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Arno Del Curto hat Samuel Walser so gut gemacht, dass er nicht mehr in Davos bleiben kann.
Arno Del Curto hat Samuel Walser so gut gemacht, dass er nicht mehr in Davos bleiben kann.Bild: KEYSTONE
Eismeister Zaugg

Der Fall Samuel Walser – oder warum der HC Davos nicht mehr so schnell Meister wird

Nun auch noch Samuel Walser. Kein Titan der Liga hat in den letzten Jahren so viele Spieler ersatzlos verloren wie der HC Davos. Arno Del Curto steht wieder dort, wo er vor 20 Jahren angefangen hat. Aber vielleicht kommt wenigstens Luca Hischier.
17.11.2017, 18:21

Im Frühjahr 2015 hat Arno del Curto mit dem HC Davos seinen 6. und vorerst letzten Titel geholt. Eine ganze Reihe dieser meisterlichen Helden ist nicht mehr dabei: Reto und Jan von Arx (Rücktritt), Gregory Hofmann (Lugano), Beat Forster (Biel), Leonardo Genoni (Bern) und Samuel Guerra (ZSC Lions). Und im nächsten Frühjahr wird auch Samuel Walser (zu Fribourg) gehen. Arno Del Curto hat darauf verzichtet, auf dem Transfermarkt gleichwertigen Ersatz einzukaufen.

Arno Del Curto hat aus Samuel Walser einen Nationalstürmer gemacht, der jetzt auf dem Transfermarkt sein Talent kapitalisieren kann.

Der HCD-Trainer ist ob dem Verlust von Samuel Walser hin- und hergerissen. Zwischen seiner Rolle als HCD-Trainer und Kumpel. Einerseits sieht er ein, dass dieser Wechsel für die Weiterentwicklung des Spielers gut ist. «Es liegt auch an mir, dass er in seiner Entwicklung bei mir nicht mehr weitergekommen ist. Als sein Kumpel muss ich sagen: Er hat recht, dass er geht. Als HCD-Trainer muss ich sagen: Schade, dass er nicht bei uns bleibt.»

Arno Del Curto sagt sogar, dass es möglich gewesen wäre, ihn zum Bleiben zu überreden. Aber da überschätzt er möglicherweise seinen Einfluss. Doch es bleibt die bemerkenswerte Haltung eines Trainers, der einsieht, dass er einem Spieler keinen Gefallen mehr tut, wenn er ihn im Team behält. Diese sportliche Sozialkompetenz gehört zu den Stärken des Kulttrainers.

Hischier als Walser-Erastz?

Da kann die Frage nicht ausbleiben: Holt er nun Ersatz? Arno Del Curto ist ja seit Jahren auch der inoffizielle, aber wahre HCD-Sportchef. «Vermutlich holen wir niemanden. Wir transferieren ja schon seit drei Jahren nicht mehr! Wir müssen unser Budget einhalten. Ob wir Ersatz holen werden, weiss ich nicht. Ich weiss es heute nicht. Vielleicht habe ich morgen eine Idee. Oder morgen oder übermorgen oder überübermorgen. Wir haben auch die Möglichkeit, mit eigenen jungen Spielern in ein paar Jahren wieder ein Spitzenteam aufzubauen.»

Arno Del Curto hat allerdings schon eine Idee, wen er als Ersatz für Samuel Walser verpflichten möchte – nur erzählt er das dem Chronisten nicht. Aber in Bern ist man etwas in Sorge: Sportchef Alex Chatelain weiss inzwischen, dass Arno Del Curto schon mal mit Luca Hischier (22), dem älteren Bruder von NHL-Wunderkind Nico Hischier gesprochen hat.

Luca Hischier könnte unter Arno Del Curto zum Topstürmer reifen.
Luca Hischier könnte unter Arno Del Curto zum Topstürmer reifen.Bild: KEYSTONE

Keine Frage: Ein «sportlicher Kuraufenthalt» bei Arno Del Curto oben in Davos würde Luca Hischier sportlich weiterbringen. Er befindet sich in einer Phase seiner Karriere, in der noch nicht das Geld, sondern die sportlichen Perspektiven der entscheidende Faktor ist.

So kommt es, dass sich auch Alex Chatelain mit der künftigen Rolle von Luca Hischier befasst. Er sagt auf Anfrage: «Er kann als Center und als Flügel spielen – je nachdem, was für die Mannschaft besser ist. Wir haben mit André Heim einen Center für die vierte Linie und sehen Luca künftig als Flügel in den ersten drei Formationen.»

Und so wird Luca Hischier zwischen der Rolle eines«Edel-Ergänzungsspieler» unter Kari Jalonen oder einer zentralen Position als eher defensiver Mittelstürmer im «System Arno» auswählen können. Sein Agent Sven Helfenstein, der Schwiegersohn des ehemaligen FIFA-Mediengenerals Guido Tognoni, wird klug genug sein, seinen Klienten auch bei Langnaus Jörg Reber ins Gespräch zu bringen.

Das Wendejahr 1997

Aber wir sind etwas vom Thema abgekommen. Arno Del Curto weiss um die finanziellen Limiten seines Arbeitgebers, er kennt die gesellschaftlichen und sozialen Veränderungen der letzten 20 Jahre zu gut, um sich Illusionen zumachen. Einerseits reizt ihn die Herausforderung, aus einem Minimum ein Maximum herauszuholen noch immer wie am ersten seiner HCD-Tage. Die jungen Spieler in seinem Sinne ausbilden und formen, sie mit seiner Version des «totalen Hockeys» zu «programmieren» ist nach wie vor seine Mission. Deshalb meint er es Ernst, wenn ersagt, auch der Abgang von Samuel Walser werde er mit einem eigenen jungen Spieler kompensieren.

Aber da ist auch der grosse Bandengeneral Arno Del Curto, siegreich in sechs Titelkämpfen. Er weiss sehr wohl, was es braucht, um eine weitere Meisterschaft zu gewinnen. Er ahnt, dass es keine Meisterfeier gibt, wenn er nicht endlich einmal einen grossen Transfer macht. Der Traum vom Titel – oder in diesem Falle vom nächsten Titel – ist immer der Treibstoff in der Seele der grossen Trainer.

Del Curto und der Meisterpott: Stemmt er ihn noch einmal in die Höhe?
Del Curto und der Meisterpott: Stemmt er ihn noch einmal in die Höhe?Bild: KEYSTONE

Was uns zur Frage führt: Kann der HCD auch 20 Jahre nach seiner ersten Finalteilnahme mit Arno Del Curto erneut Meister werden?

20 Jahre ist es her. 20 Jahre! Im Herbst 1997 dämmert es den Hockey-Generälen im Unterland, dass sich oben in den Bündner Bergen ein meisterliches Gewitter zusammenbraut. Und tatsächlich erreicht der HC Davos im Frühjahr 1998 zum ersten Mal unter Arno Del Curto das Finale. Es ist ein Zusammenstoss der Hockey-Welten und -Philosophien. Zugs schlauer, konservativer Taktiker Sean Simpson triumphiert mit einer erfahrenen Mannschaft, die den Zenit bereits überschritten hat (Durchschnittsalter 28) gegen den wilden Hockey-Nonkonformisten Arno Del Curto mit einem jungen Team(Durchschnittsalter 22), das sich anschickt, die Liga zu rocken.

Die Saison 1997/98 markiert einen Wendepunkt in unserer Hockey-Geschichte, vergleichbar mit dem Jahr 1968 im richtigen Leben. Die U20-Junioren holen WM-Bronze, Michel Riesen wird im Sommer 1997 der erste Schweizer NHL-Erstrunden-Draft, Ralph Krueger übernimmt im Herbst 1997 die Nationalmannschaft und die Schweizer erreichen bei der WM 1998 den Halbfinal. Der Aufstieg des HCD zur nationalen Spitze läuft parallel mit der Rückkehr der Schweiz auf die Hockey-Weltbühne.

Seit 1997 haben alle Hockeyunternehmen der höchsten Liga sportliche Krisen durchlitten und mehrmals die sportliche und taktische Ausrichtung geändert. Nur bei einem einzigen Klub hat es keinen sportlichen Kurswechsel gegeben. Nur ein einziger Klub hat in dieser Zeit nie den Trainer gewechselt. Der HC Davos. Arno Del Curto hat die Playoffs nie verpasst. Alle anderen Meister der letzten 20 Jahre – Lugano, die ZSC Lions, der SCB und Zug haben die Playoffs verpasst. Der SCB 2014 sogar als Titelverteidiger.

Gravierende Unterschiede zu früher

Diese HCD-Konstanz auf hohem Niveau ist beispiellos. Nun lautet die Frage: Kann der HC Davos die Liga in den nächsten 20 Jahren wieder so dominieren wie in den 20 Jahren nach 1997?Kann Arno Del Curto mit jungen Spielern wieder an die Spitze zurückkehren? Oder bedeuten die Verlust auf dem Transfermarkt der letzten drei Jahre den langsamen Abstieg ins Mittelmass?

Reto von Arx und Michel Riesen wurden 1998 mit Davos nicht Meister – noch nicht.
Reto von Arx und Michel Riesen wurden 1998 mit Davos nicht Meister – noch nicht.Bild: KEYSTONE

Es gibt zwei Unterschiede zu seiner ersten Finalsaison:

  1. Die «Zeugen Del Curtos», die verschworene meisterliche Gemeinschaft wird es nie mehr geben. Andres Ambühl mag ein charismatischer Leitwolf sein. Ein Reto von Arx ist er nicht. Wir verneigen uns vor Samuel Walser. Den nächsten Sandro Rizzi gibt er nicht und nun verlässt er die Mannschaft sowieso Ende Saison. Mauro Jörg ist ein abschlussstarker Flügel. Aber er ist eine Nummer kleiner als einst Michel Riesen. Und es geht noch um etwas anderes als um einzelne Spieler: es geht um den gesellschaftlichen Wandel. In den Zeiten der sozialen Medien und Hosentelefone ist es nicht mehr möglich, die gleiche Kameraderie zu entwickeln. Die gesellschaftliche Individualisierung hat auch den Teamsport erreicht. Der meisterliche HCD war nicht nur ein sportliches, er war auch ein soziologisches Phänomen.
  2. Arno Del Curto ist inzwischen kopiert worden. Bis in die 2010er-Jahre hinein hatte der HCD durch intensiveres Training einen uneinholbaren Basis-Vorsprung erarbeitet. Kein anderes Team brachte diese Kombination aus Ausdauer, Energie, Härte, Intensität, Tempo und Präzision aufs Eis. Inzwischen wird im Flachland fast und da und dort so hart trainiert wie in Davos. Es ist für einen Spieler nicht mehr nötig, nach Davos zu gehen, um besser zu werden. Um ein Maximum aus seinem Talent herauszuholen.

Wenn wir den HCD im November 2017 betrachten, dann sehen wir durchaus die Konturen eines künftigen Meisterteams. Wie vor 20 Jahren. Aber es wird nicht mehr möglich sein, diese Mannschaft über einen so langen Zeitraum zusammenzuhalten wie während der letzten 20 Jahre. Die Titanen im Unterland verdienen inzwischen in neuen Arenen viel mehr Geld. Heute ist die Konkurrenz, die bessere Löhne zahlt, viel zahlreicher als 1997. Vor 20 Jahren lieferte nur Lugano einen Grund zum Transfer des Geldes wegen. Heute sind es die ZSC Lions, Zug, Lausanne, Lugano, der SCB und neuerdings auch wieder Gottéron.

Arno Del Curto muss sich nicht neu erfunden, er muss jedoch genügsam sein.
Arno Del Curto muss sich nicht neu erfunden, er muss jedoch genügsam sein.Bild: SPENGLER CUP

Der HCD konnte Reto von Arx noch zum bestbezahlten Schweizer Spieler der Liga machen. Das ist heute nicht mehr denkbar. Während die Konkurrenz im Flachland wirtschaftlich immer stärker wird, ist der HCD an seine finanziellen Grenzen gestossen. Zumal aus dem Spengler-Cup-Ertrag Jahr für Jahr 800'000 Franken an die restlichen Klubs zwecks Einhaltung der Spengler-Cup-Pause überwiesen werden müssen. Das ist ungefähr die Salär-Summe eines NLA-Leitwolfes.

Kein Meistergoalie in Sicht

Viele wichtige Spieler der letzten sechs HCD-Meisterteams stammen aus dem Unterland: Reto und Jan von Arx, Patrick Fischer, Michel Riesen, Björn Christen, Peter Guggisberg, Dario Bürgler, Félicien DuBois, Noah Schneeberger, Gregory Hofmann, Lars Weibel, Jonas Hiller, Leonardo Genoni, Reto Berra oder Samuel Walser. Künftig wird es schon aus wirtschaftlichen Gründen nicht mehr möglich sein, Spitzenspieler zu halten oder immer wieder Spitzenspieler aus dem Unterland zu verpflichten.

Aber eigentlich braucht Arno Del Curto ja gar keinen Ersatz für Samuel Walser. Meister ist der HCD erst mit grossen oder doch sehr guten Torhütern geworden, zuletzt mit Jonas Hiller und Leonardo Genoni. Gilles Senn und Joren van Pottelberghe sind noch nicht Meistergoalies. Sowie Nando Wieser im ersten Finale von 1998 kein Meistergoalie war.

Noch keine Meistergoalies: Joren van Pottelberghe (l.) und Gilles Senn.
Noch keine Meistergoalies: Joren van Pottelberghe (l.) und Gilles Senn.Bild: KEYSTONE

So war es 1998, so ist es 2018 und so wird es 2038 und 2058 immer noch sein: am Ende des Tages macht der Goalie die Differenz. Und Arno Del Curto hat noch bzw. vorübergehend keinen Torhüter, der ihm diese Differenz machen kann.

Manchmal ist eine Analyse ganz einfach.

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