Joel Wicki: Vom Bergbauer zum König – und zurück
Wer dem Innerschweizer Teilverband angehört, muss sein eigenes Ding durchziehen. Ein Zusammenhalt beim Eidgenössischen Fest wie bei den Bernern oder den Nordostschweizern ist bei den vielen unterschiedlichen Mentalitäten zwischen Luzernern und Urnern oder Zugern und Obwaldner nicht möglich. Deshalb gibt es nur einen einzigen echten König aus der Innerschweiz: Joel Wicki. Juristisch gehört auch Harry Knüsel, der König von 1986 zum grössten Teilverband. Aber er wohnte im Kanton Aargau.
Joel Wicki hat neben seiner Arbeit als Bergbauer geschwungen. Manche Konkurrenten mit königlichen Ambitionen haben zeitweise neben dem Schwingen noch gearbeitet. Er hat aus seinem Talent durch zielstrebige Arbeit ein Maximum herausgeholt. Von der Postur her (182 cm) war er der kleinste unter den «Bösen» (im Schwingen sind die Guten die «Bösen») und zu kompromissloser Offensive verurteilt.
Eine bis ins Detail ausgefeilte, vielseitige Technik, verbunden mit Explosivität, Zähigkeit und Schlauheit sind für diesen spektakulären Stil unerlässlich. Beim Eidgenössischen 2019 in Zug benötigte er am ersten Tag für vier gewonnene Gänge lediglich 90 Sekunden. Im Schlussgang scheiterte er an Christian Stucki, dem Titanen der Berner. 16 Zentimeter grösser, 35 Kilo schwerer.
Rückschläge haben Joel Wicki auch dank seiner tiefen Verwurzelung in der ewigen Entlebucher Erde nie aus dem Konzept gebracht. Drei Jahre später wird er 2022 in Pratteln doch noch König. Den Schlussgang entscheidet er nicht mit einer Blitzoffensive. Er gewinnt gegen Matthias Aeschbacher, einen Titanen aus dem Emmental, nach 13-minütigem Abnützungskampf. Die Technik kombiniert er mit der konditionellen Verfassung eines Spitzenathleten.
Das Leben ändert sich für einen «Bösen», wenn er König wird. Zu wunderbar passt er zur historischen Romantik des helvetischen Bergvolkes. Er gehört fortan zu den bekanntesten Zeitgenossen und er kann seine Berühmtheit zu Markte tragen.
Doch zu diesem modernen Sägemehl-Adel hat der brave, strebsame Bergbauer aus dem Entlebuch nie gehört. Seine Bescheidenheit, seine Abneigung gegen jede Art der «Cüpli-Kultur» und seine Verbundenheit mit der Landwirtschaft sind echt. Als ob er sich dem Ruhm und Rummel entfliehen wolle und sich unter Kälbern und Kühe oben auf dem Berg wohler fühle. Das verleiht ihm nicht royales Charisma, macht ihn aber umso sympathischer. Ganz im Sinne der konservativen Gralshüter des schwingerischen Brauchtums.
Joel Wicki gewann 76 Kränze. Er ist erst 28. Im besten Schwingeralter und er hätte weitere vier oder fünf Jahre zu den «Bösesten» im Lande gehört und zum exklusiven Kreis der kräftigen Kerle aufrücken können, die 100 und mehr Kränze gewonnen haben. Und die Fortsetzung seiner schwingerischen Tätigkeit wäre mit gutem Werbegeld honoriert worden.
Nun tritt er fast ein wenig so überraschend zurück wie einst Niki Lauda 1979 beim GP von Montréal. Die österreichische Ikone der Formel 1 stieg nach dem Training aus, flog nach Hause und erklärte, er habe keine Lust mehr im Kreis herumzufahren. Er war mit 30 im besten Rennfahreralter. Joel Wicki ging am Sonntag nach Leutschenbach und erklärte im TV-Studio überraschend, er beende seine Karriere und kehrte nach Hause zurück.
Wie Niki Lauda, der damals schon zweimal Weltmeister war, hat auch Joel Wicki alles erreicht. Er musste schon von seiner Postur her immer ans Limit gehen und zahlte dafür mit zahlreichen Blessuren seinen Preis. Nun hört er auf seinen Körper, dem er im Training und im Wettkampf noch mehr abverlangen musste als seine grösseren, schwereren und kräftigeren Gegner.
Er steigt aus den Zwilchhosen und konzentriert sich auf seinen Landwirtschaftsbetrieb und sein Baggerunternehmen im entlebuchischen Sörenberg. Er bewirtschaftet einen Hof mit 54 Hektaren. Doppelt so gross wie die durchschnittliche helvetische Betriebsgrösse. Er zieht sein Ding durch, auf und neben dem Sägemehl. Wie es seine Art ist. Geradlinig, ehrlich, konsequent. Einer wie Joel Wicki verbiegt sich nicht.
Niki Lauda ist später noch einmal in die Formel 1 zurückgekehrt und wieder im Kreis herumgefahren. Ein Comeback von Joel Wicki im Sägemehl können wir hingegen zu hundert Prozent ausschliessen. Aber wie Niki Lauda der Formel 1 später in allerlei Rollen stets verbunden geblieben ist, so werden wir auch Joel Wicki auch künftig auf den Schwingplätzen antreffen.
Ihren König (wer im Schwingen einmal König war, führt diesen Ehrentitel für immer, es gibt keinen Ex-König) können die Innerschweizer nicht ersetzen. Wir kehren zurück zur wahren eidgenössischen Ordnung: Viele Kränze für die Innerschweizer, die Königstitel aber für die Nordostschweizer und die Berner.
