Was, wenn nicht einmal mehr Reto Berra Gottéron helfen kann?
Eishockey ist ein wunderliches Spiel: Einerseits gilt Eishockey gerade in Nordamerika zu Recht als letzter wahrer Mannschaftssport. Es braucht jeden. In der Hitze der Emotionen, wenn Härte und Schlauheit so wichtig sind wie Talent, machen oft nicht die Superstars die Differenz. Erst recht in den Playoffs. Nie ist die Chance auf Ruhm für einen Hinterbänkler grösser als in den Playoffs. Team! Team! Team!
Aber andererseits übernimmt – vielleicht abgesehen vom Quarterback im American Football – kein Einzelspieler in einem Teamsport eine so wichtige Rolle wie der Torhüter im Eishockey. Erst recht in den Playoffs. Es sind zwar auch die Vordermänner, die einen Torhüter machen. Aber noch viel mehr gilt: Der Goalie kann dafür sorgen, dass seine Vorderleute alle ein bisschen schneller, härter und mutiger spielen, als sie eigentlich sind. Er ist ein Einzelsportler in einem Teamsport.
Und genauso ist es im Final 2026. In Zahlen: die Fangquote der beiden Goalies.
- 1. Finalspiel: Davos – Gottéron 2:3
Aeschlimann 84,21 % vs. Berra 93,94 % Fangquote. - 2. Finalspiel: Gottéron – Davos 1:3
Berra 88,81 % vs. Aeschlimann 96,88 % Fangquote.
Natürlich hängt die Fangquote auch von Faktoren ab, die der Torhüter nicht beeinflussen kann. Und doch: Der Goalie macht die Differenz und es gehört zu den Besonderheiten in diesem Final, dass bisher die Mannschaft verloren hat, die mehr Schüsse aufs Tor brachte und eigentlich statistisch hätte gewinnen müssen.
- 1. Finalspiel:
Davos – Gottéron 33:19 Torschüsse (2:3). - 2. Finalspiel:
Gottéron – Davos 32:27 Torschüsse (1:3).
Gottéron steht zum 5. Mal nach 1992, 1993, 1994 und 2013 im Final. In jedem der bisherigen Finals hatte der Gegner den besseren Torhüter: der SCB 1992 mit Renato Tosio, Kloten 1993 und 1994 mit Reto Pavoni und 2013 wiederum der SCB mit Marco Bührer. Gottérons tragische Finalhelden waren Dino Stecher (1992, 1993, 1994) und Benjamin Conz (2013).
Doch nun schien alles anders. Reto Berra! Zwar im Januar schon 39 geworden. Aber im Abendrot seiner Karriere gut wie nie. Ein wehrhafter Titan (194 cm/fast 100 Kilo), der in einer intensiven Serie die Differenz machen kann, wenn es ums Tor herum rumpelt. WM-Silberheld von 2013, Meister mit Davos 2009 und in der NHL ein Dollar-Millionär (gut 4 Millionen brutto) geworden. Er müsste doch besser sein als Sandro Aeschlimann, zwar erst 31. Aber noch nie WM- oder Meisterheld und auch nie in der NHL.
Wenn einer die Dämonen aus dem Gottéron-Tal zu vertreiben vermag, dann Reto Berra. Aber die Dämonen sind zurück. Gottéron hat die beste Ausgangslage seiner Geschichte (erstmals das erste Finalspiel gewonnen) schon wieder ruiniert: Diese 1:3-Heimniederlage macht den HCD wieder zum Favoriten. Denn nun muss Gottéron ein zweites Mal in Davos oben gewinnen, um Meister zu werden. Bleibt Gottéron «untitelbar»?
Das sind die Dämonen (in Form eines Drachen) aus dem Gottéron-Tal: Sie erlauben es Gottéron einfach nicht, einen Titel zu gewinnen, weil der Sage nach dann die Menschen von zu viel Hochmut befallen werden. Also darf der Klub mit dem Drachen als Wappentier einfach nicht Meister (und nicht hochmütig) werden.
War Gottéron nach dem überraschenden, fast sensationellen Sieg (3:2) am Samstag hochmütig? Nein, natürlich nicht. Nur vielleicht eine Spur zu sicher. Die Davoser haben in einer mutigen Flucht nach vorne Gottérons Spiel gleich von allem Anfang an mit bissigstem Forechecking an der Wurzel gepackt, die Zweikämpfe auch und gerade im Hoheitsgebiet von Reto Berra gewonnen und zwei Tore vorgelegt (2:0 nach 2 Minuten und 46 Sekunden), bevor alle in der ausverkauften Arena Platz genommen hatten.
Zeit wäre noch genug gewesen für eine Wende. Aber der Powerplay-Treffer von Lukas Frick zum 3:1 kurz vor der ersten Pause (19. Minute) sollte sich als Hypothek erweisen, die ein mutiges und immer mehr verzweifelndes Gottéron nicht mehr wettzumachen vermochte. Davos geriet wohl phasenweise unter Druck. Aber nie mehr in echte Not. Der HCD hat mit diesem Sieg den Final ausgeglichen (1:1) und kann mit drei Heimsiegen Meister werden.
Ja, es ist, wie es ist. Reto Berra wäre der Einzige gewesen, der diesen Untergang hätte verhindern können. Aber er war gegen die drei Treffer machtlos. Und mit Genugtuung wird Trainer Josh Holden registriert haben, dass das 3:1 eigentlich seinem Vorkämpfer Brendan Lemieux zu verdanken ist: Der US-Amerikaner postierte sich im «Infight» so geschickt vor dem Tor, dass Reto Berra die Sicht verdeckt war. TV-Experte Sven Helfenstein (MySports), der Spieleragent, der Brendan Lemieux halt nicht vertreten und mit ihm kein Geld verdienen darf, hatte nach der Rangelei am Schluss des ersten Finals in Davos als Einziger in Europa vehement eine Sperre für den US-Kanadier gefordert.
Die Hockey-Justiz hat ihres Amtes unbeeindruckt gewaltet und Brendan Lemieux eben nicht gesperrt. Weil es keinen Grund für eine Sperre gab. Das war mitentscheidend. Denn er personifizierte in dieser zweiten Partie die Qualitäten der Davoser. Nicht nur als robuster Vorkämpfer und Energie-Dynamo. Er ist im zweiten Final wie keiner seiner Mitspieler provoziert und bearbeitet worden. Aber er liess sich nicht aus der Ruhe bringen. Die von ihm vorgelebte Unerschütterlichkeit, Ruhe und Kaltblütigkeit waren die Qualitäten, die dem HCD den Sieg ermöglicht haben. Und Torhüter Sandro Aeschlimann hat eine weitere Zwischenprüfung auf dem Weg zur meisterlichen Krönung bestanden.
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Die vielen nötigen und unnötigen Statistiken im Eishockey haben einen Vorteil: Der Chronist kann immer die auswählen, die gerade zu seiner Story passt, und so den Eindruck erwecken, er verstehe etwas von der Sache. Es scheint, dass eine Statistik womöglich die ganze Wahrheit enthält. Reto Berra ist doch erfahrener, besser als Sandro Aeschlimann. Oder?
Aber die Statistik aus der Qualifikation sagt etwas anderes. Sandro Aschlimann hat in der Zeit zwischen Herbst und Frühjahr 92,52 Prozent der Pucks abgewehrt und Reto Berra «nur» 92,00 Prozent.
Sollte Gottéron wieder nicht Meister werden, dann wird Dino Stecher, Gottérons tragischer Finalheld von 1992, 1993 und 1994, vor der Geschichte von aller Schuld freigesprochen. Denn dann kann er sagen: Wenn nicht einmal Reto Berra Gottéron zum Meister machen kann – wie konnte man denn erwarten, dass ich dazu in der Lage sein könnte? Ich war – anders als der Berra – vorher noch nie Meister, nie in einem WM-Team, nie in der NHL, nie Dollar-Millionär und nur ein Oltner.
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