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Die Enttäuschung steht den ZSC Lions ins Gesicht geschrieben.
Die Enttäuschung steht den ZSC Lions ins Gesicht geschrieben.Bild: keystone
Eismeister Zaugg

Die bitterste ZSC-Niederlage unter Trainer Rikard Grönborg

Ein grosses Zug besiegt die starken ZSC Lions zum zweiten Mal hintereinander 4:1. Fortsetzung am Freitag im Hallenstadion. Werden die ZSC Lions dem Titel noch einmal so nahe kommen wie in diesem fünften Finalspiel?
28.04.2022, 06:3628.04.2022, 13:20

Der letzte Akt dieses Dramas wird im vierten Drittel aufgeführt. Unten im Kabinengang der Arena. Sage mir, wie die beiden Trainer nach dem Spiel auftreten und ich sage dir, wie es um die Verfassung ihrer Mannschaft steht.

Zugs Dan Tangnes hat in diesem Final die Ruhe und Souveränität nie verloren. Nicht nach der ersten, nicht nach der zweiten und nicht nach der dritten Niederlage. Er hat stets ruhig und sachlich erklärt, warum etwas so und etwas anders ist. Er hat nie nach einer Ausrede gesucht und keine einzige «Küchenpsychologie-Floskel» bemüht. Wie ein roter Faden hat sich eine ruhige Zuversicht durch sein Auftreten gezogen. Er hat auch nach drei Niederlagen noch das Licht am Ende des Tunnels gesehen.

Nun hat Zug zum zweiten Mal die ZSC-Meisterfeier verhindert. Auf das 4:1 im Hallenstadion folgt zwei Tage später ein 4:1 auf eigenem Eis. Das Licht am Ende des Tunnels wird immer heller. Dan Tangnes verliert auch jetzt die Ruhe und Souveränität nicht. Er erklärt ruhig und sachlich, warum etwas so und etwas anders ist. Auch jetzt bemüht er keine einzige «Küchenpsychologie-Floskel». Wie ein roter Faden zieht sich eine ruhige Zuversicht durch sein Auftreten.

Ganz offensichtlich ist das Selbstvertrauen der Zuger auch durch drei Niederlagen nicht nachhaltig erschüttert worden. Die Überzeugung, gut genug zu sein, um eine Wende herbeiführen zu können, ist stärker als die Zweifel.

Die Tore des Spiels.Video: YouTube/MySports

Nach dem 4:1 in Zug interessieren sich die Chronistinnen und Chronisten in erster Linie für ZSC-Trainer Rikard Grönborg. Das Interesse für den Verlierer hat nichts mit Bosheit zu tun. Sondern mit einem heraufziehenden Drama: Wie reagiert der grosse schwedische Bandengeneral auf diese bittere Niederlage? Noch nie hat in unserer Playoff-Geschichte (seit 1986) eine Mannschaft im Final einen 3:0-Vorsprung verspielt. Nun steht es nur noch 3:2.

Aber Rikard Grönborg hat nichts zu sagen. Er will nichts sagen. Er verlässt die Bühne durch den Hinterausgang und verzieht sich in den Mannschaftsbus. Es ist das erste Mal in diesen Playoffs, dass der charismatische Schwede keine Erklärungen abgibt. Der grosse Ernest Hemingway hat einmal gesagt, ein Mann brauche zwei Jahre, um sprechen zu lernen, und fünfzig, um schweigen zu lernen. Nun dürfen wir sagen: Ein schwedischer Hockeytrainer braucht nur zwei Finalniederlagen, um schweigen zu lernen.

Da wir den Trainer nach dem Spiel nicht gesehen und gehört haben, wissen wir nicht so recht, wie es um die Verfassung der ZSC Lions steht. Rikard Grönborgs Rückzug ist allerdings verständlich. Die ZSC Lions haben mit ihm schon einige bittere Niederlagen kassiert. Aber dieses 1:4 ist die bisher bitterste. Das klare Resultat täuscht nämlich darüber hinweg, dass die Zürcher dem Sieg und dem Titel bis ins Schlussdrittel hinein sehr nahegekommen sind.

Ja, die ZSC Lions hatten eine Hand schon am Meisterpokal. Es gibt einen «Werktags-ZSC». Das ist der ZSC, der das Eishockey «arbeitet». Die Zürcher sind dann zähe, leidenschaftliche, mutige Kämpfer. Keine Künstler.

Es gibt aber auch den «Sonntags-ZSC». Das ist der ZSC, der das Eishockey spielt, zelebriert. Die Zürcher sind dann Künstler. Kreativ, unberechenbar und elegant. Keine Arbeiter.

Rikard Grönborg schweigt nach der zweiten Niederlage gegen Zug.
Rikard Grönborg schweigt nach der zweiten Niederlage gegen Zug.Bild: keystone

Und es gibt Tage, an denen wir den «Sonntag-ZSC» und den «Werktags-ZSC» im gleichen Spiel sehen. Das ist dann der «Festtags-ZSC». Diese Tage sind sehr, sehr selten. Sie kommen lediglich alle paar Jahre vor. Es sind die Tage, an denen der ZSC auswärts Meister wird. Wie 2001 in Lugano in der Verlängerung des 7. Spiels. Oder wie 2012 in Bern und 2018 in Lugano ebenfalls im 7. Spiel. Jetzt ist es zwar erst die Finalpartie Nummer 5. Aber sie hat die Dramatik und Intensität eines 7. Spiels.

In diesem 5. Final sehen wir endlich wieder einmal den «Werktags-ZCS» und den «Sonntags-ZSC» im gleichen Spiel. Es kann ein grosser Tag fürs Geschichtsbuch werden. Ein meisterlicher Triumph auf dem Eis des Gegners bahnt sich an. Der «Werktags-ZSC» übersteht beim Stande von 0:0 einen Fünfminuten-Ausschluss von Marco Pedretti. Zum Drama gehört, dass es ein unglücklicher Zusammenstoss zwischen dem rauen ZSC-Stürmer und Zugs Reto Suri war. Kein Foul. Ein Unfall.

Aber der Zusammenprall ist so wuchtig, dass sich Reto Suri am Knie so schwer verletzt, dass er das Spiel nicht mehr fortsetzen kann und ins Spital überführt werden muss. Den guten Schiedsrichtern bleibt angesichts der gravierenden Folgen dieses Unfalles gar nichts anderes als der Restausschluss. In Echtzeit ist es unmöglich zu erkennen, ob es Foul war oder nicht. Und im Laufe dieses Fünfminuten-Powerplays kommt noch ein Zweiminuten-Ausschluss obendrauf. Der «Werkstags-ZSC» übersteht diesen heiklen Moment. Kämpfend, taumelnd und mit letzter Anstrengung.

Reto Suri verletzt sich bei einem Zusammenprall mit Marco Pedretti.
Reto Suri verletzt sich bei einem Zusammenprall mit Marco Pedretti.Bild: keystone

Und dann, fast bei «Halbzeit» (31. Minute) der Sonntags-Moment: Denis Malgin, zurzeit wohl der spektakulärste Einzelspieler der Liga, tanzt und erwischt Leonardo Genoni zum 1:0. In diesem Augenblick öffnet sich die meisterliche Himmelstüre für die Zürcher. Denn jetzt haben sie alle erdenklichen Vorteile auf ihrer Seite. Noch dauert es fast ein halbes Spiel. Im Eishockey auch eine halbe Ewigkeit.

Und doch ist der 4. Sieg in diesem Final, der Meistertitel schon fast – aber eben nur fast – zum Greifen nahe. Wer fünf Minuten mit einem Mann weniger (und davon sogar zwei Minuten mit zwei Mann weniger) diesem grossen EV Zug widerstanden hat, der müsste es doch schaffen, den Vorsprung über die Zeit zu retten. Oder?

Gegen jeden anderen Gegner als diesen EV Zug hätte sich das Tor zum meisterlichen Himmel tatsächlich nicht mehr geschlossen. Ja, die Frage ist durchaus berechtigt, ob die ZSC Lions dem Titel noch einmal so nahe kommen werden wie in der Phase nach dem Führungstreffer.

Aber über dem 1:0 lastet auch ein seltsamer Fluch. In diesem Final hat in allen vorherigen vier Partien die Mannschaft das Spiel verloren, die das 1:0 erzielt hat. Und tatsächlich: Die Zuger kehren noch vor der zweiten Pause zurück und gleichen durch Dario Simion aus (38.). Sie werden in den letzten neun Minuten die Entscheidung erzwingen. 6:0 haben die ZSC Lions die letzten Drittel der drei ersten Partien gewonnen. 5:0 gewinnen die Zuger die letzten Drittel der vierten und fünften Partie. Dan Tangnes sagt, nun komme ab Spiel sechs der Erholung entscheidende Bedeutung zu. Vielleicht entscheidet doch die Rundumbetreuung im Athletikzentrum «OYM» den Final für den Titelverteidiger.

Die Frage ist, warum die Zuger so lange gebraucht haben, um Jakub Kovar und seine ZSC Lions endlich zu überwinden. Die Erklärung ist recht einfach. Wir müssen wieder etwas weit ausholen: Wir haben gelernt, dass der schmale, steinige Weg ins Glück führt. Und nicht die breite, bequeme Autobahn.

Das Eis ist für die Zuger zu breit. Sie haben zu viel Raum, um ihre spielerische Herrlichkeit auszubreiten. Es ist ein stürmisches Drehen und Wenden. Aber eben zu oft vom Tor weg nach aussen. Statt nach innen, direkt auf Jakub Kovar. Mannschaften mit viel Talent und gut eingespielten Automatismen neigen oft dazu, ihr Spiel in der gegnerischen Zone auszufächern statt zu verengen.

Das ist mit ein Grund, warum die Zuger in diesen Playoffs das statistisch schwächste Powerplay haben. Obwohl sie eigentlich das Talent für das beste Überzahlspiel hätten. Aber auch die ZSC Lions – sie kommen erst im Schlussdrittel zu zwei Powerplays – werden ihre Chancen im Überzahlspiel nicht nützen. Sie hatten bei dieser Gelegenheit das vielleicht titelbringende 2:1 auf dem Stock (Pfostenschuss von Justin Sigrist in der 45. Minute). Und sie kassieren ausgerechnet im zweiten Powerplay das 1:2.

Dan Tangnes sagt, seine Mannschaft habe alles, um solche Spiele zu gewinnen. «Unser Powerplay hat nicht funktioniert. Dafür unser Boxplay.» Wo er recht hat, da hat er recht. In Unterzahl haben die Zuger das 2:1 durch Dario Simion erzielt. Es ist der Siegestreffer.

Dario Simion hat also dieses Drama entschieden. Auf einmal ist er die dominierende Figur der Zuger. Kein furchteinflössender Powerstürmer. Mehr ein freundlicher, sanfter Titan (189 cm/88 kg), der fast nie auf der Strafbank sitzt (22 Strafminuten in den letzten 110 Partien) und seine ganze Kraft bei der Schussabgabe zu entfalten scheint. Ein Treffer beim 4:1 im Hallenstadion. Jetzt zwei Tage später drei beim 4:1 auf eigenem Eis. Zum 1:1, zum 2:1 und zum 3:1.

Eine kleine Umstellung hat vielleicht geholfen: In den letzten beiden Partien stürmt nicht mehr Grégory Hofmann neben Dario Simion und Jan Kovar. Sondern Fabrice Herzog. Die Wirkung einer Umstellung sieht Dan Tangnes eher im psychologischen Bereich: «Umstellungen führen dazu, dass sich die Spieler mehr mit dem kommenden Spiel beschäftigen.» Das hilft, wenn die drei ersten Partien verloren worden sind.

Dario Simion schiesst Zug im fünften Finalspiel zum Sieg.
Dario Simion schiesst Zug im fünften Finalspiel zum Sieg.Bild: keystone

Für Dario Simions Künstlernamen «Pronto» ist sein Trainer verantwortlich. Dan Tangnes erzählt: «Jedes Mal, wenn ich ihn angerufen habe, sagte er «Pronto». Ich wusste nicht, was das bedeutet.» Und so kommt es, dass der Tessiner Dario Simion nun seit bald vier Jahren in Zugs Kabine «Pronto» gerufen wird. Was durchaus passt. «Pronto» heisst wörtlich übersetzt: «Bereit». Er war bei diesem 4:1 ja wahrlich bereit.

Was Sven Andrighetto und Denis Malgin in den ersten drei Partien für die ZSC Lions, das sind nun Jan Kovar und Dario Simion in den letzten zwei für Zug. Jan Kovar hat im Final gegen seinen Bruder im ZSC-Kasten noch kein Tor erzielt. Das 4:1 vom Mittwoch ist ein Treffer ins leere Tor. Dafür hat er im Final schon fünfmal für seine Mitspieler aufgelegt. Der smarte Spielmacher hat im Final die meisten Assists gebucht (5).

Und nun am Freitag Spiel 6 im Hallenstadion. Es ist in jedem Fall das letzte Eishockeyspiel in der Geschichte des Hallenstadions. Das Erste ist am 18. November 1950 gegen Arosa ausgetragen worden.

Der letzte Auftritt im Hallenstadion wird entweder mit einem weiteren Drama für die ZSC Lions oder mit einer Meisterfeier enden. Dramatik. So wie sich das die Geister des Hallenstadions wünschen. Sie waren schon oft boshaft. Aber vielleicht sind sie ja zum Abschied versöhnlich gestimmt.

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24 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Bannhölzler
28.04.2022 09:05registriert November 2014
Ich hoffe auf ein Spiel 7 am Sonntag. Nicht nur als Zuger, sondern einfach als Eishockey. Diese Serie macht Spass mit diesen tollen beiden Teams auf Augenhöhe!! Einfach nur geil sowas! Jetzt bitte noch das ganze grosse Drama :)

Zug muss aber dringend zwei Probleme in den Griff kriegen: Dieses viel zu langsame, zögerliche Powerplay-Spiel.

Und Malgin. Was dieser Mann da jeweils durch unsere Abwehr tanzt, da krieg ich jedes Mal schweissige Hände :D

Btw: Hat Genoni nun eigentlich schon entschieden, Meister zu werden? Frage für einen Freund...
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maylander
28.04.2022 07:48registriert September 2018
Die Zuger haben endlich ein Rezept gegen Jakub Kovar gefunden. Deshalb wurden die Linien umgestellt und es funktioniert.
Mal sehen wie der ZSC darauf reagiert.
Es wird ein letztes heisses Spiel im Hallenstadion. Ich tippe auf eine Verlängerung.
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arni99
28.04.2022 07:31registriert Juli 2016
Das ist wieder ein genialer Bericht von KZ, und genau solche Berichte waren der Grund das ich schon als 12 jähriger den Sport abonniert hatte.
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