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In Amriswil, Huttwil und Trimbach ist von Wohnungsnot nichts zu spüren

Stadt vs. Land: In Amriswil, Huttwil und Trimbach ist von Wohnungsnot nichts zu spüren

Vor allem die Städte kämpfen zunehmend mit dem Wohnungsmangel. In ländlichen Regionen stehen hingegen überdurchschnittlich viele Wohnungen leer. Auch, weil dort in den vergangenen Jahren sehr viel gebaut wurde.
12.03.2023, 12:53
Chiara Stäheli / ch media
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«In unserer Gemeinde werden noch immer Wohnungen gebaut, die der Markt derzeit gar nicht nachfragt.» Das sagt Walter Rohrbach, Gemeindepräsident von Huttwil im Kanton Bern. Darauf zurückzuführen ist die vergleichsweise hohe Leerwohnungsziffer der 5000-Seelen-Gemeinde. Gemäss den aktuellsten Zahlen des Bundesamts für Statistik standen per Juni 2022 fast 120 Wohnungen in Huttwil leer. Das entspricht einer Leerwohnungsziffer von rund 4.5 Prozent. Zum Vergleich: Schweizweit liegt die Quote bei 1.3 Prozent.

Per Stichdatum im Juni 2022 standen in der Gemeinde Trimbach fast 120 Wohnungen leer.
Per Stichdatum im Juni 2022 standen in der Gemeinde Trimbach fast 120 Wohnungen leer.Bild: keystone

In Huttwil sei die «Bautätigkeit trotzdem noch immer sehr rege», führt Rohrbach aus. Und das, obschon die Hypothekarzinsen zuletzt wieder auf über drei Prozent anstiegen. Trotz der vielen leeren Wohnungen ist Rohrbach überzeugt, dass langfristig Bedarf besteht: «Es drückt die Bevölkerung von den Städten hinaus in ländliche Regionen. In ein paar Monaten oder Jahren sind wir dann vielleicht froh um die freien Wohnungen.»

Oft bleiben Altbauwohnungen länger leer

Ähnlich tönt es aus Trimbach im Kanton Solothurn. Gemeindepräsident Martin Bühler kennt die Gründe für den Leerwohnungsanteil von über 7 Prozent: «Die meisten leer stehenden Wohnungen befinden sich in Blöcken an viel befahrenen Kantonsstrassen. Dass diese im Vergleich zu den vielen Wohnungen in den Neubauten weniger attraktiv sind, ist augenscheinlich.»

Bühler hofft, «dass die Gentrifizierungswelle bald auch in Trimbach ankommt und sich auch Personen mit besserem Einkommen, die beispielsweise in Olten keine Wohnung mehr finden, für Trimbach entscheiden». In diesem Sinne könne die aktuelle Wohnungsnot in städtischen Gebieten «für Trimbach auch eine Chance» sein.

Auch im thurgauischen Amriswil gibt es mit 255 Wohnungen und einer Leerwohnungsziffer von 3.7 Prozent deutlich mehr freien Wohnraum als andernorts in der Schweiz. Das liege daran, dass «in dieser Region Wohnungsnot noch kein grosses Thema ist», wie Stadtpräsident Gabriel Macedo sagt.

In Amriswil werde schon seit Jahren viel gebaut, gross sei aber auch die Nachfrage. «Gerade Wohnungen in Neubauten sind immer schnell besetzt, länger leer stehen vor allem Altbauwohnungen», so Macedo. Der FDP-Politiker ist kein grosser Fan der Leerwohnungsziffer: «Die Qualität bei der Erfassung der Daten ist sehr unterschiedlich. Ich messe diesem Wert deshalb nicht so viel Bedeutung zu.» Er selbst stelle im Vergleich zu umliegenden Gemeinden in Amriswil «keinen überdurchschnittlichen Leerwohnungsbestand» fest.

Auch die einstigen Geistersiedlungen füllen sich

Nichtsdestotrotz lässt die Leerwohnungsziffer erahnen, wo der Wohnungsmarkt aus dem Gleichgewicht geraten ist. Während in vielen städtischen Gebieten die Nachfrage das Angebot übertrifft, sind in Gemeinden wie Huttwil, Amriswil und Trimbach mehr Wohnungen auf dem Markt, als überhaupt gesucht werden. Gleichwohl zeichnet sich schon jetzt ab, dass die Leerwohnungsziffer auch in Gemeinden mit einst sehr hohen Leerständen tendenziell zurückgeht. So geht etwa Walter Rohrbach aus Huttwil davon aus, dass die Leerwohnungsziffer per Stichdatum Anfang Juni «deutlich tiefer» liegen werde als noch 2022.

Dass viele Leute für das Wohnen auf eher ländliche Regionen ausweichen, beobachtet Raiffeisen-Chefökonom Martin Neff schon seit längerer Zeit: «Grund dafür ist vor allem die tiefe Bautätigkeit an jenen Standorten, in denen Wohnungen besonders stark nachgefragt werden.» Dass in Städten wie Zürich die Leerwohnungsziffer praktisch bei null liege, sei «verheerend», so Neff.

Experte kritisiert politische Stimmungsmache

Dass es Ausweicheffekte in ländliche Regionen gibt, bestätigt auch Immobilienexperte Donato Scognamiglio. Er ist Professor an der Universität Bern und leitet die Immobilienberatungsfirma Iazi. «Weil in städtischen Gebieten gerade Geringverdienende kaum mehr eine Wohnung finden, füllen sich nun langsam auch die einst als Geistersiedlungen benannten Blöcke in ländlichen Regionen.» Das durch die Coronapandemie vielerorts etablierte Homeoffice habe diese Entwicklung verstärkt, so Scognamiglio.

Nichtsdestotrotz warnt der Experte davor, die Leerwohnungsziffer als einziges Mittel zur Beurteilung des Wohnungsmarktes zu verwenden: «Es handelt sich bei dieser Kennzahl um eine Stichtagsbetrachtung, deren Aussagekraft vor allem in kleineren Gemeinden sehr beschränkt ist.» Dass diese Ziffer nun für politische Zwecke instrumentalisiert wird, um daraus Kapital zu schlagen für die anstehenden Wahlen, kritisiert Scognamiglio scharf.

Klar, die Bautätigkeit sei in den letzten Monaten stark zurückgegangen, «weil sowohl die Hypothekarzinsen als auch die Baukosten stiegen». Doch von einer Wohnungsnot sei man in der Schweiz noch weit entfernt. (bzbasel.ch)

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112 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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DomCH
12.03.2023 13:54registriert März 2022
Ich glaube es wird unterschätzt, dass Menschen auch mit einer bestimmten Gegend verbunden sind. Dort wo man aufgewachsen ist, das eigene soziale Umfeld zu Hause ist. Was hier angedeutet wird ist, dass es jedem zugetraut werden kann 2-3 Stunden vom letzten Wohnort zu wohnen und sich gefälligst neue Freunde zu suchen. Das kann/muss von Leuten kommen, die bereits eine schöne Wohnung besitzen. Es geht hier nicht um Stadt/Land. Es geht darum wo man verwurzelt ist. Das dadurch der ständige Zustrom von Expats kritisiert wird, kann ich voll verstehen.
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Hallwilerseecruiser
12.03.2023 13:39registriert Juli 2019
Trimbach als "ländlich" zu bezeichnen, ist schon ein bisschen weit hergeholt. Der Bahnhof Olten ist ja nur ein paar Minuten entfernt, und von dort kommt man überall rasch hin.
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PlusUltra
12.03.2023 14:36registriert Juni 2019
Ich bin selber jahrelang gependelt, sowohl mit ÖV als auch Auto.
Für mich persönlich muss ich sagen, ist das eine deutliche Verringerung von Lebensqualität.

Ausserdem darf nicht vergessen werden, dass das Pendeln teuer ist.
Es nützt dem Geringverdiener also wenig, wenn es in abgelegenen Gegenden günstige Wohnungen hat.
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