Wer bei dieser EM die Aufgebote der grossen Teams anschaut, findet fast überall grosse Namen. In England sind Jude Bellingham (21) und Bukayo Saka (22) schon seit Jahren dabei. Für Deutschland sind mit Florian Wirtz und Jamal Musiala zwei 21-Jährige mit dabei, welche bereits die Bundesliga-Saison prägten. Und in Spanien stehen nicht nur die beiden 21-jährigen Supertalente Pedri und Nico Williams in der Startelf, sondern auch Lamine Yamal, der mit seinen 16 Jahren noch so jung ist, dass er nach deutschem Recht eigentlich gar nicht spätabends spielen dürfte.
Schaut man auf den Schweiz-Gegner Italien, fällt die Suche nach den jungen Stars deutlich ernüchternder aus. Natürlich ist da Riccardo Calafiori (22), einer der Überflieger des Turniers und der vergangenen Serie-A-Saison. Doch sonst fehlen Italien die grossen Talente – im Achtelfinal gegen die Schweiz wird wohl nur ein Spieler in der Startelf stehen, der jünger als 25 Jahre ist: Nicolò Fagioli, der als äusserst talentiert gilt, aber dessen Entwicklung von einer monatelangen Sperre wegen Sportwetten zuletzt jäh gebremst wurde.
Von einem überalterten Team kann man bei Italien aber nicht sprechen. Von den 16 Achtelfinalisten verfügen die «Azzurri» über das viertjüngste Team. Das Problem: Kaum ein Junger spielt bei einem grossen Team eine wichtige Rolle. Neben Calafiori waren nur Andrea Cambiaso (24, Juventus) und Gianluca Scamacca (25, Atalanta) als U25-Spieler bei einem Serie-A-Team gesetzt, das vergangene Saison europäisch spielte.
Italiens Suche nach den grossen Fussball-Talenten – es ist eine Geschichte, die mittlerweile schon Jahre dauert. Mit Inter und Napoli gewannen in den letzten zwei Jahren jeweils Teams die Meisterschaft, bei welchen kein Spieler aus dem eigenen Nachwuchs regelmässig spielen durfte. Während in anderen Ländern auch Topteams immer wieder ihren Talenten eine Chance geben, bleibt diese in Italien vielen versperrt.
«Die Jungen müssen ihren Weg gehen, sonst riskieren wir, sie zu verlieren», erklärte einst Ex-Juve-Trainer Massimiliano Allegri. Und stellte gleich klar, wie dieser Weg aussehen soll: «Früher spielte man zuerst in der Serie C, dann im B und schliesslich im A. So muss man wachsen, da müssen wir uns nichts vormachen». Frühestens mit 25 seien die Spieler reif, sagte Allegri. Mit 20 Jahren sei kaum einer bereits richtig gut.
Damit sprach Allegri aus, was viele Vertreter der grossen Serie-A-Teams zu denken scheinen. Gilt ein Junger als talentiert, wird er in die Serie B verliehen. Glaubt man nicht mehr an den grossen Durchbruch, wird er dann verkauft. Die Liste der Youngsters, die erst über mehrere Umwege den Durchbruch schaffen, ist deshalb lang, wie auch die Karrieren diverser EM-Spieler zeigen.
Riccardo Calafiori setzte sich bei der AS Roma nicht durch und musste so den Weg über Basel und Bologna nehmen. Federico Dimarco galt bei Inter als grosses Talent, musste aber zunächst in Sion, Parma und Verona Spielpraxis sammeln, um sich für die erste Mannschaft aufzudrängen. Und Mittelfeldspieler Michael Folorunsho steht zwar seit 2019 bei Napoli unter Vertrag, wurde seither aber an vier kleinere Teams verliehen. Auf seinen ersten Einsatz für die Süditaliener wartet er mit 26 Jahren noch immer.
Schaut man nur auf die Zahlen, scheint die italienische Nachwuchs-Krise nicht besonders bedrohlich. Wie eine Analyse von «L'Ultimo Uomo» zeigt, gehen 7,02 Prozent aller Einsatzminuten auf das Konto von einheimischen U23-Spielern. Die Quote ist damit zwar deutlich tiefer als in Frankreich (12,23 Prozent) und Spanien (10,31 Prozent), aber immerhin knapp höher als in Deutschland (6,98 Prozent) und England (5,97 Prozent). Mit Ausnahme von Atalanta sind es allerdings vor allem die «kleinen» Teams, welche jungen Italienern eine Chance geben.
Während in der Serie A die grossen Klubs also kaum auf den eigenen Nachwuchs setzen, versucht der nationale Verband schon länger, diesem Trend ein Ende zu setzen. 2022 war es der damalige U21-Nationaltrainer Paolo Nicolato, welcher bei einer Pressekonferenz Alarm schlug. «Früher hatten wir eine U21 mit Spielern aus der Serie A, bald müssen wir sie in der Serie C suchen», warnte er damals. Gehen die Meisterschaften in die entscheidenden Phasen, seien es vor allem die Jungen, welche darunter leiden. «Und wir bezeichnen hier auch 22-Jährige als Junge», bemängelte Nicolato. «In diesem Alter sind das sicher keine Kinder mehr.»
Mittlerweile ist Nicolato nicht mehr Trainer der U21, seine Befürchtungen bewahrheiteten sich jedoch weitgehend. Schaut man auf das aktuelle 26-Mann-Kader der U21, findet man nur fünf Spieler, welche letzte Saison in der Serie A zum Einsatz kamen. Bei den Goalies ging Nicolatos Prognose bereits in Erfüllung: Sämtliche drei Schlussmänner im Kader spielten letzte Saison in der Serie C.
Doch nicht nur in der U21, auch bei den «Grossen» herrscht seit langer Zeit Sorge um die Talentförderung. Vor allem der mittlerweile in Saudi-Arabien tätige Roberto Mancini forderte immer wieder bessere Möglichkeiten für die Jungen. «Wenn ein Junger Talent hat, muss er die Möglichkeiten haben, zu spielen», forderte Mancini vor gut einem Jahr. «Er soll Fehler begehen dürfen und dann trotzdem wieder Chancen erhalten.»
Diesen Forderungen folgte Mancini dann auch selbst. Der damalige Nationaltrainer setzte immer wieder Zeichen an die grossen Klubs, indem er junge Spieler überraschend aufbot. 2022 gab Mancini nicht weniger als 19 Spielern die Chance, für die «Azzurri» zu debütieren. Mit Sandro Tonali, Nicolo Zaniolo, Alessio Zerbin, Federico Gatti und Salvatore Esposito holte der Coach in seiner Amtszeit zudem fünf Spieler ins Nationalteam, welche bis dahin erst in der Serie B zum Einsatz gekommen waren.
«Wir müssen unsere Mentalität verändern und darauf vertrauen, dass auch 18- oder 19-Jährige schon auf höchstem Niveau spielen können», erklärte Mancini einst. Dazu gehöre auch ein Aufgebot fürs Nationalteam. Und:
Mit seinen überraschenden Nominierungen hoffte Mancini wohl auch, die grossen Vereine von den Spielern zu begeistern. Der Hype um die Youngsters entpuppte sich aber oft auch als Strohfeuer. Etwa beim 13-fachen Nationalspieler und Ex-FCZ-Stürmer Willy Gnonto, der zuletzt nur noch in der zweiten englischen Liga spielte. Oder bei Esposito, der letzte Saison mit Spezia den Abstieg in die Serie C nur knapp verhinderte.
Immerhin schien es Mancini mit seinen öffentlichen Appellen gelungen zu sein, bei einigen Teams intern etwas auszulösen. So gab etwa Massimiliano Allegri zu Protokoll, man habe bei seiner Rückkehr zu Juve gefordert, jährlich drei Spieler aus dem Nachwuchs in die erste Mannschaft zu integrieren.
Dass Italien ein Problem mit seinen Jungen hat, bestreitet kaum jemand. Offen ist dagegen die Frage, wie es gelöst werden soll. In der Serie A ist den Teams bereits vorgeschrieben, mindestens vier Spieler im Kader zu haben, die aus dem eigenen Nachwuchs kommen. Da es aber dazu weder eine Regel zu Einsätzen noch eine Altersbeschränkung gibt, bleibt diese Vorgabe allerdings weitgehend wirkungslos.
Deutlich mehr Bemühungen gibt es derweil in den unteren Ligen. In der Serie B werden Teams finanziell belohnt, die besonders oft italienische U23-Spieler zum Einsatz kommen lassen. Dafür wird ein Budget von rund 50 Millionen Euro zur Verfügung gestellt. Dies zeigte bereits Wirkung – letzte Saison trat Aufsteiger Feralpisalò mit elf Italienern in der Startelf zum ersten Spiel an, vier davon waren maximal 23 Jahre alt. Auf die nächste Spielzeit hin wird die Regelung nochmals verschärft. Belohnt werden neu Teams, die besonders oft auf U21-Spieler setzen.
Mit dieser Massnahme soll dafür gesorgt werden, dass die jungen Italiener besser an den Profi-Fussball herangeführt werden können. Der Moment dafür ist ein wichtiger – in Italien wächst derzeit eine Generation heran, die so talentiert ist wie lange nicht mehr. 2023 gewannen die Azzurri den U19-EM-Titel. Vor ein paar Wochen triumphierten die Italiener auch auf U17-Stufe. Überragender Mann dabei: Milan-Stürmer Francesco Camarda. Das Supertalent debütierte im November bereits in der Serie A und wurde mit 15 Jahren und 260 Tagen zum jüngsten Liga-Debütanten aller Zeiten. Damit war er 28 Tage jünger als Gianni Rivera, der seine Karriere 1969 mit dem Ballon d'Or krönte. Aber auch 20 Tage jünger als Pietro Pellegri, dieser mittlerweile 23 und beim FC Turin nur Ergänzungsspieler.