Sven Andrighetto 2026 wie Paul DiPietro 2006? Warum nicht?
Die Schweizer aus der National League sind am Donnerstag mit dem Bus aus Zürich kommend in Mailand eingetroffen. Am Freitagmittag das erste Eistraining. Auch Verteidiger Sven Jung und Stürmer Tyler Moy sind noch dabei. Sobald alle NHL-Titanen eingetroffen sind, reisen sie wieder in die Schweiz zurück. Sechs Spieler aus Übersee sind gestern am späteren Nachmittag im Olympischen Dorf eingetroffen: Nico Hischier, Timo Meier und Jonas Siegenthaler aus New Jersey, Pius Suter aus St. Louis, Philipp Kuraschev aus San José und Nino Niederreiter aus Winnipeg.
Sven Andrighetto von den ZSC Lions ist natürlich auch da und hat das erste Training hinter sich. Zurzeit mit «nur» 14 Toren zwar nicht der treffsicherste Schweizer der Liga. Aber alles in allem nach wie vor der coolste «Shooter» und an einem guten Abend der kaltblütigste, smarteste Vollstrecker und treffsicherste Schütze.
Eigentlich hockeytechnisch fast einer wie Paul DiPietro. Der Name weckt olympische Erinnerungen der besonderen Art. Es war vor 20 Jahren. Auch in Italien. Die Schweiz gehörte noch nicht zu den Titanen des Welthockeys und wartete seit 1953 auf die nächste Medaille bei einem Titelturnier.
Am 18. Februar 2006 steht die Hockey-Welt still. Die Schweiz besiegt beim Olympischen Turnier in Turin die kanadischen NHL-Profi 2:0. Paul DiPietro, eingebürgerter Kanadier, erzielt im Powerplay beide Treffer gegen NHL-Titan Martin Brodeur.
Sven Andrighetto erinnert sich. Er war damals zwölf und sagt, er habe das Spiel am Fernsehen gesehen und natürlich davon geträumt, auch einmal bei Olympischen Spielen dabei zu sein. Und nun ist er nach 2022 (Peking) bereits zum zweiten Mal ins Olympische Dorf eingerückt. Heimisch fühlt er sich bereits ein wenig: Wie seit Anbeginn der Zeiten teilt er das Zimmer mit Verteidiger-Haudegen Christian Marti. Sozusagen seinem Hockey-Sandkasten-Kumpel. «Wir teilen uns auch wenn wir etwa mit den ZSC Lions in der Champions League unterwegs sind, das Zimmer.»
Am 13. Februar wird Sven Andrighetto gegen die Kanadier stürmen. In einer ähnlichen Rolle als «Shooter» wie damals Paul DiPietro. Nach 18 Toren bei WM-Turnieren ist es für ihn Zeit, den ersten Treffer auf Olympischem Eis zu erzielen. 2002 in Peking hat er nicht getroffen.
Seine Karriere ist zwar eine andere. Sven Andrighetto hat auch über 200 NHL-Partien bestritten. Aber nicht über 500 und auch keinen Stanley-Cup gewonnen. Paul DiPietro gehörte 1993 in Montréal zum letzten kanadischen Team, das den Stanley Cup geholt hat.
Aber mit 32 ist der ZSC-Stürmer ähnlich wie damals 2006 der 36-jährige Paul DiPietro beim «Wunder von Turin» auch ein Routinier.
Die Schweizer hatten damals nur drei NHL-Profis in ihren Reihen: Verteidiger Mark Streit (Montréal) und die beiden Goalies Martin Gerber (Carolina) und David Aebischer (Colorado). Das macht das 2:0 noch erstaunlicher. Paul DiPietro erinnert sich: «Unsere Stärke war, dass jeder seine Position hatte und genau wusste, was er zu tun hat.» Die Aufgabe, die ihm Nationaltrainer Ralph Krueger zugewiesen hatte, war der Abschluss im Powerplay. Eine ähnliche Rolle wird nun 20 Jahre später Sven Andrighetto einnehmen.
Ein Sieg gegen die Kanadier im Gruppenspiel wie damals 2006 wäre immer noch eine Überraschung. Aber keine Sensation mehr. Inzwischen sind die Schweizer vierfache WM-Finalisten und mit Sicherheit wird sich in Mailand etwas nicht wiederholen: Der «Schwedische Betrug». Der Modus wollte es 2006 so, dass Schweden im Falle eines Sieges im letzten Gruppenspiel im Viertelfinal gegen Kanada hätte spielen müssen. Also verloren sie absichtlich gegen die Slowakei (0:3) um gegen die Schweiz antreten zu können.
Ein offizielles Geständnis gab es zwar nie. Nationalcoach Bengt-Åke Gustafsson äusserte sich scheinheilig sinngemäss, man habe eben «langfristig geplant». Internationale Medien und Experten waren sich einig, dass die Schweden bewusst verloren hatten. Der Fall gilt als Paradebeispiel für «strategisches Verlieren» im Sport. Die Rechnung ist aufgegangen: Die Schweden fegten die Schweizer im Viertelfinal mit 6:2 vom Eis und wurden nach einem Finalsieg gegen Finnland Olympiasieger und im gleichen Jahr auch Weltmeister.
In Mailand wird es keinem Coach in den Sinn kommen, absichtlich zu verlieren, um die Schweizer als Gegner in den Achtel- oder Viertelfinals zu bekommen. Auch ein Zeichen für die immense Entwicklung unseres Hockeys seit 2006.
Paul DiPietro wird nicht nach Mailand reisen, aber die Spiele am Fernsehen verfolgen. Seine beiden Tore gegen die Kanadier habe er schon seit Jahren nicht mehr auf dem Video angeschaut. «Den grössten Verdienst an unserem Sieg hatte nicht ich, sondern Torhüter Martin Gerber. Ich habe in meiner ganzen Karriere nie einen besseren Goalie gesehen als Martin in dieser Partie.»
Die beiden Treffer beim «Wunder von Turin» hätten sein Leben nicht verändert. Verständlich: Wie denn auch für einen Spieler, der mit Montréal den Stanley Cup geholt hat. Diesen Triumph können selbst zwei Tore bei einem historischen Sieg nicht konkurrieren. Olympische Spiele seien ohnehin nie sein Traum gewesen. «Vor der ersten Teilnahme der NHL-Spieler 1998 in Nagano waren Olympische Spiele für meine Generation etwas für Studenten und Amateure, die nicht gut genug für einen Profivertrag in der NHL waren.»
Paul DiPietro blickt gelassen auf seine Rolle bei einem der grössten Siege unserer Hockeygeschichte zurück. Er hat zwischen 1998 und 2014 in der Schweiz (Ambri, Zug, Chur, Langnau, Lugano, Sierre, Olten plus ein Spiel in der höchsten Amateurliga in Seewen) nach seiner Zeit in der NHL eine schöne Karriere gemacht und lebt heute in Zug. Bei verschiedenen Teams hat er Mandate für Spezialtrainings. Wer kann denn im Schusstraining besser vormachen, wie man Tore erzielt, als einer, der Martin Brodeur, einen der besten der Geschichte, in einem Spiel gleich zweimal bezwungen hat?
Das ganze Programm von TV24, 3+ und oneplus findest du hier.
