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ARCHIV: Schueler des letzten Jahrgangs des neunjaehrigen Gymnasiums (G9) beginnen in Regensburg in einer Turnhalle des Musikgymnasiums der Regensburger Domspatzen mit ihren schriftlichen Abiturpruefungen (Foto vom 18.03.11). In Deutschland soll es nach Vorstellung des Aktionsrates Bildung bis zum Jahr 2018 ein gemeinsames Kernabitur geben. Dieses soll bundesweit einheitliche Pruefungen in den Faechern Deutsch, Mathematik und Englisch umfassen, schlaegt der Expertenrat in einem am Mittwoch (19.10.11) in Muenchen veroeffentlichten Gutachten vor. (zu dapd-Text) Foto: Lennart Preiss/dapd

Prüfungen: Für die einen lästige Pflicht, für andere die pure Horrorvorstellung.  Bild: AP/dapd

«Diese Studenten sind nicht faul, aber ihr Ehrgeiz ist mit Trotz vermischt» – Uni-Psychologe Frischknecht über die letzten Liz-Lümmel und Prüfungsangst

Auch bei den letzten Lizentiatsprüfungen sind 21 Prüflinge durchgefallen oder mussten abbrechen. Ein Gespräch mit Ulrich Frischknecht, Leiter des psychologischen Dienstes der Universität Zürich, über Prüfungsneurosen, ewige Studenten und erfolgreiche Prüfungsvorbereitung. 



Die letzten Studiengänge nach dem alten Lizentiatssystem sind Geschichte, die letzten Liz-Prüfungen hat die Universität Zürich im Frühsommer abgehalten. Für Studierende, die im Lizentiatssystem studiert haben, waren diese Prüfungen die letzte Chance auf einen Abschluss. Unter den ewigen Studenten waren auch die beiden Politiker Cédric Wermuth (SP) und Balthasar Glättli (Grüne). Während Glättli gar nicht zu den Prüfungen angetreten ist, hat Wermuth sein Studium abgeschlossen. Von den insgesamt 370 Teilnehmern der letzten Schweizer Lizentiatsprüfungen sind zehn durchgefallen, elf mussten die Übung während der Prüfungen abbrechen, wie das Dekanat der Philosophischen Fakultät der Universität Zürich auf Anfrage mitteilt. 

In solchen Notsituationen hilft der Psychologische Dienst der Universität Zürich. Laut dessen Leiter Ulrich Frischknecht wendet sich rund ein Viertel der Studierenden mit psychischen Problemen wegen prüfungsbezogenen Anliegen an den Dienst. 

Herr Frischknecht, 21 Prüflinge sind durch die letzten Liz-Prüfungen durchgefallen. Hatten Sie mehr Zulauf als sonst vor Prüfungen? 
Ulrich Frischknecht: Nein, nicht so, dass wir etwas bemerkt hätten. Die Zahl der zu Prüfenden ist ja bei den letzten Prüfungen auch eher niedrig gewesen. 

Zehn Leute sind durchgefallen, elf mussten mittendrin abbrechen. Wie kann das passieren? 
Ich kann mir vorstellen, dass bei den letzten Prüfungen auch Leute angetreten sind, die Mühe hatten sich gut vorzubereiten, weil es ja so etwas wie eine letzte Chance war. Andere Gründe sind banaler, wie schwierige Lebensumstände. Für Alleinerziehende oder Leute, die Vollzeit arbeiten müssen oder eine allgemeine Krise oder chronische Krankheit haben, können solche Prüfungen zur unüberwindbaren Hürde werden. 

«Aber es ist nicht sehr bequem oder angenehm, die Dinge aufzuschieben, bis es zu spät ist.»

Ulrich Frischknecht

Es gibt aber auch Leute, die nie eine Prüfung machen, aber jahrzehntelang studieren. Einer war offenbar fast 30 Jahre lang immatrikuliert. Was stimmt nicht mit diesen Leuten?
Das muss man in jedem Fall individuell anschauen. Es kann verschiedene Gründe geben, etwas zu vermeiden. Wenn es um eine Prüfungsangst geht, dann könnte man diese angehen. Manchmal gibt es tieferliegende Entfaltungsblockaden, dann muss man diese finden. Meist lässt sich ein Grund dafür finden, was die Leute daran hindert, vorwärts zu kommen.

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Ulrich Frischknecht. uzh

Ulrich Frischknecht 

Der Fachpsychologe für Psychotherapie und klinische Psychologie leitet die Psychologische Beratungsstelle der Universität Zürich. Das Beratungsteam umfasst sechs ausgebildete Psychologen, an die sich Studierende der Universität Zürich wenden können. Zweieinhalb Prozent der Studierenden der Universität Zürich machen das mindestens einmal während ihrer Universitätskarriere, rund ein Viertel davon wegen prüfungsbezogener Probleme. 
Frischknecht hat auf dem zweiten Bildungsweg Psychologie studiert, nachdem er eine Lehre als Metallbauschlosser abgeschlossen hat.

Was charakterisiert prüfungsängstliche Menschen typischerweise?  Prüfungsangst entsteht meistens, wenn Leute rigide und streng mit sich selber sind. Paradoxerweise gilt auch dasselbe für die Leute, die prokrastinieren. Sie wollen alles perfekt machen und sobald etwas nicht nach Plan läuft oder sie in Verzug geraten, denken sie, es habe alles keinen Sinn mehr und schieben die Dinge auf, bis es zu spät ist. 

Ist das nicht einfach Faulheit? 
Nein. Faule Menschen sind ja bequem und leben gut damit. Aber es ist nicht sehr bequem oder angenehm, die Dinge aufzuschieben, bis es zu spät ist. Das machen oft Leute, die sehr ehrgeizig sind, zu dieser Eigenschaft aber eine ambivalente Einstellung, eine innere Opposition haben.

Also sind diese Studenten gar nicht faul – sie sind bloss sehr ehrgeizig, wollen das aber gar nicht.
Genau. Diese Gegensätze lähmen und man schiebt auf, bis es zu spät ist und dann kann man die Dinge nicht so gut machen, wie man eigentlich will und entwertet gleich alles und macht gar nichts mehr. Das sind auf neurotischen Ursachen basierende Verhaltensweisen. 

Prüfungsneurosen? 
So würde ich es nicht nennen, aber oft liegen Probleme zu Grunde, die mit der realen Prüfungssituation, die eigentlich eher banal ist, nicht viel zu tun haben. Phobisch organisierte Leute projizieren dann all ihre Ängste auf die Prüfungen, damit die Ängste einen Platz haben. In anderen Fällen werden akademische Leistungen in ihrer Bedeutung überhöht, weil die Leute sie dazu benutzen, um mangelndes Selbstwertgefühl zu kompensieren. Die Gründe sind auch in der Sozialisierung und in der Biographie zu suchen. Prüfungsangst an der Universität oder Probleme beim Studium begründen sich meist schon in der frühen Schulzeit und im familiären System. 

«Es gibt ganze Generationen in Familien, die einen Bildungskomplex haben und dann formalen Bildungserfolgen ihrer Kinder eine unangemessen hohe Bedeutung einräumen.»

Ulrich Frischknecht

Mama ist schuld? 
Sie können sich schon darüber lustig machen, aber es ist so: Es gibt ganze Generationen in Familien, die einen Bildungskomplex haben und dann formalen Bildungserfolgen ihrer Kinder, wie sie Prüfungen oder Noten eben sind, eine unangemessen hohe Bedeutung einräumen. Der Stellenwert der Bildung wird dann überhöht und der Schulbetrieb und jede einzelne Prüfung werden zu Schicksalsfragen hochstilisiert. Das Erleben der Schulzeit ist eine Mischung solcher Haltungen im Elternhaus und positiven und negativen Erfahrungen in der Schule. Hat man böse Lehrer gehabt? Ist man gehänselt worden wegen schlechter Noten? Diese Erinnerungen trägt man eher in eine Universität als an einen Arbeitsplatz, denn die Universität ist ja eine Fortsetzung der Schule. 

Leuten, die 100 Semester studieren und nie etwas zu Ende machen: Sagen Sie denen nicht, sie sollten mit dem Studieren aufhören? 
Nicht kategorisch. Man muss immer anschauen, wo das Problem liegt. Wenn einer jahrelang an der Universität rumdümpelt, von Fachrichtung zu Fachrichtung wechselt, ohne irgendetwas zu Stande zu bringen, dann ist das natürlich schlecht. Die Universität wird dann zu einem Aufenthaltsort und ist nicht mehr eine Lebensphase, die man durchläuft, wie es eigentlich sein sollte. Und das wird für die Betroffenen mit der Zeit auch zur Qual. 

«Leute mit starken Stimmungsschwankungen, Selbstwertthematiken, sind bestimmt gefährdeter als andere.» 

Ulrich Frischknecht

Gibt es Frühwarnzeichen, die auf Prüfungsangst, eine erhöhte Gefahr des Scheiterns hindeuten? 
Das gibt es bestimmt, aber das ist ein weites Feld. Meistens ist das Studium nicht das einzige, das kompliziert ist in diesen Leben. Leute mit starken Stimmungsschwankungen, Selbstwertthematiken sind bestimmt gefährdeter als andere. Starke Selbstzweifel oder Aggressionen auf sich selbst sind Warnzeichen. Negativ geladene innere Monologe sind ebenfalls Anzeichen. Und dann macht das Leben insgesamt nicht viel Spass, solche Dinge geben einen enormen Leidensdruck, den man sich sowieso genauer anschauen sollte. Es lohnt sich nicht, das auszuhalten. 

Kommt ihnen ein besonders extremer Fall von Prüfungsversager in den Sinn? 
Ein Einzelfall nicht. Tragisch sind oft die Fälle von Migranten, wenn sie dem Studium oder der Migration nicht gewachsen sind, deren Familien aber kein Scheitern akzeptieren. Das sind Situationen, die nicht neurotisch begründet sind, sondern oft wirklich unlösbare Konflikte darstellen. Leute in solchen Situationen lügen dann vielleicht etwas vor, so lange es geht. Eine fürchterliche Form von Existenz, und meist endet es dann nach mehreren Jahren doch im grossen persönlichen Crash.  

«Einfach zu sagen, ich mache jetzt Druck und dann ist er dann schon erfolgreich, das funktioniert sicher nicht.»

Ulrich Frischknecht

Eltern sind ja oft ein wichtiger Akteur. Wie sollen diese sich verhalten, wenn sie merken, es stimmt etwas nicht beim Sprössling an der Universität? 
Eltern müssen sich bewusst sein, dass sie oft einen doppeldeutigen Auftrag mitgeben. Einerseits wollen sie, dass die Kinder erwachsen und erfolgreich sind, aber andererseits, dass ihre Kinder Kinder bleiben. Es gibt solche, die das nicht reflektieren können und das wird dann für die Betroffenen schwierig. 

Warum? 
Weil die Eltern oder einzelne Elternteile dann ihre erwachsenen Studentenkinder unter Druck setzen, beispielsweise Einfluss nehmen bei der Studienwahl oder die Noten kritisieren. Es gibt mannigfaltige Möglichkeiten, sich einzumischen, aber meist ist das nicht gut. 

Aber man kann ja nicht ein Kind rumstudieren lassen, wie es gerade möchte, ohne dass irgendein Resultat absehbar ist. Da muss man doch eingreifen? 
Ja, man soll dann auch darüber sprechen, die finanzielle Unterstützung gegebenenfalls einzustellen. Aber nicht erst am Schluss. Konflikte sind gut, aber nur, wenn diese mit der Absicht geführt werden, für das Kind die beste Lösung zu finden. Und das kann eben auch eine Neuorientierung sein. Einfach zu sagen, ich mache jetzt Druck und dann ist er dann schon erfolgreich, das funktioniert sicher nicht. 

Können Sie zum Schluss als Experte den Betroffenen noch einen Tipp geben, wie Prüfungen anzugehen sind? 
Sogar mehrere. Sehr hilfreich ist, wenn man in Teams lernt. Dann weiss man in etwa, was die anderen machen und kann sich auf die Erwartungen einstellen, das nimmt Druck raus. Dann sollte man pragmatisch sein und sehr genau herausfinden, was man wirklich wissen muss und was Zugabe ist. Nie der Versuchung nachgeben, alles, was an Stoff da ist, zu lernen. Denn das ist nicht möglich. Und sich dann damit arrangieren, dass man nicht alles weiss. Dann sind auch die sonst lähmenden Zweifel an der eigenen Vorbereitung auszuhalten und man hat den Kopf eher frei für das Lernen. 

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