Es war ein neuer Rekord. So viele Passagiere wie im Juli verzeichnete der Flughafen Zürich noch nie in einem Monat. 3,26 Millionen Passagiere über den Swiss-Hub – 4,8 Prozent mehr als im Vorjahresmonat (CH Media berichtete). Und mit einem Plus von 3,4 Prozent in den ersten sieben Monaten stehen die Zeichen gut für einen neuen Jahresrekord per Ende Dezember.
Für viele dieser Passagiere beginnt die Reise allerdings nicht mit einer Airbus- oder Boeing-Maschine, sondern mit dem Privatauto, mit dem sie an den Flughafen gelangen. Pro Tag würden im Schnitt rund 100’000 Personen an oder über den Flughafen Zürich reisen, sagt Sprecherin Livia Caluori. Allerdings nutzt noch immer eine kleine Mehrheit – 54 Prozent – den motorisierten Individualverkehr für die Anreise.
Für diese Personen und angesichts des prognostizierten Aviatik-Wachstums will der Flughafen Zürich neue Parkplätze bauen. Dies ist einer kürzlich veröffentlichten Plangenehmigung des Eidgenössischen Departements für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (Uvek) von Bundesrat Albert Rösti zu entnehmen.
Das entsprechende Gesuch hatte der Flughafen bereits im Herbst 2023 eingereicht. Darin erläuterte er sein Vorhaben, den bestehenden Outdoor-Parkplatz namens P65 um 862 Plätze zu erweitern. Diese sind insbesondere für Langzeitpassagiere gedacht. Kostenpunkt: 5 Millionen Franken. Zur Begründung schrieb der Flughafen, dass die Parkingkapazitäten in den Sommer- und Herbstferien 2019 und auch im Jahr 2023 praktisch ausgeschöpft gewesen waren. Zudem seien in den letzten 10 Jahren rund 1200 Parkplätze durch den Bau anderer Infrastrukturen verdrängt worden.
«Im Vergleich zum genehmigten Parkplatzbedarf weise die Parkplatzbilanz per Ende 2022 einen Unterbestand von 1677 Parkplätzen auf», schreibt das Uvek in seinem Report mit Verweis auf die Ausführungen des Flughafens.
Klingt nach einer klaren Ausgangslage. Ist es aber nicht – zumindest nicht aus Sicht der Abteilung Koordination Bau und Umwelt (Kobu) des Kantons Zürich. Diese ist verantwortlich für die Koordination von Baubewilligungsverfahren, Bundesverfahren, Strassenprojekten und Umweltverträglichkeitsprüfungen. Entsprechend konnte sie eine Stellungnahme zu den Parking-Plänen abgeben. Und dabei präsentierte sich ein Adam-Riese-Konflikt.
Die Kobu kommt bei ihrer Zählung der Flughafen-Parkplätze zu einem anderen Resultat. Demnach würde durch den Bau der 862 neuen Plätze das genehmigte Kontingent von 21’166 Parkplätzen überschritten. Pikant: Die Flughafen Zürich AG gehört zu einem Drittel dem Kanton. Dieser ist damit auch der grösste Einzelaktionär.
Der Flughafen widersprach in der Folge seinem Anteilseigner mit der Kernbotschaft: Der Kanton hat falsch gezählt. So handle es sich beim Projekt nicht um zusätzliche Parkplätze, da in der Vergangenheit mehrere Parkplätze aufgehoben worden seien.
Doch auch das Bundesamt für Umwelt (Bafu) rechnete anders. Demnach würde der Flughafen mit dem Neubau auf 21’418 Parkplätze kommen, was ebenfalls eine Überschreitung des Kontingents darstellen würde. Deshalb verlangte das Bazl eine Umweltverträglichkeitsprüfung und dass maximal 610 Parkplätze gebaut würden, damit die Maximalzahl eingehalten würde.
Damit waren die Statistiker von Flughafen-Chef Lukas Brosi gefordert. In einer weiteren Stellungnahme im Herbst präsentierte der grösste Schweizer Landesflughafen dann eine neue Parkplatzbilanz, um die Behörden von seiner Rechnung zu überzeugen. Demnach verfügt der Swiss-Hub über 19’007 Parkplätze auf dem Flughafen-Gelände sowie 847 für den Immobilienkomplex The Circle vis-à-vis der Terminals.
Und somit – so die Argumentation des Flughafens – resultiere ein Unterbestand von 1312 beziehungsweise 2159 Parkplätzen je nachdem, ob der Circle dazugerechnet werde oder nicht.
Die Bedenken der beiden zuständigen Bundesämter, dem Bafu und dem Bundesamt für Zivilluftfahrt (Bazl), konnte Brosis Team damit aus dem Weg räumen. Nicht aber jene der Kobu. Die kantonale Koordinationsstelle hielt an ihrer Haltung fest und verlangte nach wie vor eine Umweltverträglichkeitsprüfung. Denn die Kobu kalkulierte wiederum anders. Sie rechnete auch die 1771 sogenannten Off-Airport-Parkplätze hinzu. Diese befinden sich weiter entfernt vom Flughafengelände und sind ebenfalls für Langzeitpassagiere gedacht, werden aber von Drittfirmen betrieben.
Das Uvek hat nun in seiner Verfügung dem Flughafen und den Bundesbehörden, also sozusagen sich selbst, recht gegeben. Sprich: Die Off-Airport-Parkplätze werden nicht hinzugerechnet und somit anerkennt der Bund den Unterbestand, wie er vom Flughafen geltend gemacht wird. Der Verzicht auf eine Umweltverträglichkeitsprüfung sei damit rechtens, argumentiert das Uvek als abschliessende Instanz. Der Parkplatzplan erhält somit grünes Licht.
Der Flughafen Zürich denkt derweil bereits weiter – und grösser. Denn seit längerem plant er sogar ein neues Parkhaus. Das so genannte Projekt P9 – der genaue Zeitplan ist noch nicht definiert – umfasst rund 3000 neue Parkplätze für Mitarbeitende und Passagiere, wie der lokale «Stadt-Anzeiger» aus Opfikon ZH kürzlich berichtete. Zudem soll auch das Mietwagencenter darin untergebracht werden. Das 13-stöckige Gebäude soll auf einer Fläche von 35’000 Quadratmetern realisiert werden, eine Tramstation vom Flughafen entfernt.
Doch wie sollen 3000 zusätzliche Parkplätze plötzlich möglich sein, ohne die Obergrenze nicht zu durchbrechen? Diesen Bedenken kann der Flughafen auf Anfrage keinen Wind aus den Segeln nehmen: Das Projekt befinde sich in einem frühen Stadium, schreibt der Flughafen auf Anfrage. Derzeit sei noch unklar, wie viele Parkplätze gebaut werden.
Fakt ist: Auch beim P9 argumentiert der Flughafen mit den Spitzenzeiten, während derer die Parkplätze nahezu ausgelastet seien. Zudem werde der erwartete Anstieg der Lokalpassagiere, trotz weiter zunehmender ÖV-Nutzung, zu einer Verschärfung dieses Engpasses führen.
Dem neuen Parkhaus weichen müssen allerdings vorher zahlreiche Bäume. Wie viele, sei ebenfalls noch unklar, sagt Sprecherin Caluori. Klar ist hingegen bereits, dass rund 30’000 Quadratmeter Wald betroffen sind, wie der «Stadt-Anzeiger» berichtet. Zudem wird der Flughafen dadurch anderweitig ersatzpflichtig, er muss also in anderen Gebieten in ökologische Projekte investieren. Dies geschah kürzlich beispielsweise entlang des Flusses Glatt, was allerdings die Fällung von 400 Bäumen mit sich brachte (CH Media berichtete).
Doch widersprechen diese Parkplatz-Ausbaupläne des Flughafens nicht den Nachhaltigkeitszielen der Behörden? «Der Flughafen Zürich ist einer der mit den öffentlichen Verkehrsmitteln besterschlossenen Orte in der Schweiz», sagt Caluori. Entsprechend hoch sei der Anteil der Verkehrsteilnehmenden, die Tram, Bus und Zug nutzen würden. Und: Die sogenannte Modalsplitvorgabe des Bundes von 46 Prozent ÖV-Anteil für 2030 habe man bereits 2024 erreicht.
«Unser Ziel ist es weiterhin, das erwartete Verkehrswachstum überproportional durch den ÖV aufzufangen», sagt Caluori. Gemeinsam mit Behörden und den ÖV-Anbietern arbeite man daran, «noch schnellere, direktere und häufigere Verbindungen an den Flughafen schaffen, vor allem auch an zu den Randzeiten.»
Dennoch, so Caluori, würden für die Fluggäste und Mitarbeitende am Flughafen Zürich die Parkplätze zunehmend knapp.