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Impf-Nebenwirkungen kann man sich auch einbilden. Bild: Shutterstock

Der «eingebildete Impf-Kranke»: Nebenwirkungen können auch bloss Placebo-Effekt sein

Die Liste von Nebenwirkungen nach einer Covid-19-Impfung ist lang – und es gibt sie tatsächlich. Doch die wissenschaftlichen Studien dazu zeigen auch: Nebenwirkungen können auch auftreten, weil man sie sich einbildet – sozusagen ein negativer Placebo-Effekt.

Bruno Knellwolf / ch media



Irgendeine Nebenwirkung ist nach einer Corona-Impfung recht häufig. Darauf wird hingewiesen, wer im Impfzentrum kurz vor dem Stich steht. «Wie bei jeder Impfung können Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen oder Schmerzen an der Impfstelle auftreten. Diese Nebenwirkungen sind zwar unangenehm, aber meist harmlos und verschwinden nach 1-2 Tagen wieder», steht auf dem Informationsblatt.

Bei Hausärzten gibt es nur wenige Meldungen wegen Nebenwirkungen

Man hört und liest viel über Nebenwirkungen. Philipp Luchsinger, der Präsident der Haus- und Kinderärzte Schweiz, sagt aber: «Wegen Nebenwirkungen melden sich nur wenige beim Hausarzt. Zum einen, weil ausgeprägte Nebenwirkungen selten sind, zum anderen weil wir die Leute vor der Impfung darüber aufklären und sie entsprechend vorbereitet sind», sagt dazu sagt.

«Nach der ersten Impfung sind es lokale Phänomene am Ort der Impfung, nach der zweiten können auch Fieber, Kopfschmerzen, Gliederschmerzen auftreten. Die meisten melden das nicht explizit, sondern erwähnen es bei einem späteren Kontakt», sagt der in Affoltern am Albis praktizierende Hausarzt. Generell seien die Erfahrungen der Hausärzte mit der Impfung fast durchgängig positiv. Und weiter:

«Die Geimpften sind überglücklich und äusserst dankbar, dass sie die Impfung erhalten haben.»

Die gemeldeten Beschwerden müssen aber nicht in jedem Fall mit der Impfung zusammenhängen. Das zeigt ein Blick in die Zulassungsstudien von Pfizer/Biontech und Moderna. Bei Moderna wurden zwei Gruppen mit rund 15'000 Probanden geimpft. In der einen Gruppe erhielten die Probanden den Impfstoff, in den anderen nur ein Placebo, eine gleiche Menge von einer Kochsalz-Lösung.

Interessant ist dabei, dass 58 Prozent der mit zwei Dosen Geimpften über die Nebenwirkung Kopfweh berichteten, aber auch 23 Prozent aus der Placebo-Gruppe, die gar nicht geimpft worden sind. Muskelschmerzen meldeten 58 Prozent nach zwei Dosen und 12 Prozent aus der Placebo-Gruppe. Aus der Placebo-Gruppe berichteten einzelne sogar über Fieber.

Bei objektiven Kriterien ist der Placebo-Effekt kleiner

«Der Placebo-Effekt kann auch bei Impfstoffen stark ausgeprägt sein», sagt dazu Alex Josty vom Heilmittelinstitut Swissmedic. Dabei seien die Unterschiede im Placebo-Effekt je nach Kategorie und Symptom recht verschieden. Bei «objektiven Kriterien» wie Schüttelfrost sei der Placebo-Effekt kleiner als bei Symptomen wie Müdigkeit und Kopfschmerzen, erklärt der Swissmedic-Vertreter. Das Nebenwirkungsprofil sei zudem bei den Impfstoffen von Moderna und Pfizer/Biontech sehr ähnlich.

«Wenn Sie wissenschaftliche Studien machen, haben Sie immer Nebenwirkungen in der Placebogruppe, häufig auch in Abhängigkeit von den erwarteten Wirkungen. Das ist nicht spezifisch für die Covid-Impfung», sagt der Hausarzt-Präsident Luchsinger. Eingebildete oder durch andere Faktoren beeinflusste Nebenwirkungen wird es somit auch unter den aktuellen Meldungen im praktischen Impf-Alltag geben. Swissmedic hat bis am 4. Mai 1953 Meldungen über vermutete unerwünschte Arzneimittelwirkungen bei Covid-19-Impfungen ausgewertet.

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Die Untersuchungen bestätigen gemäss Swissmedic die Zahlen zu den Nebenwirkungen aus den Zulassungsstudien. Der grössere Teil der Meldungen von Geimpften zu Nebenwirkungen kamen von Frauen (69.2 %), in 27.8 Prozent der Fälle waren Männer betroffen. Die Betroffenen waren im Mittel 65 Jahre alt und 1252 Meldungen waren nicht schwerwiegend, 701 wurden als schwerwiegend bezeichnet. Unter den Schwerwiegenden wurden am meisten Fieber (90 Mal), Kopfschmerzen/Migräne (51) und Luftnot (48) gemeldet. Die Auswertung erfolgte nach der Verabreichung von 2.8 Millionen Impfdosen in der Schweiz.

Eine Dosis reicht für Genesene

Die Nebenwirkungen sind nach zwei Dosen generell stärker als nach der ersten Impfung, verschwinden aber nach spätestens zwei Tagen. Interessant sind die Meldungen von Genesenen, die nach der ersten Impfung Nebenwirkungen wie andere nach der zweiten Dosis spüren. «Wer Corona gehabt hat, hat eine etwas höhere Nebenwirkungsrate als solche, die vorher kein Covid-19 hatten», sagt der Kinderinfektiologe Christoph Berger, Präsident der Impfkommission.

Das sei allerdings nicht bei jedem so. Der Grund könnte sein, dass diese aufgrund ihrer immunologischen Auseinandersetzung mit dem Virus mehr reagieren. «Das ist nicht gefährlich, aber unangenehm», sagt Berger. Der Körper hat einen Wiedererkennungseffekt auf das Virus und reagiert stärker. Deshalb reicht Genesenen bereits eine Dosis zum vollständigen Schutz. «Wenn sie trotzdem eine zweite Dosis erhalten, ist das nicht schlimm, aber nicht nötig», erklärt Berger.

Wer Corona hatte, hat nach erster Impfung öfter Nebenwirkungen

In den klinischen Studien seien auch Probanden dabei gewesen, die Corona durchgemacht hätten, sagt Josty von Swissmedic. Das Profil dieser Probanden sei vergleichbar gewesen mit jenen der Probanden ohne Covid-Erfahrung.

Beobachtet wurden aber ausgeprägtere Nebenwirkungen nach der ersten Impfung. Daraus lasse sich aber nicht schliessen, dass Geimpfte, die nach der ersten Dosis stärker reagieren, zuvor unbemerkt an Corona erkrankt waren. «Grundsätzlich ist die Immunantwort bei jeder Person individuell. Selbst bei einer Corona Erkrankung reagieren die Menschen auf unterschiedliche Weise» sagt Josty.

Horror-Gerüchte in der Rekrutenschule

Weniger harmlos als der Placebo-Effekt, klingen die Horror-Nebenwirkungen, die im Internet die Runde machen. So geistert in Rekrutenschulen, ein Post herum, der besagt, die Impfung mache impotent, was junge Männer ziemlich verunsichern kann. «Das ist völlig absurd», sagt Berger. Eigentlich habe sich dieses völlig haltlose Gerücht zuerst unter Frauen verbreitet. Der Ursprung des Internet-Gerüchts liegt in der Tatsache, dass es in der mRNA-Sequenz aus Spike-Proteinen im Impfstoff einen Code mit einer minimalen Ähnlichkeit zu einem Code im Plazenta-Protein gibt. «Diese Code-Ähnlichkeit ist so kurz und so klein, dass das keinen Effekt haben kann. Aber daraus haben die Impfgegner eine Gefahr für die Plazenta konstruiert», sagt Berger. Mit Unfruchtbarkeit habe das gar nichts zu tun.

Wenn dem tatsächlich so wäre, würde dieser Effekt ja auch bei Corona-Infizierten zum Tragen kommen und eine Unfruchtbarkeit auslösen, weil die ja viel mehr Spike-Proteine im Blut haben als Geimpfte. Also müsste man sich aus der Logik der Impfgegner eigentlich erst recht impfen. «Das alles ist völliger Unsinn», sagt der Infektiologe des Kinder-Universitätsspitals Zürich. Wie dieser Unsinn nun auf die Männer übersprungen sei, kann Berger auch nicht erklären. Man müsse im Gesundheitswesen gegen die Verbreitung solcher abstrusen Ideen unbedingt etwas unternehmen, da es tatsächlich Frauen gebe, die sich deswegen nicht impfen lassen wollten, sagt Berger. (aargauerzeitung.ch)

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