Die «Gefahr Sierre» und wie sie entschärft werden kann
Vielleicht wird es am Ende gar nicht Ajoie sein, das in dieses Unwetter gerät. Es ist keine Respektlosigkeit, sondern bloss eine nüchterne Feststellung: Die Elsgauer – Elsgau ist die altbernische Bezeichnung für die Ajoie – haben die Qualifikation soeben zum 5. Mal hintereinander auf dem letzten Platz beendet. Statistisch gesehen ist die Wahrscheinlichkeit gross, dass sie auch künftig wieder in die Mühlen des Abstiegskampfes geraten. Aber vielleicht wird es auch andere treffen. Wir wollen nicht grübeln.
Die Reise nach Olten, um dort im Halbfinal wieder einmal Chris McSorley und «sein» Sierre zu sehen, ist zweierlei: eine Reise zurück in die Vergangenheit und gleichzeitig eine in die Zukunft.
Sierre hat den ersten Halbfinal gegen Olten auf eigenem Eis nach einer 2:0-Führung wegen Arroganz und Leichtsinn noch 2:3 verloren. Die Reaktion ist nun eine heftige. Die Oltner sind jünger, leichter und kleiner. Unter Christian Wohlwend pflegen sie das Lauf- und Tempohockey des 21. Jahrhunderts, wie es in unserer Hockeykultur fast schon Standard geworden ist. Sie versuchen, ihren Gegenspielern erneut davonzulaufen. Doch diesmal gelingt es nicht. Sierre rumpelt, wuchtet, provoziert und arbeitet sich zu einem 3:1-Sieg. Der Halbfinal ist wieder ausgeglichen.
Was Sierre in Zukunft so gefährlich macht: Die Mannschaft spielt ein Hockey, das sich grundlegend von allem unterscheidet, was die Teams der National League gewohnt sind. Die Dinosaurier sind zurück.
Chris McSorley hat das Rad der Zeit zurückgedreht und setzt auf die ewigen Tugenden des nordamerikanischen Hockeys: Grösse, Gewicht, Härte, Provokationen gegen die gegnerischen Leitwölfe. Und die schlaue, urtümliche Taktik des geheiligten Icings: Anspiele gewinnen, den Puck wegschlagen, Icing, wieder am Bully anstehen, den Rhythmus stören und verhindern, dass ein spielerisch mindestens ebenbürtiger Gegner nie richtig ins Rollen kommt.
So wird am späten Sonntagnachmittag Olten im Kleinholz niedergerungen. In einer Partie, die an Intensität alles übertrifft, was in der National League während der Qualifikation gespielt worden ist.
Begünstigt wird Chris McSorleys taktischer Jurassic Park von Schiedsrichtern, die so ziemlich alle Grobheiten durchgehen lassen – was den Unterhaltungswert erhöht. So wird ein spielerisch eigentlich besseres, flinkeres Olten langsam entmutigt, dann frustriert und schliesslich vom Eis gearbeitet. Der erste Sturm mit Topskorer Jayce Hawryluk, dem zweiten Kanadier Guillaume Asselin und Simon Sterchi, dem Sohn des Radio- und TV-Reporters Christoph Sterchi, ist nur ein laues Lüftchen, wird vollständig neutralisiert. Am Ende sind Teile des Trios mitschuldig an Gegentoren. In der 29. Minute fällt Simon Sterchi verletzt aus.
Der HC Sierre von 2026 ist eine Kopie von Servettes Aufstiegsmannschaft aus dem Jahr 2002. Auf eine ähnliche Art und Weise rumpelte Chris McSorley damals mit Genf in der Ligaqualifikation gegen Chur in die höchste Liga. Und legte dort ein solides Fundament, das bis heute trägt: Servette ist nach der Promotion nie mehr in Abstiegsgefahr geraten und Chris McSorleys Erben haben 2023 die Meisterschaft und 2024 die Champions League gewonnen.
Nur etwas ist heute anders als damals in Genf: Chris McSorley weiss inzwischen, dass sein Rumpelhockey nur funktioniert, wenn die Schiedsrichter nicht gegen ihn arbeiten. Deshalb vermeidet er sorgsam jeden offenen Konflikt mit den Unparteiischen. Er knallt keine Bandentürchen mehr zu, poltert nicht mehr öffentlich und spricht fast mit Engelszungen über die Schiedsrichter. Nicht weil er altersmilde, sondern weil er klüger geworden ist und begriffen hat, dass in diesem Geschäft die Früchte des Zornes giftig sind.
Was die Hinterbänkler in der National League zutiefst beunruhigen sollte: Seit Chris McSorley (63) in dieser Saison das Coaching von Sierre übernommen hat und wieder täglich in der Kabine, auf dem Eis und an der Bande steht, wirkt er 15 Jahre jünger. Der Kanadier füllt mit seiner Präsenz die Trainerkabine im Kleinholz. Das ist kein Mann auf dem Weg in die Rente. Sondern einer auf einer Mission. Voller Energie und Leidenschaft.
Sierre darf diese Saison noch nicht aufsteigen. Aber bereits im nächsten Frühjahr – 2027 – wäre eine Aufstiegsbewilligung theoretisch möglich. Chris McSorley ist überzeugt, dass die von der Liga geforderten baulichen Anpassungen im alten Graben-Tempel umgesetzt und die dafür erforderlichen zwei Millionen investiert werden. Obwohl die ganze Anlage 2030 vom Erdboden verschwinden wird. Das neue Stadion, so seine Prognose, werde im Herbst 2030 bereitstehen.
Der Optimismus des Kanadiers wirkt ansteckend. Aber in diesem Fall ist er wohl zu optimistisch. Die Liga wird die Aufstiegsbewilligung nicht erteilen, wenn die geforderten Umbauten nicht tatsächlich ausgeführt sind. Für einmal fletscht der sonst zahnlose Papiertiger der Lizenzkommission mit den Zähnen.
Bei aller Begeisterung für eine Rückkehr auf die höchste nationale Bühne bleibt eine Frage: Millionen in ein altes Stadion investieren, das in ein paar Jahren abgebrochen wird? Vous êtes sérieux? Vous avez perdu la tête?
Hier unterschätzt Chris McSorley den gesunden Geschäftssinn der Walliser. Ajoie darf deshalb mit einer Schonfrist bis mindestens ins Frühjahr 2031 rechnen. Bis Sierre im neuen Stadion zur Liga-Qualifikation antreten kann. Der charismatische Kanadier will sportlich so oder so Vollgas geben. «Weil bei einem solchen Projekt der sportliche Erfolg die beste Werbung ist. Wir streben den Aufstieg bereits im Frühjahr 2028 an.» Um die Hockeybegeisterung in der Stadt früh zu entfachen und die Herzen und Portemonnaies zu öffnen.
Das bedeutet: Chris McSorley baut ein Spitzenteam auf, das vermutlich schon nächste Saison die Swiss League nach Belieben dominieren wird. Das hat sich herumgesprochen: Kein Wunder, hat in Olten auch der berühmte Spielerhändler Gaëtan Voisard Chris McSorley die Aufwartung gemacht. Will La Chaux-de-Fonds aufsteigen, dann jetzt, im Frühjahr 2026. Bevor sich das Zeitfenster schliesst. Noch ist es möglich, Sierre zu bodigen. Schon nächste Saison könnte das deutlich schwieriger werden.
Im Idealfall für Ajoie – oder die anderen NL-Hinterbänkler – bekommt Sierre die Aufstiegsbewilligung tatsächlich erst mit dem neuen Stadion. Bis dahin dominiert der Klub die Swiss League, blockiert aufstiegswillige Teams wie La Chaux-de-Fonds und verhindert damit jede Liga-Qualifikation.
Das Überbauungsprojekt in Sierre mit einer neuen Arena für rund 80 Millionen (davon 55 Millionen von privaten Investoren) ist bereits von allen politischen Instanzen und vom Stimmvolk abgesegnet worden. Weitere Abstimmungen sind nicht mehr erforderlich. Inzwischen hat bereits der lange Marsch durch das Bewilligungsverfahren begonnen. Dieser Marsch könnte länger dauern, als Chris McSorley ahnt, und die neue Arena wird womöglich erst in sieben oder acht Jahren bereit sein – und ohne neue Arena keine Aufstiegsbewilligung.
Ajoie und die übrigen NL-Hinterbänkler – in erster Linie Ambri und Kloten – dürfen also auf eine lange Schonfrist hoffen. Sie sollten eigentlich gemeinsam die Kosten für sämtliche Einspracheverfahren gegen das neue Stadion-Projekt übernehmen und die hochkarätigsten Baurechts-Anwälte bezahlen und zur Verfügung stellen. Um so auf dem administrativen Weg den Bau der neuen Arena so lange wie möglich zu verhindern, vielleicht bis ins Jahr 2034, 2035. Oder noch länger. Damit Sierre Jahr für Jahr die Swiss League dominiert, obwohl es noch nicht aufsteigen darf und allen aufstiegsberechtigten Klubs im Wege steht.
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Am Ende entscheidet beim «Projekt Sierre» nicht das Baurecht, nicht die Politik und nicht die Liga – sondern etwas viel Unberechenbareres: die Geduld der Investoren. Und Geduld ist im Sportbusiness selten eine Tugend, sondern meist nur eine Frage der Zeit – bis sie ausgeht.
