde, ist sie bei den angepriesenen Pillen fraglich.
Es gibt tatsächlich pflanzliche Stoffe, die die Hormonausschüttung in die Höhe treiben können, jedoch in einem deutlich geringeren Ausmass als die zugelassenen Helfer der Pharma. Das Magazin «The Atlantic» zog deshalb einen eingängigen Vergleich: Berberitze-Pülverchen oder Safranextrakte verhielten sich zu Wegovy wie die Football-Juniorenmeisterschaft zur Profiliga. Soll heissen: Zwischen den Produkten liegen Welten.
Denn die echten Medikamente lassen den GLP-1-Spiegel um bis zu 1000 Prozent ansteigen. Kourtney Kardashians Pille dagegen kommt gerade mal auf 17 Prozent. Und auch das nur vorübergehend. Während mit der Spritze das Hormon lange im Körper bleibt, flacht es bei den «natürlichen Alternativen» rasch wieder ab. Der Heisshunger kehrt zurück.
Das dürfte auch bei der «weltbesten Alternative» des slowenischen Anbieters nicht anders sein. Dieser zitiert verschiedene Studien, allerdings ist nicht ersichtlich, welche Untersuchung welche Aussagen zur Wirksamkeit stützen soll. Es fand offenbar auch nie eine klinische Studie mit dem konkreten Produkt statt.
Dennoch verspricht der «natürliche GLP-1-Booster» Abnehmerfolg mit Berberin, einem Wirkstoff aus der Berberitze. Laut der deutschen «Pharmazeutischen Zeitung» gibt es tatsächlich Hinweise darauf, dass Berberin den Blutzucker senken kann. Doch für eine Empfehlung reichen die verfügbaren Daten nicht aus. Wenig Nachweise gibt es auch dazu, ob und wie Berberin das Abnehmen erleichtern könnte. Das Fazit der deutschen Apotheker fällt hart aus: Es handle sich um einen «Tiktok-Blödsinn». Versprechen wie «natürliche Fett-weg-Spritzen» seien irreführend und die Produkte nicht zu empfehlen.
In der Schweiz warnte die Behörde Swissmedic bereits im August vor pflanzlichen Wundermitteln. Damals ging es nicht um überzogene Heilsversprechen, die nicht in Erfüllung gingen. Sondern um eine konkrete Gefahr: Vermeintlich natürliche Schlankmacher hatten sich als Chemie-Cocktails mit heftigen Nebenwirkungen entpuppt. Darunter befand sich ein Schlankheitspräparat namens «SleekFit Detox Cayi Limon». Es enthielt Sibutramin. Dieser Wirkstoff ist seit 2010 weltweit nicht mehr zugelassen, weil er zu Herzinfarkten oder Schlaganfällen führen kann.
Jetzt kursiert das Abnehmmittel illegal. «Einzelne angeblich ‹rein natürliche› Präparate enthalten oft deutlich mehr Sibutramin, als früher in den verschreibungspflichtigen Arzneimitteln enthalten war, entsprechend hoch ist das potenzielle Gesundheitsrisiko», sagt Lukas Jaggi von Swissmedic.
Auch mit gefälschten Fett-weg-Spritzen musste sich die Behörde bereits befassen. Als diese letztes Jahr die Öffentlichkeit stark beschäftigten und es zu Lieferengpässen kam, stieg die Zahl der Fälschungen an. Betroffen war besonders das Diabetesmedikament Ozempic von Novo Nordisk. «Auch in der Schweiz gab es bei Swissmedic Meldungen zu Personen, die sich Ozempic aus unsicheren Quellen beschafft hatten und hospitalisiert werden mussten. Die Pens enthielten keinen Wirkstoff, sondern Insulin», so Jaggi.
Für «GLP-1-Booster» wie die Mittel aus Berberitze oder Zitronenextrakt ist allerdings nicht Swissmedic zuständig. Solche Nahrungsergänzungsmittel überwacht das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit (BLV). Es hält fest, dass die Versprechen des slowenischen Produkts wie «hemmt den Appetit» oder «senkt den Blutzucker» hierzulande nicht zulässig wären. Doch da es sich um einen ausländischen Onlineshop ohne Ableger in der Schweiz handelt, kann die Behörde nicht eingreifen.
Daher bleibt es beim Appell. «Konsumentinnen und Konsumenten sollen gegenüber Produkten, die mit unrealistischen oder übertriebenen Gesundheitsversprechen angepriesen werden, kritisch sein», hält das Amt fest. Wer trotzdem blind zugreift, bezahlt im besten Fall für eine kaum wirksame Pille. Im schlechtesten Fall kann der pflanzliche Piks-Ersatz gefährlich und schmerzhaft werden. (aargauerzeitung.ch)
Kourtney Kardashian hatte sicher noch nie starkes Übergewicht noch ist sie eine Fachperson, will aber auf Kosten von Menschen mit Adipositas sich die Taschen füllen.