Josh Holden, der neue Arno Del Curto
Die Farben sind die gleichen geblieben, das Blau und Gelb leuchten noch immer wie ein Versprechen aus einer anderen Zeit. Die sportliche DNA ist unverändert, die Spielphilosophie ohnehin. Beim HC Davos wirkt vieles so, als habe die Uhr irgendwann unter Arno Del Curto einfach aufgehört zu ticken. Und doch steht der Klub elf Jahre nach der sechsten und letzten Meisterschaft im Frühjahr 2015 mit Arno Del Curto und Reto von Arx wieder an der Schwelle zum ganz grossen Triumph: Ein Sieg fehlt noch zum 32. Titel. Der erste Versuch heute Abend in Fribourg, ein möglicher zweiter – sollte das Schicksal noch eine Schleife drehen – am Donnerstag in Davos.
In einer Ahnenreihe mit Del Curto und Wohlwend
An der Bande steht mit Josh Holden ein Mann, der sich in eine Ahnenreihe mit Arno Del Curto und Christian Wohlwend einfügt. Den modernen HCD hat Del Curto zwischen 1996 und 2018 geformt – mit Vision, Beharrlichkeit und einem untrüglichen Gespür für das, was in den Bergen funktioniert.
Meisterliches Talent muss aus dem Unterland zugekauft werden. Also braucht es auch wirtschaftliche Stabilität. Anfang April 2004 rettet eine Gruppe von 30 Investoren mit einer Einlage von je 100'000 Franken den Klub, der inzwischen bei elf Millionen Einnahmen zwei Millionen Verlust geschrieben hat. Heute sind es 37 Persönlichkeiten, die 95 Prozent der HCD-Stimmrechtsaktien halten. Bei einem Umsatz von 35 Millionen wird eine schwarze Null erwartet – und als eigentliche Rendite ein Titel, eine emotionale Dividende, die sich nicht in Zahlen fassen lässt.
Diese ökonomische Solidität ist das Fundament des sportlichen Erfolgs. Einst sprach ein prominenter Spieleragent mit einem Augenzwinkern von «Crazy money in the mountains». Damals musste Davos investieren, um zur Spitze aufzuschliessen. Heute ist das System gereift: Über 170 Junioren umfasst die Nachwuchsorganisation, und gezielte Verstärkungen können sich die Davoser leisten. Manager Marc Gianola ordnet den Klub budgetär im vorderen Mittelfeld ein, irgendwo zwischen Rang drei und sechs.
Die HCD-DNA
Und doch liegt die Stärke des HCD nicht allein in gut gefüllten Geldspeichern und talentierten Einzelspielern. Sie liegt in der Treue zu einem Stil, der über drei Jahrzehnte gewachsen ist. Unverwechselbar wie die Klubfarben. Ein Wort genügt: Powerhockey. Während in Zürich, Bern oder Zug mit Stilrichtungen experimentiert wird – mal skandinavisch kühl, mal nordamerikanisch rustikal –, bleibt Davos sich selbst treu. «Wir haben unsere Philosophie und wählen dazu den passenden Trainer», sagt Marc Gianola, der einst als Spieler und Captain und nun seit 2017 als Manager die HCD-DNA umsetzt.
Aktuelle
Note
7
Ein Führungsspieler, der eine Partie entscheiden kann und sein Team auf und neben dem Eis besser macht.
6-7
Ein Spieler mit so viel Talent, dass er an einem guten Abend eine Partie entscheiden kann und ein Leader ist.
5-6
Ein guter NL-Spieler: Oft talentierte Schillerfalter, manchmal auch seriöse Arbeiter, die viel aus ihrem Talent machen.
4-5
Ein Spieler für den 3. oder 4. Block, ein altgedienter Haudegen oder ein Frischling.
3-4
Die Zukunft noch vor sich oder die Zukunft bereits hinter sich.
Die Bewertung ist der Hockey-Notenschlüssel aus Nordamerika, der von 1 (Minimum) bis 7 (Maximum) geht. Es gibt keine Noten unter 3, denn wer in der höchsten Liga spielt, ist doch zumindest knapp genügend.
Punkte
Goals/Assists
Spiele
Strafminuten
-
Er ist
-
Er kann
-
Erwarte
Arno Del Curto kam 1996 nach Davos, weil der Schwede Mats Waltin zu teuer geworden war – eine Entscheidung aus der Not, die zur Identität werden sollte. Der Engadiner formte dieses Powerhockey zu einer klaren, fast radikalen Idee: Wer den Puck hat, spielt ihn so schnell und direkt wie möglich nach vorne. Punkt. Die Absicherung dahinter verlangt nach einem Goalie von Meisterformat. Seit dem Abgang von Leonardo Genoni im Sommer 2016 nach Bern fehlte dieser letzte Rückhalt. Nun scheint Sandro Aeschlimann bereit, seine Meisterprüfung abzulegen.
Für Marc Gianola ist dieser offensive Stil auch aus geographischen Gründen ohne Alternative. Mehr als 50 Kilometer und eine Autostunde trennen Davos vom nächsten urbanen Zentrum Chur. «Wir können die Leute nur mit Eishockey ins Stadion holen, das begeistert.» Und es wirkt: In den letzten zehn Jahren ist die Stadion-Auslastung um 20 Prozent auf über 85 Prozent gestiegen, gut 700 Zuschauer mehr strömen pro Spiel in die Arena.
Wagnis mit Zündstoff
Christian Wohlwend führte die Powerhockey-Kultur weiter, mit ebenso viel und manchmal noch mehr Temperament wie sein Vorgänger, was ihm letztlich zum Verhängnis geworden ist. Nun steht er in Olten an der Bande. Die Verpflichtung von Josh Holden im Sommer 2023 war ein Wagnis mit Zündstoff, fachlich zwar über jeden Zweifel erhaben. Er hatte sein Handwerk in Zug als Assistent von Dan Tangnes gelernt.
Doch es gab eine Vergangenheit. Anfang Oktober 2010 hatte der inzwischen eingebürgerte Kanadier im EVZ-Dress HCD-Stürmer Petr Taticek derart provoziert, dass dieser ihn mit einem Check gegen den Kopf niederstreckte. Acht Spielsperren waren die Folge.
Präsident Gaudenz Domenig erinnert sich an empörte Zuschriften nach der Verpflichtung von Josh Holden, die ironisch forderten, man solle doch gleich auch Taticek als Assistenten verpflichten.
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Nach einem harzigen Start mit Niederlagen gegen Gottéron und Ajoie haben sich die Wogen erst mit dem Gewinn des Spengler Cup 2023 geglättet – dem ersten Turniersieg seit 2011. Inzwischen hat sich der Vertrag des HCD-Trainers durch eine Erfolgsklausel automatisch bis 2028 verlängert.
Eine offene Frage ist noch zu klären: Bleibt Gaudenz Domenig Präsident? Er hatte angekündigt, nur so lange im Amt zu bleiben, bis die erste Meisterschaft ohne Arno Del Curto und Reto von Arx gewonnen sei. Nun ist er wankelmütig geworden. Im Falle eines Titelgewinnes könne es gut sein, dass er sich überreden lasse, doch noch ein wenig weiterzumachen.
