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Eismeister Zaugg: «Wembley-Tor» von Zürich bringt ZSC Sieg gegen Biel

Zuerichs Yannick Zehnder, Mitte, jubelt nach seinem 3:2 Tor im dritten Playoff Eishockeyspiel der National League zwischen den ZSC Lions und dem EHC Biel, am Mittwoch, 20. Maerz 2024, in der Swiss Lif ...
Yannick Zehnder (Mitte) trifft für die Lions. Die Rechtmässigkeit seines Treffers ist umstritten.Bild: keystone
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Im Zweifelsfall für ZSC Lions – das «Wembley-Tor» von Zürich

Die tapferen Bieler verlieren in Zürich durch ein Tor in der 88. Minute 2:3 und liegen nun im Viertelfinal gegen die ZSC Lions fast hoffnungslos 0:3 zurück. Aber wir werden mit ziemlicher Sicherheit noch in hundert Jahren nicht wissen, ob der Siegestreffer der Zürcher regulär war. Wie beim «Wembley-Tor».
21.03.2024, 06:3221.03.2024, 17:36
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Für einmal können wir unsere Analyse auf ein einziges Tor beschränken. Der Zorn von Biels Trainer Martin Steinegger richtet sich gegen die Schiedsrichter. Im letzten Augenblick kann er sich beherrschen und schmeisst die Trinkflasche, die er schon ergriffen hatte, nicht aufs Eis. Er hatte die Nachprüfung des dritten Treffers der Zürcher verlangt («Coaches Challenge»). Aber die Schiedsrichter bestätigen das 3:2 für die ZSC Lions. Das zehntlängste Spiel unserer Playoff-Geschichte ist zu Ende.

Biels Cheftrainer Martin Steinegger im Eishockey Meisterschaftsspiel der National League zwischen dem EHC Biel und HC Davos, am Donnerstag, 29. Februar 2024, in der Tissot Arena in Biel. (KEYSTONE/Pet ...
Machte beinahe den Wohlwend: Biels Trainer Martin Steinegger konnte sich selbst gerade noch so vom Flaschenwurf abhalten.Bild: keystone

Martin Steineggers Erregung ist verständlich. Die Bieler haben ein Tor kassiert, das an Dramatik und Fragwürdigkeit nicht zu überbieten ist. Wie das berühmte «Wembley-Tor». Der Basler Gottfried Dienst hatte einst beim Final der Fussball-WM am 30. Juli 1966 das Tor der Engländer zum 3:2 in der Verlängerung (101. Minute) gegen Deutschland nach Konsultation von Linienrichter Tofiq Bachmarow gegeben.

Bis heute ist nicht einwandfrei geklärt, ob der von der Latte herunterspringende Ball wirklich hinter der Linie war. Ingenieure und Ingenieurinnen und Bildtechniker und Bildtechnikerinnen sowie sonstige Forschende haben sich mit diesem Tor befasst und es gibt sogar Bücher darüber («Drin oder Linie?»). Aber es gibt keine Gewissheit. England gewann am Ende im Wembley 4:2 und wurde zum bisher einzigen Mal Weltmeister. Die «Süddeutsche Zeitung» forderte unter dem Eindruck dieses Tores am 1. August 1966 im Fussball «Torrichter wie im Eishockey». Inzwischen gibt es im Eishockey keine Torrichter mehr.

FILE - A shot from England's Geoff Hurst, not in photo, bounces down from the West Germany crossbar during the World Cup final at London's Wembley Stadium on July 30, 1966. The linesman gave ...
Englische Fussballgeschichte: Das Wembley-Goal bescherte den Engländern den bisher einzigen WM-Titel der Geschichte.Bild: keystone

Am Mittwochabend geht es in Zürich noch nicht um den Titel. Es ist das dritte Viertelfinalspiel. Aber das 3:2 beendet das Spiel – beim WM-Final ging die Partie bis zur 120. Minute weiter und theoretisch hätten die Deutschen noch ausgleichen können. Biel liegt nun im Viertelfinal schier hoffnungslos 0:3 zurück.

Schicksalsschwer ist also dieses wohl umstrittenste Tor, das es bei uns je in einer Playoff-Verlängerung gegeben hat, halt schon. Was steht im offiziellen Regelbuch? Die Regel 80.3 sagt, dass ein Tor aberkannt wird, «wenn der Puck nach einem Kontakt mit dem Stock eines angreifenden Spielers, der sich über der Höhe der Querlatte befindet, ins Tor gelangt. Entscheidender Faktor ist, wo der Puck mit dem Stock in Berührung kommt».

Die Schiedsrichter haben das Tor auf dem Eis gegeben. Das bedeutet: Sie dürfen den Treffer nur annullieren, wenn sie bei der Nachprüfung auf den laufenden Bildern den Gegenbeweis sehen. Wenn also klar und zweifelsfrei zu erkennen ist, dass der Stock von Yannick Zehnder in den Sekundenbruchteilen der Berührung mit dem Puck höher war als die Querlatte des Bieler Tors. Gibt es nur die leisesten Zweifel, dann müssen sie den Treffer anerkennen. Nach dem Grundsatz: im Zweifel für den Angeklagten (der in diesem Falle der Torschütze ist). Oder etwas polemischer: im Zweifelsfalle für die ZSC Lions.

Die beiden Schiedsrichter Stefan Fonselius und Lukas Kohlmüller haben – anders als damals Gottfried Dienst im Wembley – alle technischen Hilfsmittel zur Verfügung. Sie müssen nicht ihre Linienrichter fragen. Sie können die laufenden Bilder vor- und zurückgespult, angehalten und verlangsamt betrachten. Es gibt sogar Bilder aus verschiedenen Winkeln.

Aber es gibt keine Gewissheit.

Wo berührt Zehnder den Puck? Auf den TV-Bildern lässt sich das nicht zweifelsfrei auflösen.
Wo berührt Zehnder den Puck? Auf den TV-Bildern lässt sich das nicht zweifelsfrei auflösen.Bild: screenshot mysports

Das Problem: Yannick Zehnder steht ja nicht unmittelbar neben dem Tor. Er lenkt den von Patrick Geering geschossenen Puck im Vorbeifahren mit etwas Abstand vom Gehäuse und der Querlatte zum 3:2 ins Bieler Netz ab. Es ist völlig unmöglich, zweifelsfrei zu erkennen, ob er seinen Stock zum Zeitpunkt der Puckberührung tiefer, gleich hoch oder höher als die Querlatte hält.

Wir werden mit ziemlicher Sicherheit noch in hundert Jahren keine absolute Gewissheit haben, ob sein Stock zu hoch war oder eben nicht, ob dieses 3:2 regulär war oder nicht. Gefühlt war Yannick Zehnders Stock zu hoch. Aber eben: nur gefühlt.

Biels Yanik Burren, links, kaempft um den Puck gegen Zuerichs Reto Schaeppi, rechts, im dritten Playoff Eishockeyspiel der National League zwischen den ZSC Lions und dem EHC Biel, am Mittwoch, 20. Mae ...
Biels Burren gegen ZSC-Schäppi: Die Partie am Mittwochabend war hart umkämpft. Bild: keystone

Nur gefühlt heisst nicht ganz sicher. Nicht ganz sicher heisst in diesem Fall: Der Treffer zum 3:2 ist gültig. Im Zweifelsfall für die ZSC Lions. Letztlich ein Tatsachenentscheid wie das 3:2 der Engländer. Die Schiedsrichter haben keinen Fehler gemacht, sie haben sich ans Regelbuch gehalten, sie sind frei von Schuld. Ein schwacher Trost für die Bieler.

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quelle: keystone / ennio leanza
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95 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Eeyore
21.03.2024 05:43registriert Februar 2020
Gefühlt war er nicht zu hoch ausser bei Herrn Zaugg. Schiris auf dem Eis - nicht zu hoch, Schiris neben dem Eis- nicht zu hoch. Bei der Diskussion der Schiris neben dem Eis kam nicht ein Mal der Zweifel auf. Moderator - nicht zu hoch, normale TV Zuschauer- nicht zu hoch aber Kanton Bern Lover… gefühlt zu hoch.
Biel hat sehr gut gespielt aber es verpasst, die Führungen zu halten oder zumindest das Spiel früher zu entscheiden.
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eldo
21.03.2024 06:16registriert März 2014
Wäre dieses Tor mit dem (vielleicht) zu hohen Stock in der 30. Minute erzielt worden, würde kein Mensch darüber diskutieren.
In der Verlängerung das Spiel auf diese Art und Weise zu verlieren ist brutal, insbesondere weil es das vorentscheidende 3:0 in der Serie ist.
Aber seit 2 Jahren wissen wir, dass die ZSC Lions selbst mit einer 3:0 Führung das Ding noch vergeigen können :-))))
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Paedu87
21.03.2024 06:44registriert Juni 2017
Wie viele solcher Tore wurden während der Saison annuliert?
Schlussendlich hätte Biel ein zweites Tor schiessen müssen und dafür gab es zuvor genug Möglichkeiten...
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Später Siegtreffer für Portugal – Ronaldo und Co. entgehen Enttäuschung gegen Tschechien
Lange tat sich Portugal gegen die wenig am Mitspielen interessierten Tschechen schwer, dann lagen sie gar zurück. Dank des Siegtreffers in der Nachspielzeit setzten sich Cristiano Ronaldo und Co. am Ende aber knapp durch.

Und dann ist er noch einmal drin – und dieses Mal zählt der Führungstreffer auch. Wenige Minuten nachdem vermeintlichen 2:1, das aufgrund einer Abseitsstellung von Cristiano Ronaldo, dessen Kopfball vom Pfosten vor die Füsse von Diogo Jota geprallt war, sorgte der eingewechselte Francisco Conceição in der 92. Minute doch noch für den wichtigen Auftaktsieg gegen Tschechien. Dem Treffer war eine missratene Abwehraktion von Robin Hranac zuvor gegangen.

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