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Mein Leben nach dem Genickbruch – immerhin funktioniert der innere Schweinehund

Florence Schelling – Sportchefin beim SC Bern – benötigt auch 15 Monate nach ihrem Skiunfall regelmässig Therapien.

florence schelling / ch media



15 Monate ist der Tag her, der mein Leben zum Verlangsamen brachte. Auf der Skipiste brach ich mir bei einem unglücklichen Sturz das Genick. Auch heute noch hat die Verletzung grossen Einfluss auf mein Leben.

Vor etwas mehr als einem Jahr brach sich Florence Schelling bei einem Skiunfall das Genick.

Ich absolviere immer noch regelmässig Therapien. Zweimal pro Woche, meist Montag und Freitag, bin ich im «Concussion Center» in Zürich, also dort, wo sich auch Spitzensportlerinnen und Sportler nach Gehirnerschütterungen behandeln lassen. Vier Stunden dauern die Therapie-Blöcke, aufgeteilt in vier Sessions. Aber wie sieht so ein Morgen konkret aus?

Am Anfang bin ich bei Stefan. Diese erste Stunde ist eher passiv geprägt und für die Erholung des Körpers gut. Er kümmert sich um meinen Halswirbel. Und sorgt dafür, dass Rücken und Schulterbereich gelockert werden, auch mit Hilfe von «Craniosakraltheraphie». Das sieht aus wie Handauflegen, ist aber kein Hokuspokus, sondern sehr wirkungsvoll.

«Mein Gleichgewicht wird ans Limit gebracht, häufig darüber hinaus.»

Weiter geht’s zu Cornelia. Sie fokussiert sich auf Übungen für die Augen. Es geht darum, sich stets zu bewegen und gleichzeitig Informationen aufzunehmen. Der Körper muss wieder lernen, dass das geht. Beispielsweise muss ich auf einen «Slideboard» – das ist eine rutschige Unterlage, auf der ich hin und her gleiten kann – meinen Kopf drehen, einen Ball fangen und so schnell wie möglich sagen, welche Nummer auf dem Ball steht. Mein Gleichgewicht wird ans Limit gebracht, häufig darüber hinaus.

Nächster Halt: Mario. Mit ihm arbeite ich am Aufbau der kleinen Muskeln, mit dem Ziel, den Nacken zu stärken. Bedeutet: viel Arbeit mit Therabändern, Gymnastikbällen und kleinen Gewichten. Für den Vergleich: Derzeit kriege ich mit einer 1-Kilo-Hantel fünf Wiederholungen hin. Das ist noch nicht gerade viel. Immerhin funktioniert der innere Schweinehund. Diesen Montag sagte ich mir: Egal, was passiert, es müssen sechs Wiederholungen sein.

Zum Schluss kommt Daniel. Nicht meine Lieblingsübung. In einem dunklen, schwarzen Raum sehe ich nichts ausser eine Art «Glücksrad» mit weissen, leuchtenden Kleber drauf. Dieses Rad dreht sich – und mit ihm mein Gleichgewicht. Ich sollte eigentlich den Mittelpunkt fixieren und an Ort und Stelle marschieren. Immer wenn ich das Bein lupfe, habe ich das Gefühl, es hat einen Drall. Achtung Schwindel, kann ich nur sagen. Letzte Woche musste ich diese Übung abbrechen, ich musste danach gleich schlafen – vor Ort im Behandlungszimmer!

«Ich erhalte Angaben und muss mir dann den besten Plan zusammenstellen. Ein Kinderspiel, mögen Sie denken, für mich im Moment noch nicht.»

Doch ich muss nicht nur mit meinem Körper arbeiten, sondern auch mit dem Kopf. Dafür besuche ich einmal pro zwei Wochen meine Neuropsychologin. Mit ihr zusammen absolviere ich Strategieübungen.

Zum Beispiel so: Ich erhalte Kärtchen mit Aufgaben, um einen «optimalen» Nachmittag zu planen. Besuch in der Bibliothek (hat aber nur bis 14 Uhr offen), Briefe aufgeben auf der Post, Kaffi mit einer Freundin (wir treffen uns genau um 15.15 Uhr), Kleider holen im Waschsalon, etc. Ich erhalte Angaben, was wie weit von mir zuhause entfernt ist und muss mir dann den besten Plan zusammenstellen, was ich wann erledige. Ein Kinderspiel, mögen Sie denken, für mich im Moment noch nicht.

Schliesslich mache ich jeden Tag fünf Minuten Gedächtnistraining (ich gebe es zu, manchmal vergesse ich es auch). «Lumosity» heisst die App, auf der ich viele, witzige Übungen machen kann. Es geht um Schnelligkeit, Gedächtnis, Konzentration, Flexibilität und Problembewältigung. Mein Lieblingsspiel heisst «Barista», ich bin die Bedienung in einem Café und muss je länger desto mehr Wünsche meiner Besucherinnen und Besucher erfüllen.

In meinem Alltag lerne ich gerade immer wieder die verschiedensten Facetten des Lebens neu kennen. Diese Erkenntnisse sind wichtig, einmal pro Monat bespreche ich sie mit meinem Arzt. Natürlich, manchmal wünsche ich mir die Normalität so schnell wie möglich zurück. Doch ich weiss: Ich brauche Geduld.

Florence Schelling

Florence Schelling, 31, ist Sportchefin beim SC Bern, trägt Olympia-Bronze und schaut in der Freizeit gerne Tennis oder Skirennen. Sie schreibt im Wechsel mit Steffi Buchli, Sarah Akanji und Céline Feller jeden Samstag über verschiedene Themen aus der Welt des Sports.

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