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SC Bern Cheftrainer Kari Jalonen, fotografiert im zweiten Eishockey Playoff-Halbfinalspiel der National League zwischen dem EHC Biel und dem  SC Bern, am Donnerstag, 28. Maerz 2019, in der Tissot Arena in Biel. (KEYSTONE/Anthony Anex)

Forciert Kari Jalonen seine Stars zu sehr? Bild: KEYSTONE

Eismeister Zaugg

Wie der SCB die Stars verheizt und für kurzen Ruhm die Zukunft aufs Spiel setzt

Warum hat der SC Bern in den Playoffs so grosse Schwierigkeiten? Ein paar ganz simple Zahlen zeigen uns, wie Kari Jalonen seine Stars zu stark belastet. Aber er hatte halt soeben in Biel nicht einmal mehr 20 halbfinalfähige Spieler zur Verfügung. Armer, reicher SCB.



Es obliegt dem Cheftrainer die Energien seiner Spieler klug zu verwalten. Wenn der Puck im September zum ersten Qualifikationsspiel eingeworfen wird, weiss er schon, dass er darauf achten muss, dass seine Jungs im März und im April noch frisch sind. Weil der Titel in den Playoffs vergeben wird. Ein Qualifikationssieg hat nur den sportlichen Wert von Trompetengold.

Wer um die letzten Playoff-Plätze kämpfen muss, kann seine Stars nicht schonen. Wer aber als Spitzenteam die Qualifikation nach Belieben dominiert und den Titel als grosses Ziel hat, der kann mit den Kräften seiner Stars vernünftig haushalten.

Der SCB ist während der Qualifikation nie in eine Krise geraten. Wenn ein Coach die Freiheit hatte, seine Stars zu schonen, die Belastung auf vier Linien, auf viele Schultern und Beine zu verteilen, Spieler aus der eigenen, exzellenten Nachwuchsorganisation zu fördern und zu fordern – dann Kari Jalonen. Er müsste jetzt in den Playoffs im grossen Hockey-Konzern SCB dazu in der Lage sein, aus 25 bis 30 Feldspielern auswählen zu können.

Die Bieler stürmten in der Qualifikation zum ersten Mal seit dem Wiederaufstieg von 2008 zwischenzeitlich an die Tabellenspitze. Aber sie wurden von Depressionen nicht ganz verschont. Zwischendurch war es notwendig, die Stars zu forcieren, um ein Abrutschen unter den Strich zu verhindern.

Logisch wäre also, wenn die besten Bieler mehr Arbeitszeit in den Knochen hätten als die besten Berner.

Es ist nicht die Zeit für eine Polemik. Lassen wir also ganz einfach Zahlen sprechen. Zahlen, die uns zeigen, wie viel Arbeitszeit Kari Jalonen in Bern und Antti Törmänen in Biel ihren Stars verordnet haben.

Bern's Top Scorer Mark Arcobello of USA, left, and Bern's forward Simon Moser, right, celebrate the second goal during the fourth leg of the playoffs quarterfinals game of National League Swiss Championship between Geneve-Servette HC and SC Bern, at the ice stadium Les Vernets, in Geneva, Switzerland, Saturday, March 16, 2019. (KEYSTONE/Laurent Gillieron)

Mark Arcobello und Simon Moser sind die wichtigsten Spieler beim SCB. Bild: KEYSTONE

Biels Damien Brunner, links, und TopScorer Toni Rajala beobachten das Spielgeschehen, im Eishockey Meisterschaftsspiel der National League zwischen dem EHC Biel und dem Lausanne HC, am Freitag, 1. Maerz 2019, in der Tissot Arena in Biel. (KEYSTONE/Peter Klaunzer)

Damien Brunner und Toni Rajala übernehmen diese Rolle bei Biel. Bild: KEYSTONE

Wir picken uns der Einfachheit und des Verständnisses halber vier Spieler heraus, die im Halbfinale eine Schlüsselrolle spielen. Marc Arcobello und Simon Moser beim SC Bern, Toni Rajala und Damien Brunner bei Biel.

Tony Rajala ist Biels Topskorer der Regular Season hat für Biel soeben im zweiten Halbfinalspiel das Tor in der Verlängerung erzielt. Damien Brunner hatte in der regulären Spielzeit die zwei Treffer zum 2:2 beigesteuert.

Mark Arcobello, Berns Topskorer der Regular Season, und Captain Simon Moser gingen beide in Biel mit einer Minus-2-Bilanz vom Eis.

Mark Arcobello spielte in der Qualifikation 49 Partien und kam auf 1001:22 Minuten Eiszeit in 1395 Shifts (Einsätzen).

Simon Moser bestritt alle 50 Qualifikationsspiele und kam auf 979:22 Minuten Eiszeit in 1413 Shifts.

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Einsatzminuten in der Regular Season. Bild: watson, infogr.am

Toni Rajala kam in allen 50 Qualifikationspartien zum Einsatz und kam auf 856:29 Minuten Eiszeit in 1227 Shifts.

Damien Brunner bestritt alle 50 Qualifikationsspiele und arbeitete 806:03 Minuten auf dem Eis, aufgeteilt in 1109 Shifts.

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Die Shifts in der Regular Season. Bild: watson, infogr.am

Die SCB Stars standen in der Qualifikation zusammengerechnet also 318 Minuten länger im Einsatz. Sie haben aus der Qualifikation gemeinsam über fünf Stunden mehr «Kampfzeit» in den Knochen als die beiden Bieler. Obwohl es für Kari Jalonen nie eine Notwendigkeit gegeben hat, die Besten zu forcieren. Obwohl der SCB ohnehin durch die Champions League mehr Ernstkämpfe zu bestreiten hatte als die Bieler.

In den Playoffs vergleichen wir nur die beiden Halbfinalspiele. Ein Vergleich aus den Viertelfinals hat zu dieser Thematik keine Aussagekraft. Bern musste sechs Partien (und vier davon mit Verlängerungen) bestreiten, Biel hingegen nur fünf ohne Verlängerungen.

Die Arbeitszeit von Simon Moser beträgt in den beiden Halbfinalpartien 41:46 Minuten in 56 Shifts. Die von Mark Arcobello 41:39 Minuten in 53 Shifts.

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Einsatzminuten im Playoff-Halbfinal. Bild: watson, infogr.am

Toni Rajala wurde im Halbfinale während 33:16 Minuten in 49 Shifts eingesetzt. Damien Brunner während 27:33 Minuten in 43 Shifts.

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Shifts im Playoff-Halbfinal. Bild: watson, infogr.am

Wieder eine enorme, ja schon beinahe absurde Differenz. Dazu ist noch zu erwähnen, dass Kari Jalonen in Biel freiwillig nur 18 Feldspieler eingesetzt hat. Aurelién Marti und Sandro Brügger kamen gar nicht zum Zuge. Antti Törmänen hat hingegen das Kontingent von 20 Feldspielern hingegen voll ausgeschöpft.

Die neutralen Zahlen, offiziell erfasst von der Liga und daher verlässlich, offenbaren uns den Unterschied zwischen Steinzeit und Gegenwart.

Kari Jalonen forciert seine Stars während der ganzen Saison ohne Rücksicht auf Verluste wie in der Steinzeit. Sein Landsmann Antti Törmänen verteilt die Belastung während der ganzen Saison auf vier Linien, um im Tempohockey der Gegenwart zu bestehen. Im Eishockey von heute schützen die Regeln die technisch und läuferisch guten Spieler. Eishockey wird heute mehr gespielt als gearbeitet. Die Scheibe wird aktiv gejagt und nicht passiv erwartet. Das Erfolgsgeheimnis ist die Balance zwischen Inspiration, Kreativität und Tempo einerseits und Disziplin, Ordnung und Härte andererseits.

So gesehen ist es keine Überraschung, dass die Bielern den Bernern im ersten Spiel auf und davongelaufen sind und dass sie im zweiten Spiel dem gegnerischen Druck standgehalten und in der Verlängerung gewonnen haben.

So gesehen ist es auch keine Überraschung, dass der SCB so grosse Mühe hat, einen Vorsprung über die Zeit zu bringen. Dass der grosse Captain Simon Moser freimütig in die Mikrofone sagt, man sei im Schlussdrittel zu passiv geworden und habe die Beine nicht mehr bewegt. Dass Kari Jalonen dieses unselige Rechenschieber-Minimalisten-Abwarten-Schablonen-Hockey zelebrieren lässt. Nachlassende Kräfte heiligen alle taktischen Mittel.

Die neutralen Zahlen zeigen uns, wie SCB-Trainer Kari Jalonen seine Stars ohne Not zu stark belastet. Scheitert er, ist sogar das Wort «verheizen» angemessen.

Nun gibt es zwei Fragen.

Ja, er ist es nicht. Sein Trainer Kari Jalonen hat Aurelién Marti und Sandro Brügger für den Einsatz gegen Biel gewogen und als zu leicht befunden. Er erachtet nur noch 18 Feldspieler als halbfinaltauglich. Armer, reicher SCB, der du nicht einmal mehr 20 halbfinaltaugliche Feldspieler in Lohn und Brot zu halten vermagst. Eigentlich eine sportliche Bankrotterklärung.

SCB Sportchef Alex Chatelain praesentiert die Bilanz der SCB-Eishockey AG der vergangenen Saison am Mittwoch, 5. September 2018, in der PostFinance Arena in Bern. (KEYSTONE/Lukas Lehmann)

SCB-Sportchef Alex Chatelain hat einen schwierigen Job. Bild: KEYSTONE

Aber zur Entlastung des SCB-Sportchefs ist zu sagen: Da sich der SCB das Geld für eine effiziente, moderne Scouting-Abteilung spart, ähnelt die Suche des Sportchefs nach geeigneten Spielern dem Stochern im Nebel.

Kari Jalonen will Siege und Titel. Uns sonst nichts. Das ist das Recht des Trainers. Aber er arbeitet für eine Hockey-Firma, die nicht nur auf Siege angewiesen ist. Sondern, weil kein Farmteam zur Verfügung steht, auch darauf, dass so viele Spieler gefördert und gefordert werden wie möglich. Damit jederzeit genug Spieler für vier Linien zur Verfügung stehen, um die Belastung Champions League und Meisterschaft auszuhalten und die Lohnkosten im Griff zu haben. Damit in den Playoffs nicht mehr bloss 18 Feldspieler halbfinaltauglich sind.

SC Bern Cheftrainer Kari Jalonen, rechts, und Goalie Leonardo Genoni sitzen beim Gruppenbild nebeneinander, am Dienstag, 14. August 2018 vor dem Training in Bern. (KEYSTONE/Alessandro della Valle)

Was passiert mit Jalonens Taktik, wenn Genoni nächstes Jahr nicht mehr beim SCB ist? Bild: KEYSTONE

Diese entscheidende Frage muss SCB-Manager und -Mitbesitzer Marc Lüthi unabhängig vom Ausgang dieser Meisterschaft beantworten. Also auch nach einer Meisterfeier. Und er sollte bedenken, dass nächste Saison Niklas Schlegel und womöglich auch Philip Wüthrich statt Leonardo Genoni im Tor stehen werden. Da wäre es schon hilfreich, wenn mit rassigem Tempohockey das Spektakel möglichst oft vors gegnerische Tor getragen wird.

Dem SCB-Manager obliegt es, die Interessen und das Wohl seines Unternehmens über die Saison hinaus im Auge zu behalten. Wenn die riskante Steinzeit-Strategie von Kari Jalonen noch einmal aufgeht und mit meisterlichem Ruhme zinst, dann könnte der kurzen Freude ein jahrelanger Jammer folgen.

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